VfB Stuttgart – SC Freiburg 2 : 3

1. Das Spiel (Kurzzusammenfassung)

Der SC Freiburg konnte das erste Saisonspiel gegen den VfB Stuttgart mit 2:3 gewinnen. In der ersten Halbzeit war man sehr effizient, machte mit der ersten Chance das erste Tor und konnte noch vor der Pause ein zweites per indirektem Standard nachlegen. Obwohl Stuttgart sich über 90 Minuten durchgehend Abschlüsse herausspielen konnte, sah es nach etwa 60 Minuten eher danach aus, dass der Aufsteiger auseinanderbrechen würde. Der Sportclub erzielte kurz nach der Pause das 0:3, hatte bereits zwei „Abseitstore“ erzielt und mit Höler eine Großchance zum 0:4 knapp vergeben. Das Spiel nahm allerdings doch noch eine Wendung. Das Heimteam erzielte zwei Treffer in kurzer Zeit (71. und 81 Minute), provozierte zwei knifflige Szenen im Strafraum (potenzielles Handspiel Lienhart und Ringereinlage von Höler knapp vor der Ausführung eines Standards) und baute in der Schlussphase großen Druck auf. Für den Ausgleich reichte es dann aber doch nicht mehr und der SC Freiburg konnte im ersten Spiel die ersten drei Punkte einsammeln.

2. Systemwechsel

Die große Frage vor dem Spiel war, wer die zentrale Mittelfeldposition neben Höfler besetzen würde. Keitel, der im Pokal spielte, aber angeschlagen ausgewechselt wurde, Boukhalfa, der ihn dann ersetzte, Abrashi als der erfahrenste Spieler oder vielleicht doch Tempelmann, der nach Verletzungspause wieder einsatzfähig ist. Streich antwortete auf diese Frage mit einem der radikalsten Systemwechsel der letzten Jahre und verzichtete gänzlich auf einen zweiten zentralen Mittelfeldspieler. Der SC Freiburg spielte im 4-1-4-1.

Einschub:
Systeme werden im taktischen Bereich häufig überbewertet. Der Unterschied zwischen einem 5-4-1 und einem 3-4-3 liegt meist nur in der Höhe der einzelnen Positionierungen. Ebenso ist auch ein 4-3-3 und ein 4-1-4-1 sehr ähnlich. Bei ersterem sind zwei Achter und zwei Flügelspieler aufgestellt, bei zweiterem zwei Zehner und zwei Außenstürmer. Auch bei einem 4-4-2 mit etwas hängender Spitze und einem 4-2-3-1 sind die Übergänge fließend.
Interessant wird es bei der Frage Dreier- oder Viererkette, da dies ganz andere Positionierungen für alle Innenverteidiger und auch die Außenverteidiger nach sich zieht, und bei der Frage, wie viele zentrale Mittelfeldspieler (Sechser und Achter) auf dem Platz stehen. Soweit zur Erklärung, warum diese Umstellung so „radikal“ war. Die Aufstellung sah wie folgt aus:

    Petersen    
Grifo Höler   Jeong Sallai
    Höfler    
Günter Heintz   Lienhart Schmid
    Müller    

Wenn mich meine Erinnerung nicht ganz im Stich lässt, gab es ein System mit alleinigem Sechser zweimal in den letzten Jahren und Schröter-Lorenz vom Kicker hat da etwas Ähnliches geschrieben. Und dabei handelte es sich auch „nur“ um sehr geschickte Gegneranpassungen. Das erste Mal war es die Anpassung an Bayer Leverkusen in der Saison 2018/19. Koch nahm als Sechser Havertz in Manndeckung, Gondorf und Höfler liefen gemeinsam auf einer Linie mit Niederlechner Bender, Tah und Dragovic an. Die Flügel blieben etwas tiefer. Nach der Pause wurde wieder auf ein 4-4-2 umgestellt.
Das zweite Mal war es eine Umstellung nach katastrophalen 27 Minuten gegen Mainz 05 nur fünf Spieltage später. Die Doppelsechs war mit der Raute von Sandro Schwarz überfordert und Streich stellte auf ein 3-1-4-2 um.

Das 4-1-4-1 gegen den VfB Stuttgart passte zwar auch halbwegs zur gegnerischen Aufstellung, hatte aber eher offensiven Charakter. Es war also mehr als „nur“ eine Gegneranpassung.
Jeong und Höler blieben vorne und rückten eher noch situativ zu Petersen auf, als sich neben Höfler fallen zu lassen. Schmid und Günter kümmerten sich um die recht hoch stehenden Flügelläufer Silas und Massimo (der VfB agierte in einem 3-4-2-1) und wurden später noch intensiver von Grifo und Sallai unterstützt.

3. Bewertung des Systems (offensiv)

Das 4-1-4-1 eröffnete mit dem Ball einige Möglichkeiten. Durch die hohe Positionierung der beiden offensiven Mittelfeldspieler gab es interessante Anspielmöglichkeiten nach Ballgewinn, im Spielaufbau allgemein und zusätzlich eine gute Struktur im Kampf um den zweiten Ball nach hohem Anspiel auf Petersen. Zum normalen Weg ins letzte Drittel der letzten Saison über außen wurde also die zweite Möglichkeit der letzten Saison mit dem langen Ball verbessert und der dritte Weg mit Anspielen ins offensive Mittelfeld hinzugefügt. Letzteres passierte früher manchmal mit einem zurückfallenden Waldschmidt oder ausweichenden Grifo. Im 4-1-4-1 gab es nun aber auch nominell Spieler, die sich in den Halbräumen bewegten.

Die positivste Auswirkung zeigte sich allerdings erst, wenn man mit dem Ball im letzten Drittel war. Die fünf Offensiven bewegten sich sehr flexibel und überluden häufig die rechte Seite.
Das 0:1 resultierte aus einem Einwurf. Schmid, Sallai und Höler bildeten ein Dreieck. Petersen setzte sich erst kurz darauf ab und hätte bis dahin auch mit einem Kurzpass angespielt werden können. Jeong stand etwas tiefer, war aber auch anspielbereit und nicht weit von ihm stand Höfler. Auch Grifo rückte bis zur Mitte des Feldes ein. Es waren somit sieben Feldspieler auf der linken Seite des vorderen Drittels, die übrigens neun Feldspieler des VfB Stuttgart an sich banden. Nach kurzer Kombination hatte Sallai zwei direkte Passoptionen, erkannte aber, dass Petersen sich abgesetzt hatte und spielte eine gezielte Flanke.

Beim 0:3 waren es während eines schnellen Vorstoßes wieder Höler, Sallai und Jeong auf der rechten Seite, die sich eng aneinander bewegten, miteinander kombinieren und schlussendlich in den Strafraum eindringen konnten. Petersen lief auf den zweiten Pfosten, Grifo kreuzte hinter ihm und stand acht Meter vor dem Tor in zentraler Position vollkommen frei.
In der Szene, in der Höler fast das 0:4 erzielt hätte, waren es Petersen, Sallai und Jeong die auf dem rechten Flügel kombinierten und schnell von der Mittellinie in den Strafraum kamen. Hier hatte Jeong übrigens eine unfassbar schöne Ballmitnahme mit der Brust ohne dabei Tempo zu verlieren. Das sieht man in Freiburg nicht so häufig.

Diese und weitere Kombinationen im letzten Drittel waren sehenswert und effektiv. Stuttgart fehlte häufig die Zuordnung. Das gemeinsame Spielverständnis war auf einem höheren Niveau als in den letzten Jahren. Das System kam also insbesondere dem vertikalen Kombinationsspiel auf dem Flügel entgegen. Der Sportclub hatte nicht besonders viele Abschlüsse, aber deren Qualität war hervorragend. 2,07 expected Goals mit sieben Schüssen (0,3 xG/ Schuss) ist kein alltäglicher Wert und unterstreicht noch einmal den spielerischen Ansatz. Schüsse wurden erst abgegeben, wenn man sich wirklich durchgespielt hatte. Die beiden Abseitstore passen ebenfalls in dieses Bild. Ein weiteres Indiz für den spielerischen Ansatz ist, dass der Sportclub, der in der letzten Saison im Ligavergleich sehr häufig den Ball von Außen hoch in den Strafraum brachte, in diesem Spiel nur 5 Flanken schlug und damit aktuell Platz 17 in der Bundesliga belegt.

Das 4-1-4-1 war in der Offensive also nicht nur eine systematische Umstellung, sondern hatte auch großen Einfluss auf die Spielweise. Diese war durch Überladungen von kleineren Räumen und Kombinationen in den Strafraum geprägt, weniger von Flanken und Distanzschüssen.

4. Bewertung des Systems (defensiv)

Defensiv ist die Bewertung etwas schwerer. Es gab ein paar gute hohe Ballgewinne durch die fünf hoch pressenden Spieler. Andererseits kam Stuttgart zu vielen Abschlüssen. Es gab zu viele Situationen, in denen die Innenverteidiger flach durch die Kette die großen Räume neben oder vor Höfler anspielen konnten. In der ersten Halbzeit führte das zu unangenehmen Duellen zwischen Schmid und Silas, in der zweiten Halbzeit dann zu Toren.
Das 1:3 resultierte aus einer Balleroberung. Didavi wurde im linken Halbraum angespielt, Lienhart rückte heraus, da Höfler zentral stand und Kalajdzic lief in die Lücke, die Lienhart aufgemacht hatte. Hinzu kam, dass Müller früh herauskam, obwohl Heintz am Gegenspieler war und so überlupft wurde.

Defensiv zeigte sich das 4-1-4-1 also durchaus anfällig. 26 Schüsse und 2,16 xG von Stuttgarter Seite sind nicht gerade wenig. In der Pressekonferenz sagte Streich, dass er im Nachhinein auch eher früher auf die Doppelsechs hätte umstellen sollen. Er erklärte die späte Umstellung damit, dass er nichts durcheinander bringen wollte, was bei einem zwischenzeitlichen 0:3 durchaus plausibel ist. Zusätzlich waren die Optionen auf der Bank begrenzt. Ohne Santamaria, Til und Keitel fehlten gerade im Zentrum die Optionen, zu wechseln, ohne das System aufzulösen. Mit Schlotterbeck hätte sich eine frühere Umstellung auf die Dreierkette auch noch deutlicher angeboten.

5. Bewertung des Systems (Fazit)

Wie man vielleicht schon aus manchen Texten herauslesen konnte, habe ich eine gewisse Schwäche für Defensivtaktiken. Gerade für Teams wie den SC Freiburg, aber auch Augsburg, Union oder Mainz halte ich es für klug, zunächst eine gewisse Stabilität aufzubauen und dann erst nach vorne zu denken. So bin ich bei dieser Variante des offensiven 4-1-4-1 zunächst eher skeptisch. Die Stärke Stuttgarts im Ligavergleich ist ebenfalls noch schwer einzuschätzen. Es wird sich zeigen, ob andere Teams vielleicht mehr aus den Angeboten der Verteidigung machen können. Andererseits könnte sich das System mit der Zeit auch noch stabilisieren.
Der Kombinationsfußball war beeindruckend für Freiburger Verhältnisse und es wäre schön, wenn man das beibehalten könnte.
Das 4-1-4-1 ist also durchaus eine interessante Alternative. Zusätzlich würde es die Flexibilität noch weiter erhöhen, wenn man nun insgesamt mit Dreierkette, Viererkette, Doppelsechs und einem Sechser spielen kann. Mit diesen Bausteinen kann man praktisch alle gängigen Formationen auf das Feld bringen.

6. Kraftfrage?

Der Sportclub wurde ab der 70. Minute größtenteils von Stuttgart an den eigenen Strafraum gedrückt und hatte trotz tiefer Positionierung noch weniger Zugriff als zuvor. Das lag zum einen am Gegner, der offensiv wechselte und sich immer höher positionierte, andererseits hatte man auch das Gefühl, dass es den Freiburger Spielern in der Schlussphase an Kraft fehlte. Petersen und Streich betonten nach dem Spiel, dass man deutlich mehr gelaufen ist als der Gegner (111 Km zu 118 Km). Allerdings konnte man auch schon im Testspiel gegen Górnik Zabrze beobachten, wie die Kraft am Ende nachließ.
Freiburgs Vorbereitung begann deutlich später als die der meisten anderen Bundesligisten und man könnte physisch noch etwas im Rückstand sein. Der Vorteil des späten Starts ist sicherlich die längere Pause vor einer sehr langen Saison ohne Winterpause. Vielleicht brauchen die Spieler aber noch ein, zwei Partien und die Länderspielpause bis sie ganz auf der Höhe ihrer Kraft sind, laufintensiv spielen und am Ende dennoch die Umschaltaktion nach vorne durchbringen können.

7. Neuzugänge

Florian Müller war ein Glücksfall. Der Mainzer Keeper hatte in der Vorbereitung ein offenes Duell mit Zentner und konnte sich nicht durchsetzen. Mainz 05 hatte wohl demjenigen, der auf der Bank Platz nehmen müsste, zugesagt, ihm bei einem Angebot keine Steine in den Weg zu legen. Da kam das Leihangebot für Mainz, die ihn jetzt also doch nicht ganz abgeben müssen, und Müller, der in der Bundesliga spielen kann, genau zum richtigen Zeitpunkt. Freiburg hingegen bekommt einen sehr talentierten Torhüter mit Bundesligaerfahrung. Das scheint für alle beteiligten eine ziemlich optimale Lösung zu sein.

Santamaria und Til werfen ihre Schatten voraus. Das 4-1-4-1 scheint nicht zuletzt auf diese beiden Neuzugänge zugeschnitten zu sein. In Angers spielte Santamaria als alleiniger Sechser in dieser Formation, kann wohl recht große Räume abdecken und enge Situationen lösen.
Nach allem was man in Highlightvideos sehen und Artikeln lesen kann, hat Freiburg einen Spieler verpflichtet, der eindeutig über dem Niveau der gewohnten Neuzugänge anzusiedeln ist. Man könnte ihn mit dem Transfer von Martinez zu den Bayern auf niedrigerer Stufe vergleichen. Es kommt ein Spieler, der Scorerwerte im unteren „Höfler-Bereich“ hat, aber das fehlende Puzzlestück eines Kaders sein könnte, der sich über die letzten Jahre kontinuierlich entwickelt hat. Nachdem man eine gute Innenverteidigung zusammengestellt (und immer wieder ersetzt) hat, konnte man letzte Saison mit Schmid endlich ein passendes Gegenüber für Günter verpflichten. Zusätzlich steht man auch auf der Flügelposition, die lange ein Problem darstellte, mit Kwon, Grifo und Sallai qualitativ recht gut da. Die letzte Problemstelle des Kaders war das zentrale Mittelfeld, in dem eigentlich nur Höfler wirklich gesetzt war, Koch regelmäßig aushelfen musste und Haberer sich nie wirklich fest spielen konnte. Genau in diese Lücke rückt nun der Freiburger Rekordtransfer. Dennoch gibt es keine Garantie, dass Santamaria auch in Freiburg funktioniert. Das zentrale Mittelfeld ist eine schwierige Position, die mit und gegen den Ball viel Abstimmung zu den Mitspielern verlangt.

Bei Til ist es noch etwas unsicherer. Er hatte seinen Durchbruch bei Alkmaar, wurde dann vor zwei Jahren von Spartak Moskau für 16 Millionen verpflichtet und ist seitdem etwas abgetaucht. Man wird sehen, ob er an seine alten Leistungen anknüpfen kann.

Jeong ist zwar kein Neuzugang, doch die Rolle, die er in diesem Spiel eingenommen hat, war dann doch überraschend. Die fehlende Physis, die ihm oft nachgesagt wird, ist zwar im Vergleich zu Sallais Geschwindigkeit oder Hölers Robustheit im Zweikampf vorhanden, aber nicht in dem Maße, dass er keine Option für ein Bundesligaspiel darstellen würde. Im Gegenteil stach er eben nicht nur durch technische Versiertheit und gute Spielintelligenz hervor, sondern auch durch gute Pressingsituationen und kontinuierliches Anlaufen bis in die 70. Minute hinein. Jeong passt perfekt zum spielerischen Ansatz, den man gegen Stuttgart gesehen hat und er hatte mit seiner Ballmitnahme mit der Brust vor der Höler-Chance die schönste Szene des Spiels.

Die Neuzugänge passen gut zum 4-1-4-1. Santamaria und Höfler können jeweils den Sechser spielen. Jeong, Til und Höler sind gute Optionen für eine offensive Variante der Doppelzehn. Höfler oder Keitel könnten aber auch die vorderen Plätze besetzen, um für etwas mehr defensive Stabilität zu sorgen. Durch ihre Ausbildung im zentralen Mittelfeld sind sie es auch eher gewohnt, zu bemerken, was in ihrem Rücken passiert und die Passwege zu schließen. Dies war das größte Problem von Höler und Jeong in diesem Spiel. Hier brauchen die Spieler noch etwas Zeit, um in diese Rolle hineinzuwachsen. Auch die Viererkette muss sich noch anpassen, da sie neue Räume vor sich hat, in die man teilweise vorrücken kann/ muss und die anderen drei dann einschieben sollten.

8. Fazit

Der Saisonstart ist geglückt. Taktisch gesehen war das Spiel wirklich sehr interessant. Zwar gab es auch im letzten Jahr immer wieder Detailanpassungen und gute Wechsel zwischen Dreier- und Viererkette, aber nun passiert auch auf gröberer taktischer Ebene wieder etwas Neues und man kann sehr gespannt sein, wie sich das die nächsten Spiele noch entwickelt.
Mit Santamaria, Höfler, Keitel, Jeong, Höler und Til gäbe es die unterschiedlichsten Möglichkeiten das 4-1-4-1 zu besetzen, auch ohne Wechsel auf ein 4-4-2 umzustellen und sich an den Spielverlauf anzupassen. Mit Schlotterbeck kommt auch ein weiterer Innenverteidiger zurück und die Dreierkette bietet sich eher an. Streich hat also alle Möglichkeiten.

 

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