VfL Wolfsburg – SC Freiburg 0 : 2

1. Das neunte Spiel ungeschlagen

Mit einem 0:2 in Wolfsburg setzte der SC Freiburg seine bemerkenswerte Serie fort. In der Liga ist man nach dem neunten Spieltag noch ungeschlagen und belegt mit 19 Punkten den dritten Platz. Nur sechs Gegentreffer und vier Spiele zu null sind jeweils der Bestwert der Liga. Und wie Patrick im Spodcast vollkommen zu Recht erwähnte, liegt das nicht an einem leichten Auftaktprogramm. Der SC Freiburg hat schon gegen drei aktuelle Champions-League-Teilnehmer gespielt und dabei sieben Punkte geholt. Ausgehend von der bisherigen Saison belegen fünf der bisherigen Gegner Plätze aus der oberen Tabellenhälfte und vier aus der unteren Tabellenhälfte. Der gute Saisonstart dringt langsam auch zu den Medien durch und auch gegnerische Trainer scheinen den Sportclub so langsam anders einzuschätzen. Das konnte man auch in diesem Spiel beobachten.

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2. Aufbauspiel und Pressing

Van Bommel hatte wohl gehörigen Respekt vor Freiburg und überließ dem Auswärtsteam den Spielaufbau. Den Fans gefiel das nicht unbedingt, aber so ganz schlecht war der Plan nicht. Wolfsburg setzte auf ein recht intensives Pressing, Umschaltspiel und lange Bälle bei eigenem Spielaufbau.

Freiburg trat taktisch unverändert im 3-4-3 auf. Personell änderte sich nur die Besetzung des rechten Schienenspielers: Der wiedergenesene Kübler kam für Sildillia.
Streich sagte auf der PK nach dem Spiel, man hätte Wolfsburg im 4-2-3-1 erwartet, aber die brachten ein 4-3-3 auf den Rasen. Dabei ging es um die Besetzung des Zentrums. Statt einem klaren Zehner und zwei Sechsern gab es nun einen klaren Sechser und zwei Achter. Guilavogui spielte den defensiven Part, Arnold übernahm den linken Achter, blieb aber eher zentral und Vranckx spielte den rechten Achter. Und die Rolle von Vranckx war dann auch das Problem in der ersten Halbzeit. Aus einer nominell zentralen und nicht so offensiven Position startete er häufig hinter den Raum des im Pressing aufgerückten Günter. Da Nico Schlotterbeck sich am einrückenden Baku orientieren musste, konnte auch er diese Lücke nicht schließen. Somit war Höfler alleine für Vranckx zuständig, hatte aber gleichzeitig das Zentrum zu verteidigen. Vranckx rückte sehr stark auf die Außen und konnte sich so häufig einen Vorteil gegenüber Höfler verschaffen.. Über diesen Mechanismus entstand schon früh eine Abschlussaktion von Nmecha im Strafraum (5. Minute) und eine gute Flankenposition in der 19. Minute.

Einschub:
Noch kurz zur 4-2-3-1-oder-4-3-3-Thematik: Das ist recht fluide. Im Prinzip war Arnold schon auch tiefer als Vrancks und der hätte auch als Zehner den Raum erlaufen können. Die Frage, welche Formation es genau ist, ist aber dennoch wichtig. Der Sportclub spielt meist mit nur zwei zentralen Mittelfeldspielern und ist deswegen dort nominell oft in Unterzahl. Hier muss dann die Abstimmung mit der ersten Pressinglinie oder vielleicht auch herausrückenden Innenverteidigern sehr gut sein. Ohne interne Abläufe zu kennen, könnte ich mir vorstellen, dass einiges an Zeit der Spielvorbereitung auf die Frage verwandt wird, mit welchen Mechanismen man das Zentrum dicht bekommt. Das sind aber Details, die man bei einmaligem Sehen ohne taktische Ausbildung nicht explizit erkennt – zumindest geht es mit so.

Wolfsburgs Herangehensweise machte das Freiburger Pressing etwas schwieriger. In den ersten Minuten lief man ziemlich hoch an. Nach der ersten guten Druckphase und ein, zwei gelungenen langen Bällen des Gegners blieb man dann aber etwas passiver. Die drei Angreifer versuchten eher, die Passwege ins Zentrum zuzustellen, damit sich die Freiburger Doppelsechs besser auf die Wolfsburger Doppelacht konzentrieren konnte. Das ganz hohe Anlaufen war in diesem Spiel auch nicht nötig, da Wolfsburg eben nicht lockend spielte, schnell den Ball nach vorne suchte und Freiburg zu Ballgewinnen in der eigenen Hälfte kam. Bis zum Tor hatte der Sportclub somit mehr Ballbesitz.

Das Freiburger Ballbesitzspiel wurde hingegen von Wolfsburg sehr gut unter Druck gesetzt. Steffen, Nmecha und Baku gingen die drei Freiburger Innenverteidiger aggressiv an und liefen bei einem Rückpass auch bis zu Flekken durch. Die Intensität war dabei höher als bei den bisherigen Gegnern, gegen die es oft reichte, etwas breiter zu stehen und durch einen Chipball von Flekken auf einen Innenverteidiger die Situation aufzulösen. Durch den erhöhten Druck musste Flekken den Ball allerdings häufig lang auf Höler schlagen. Der machte sich im Duell mit Lacroix und Brooks ganz gut, konnte aber nur selten alleine Bälle halten. Und da die langen Bälle oft aus der Not entstanden, war die Positionierung um Höler herum nicht optimal, wodurch viele der langen Bälle verloren gingen.
Teilweise wurden die Situationen auch über Kübler gelöst, doch auch hier waren die Weiterleitungen durch den Wolfsburger Druck nicht immer kontrolliert. Aus diesem Grund kam Freiburg in den ersten Minuten auch selten stabil ins letzte Drittel und von dort aus zu Torchancen.
Man kann aber auch positives herausstellen. Trotz eines guten Pressings des Gegners schaffte Freiburg es, eine tiefe Ballzirkulation herzustellen und hatte eben keine unnötigen tiefen Ballverluste. Die Ballsicherheit und das Freilaufverhalten von Kübler, Lienhart, N. Schlotterbeck, Höfler und auch Flekken war mal wieder mehr als solide. Auch mit den vielen langen Bällen kam man so in der ersten Halbzeit auf 75% Passquote.

3. Wolfsburger Chancen, Freiburger Tore

Über 90 Minuten hinweg hatte Wolfsburg eine deutlich höhere Anzahl an recht guten Chancen. Immer wieder brach jemand über Außen durch und spielte flache und hohe Hereingaben in einen Raum 5-10 Meter vor dem Tor. Die Abschlüsse waren dabei selten so richtig gefährlich. Entweder sie gingen am Tor vorbei, kamen genau auf Flekken oder hatten so wenig Druck, dass der Freiburger Torwart den Ball aufsammeln konnte. Und hier kommen wir auch auf den Unterschied zu den Freiburger Abschlüssen zu sprechen. Es war immer mindestens ein Gegenspieler bei dem Wolfsburger Abschlussspieler. Über 90 Minuten bleibt nur ein freier Wolfsburger Schuss in Erinnerung: Nmecha dribbelte in einer Umschaltaktion Lienhart aus und schoss gegen die Latte. Auf der anderen Seite vergab Grifo per Kopf frei vor Casteels, traf Lienhart bei zwei Schüssen hintereinander aus fünf Metern ins Tor, wobei er keinen Gegnerdruck hat und Höler erzielte komplett frei aus sieben Metern seinen dritten Treffer der Saison. Es gibt also schon einen Grund, warum Freiburg so effizient war und Wolfsburg nicht. Die Chancenqualität war höher. Und dabei könnte man fast noch einen Strafstoß dazu zählen, den es laut „Collinas Erben“ hätte geben müssen, nachdem Casteels Kübler abseits des Balles umgrätschte.
Der zweite Grund war die gute Verteidigung von Standards. Wolfsburg hatte sieben Ecken und wahrscheinlich ähnlich viele Freistöße um den Strafraum herum. Nur aus einem Standard entstand ein guter Abschluss, der aber von Eggestein über das Tor abgefälscht wurde. Im Gegensatz dazu stand Lienhart, wie bereits erwähnt, beim 0:1 frei am kurzen Pfosten und hat genug Platz, um den Nachschuss aus drei Metern ins Tor zu schießen.
Dennoch: Führt man sich den Abschluss von Nmecha und die vielen Chancen aus dem Strafraum vor Augen und blendet die Strafstoßsituation aus, weil Schiedsrichterentscheidungen nun mal faktisch sind, kann man sich schon sehr gut vorstellen, dass das Spiel anders ausgeht.

4. Umstellungen und Wechsel

In der 56. Minute brachte Van Bommel Lukebakio und Philipp für Guilavogui und Otavio und besetzte damit mehrere Positionen offensiver. 10 Minuten später – also nicht als direkte Reaktion darauf – stellte Streich auf ein 4-4-2 um und brachte Schade für Gulde. Auf den ersten Blick scheint das ein offensiver Wechsel zu sein, aber im 4-4-2 agierten die Außenverteidiger und auch das gesamte Team als Block aus einer tieferen Grundposition heraus. Weitere neun Minuten später wechselte Streich die beiden Stürmer, um frische Spieler für die erste Pressingkette zu bringen und für die letzten fünf Minuten kamen noch Haberer und Sildillia.

5. Einzelspieler

Ich habe mich doch dazu entschieden, jedes Mal N. Schlotterbeck zu erwähnen, wenn er eben auch jedes Mal gut spielt. Denn wenn es so weitergeht, habe ich ohnehin nur noch bei weiteren 25 Spieltagen Gelegenheit dazu. Gerade vor dem ersten Tor war er unglaublich präsent in den Zweikämpfen.

Günter holte den Freistoß vor dem 0:1 heraus, gab die Flanke auf Kübler, die die potenzielle Strafstoßsituation zur Folge hatte und bereitete das 0:2 vor. In den wichtigen drei Szenen ist er also maßgeblich beteiligt. Und passend dazu wäre noch eine Statistik zu erwähnen, die wieder von Patrick aus der aktuellen „Spodcastfolge“ kommt: Günter legt bisher in dieser Saison nach Hofmann die meisten Schüsse auf.

Es war wichtig, dass Kübler wieder fit geworden ist. Im Pressing agierte er deutlich höher und auch im Aufbauspiel war er nicht so leicht zu pressen wie Sildillia, der es als Innenverteidiger nicht gewohnt ist, direkt an der Seitenauslinie zu spielen.

Flekken kann sich diese Saison bisher meistens nur mit seinem Passspiel und soliden Paraden auszeichnen. Selten wird er so herausgefordert, dass er ähnlich glänzen kann wie in der Zeit, in der er Schwolow ersetzte. Das galt auch für dieses Spiel. Vier Paraden von innerhalb des Strafraums sind aber erwähnenswert.

Schade zeigte wieder gute 20 Minuten nach seiner Einwechslung. Er ist ein fast perfekter Spieler für Schlussphasen, in denen man in Führung liegt. Er geht Zweikämpfe, auch wenn sie fast aussichtslos sind, versucht Dribblings, nervt die Innenverteidiger und sprintet dann wieder zurück. Das bringt Unruhe in das gegnerische Team und gibt Zeit. Statistisch sah das dann folgendermaßen in diesem Spiel aus: 6 Zweikämpfe (2 gewonnen), 2 Kopfballduelle (eines gewonnen), 2 Dribblingversuche (0 erfolgreich), 2 Fouls, 2 Mal gefoult worden, einmal einen Schuss geblockt und eine Klärungsaktion. Man sagt manchmal, Spieler X sei nicht in das Passspiel eingebunden gewesen. Dies galt für Schade ganz extrem. Bei all den intensiven Aktionen, die er hatte, war nur ein versuchter Pass dabei – und der kam nicht an.
(Allerdings muss man hier einschränkend erwähnen, dass die Klärungsaktion ein ziemlich unnötig Schuss ins Aus war. Flekken hätte den Ball einfach aufnehmen können. Zusätzlich köpfte Schade kurz davor einen Ball in die Mitte zurück. Und dennoch bestätigt er seine gute Profidebütsaison.)

6. Ausblick

Es folgen nun Spiele gegen Osnabrück und Fürth. Es ist also durchaus möglich 12 Spiele in Liga und Pokal ohne Niederlage zu bleiben und dann mit maximal drei Punkten Rückstand zu den Bayern zu fahren.

Man weiß nicht, wie der Rest der Saison verläuft. Es kann Verletzungen geben und Leistungskurven können einbrechen. Dazu sind es nach neun Spielen auch nur neun Punkte auf Platz 15. Mit ein paar unglücklichen Niederlagen ist man schnell wieder im Tabellenmittelfeld. Die bisherigen Leistungen sind aber wirklich ansprechend und viele der kommenden Gegner haben nicht ihre besten Phasen. Fast alle Einzelspieler bringen aktuell in jedem Spiel ein gutes Grundniveau auf den Rasen, man ist aber offensiv nicht von einem Einzelnen abhängig. Eine Hinrunde mit 30 oder mehr Punkten ist also durchaus im Bereich des Möglichen. Das wäre ein Rekord. (Zugegeben: In Finkes Saison 94/95 hätte man mit der Drei-Punkte-Regel 33 Punkte gesammelt. Aber da wurde man am Ende auch Dritter.)
So oder so macht es gerade sehr viel Spaß, die Spiele zu sehen.