VfL Wolfsburg – SC Freiburg 3 : 0

 

1. Aufstellung, Pressing und Spiel nach vorne

Santamaria hatte sich für das Spiel fit gemeldet und wurde sofort wieder in die Startelf beordert. Ansonsten blieb das 3-4-3 unverändert.

Der SC Freiburg presste meistens symmetrisch gegen das 4-2-3-1 von Wolfsburg. Die äußeren Stürmer Grifo und Jeong liefen die Innenverteidiger an, Demirovic ließ sich etwas fallen und blieb bei Arnold, außer einer der Sechser ließ sich zwischen die Innenverteidiger fallen. Santamaria und Höfler kümmerten sich um den zweiten Sechser Schlager (rückten dafür teilweise auch weit vor) und den Zehner Gerhardt. Jeong ließ gerne den Passweg zum Außenverteidiger offen, um eine Pressingfalle zu stellen. Es war gut zu hören, dass Streich oft rief, „Woo warte, … und jetzt!“

Mit dem Ball waren Spielverlagerungen teilweise erfolgreich. Das Zentrum war aber dicht und Freiburg kam hier nur selten durch. Die Aktionen über Demirovic gelangen selten. Günter und Grifo kamen teilweise über Außen durch, aber dann nicht in den Strafraum.

Randbemerkung: Zum 3-4-3 in der Bundesliga hat Tobias Escher einen Artikel auf spiegel.de geschrieben. Dabei geht es auch um Freiburg wie Wolfsburg es „knacken“ konnte. Hier der Artikel.

2. Spielbewertung

In den ersten 35 Minuten war Freiburg vielleicht sogar leicht besser. Torchancen erspielte sich aber keines von beiden Teams. Es gab viele Freistöße und Einwürfe, die sehr langsam ausgeführt wurden, hohe Pressingsituationen, die aber nicht deutlich verloren gingen oder deutlich umspielt werden konnten und eine große Sicherheit im Verteidigen des letzten Drittels. Es war Dynamik im Spiel, aber es gab kaum Torraumszenen. Dennoch stand es nach 38 Minuten 2:0. Das erste Tor fiel nach einer Ecke, das zweite Tor nach dem ersten wirklich gelungenen Angriff der „Wölfe“ und einem herausragenden Abschluss von Weghorst.

Mit dem doppelten Rückstand wurde es schwer für den Sportclub. Mit 19 Gegentoren hat Wolfsburg die zweitwenigsten der Bundesliga. 12 Mal ging Wolfsburg in Führung und verlor nur noch ein Spiel. 9 davon gewannen sie. Glasner lässt dabei einen sehr pragmatischen Stil spielen. In Führung rücken die Außenverteidiger und Sechser nur noch selten im Pressing nach vorne. Wolfsburg spielt dann echten „Sicherheitsfußball“ aber mit einer übertrieben hohen Kaderqualität und Spielertypen, die genau auf diesen Stil ausgerichtet sind. Es gibt da niemanden im Kader, der nicht physisch robust und Zweikampfstark ist.

Entsprechend schwer tat sich der Sportclub damit, eigene Torchancen herauszuspielen. Immerhin kam Santamaria zweimal im Strafraum zum Kopfball und einmal recht frei zu einem Distanzschuss aus ca. 18 Metern. Höler hatte einen sehr guten Abschluss per Seitfallzieher nach Ecke und Schlotterbeck brachte einen Kopfball – ebenfalls nach Ecke – auf das Tor.

Vor dem 2:0 gab es noch eine schöne Situation, die zu einem geblockten Schuss von Demirovic führte. Lienhart eroberte einen Ball per Kopf weit in der gegnerischen Hälfte im Gegenpressing und setzte somit eine gute Kombination zentral vor dem Strafraum in Gang.

Bleiben für die Aufzählung noch zwei geblockte Schüsse von Haberer und Petersen in der 88. Minute nah vor dem Tor.

Die Abschlüsse verteilten sich aber über 90 Minuten. Die einzige „Druckphase“ war nach der Pause auszumachen und endete auch schon wieder in der 50. Minute.

Im Gegenzug hatte Wolfsburg auch nur eine wirkliche Druckphase – und zwar von der 40. bis 45. Minute. In der 2. Halbzeit nutzten sie aber den Platz, um gefährliche „Nadelstiche“ zu setzen und nach hoher Balleroberung das 3:0 zu schießen.

Fazit:

Wolfsburg war das bessere Team. Sie nutzten ihre ersten Gelegenheiten und spielten dann die Führung perfekt herunter. Glasners Team profitierte vom Spielverlauf. Man muss allerdings festhalten, dass sich der Spielcharakter erst nach dem 2:0 änderte und Freiburg auch in den ersten 35 Minuten kaum zu Torchancen kam. Das umstrittene 1:0 hatte also keinen unmittelbaren Bruch im Spiel zur Folge.

Der SC Freiburg hat dann doch nicht die Qualität bei einem ungünstigen Spielverlauf und dem ausbleiben von etwas mehr Glück in einzelnen Situationen die Wolfsburger Verteidigung so unter Dauerstress zu setzen, dass es wahrscheinlich wird, zwei Tore aufzuholen. Das kann man dann aber auch in einer guten Saison nicht unbedingt erwarten.

3. Außenmikrofone und Schiedsrichter

Man ist es gewohnt, dass man mehr von den Traineranweisungen mitbekommt, wenn keine Zuschauer im Stadion sind. In diesem Spiel waren die Außenmikrophone aber unverschämt „scharfgestellt“, sodass nicht nur Rufe in Richtung Schiedsrichter und Team, sondern auch Diskussionen zwischen den Trainern und sogar Unterhaltungen innerhalb der Trainerteams zu hören waren. So bekam man auch die Bewertung einer Szene von Streich mit, bei der er sinngemäß sagte, „da macht er es so gut und dann so ein scheiß Pass“. Das sind Sätze, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Es ist auch als Zuschauer unangenehm das zu hören, denn man fühlt sich wie der Unbeteiligte bei einem Streit in einer hellhörigen WG.

Der Sky-Kommentator fühlte sich dadurch aber eher angeregt und begann, die gut verständlichen Kommentare auch noch zu wiederholen. So wurde es zum Thema, dass Streich sich über laut schreiende Wolfsburger aufregte. Das hätte an sich ja noch einen Informationsgehalt, aber es braucht dann nicht die direkten Zitate.

Tatsächlich hatten die sehr robusten Spieler des VfL Wolfsburg einen Hang dazu, bei potenziellen Fouls laut aufzuschreien. Interessanterweise gab es dabei eine Ausnahme. Als Weghorst Lienharts Faust so auf die Nase bekam, dass er sich mit blutender Nase behandeln lassen musste, verließ kein Ton seine Lippen. Um Missverständnisse zu vermeiden – ich möchte hier nicht einer falschen Männlichkeit das Wort reden, dass man schmerzen aushalten muss, ohne das Gesicht zu verziehen. Es soll eine Kritik an der sich einschleichenden Unart sein, den Schiedsrichter mit einem möglichst lauten (aber wie sich im Kontrast zu Weghorst zeigte, doch unnötigen) Schrei unter Druck zu setzen.
Der Unparteiische kann sich dann nämlich entscheiden, ob er entweder ein Foul pfeift oder dem schreienden Spieler mit dem ausbleibenden Pfiff implizit unterstellt, dass dieser einen Schrei vortäuscht. Auch wenn in diesem Spiel nicht zwingend eine Kausalität von Schrei und Pfiff nachzuweisen ist, traten sie gehäuft gemeinsam auf. Und so begannen in der zweiten Halbzeit auch die Freiburger Spieler an, bei Kontakten hörbare Signale von sich zu geben. Erst mit Erfolg (Demirovic), dann wieder ohne Erfolg (Schmid). Diese unangenehme Situation kam auch Zustande, weil der Schiedsrichter Tobias Reichel nicht alle Vergehen im Spiel wahrnahm.

Hinzu kam das umstrittene 1:0: Nach einer Ecke köpfte Demirovic den Ball hoch in die Luft. (Das war nicht sauber) Danach gab es ein Kopfballduell von Lacroix (super Spieler!) und Höfler. Der Ball prallte von Gulde ab zu Brooks, der dann aus kurzer Distanz und durch Guldes Beine das 1:0 schoss. Abseits davon war Mbabu Schlotterbeck auf den Fuß getreten. Während die Wolfsburger schon eine „Jubeltraube“ bildeten, lag der Freiburger Spieler immer noch am Boden und hielt sich den Fuß.
Der VAR überprüfte, ob in dieser Szene nicht ein schwerwiegender übersehener Vorfall (scherzhaft von Collinas Erben als „SÜV“ abgekürzt) vorlag. Doch das Tor wurde gegeben.
Nach dem Spiel bestreitet auch niemand mehr den SÜV. Dennoch bleibt die Situation schwer zu bewerten. Der DFB beruft sich darauf, dass der VAR nicht detektivisch vorgehen soll und keine Vergrößerungslupen benutzen möchte. (Klar! Jeder weiß, wenn jemand mit einer Lupe herumläuft, ist er auch leicht mit einem Detektiv zu verwechseln.)
In der Tat war es nicht leicht, die Einstellung zu finden, in der man erkennen kann, dass Mbabu Schlotterbecks Fuß trifft. Erschwerend kommt hinzu, dass die Zahl der Operatoren, die die richtigen Kameraeinstellungen heraussuchen, durch die Pandemiebekämpfung eingeschränkt wurden. Wie lange soll man also suchen und wann wird eine Überprüfung zur Schnüffelei eines Detektivs? Hier ist es unmöglich einen klaren Strich zu ziehen.
Was man gegen diese Erklärung einwenden könnte, wäre, dass man ersten keine Lupe braucht, um das Vergehen zu erkennen und zweitens einen sehr klaren Anfangsverdacht hatte. Hier ging es nicht darum, dass man bei jedem einzelnen Duell überprüfen musste, ob irgendwo ein Vergehen vorgelegen hat. Man musste nur die Einstellung finden, die aufzeigt, ob es einen Grund dafür gab, dass Schlotterbeck zu Boden ging und sich den Fuß hielt.
Die Argumentation des DFB ist also etwas fadenscheinig. Allerdings erklärt sie, wie die Entscheidung zustande kam und dass es sich beim Entscheidungsprozess um einen Graubereich handelt, der durchaus im Ermessen des Schiedsrichterteams liegt. Wie lange darf man suchen, bis man zum Detektiv wird? Neben den Dingen, die der VAR erleichtert, sind es genau diese Abwägungen und Graubereiche, die erst durch ihn entstehen.

Trotz all der Kritik an Tobias Reichel muss man aber auch Positives von seiner Spielleitung festhalten. Das Spiel schien ihm nie aus den Händen zu gleiten. Es gab immer wieder Protest von Spielern und Trainern, aber er reagierte gelassen darauf und kam gänzlich ohne Karten aus (wie schon im Spiel Freiburg gegen Hertha). Das ist für einen Bundesliganeuling unüblich, da diese häufig die fehlende Akzeptanz mit übersteigerter Autorität und der ein oder anderen Karte mehr kompensieren. Diese Ruhe ist beeindruckend.

Es gab eine fruchtbare Diskussion mit Collinas Erben auf Twitter. Die Verlinkung macht mir aber Probleme. Gebt eben „Collinas Erben“, „Zerstreuung Fußball“ und „NTVdesport“ bei Twitter ein. Dann müsstet ihr es finden.

(Die Serverkosten der letzten Monate sich noch nicht drin)

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