Testspiele und Kaderfragen (Sommer 2020)

1. Transferhemmungen in der Bundesliga

In drei Wochen startet für die Bundesligisten die Pflichtspielphase mit der ersten Runde des DFB-Pokals. Die Kaderplanungen sind aber insgesamt nicht besonders fortgeschritten. Klickt man sich durch die Transferlisten der 1. Bundesliga, gibt es nur wenig zu entdecken. Sané kommt zu den Bayern, Bellingham wurde vom BVB verpflichtet, Gladbach leiht Wolf und Lazaro, Leipzig kompensiert den Abgang von Werner mit einem quasi internen Neuzugang aus Salzburg, Hoffenheim und Frankfurt „tauschen“ Gacinovic und Zuber, Kilian entscheidet sich für Mainz und der Sportclub konnte sich die Dienste von Demirovic sichern. Augsburg und Union setzten besonders auf ablösefreie Spieler. Allein der VfB Stuttgart hat viermal Ablöse gezahlt, um zu versuchen, den Kader mit Stenzel, Anton, Kobel und Endo auf Bundesliganiveau zu heben. Selbst die neureiche Hertha hält sich bisher zurück.
Begehrte Wechselkandidaten wie Ayhan und Dorsch zog es ins Ausland, vielversprechende Spieler wie Vasiliadis und der ablösefreie Stöger haben weiterhin keinen neuen Verein.
Gleichzeitig hört man häufig, dass die Kader aufgrund der finanziellen Einbußen eher verkleinert werden sollen. Doch auch auf der Seite der Abgänge gab es bisher ebenfalls wenig Bewegung, da es auch international diese Transferhemmungen gibt.

Sollte sich daran nichts ändern, könnte es spannende Auswirkungen im Spielbetrieb geben. Einerseits hätte man wahrscheinlich recht eingespielte Teams, andererseits bei Verletzungen größere Problemstellen als sonst, da die Schwächen der Kader nicht so gut ausgeglichen werden können. Allerdings gibt es auch noch genug Zeit, dass sich diese bisherige Besonderheit noch relativiert. Auch wenn in drei Wochen der DFB-Pokal startet, hat das Transferfenster noch bis zum Oktober offen.

2. Bisherige Zu- und Abgänge beim SC Freiburg

Ravet, Daferner, Frantz und Gondorf, die in der letzten Saison keine oder nur eine kleine Rolle spielten, haben neue Vereine gefunden. Nico Schlotterbeck und Okoroji wurden verliehen. Mit Schwolow und Waldschmidt verließen zwei Stammspieler den SC Freiburg für die bisher zweit- und drittgrößte Ablösesumme in dieser Bundesligatransferperiode. Robin Koch wird ihnen wohl bald folgen. Gerüchten zufolge sind Leeds und Tottenham zwei aktuelle Optionen. Die Situation um Haberer bleibt weiterhin unklar. Die Kaderverkleinerung, von der so viele sprechen, ist dem Sportclub also schon ganz gut gelungen.
Auf der Zugangsseite sind im Prinzip nur Demirovic (Stürmer) und Uphoff (2. Torhüter) zu nennen. Es stellt sich also die Frage, wie Freiburg aktuell aufgestellt wäre und auf welchen Positionen es noch größere Unsicherheiten gibt.

3. Einschub: Die Testspiele

Die beiden bisherigen Testspiele hatten noch wenig Aussagekraft. Es ging dabei wahrscheinlich eher darum, Spieler an die Wettkampfbedingungen zu gewöhnen. Es wurde jeweils zur Halbzeit komplett durchgewechselt und dabei versucht, in etwa zwei ähnlich starke Teams auf dem Feld zu haben. Es zeichnete sich also noch keine Startelf ab. Taktisch war ebenfalls nichts Besonderes dabei. 4-4-2, normales Pressing, Flügelspiel und häufiger mal lange Bälle hinter die Kette auf den Außen. Man konnte allerdings ein paar Spieler beobachten, die in der letzten Saison noch nicht oder nur selten zum Einsatz kamen. So konnte man sich ein etwas besseres Bild vom Kader des SC Freiburg machen.

4. Lücken im Freiburger Kader?

Haken wir kurz die Positionen ab, bei denen es kaum Unsicherheiten gibt: Das wäre die Außenverteidigung (Günter, Itter, Schmid, Kübler), die Torhüterposition (Flekken, Uphoff), die Flügelpositionen (Grifo, Sallai, Kwon, Borello) und das Trainerteam.

Sturm:

Hier hat man mit Höler und Petersen zwei sichere Optionen mit und gegen den Ball.
Dem Anschein nach traut man auch Demirovic Bundesliganiveau zu. Es ist vielleicht ein wirklich schwaches Argument, aber die Rückennummer 11 wird nur selten an jemanden vergeben, dem man den Durchbruch nicht so richtig zutraut. Die Tore und Assists in der Schweizer Liga für den Tabellenzweiten und auch die 60 Minuten im Testspiel sprechen ebenfalls dafür, dass er in der nächsten Saison eine Rolle spielen kann.
Demirovic hat eine gewisse körperliche Präsenz, was ihm im Anlaufverhalten entgegenkommt. Er sprintete regelrecht auf den Innenverteidiger zu. Seine Technik bei der Ballannahme scheint nicht schlechter als bei Höler oder Petersen zu sein, er schlägt gute Flanken und die Torabschlüsse mit dem Fuß haben etwas Freches. Oft sind es flache, harte Schüsse aus spitzerem Winkel. Er war allerdings trotz seiner Größe recht unauffällig im Kopfballspiel – bei den Torvideos und auch im Testspiel.

Allerdings sind es auch mit Demirovic nach dem Abgang von Waldschmidt nur drei Stürmer. Da auf dieser Position Einwechslungen recht wichtig sein können, man nicht damit rechnen kann, dass sich niemand verletzen wird und Demirovic eine sehr lange Saison hatte, ist das etwas dünn. Entweder es müsste noch jemand verpflichtet werden oder man setzt doch auf den jungen Jeong, der sich letzte Saison noch nicht durchsetzen konnte. In den Testspielen machte er allerdings einen recht guten Eindruck. Seine Stärken hat er sicherlich im technischen Bereich. Seine Dribblings und Pässe sind wirklich sehenswert. Interessanterweise zeigte er sich in den Testspielen bei der Arbeit gegen den Ball besonders engagiert und es gelangen ihm sogar ein paar Beteiligungen von Balleroberungen. Dafür war er offensiv nicht ganz so dominant, wie es manche vielleicht erwartet hätten. Dennoch wäre er als vierter Stürmer sicher ein Kandidat für einige Einwechslungen in der kommenden Saison. Sein Spielerprofil macht ihn eigentlich zu einem perfekten zweiten Stürmer im 4-4-2, der durch den Abgang von Waldschmidt aktuell im Kader fehlt. Zu Saisonbeginn läuft es also entweder auf ein 5-2-3 mit nur einem Stürmer oder einem 4-4-2 mit zwei echten Stürmern hinaus.

Innenverteidigung:

Es wird erstaunlich wenig über die Innenverteidigung gesprochen, obwohl mit der Leihe des jüngeren Schlotterbeck und einem Abgang von Koch nur noch vier Innenverteidiger zur Verfügung stünden. Plant man weiterhin häufiger mal mit der Dreierkette zu spielen, wäre das etwas wenig, da man Verletzungen und Formkrisen nie ausschließen kann. Hier könnte sich ebenfalls noch etwas auf dem Transfermarkt tun. Die kreativere Lösung wäre Kübler in einer Dreierkette als rechten Innenverteidiger mit einzuplanen. Das hatte er in der letzten Saison gegen Dortmund gespielt und machte dabei auch eine recht gute Figur.

Zentrales Mittelfeld:

Kommen wir zur Freiburger Problemstelle. Sollten Koch und Haberer gehen, fielen die beiden häufigsten Nebenspieler von Höfler weg. Es ist also kein Wunder, dass Hartenbach und Saier nach Angaben der BZ besonders auf dieser Position einen Neuzugang suchen. Es verdichten sich Gerüchte um Rade Krunic vom AC Mailand, den man qualitativ sicher als die geforderte „Soforthilfe“ einordnen könnte.

Ansonsten gibt es aktuell Höfler, Abrashi, Keitel und Tempelmann. Die Doppelsechs Abrashi/ Höfler wäre qualitativ wohl eher im unteren Segment der Bundesliga anzusiedeln, hätte aber gegen den Ball etwas Verlässliches. Leider hat sich Abrashi im letzten Testspiel verletzt und ist für den Saisonbeginn fraglich.
Tempelmann zeigte im Testspiel, dass er durchaus Potenzial für den Spielertyp „Mittelfeldmotor“ hat. Er legt sich den Ball häufig mit dem ersten Kontakt in einen etwas freieren Raum und spielt dann schnell weiter. Es fehlt dabei aber schon noch an Sicherheit. Gegen den Ball hat er wohl auch noch physische Nachteile, versucht diese aber durch Einsatz zu kompensieren. Die Art wie er im Testspiel in ein Kopfballduell gesprungen ist, erinnerte etwas an Abrashi, der ja auch mit recht geringer Körpergröße hin und wieder mit einem Sprung halb gegen den Gegner halb in Richtung Ball einen Luftzweikampf für sich entscheiden kann.
Eine der sehr positiven Überraschungen in den Testspielen war Yannik Keitel. Er scheint weniger der „Mittelfeldmotor“ als der „Box-to-Box-Player“ (weniger Höfler, mehr Haberer) zu sein. Mit seiner Dynamik initiierte er einige Angriffe und konnte auch ein Tor per Kopf erzielen. In den letzten Spielen der abgelaufenen Saison zeigte sich allerdings auch, dass er die Tendenz zum überstürzten Spiel hat. Die guten Ballgewinne gegen Schalke machte er meist selbst wieder zunichte, indem er sich in aussichtslose Dribblings im Mittelfeld begab. Für solche Szenen bräuchte es noch Detailarbeit. Dennoch ist ihm aktuell der größte Leistungssprung im Mittelfeld zuzutrauen. Auch wenn die angekündigte „Soforthilfe“ noch kommen sollte, hat Keitel wahrscheinlich Möglichkeiten eng an die Startelf heranzurücken.

5. Abgang von Qualität

Sagen wir, die kleineren Lücken im Freiburger Kader können gefüllt werden, Jeong und Demirovic komplettieren das Stürmer-Quartett, es kommt ein Innenverteidiger oder Kübler übernimmt diese Position und das Mittelfeld kann durch einen starken Neuzugang, Yannik Keitel und vielleicht sogar Haberer besetzt werden, so bleibt dennoch festzuhalten, dass der Kader insgesamt an Qualität abnehmen wird. Mit Waldschmidt und Koch gehen zwei Feldspieler, die ein SC Freiburg nicht direkt ersetzen können wird. Was Koch angeht, betrifft dies Zweikampfstärke, Tempo in der Rückwärtsverteidigung, Kopfballstärke im eigenen Strafraum und präzise Diagonalbälle auf die ballfernen Außenverteidiger im Spielaufbau. Bei Waldschmidt gehen verloren: Gefahr durch Distanzschüsse, Freilaufen im Halbraum, technisch saubere Ballan- und mitnahme trotz Gegenerdruck, Steckpässe und sehr gute Strafstöße.

Diese Eigenschaften werden insgesamt nur schwer zu ersetzen sein und man muss wohl damit rechnen, dass das Spiel des Sportclubs zunächst etwas schlechter aussehen wird als in der vorangegangenen Saison.
Es wird aber auch interessant, inwiefern andere Spieler durch den Abgang von den beiden so herausragenden Feldspielern und dem sehr konstanten Torhüter Schwolow etwas mehr ins Rampenlicht rücken können. Auf der Torhüterposition wird es selbstverständlich auf Flekken ankommen.
In der Innenverteidigung hatte Lienhart zum Ende der Saison angedeutet, dass er sich in der Verteidigung im Strafraum noch einmal verbessert hat. Keven Schlotterbeck hat zudem eine hervorragende Saison bei Union Berlin gespielt. Seine statistischen Werte bei den klärenden Aktionen und den geblockten Schüssen finden sich in der Top 10 der Bundesliga wieder. Das passt sehr gut zum passiveren Defensivansatz, den Streich in der letzten Saison wählte.
In der Offensive wird man sich ebenfalls etwas umstellen müssen. Waldschmidt ließ sich oft tief fallen, um sich zwischen den Linien anzubieten. Das war insbesondere dann wichtig, wenn ein Sechser zwischen die Innenverteidiger abkippte und nur noch ein Mittelfeldspieler im Zentrum stand, der leicht gedeckt werden konnte. Teilweise hat Grifo das auch gemacht, war aber durch seine Position am Flügel nicht ganz so frei in seinen Bewegungen. Ohne diese Option müsste man das Spiel noch häufiger über die Außen aufbauen (wobei wiederum Kochs Diagonalbälle wichtig waren) oder direkt auf lange Bälle setzen.

Mit dem Abgang von diesen beiden guten Spielern rücken zunächst die bereits etablierten noch stärker in den Fokus. Lienhart, Heintz, Grifo, Günter, Schmid und auch Sallai werden das Spiel noch stärker prägen müssen. Danach kommt es darauf an, dass es vielleicht etwas unerwartete Leistungssteigerungen bei Keitel, Jeong, vielleicht auch Tempelmann gibt. Als letztes entsteht auch ein gewisser Druck, dass die ein, zwei hoffentlich noch kommenden Transfers, möglichst schnell in den Kader integriert werden.

6. Fazit

Der endgültige Abgang von Frantz, die Transfers von Waldschmidt und Schwolow könnten mit dem ziemlich sicheren Abgang von Koch und dem unsicheren Verbleib von Haberer zum größten Kaderumbruch seit dem Abstieg führen. Trotzdem macht man sich keine größeren Sorgen, hat, was den Abstieg angeht, sogar ein besseres Gefühl als vor beispielsweise drei Jahren. Denn grundsätzlich bietet der Kader defensive Stabilität, ein paar Spieler, die offensiv besondere Momente erzeugen können und auch ein bisschen Talent. Das Team wird auch nächste Saison nicht ganz neu aufgestellt sein, sondern ist schon recht gut eingespielt. Hinzu kommt, dass durch die unsichere Lage der Pandemiefolgen andere Teams noch größere Probleme mit der Zusammenstellung des Kaders haben. Aktuell kann man also davon ausgehen, dass sich der Sportclub bei den 8 bis 10 Teams, die in den Abstiegskampf geraten können, eher zu den etwas gefestigteren Klubs zählen kann.

 

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