Vorbericht: Hertha BSC – SC Freiburg (mit Marc Schwitzky)

Als Vorbereitung auf das Spiel am Samstag habe ich Marc Schwitzky ein paar Fragen zum Gegner Hertha BSC gestellt, die ich gemeinsam mit seinen Antworten unverändert hier veröffentliche. Ein Text, der auf Antworten von mir und Fragen von Chris basiert, wird demnächst auch auf dem Blog (Link Blog) Hertha Base (Link Twitter) erscheinen.

 

Zerstreuung Fußball:
Zunächst die große Frage: Bis letzte Saison wurde die Hertha vom sympathischen Herrn Dardai trainiert. Seine ruhigen Reaktionen auf fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen, unglückliche Spielverläufe und negative Eigendynamiken – häufig in der Rückrunde – sind oft positiv aufgefallen. Auch die Herangehensweise, zuerst auf die fußballerischen Basics zu achten und dann erst den nächsten Schritt zu gehen, war wenn auch nicht oft spektakulär, zumindest immer beeindruckend solide. War seine Entlassung im Nachhinein nun doch etwas vorschnell?

Marc:
Nein, das würde ich nicht sagen. Natürlich ist Pal Dardai viel zu verdanken, in erster Linie die Stabilisierung und Etablierung des Vereins in der Bundesliga – vor ihm mutierte Hertha zu einem Fahrstuhlklub, mit ihm wurde Hertha zu einem Mittelklasseverein mit gelegentlichen Ausflügen nach oben und Europa. Das ist ein klarer Erfolg und Dardai hat einen großen Anteil daran.
Dennoch ist festzuhalten, dass sich die Mannschaft zuletzt zweimal unter Dardai verschlechtert hatte: auf Platz sechs folgten zehn und elf. Während die Kaderqualität und somit das sportliche Potenzial immer weiter anstieg, konnte sich Dardai allerdings nicht weiterentwickeln. Er hatte es nicht geschafft, der legitimerweise höheren Erwartungshaltung gerecht zu werden und einen attraktiveren wie auch erfolgreicheren Fußball spielen zu lassen. Stattdessen hatte man das Gefühl, dass dem Ungarn so langsam alles entgleiten würde, er die Mannschaft verloren hätte. Nach viereinhalb Jahren schien Dardai aufgebraucht zu sein: er hatte der Mannschaft nichts mehr zu erzählen und die Spieler kein Ohr mehr für ihn. Die letzte Rückrunde unter ihm glich einem Offenbarungseid.
Den von dir benannten nächsten Schritt konnte das Team unter Dardai nicht mehr gehen, weshalb es absolut legitim war, ähnlich wie Borussia Mönchengladbach trotz solider Arbeit des aktuellen Trainers (Dieter Hecking) nach einer Verbesserung (Marco Rose) Ausschau zu halten. Dass mit Ante Covic der direkte Nachfolger so krachend gescheitert ist, lässt diese Entscheidung natürlich schlecht aussehen – ihre Notwendigkeit sehe ich aber bis heute.

 

Zerstreuung Fußball:
Mit Covic schien Hertha diese Basics nicht mehr abrufen zu können. Entstand in den ersten Spielen unter Klinsmann ein anderer Eindruck?

 

Marc:
Ja, tatsächlich schon. Zwar erkennt man noch kaum spielerische Verbesserungen – was ich aufgrund der Verfassung der Mannschaft und der noch kurzen Zeit des neuen Trainerteams auch gar nicht erwarte – aber Klinsmann und sein Staff haben bereits deutlich an der Mentalität der Spieler geschraubt.
Während die Spieler in den letzten Spielen unter Covic absolut blutleer wirkten (hier ist vor allem das Derby und das Spiel gegen Augsburg zu nennen) und nicht einmal mehr die absoluten Grundtugenden abrufen konnten, ist unter Klinsmann deutlich mehr Wille zu erkennen. Bei Klinsmanns Debüt gegen den BVB hat das Team gleich mal einen internen Laufrekord in der laufenden Spielzeit aufgestellt, auch gegen Eintracht Frankfurt ist die Mannschaft sehr viel gelaufen. In beiden Spielen sahen auch die Zweikampfwerte mehr als ordentlich aus, was zeigt, dass Hertha aktuell deutlich verbessert auftritt.
„Jeder soll denken: Oh Gott, jetzt kommt Hertha. Das ist schon ein Ziel von uns und so versuchen wir auch unsere Punkte zu bekommen. Wenn das dann klappt, dann kann das Spielerische auch dazukommen“, erklärte Niklas Stark nach dem 2:2 gegen Frankfurt und das sagt bereits sehr klar aus, wie die Grundausrichtung unter Klinsmann aussieht. Den Spielern ist in den vergangenen zwei Spielen auf gar keinen Fall mangelnder Wille oder Aufwand anzukreiden. Man beißt sich in die Spiele, ohne aktuell spielerisch zu glänzen.

 

Zerstreuung Fußball:
Konkret zum Samstag. Was kann von der Hertha erwartet werden? System, Spielweise und player to watch?

 

Marc:
Dass Alexander Nouri Co-Trainer von Jürgen Klinsmann ist, lässt sich deutlich erkennen. Wie damals, als Nouri Cheftrainer von Werder Bremen war, spielt die Mannschaft in einem 3-5-2/5-3-2 und setzt vor allem auf Umschaltmomente – in diesem Fall durch die Doppelspitze aus Davie Selke und Dodi Lukebakio. Alle Spieler reiben sich auf und verkörpern die „Verteidigung beginnt im Angriff“-Devise, sodass auch immer wieder aggressiv und hoch gepresst wird.
Wie bereits aufgezeigt kann Hertha aktuell noch nicht durch spielerische Finesse brillieren. Sie muss erst einmal wieder das Laufen lernen, bevor ein ausgeklügeltes Ballbesitz-/Angriffsspiel hinzugefügt wird – das wird dann wohl in der Winterpause passieren. Aktuell wird Fußball bei Hertha gearbeitet, sprich: hohes Laufpensum, viele Zweikämpfe, immer wieder kleine Nickligkeiten, eine aggressive und giftige Grundeinstellung. Da das Zentrum momentan unter großer Formschwäche und mangelnder taktischer Einbindung leidet, wird viel über den Flügel gelöst – dorthin lassen sich auch Lukebakio und Selke immer wieder fallen.
Auffällige Spieler unter Klinsmann sind u.a. die bereits genannten Lukebakio und Selke, die wichtig für das Pressing sind und sich wirklich aufreiben. Lukebakio sorgt aktuell auch fast im Alleingang für spielerisch glanzvolle Momente (sowohl gegen Dortmund als auch gegen Frankfurt direkt an einem Treffer beteiligt gewesen). Marko Grujic, der sich seit beinahe seit Saisonbeginn in einer Formkrise befindet, war im letzten Spiel an zwei Toren (ein Tor, eine Vorlage direkt beteiligt) und unterstrich damit, wie wichtig er für dieses Team sein kann. Sollte er an diesen Auftritt anknüpfen können, wäre er sofort einer der Besten bei Hertha.

 

Zerstreuung Fußball:
Sonderfrage: wie gut verteidigt Hertha Standards? (Der SC Freiburg erzielte in den letzten vier Spielen vier Tore nach ruhendem Ball.)

 

Marc:
Herthas Bilanz bei gegnerischen Standards ist miserabel. Gegen Frankfurt haben die Berliner zwei Gegentore durch Ecken kassiert und damit bereits zwölf Dinger durch einen ruhenden Ball gefangen – Liga-Schlusslicht. Generell ist die Abwehr – seit Klinsmann eine Dreier-/Fünferkette – eine große Baustelle, die viel zu große Abstände offenbart und von individuellen Fehlern durchsetzt ist. Bei Standards tut sich Herthas Defensive aber noch einmal besonders schwer.

 

 

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