Taktische Aspekte der Saison 20/21

Während Sallai gerade noch das DFB-Team geärgert hat, geht es hier auf dem Blog schon wieder um die Taktik des SC Freiburg. Ein besonderes Augenmerk wird auf die „Experimente“ gelegt, die vielleicht auch die Grundlage für eine taktische Erneuerungen in der nächsten Saison sein könnten.

 

1. Freiburgs Fundament bleibt bestehen

Aus taktischer Sicht konnte man in dieser Saison viel Bekanntes wiederentdecken. Die beiden Hauptsysteme waren das 4-4-2 und das 3-4-3.

Im 4-4-2 ist man wirklich recht flexibel geworden. Über rechts wird oft sehr schnell aufgebaut. Sallai kommt entgegen und spielt sehr schnelle, vertikale Kombinationen mit Santamaria und Schmid, um direkt durchzubrechen. Grifo und Günter kombinieren etwas flexibler, aber meistens endet es damit, dass Günter hinter die Kette sprintet und Grifo ihm den Ball in den Lauf spielt.
Das Abkippen von Höfler passiert mal in der Mitte, mal auf links. Er, Lienhart, Schmid, Schlotterbeck und Santamaria können alle recht genaue Verlagerungen spielen. Somit wurde Kochs große Stärke im Aufbau kollektiv halbwegs aufgefangen. Mit Schlotterbeck kommen etwas mehr vertikale Pässe durch die Ketten ins Spiel, aber insgesamt dosierter als so mancher vielleicht dachte.

Auch im 3-4-3 überraschten die Aufbaumechanismen die Sehgewohnheit des Freiburgfans selten. Es gab den Viereraufbau mit gewolltem Loch im Mittelfeld, wenn Höfler sich zurückfallen lässt, Innenverteidiger dribbelten an und das Aufbauspiel über außen war ähnlich zum 4-4-2.

Vielleicht war das Spiel über das zentrale Mittelfeld etwas häufiger zu beobachten als in der Saison zuvor.
Was dennoch fehlte, war der Ersatz von Waldschmidt, sich so gut in den Halbräumen anbieten konnte. Später werden ich noch Systeme beschreiben, in denen Jeong in diese Rolle hineinwachsen könnte. Im 4-4-2 spielte häufig Höler die hängende Spitze, was zu vielen Spielunterbrechungen führte.

Auch im Pressing hat man wenig ganz neues gesehen. Das Personal hat sich teilweise geändert und somit auch Nuancen in der Ausführung. Demirovic und Jeong sind etwas anders als Höler und Petersen. Ihr Pressing ist etwas wilder und dynamisch, gut abgestimmt, aber noch nicht ganz so sauber über längere Zeit. Obwohl man sagen muss, dass das Spiel gegen Dortmund beeindruckend fehlerfrei war.
Im 3-4-3 versucht man mehr den Aufbau auf die Seite zu lenken und den Ball im Mittelfeld zu erobern. Im 4-4-2 sprintet man auch gerne mal zum Torhüter durch und bekommt ganz vorne Zugriff.

Größere taktische Neuheiten gab es eigentlich nur in wenigen Spielen und es ist schwer zu sagen, ob man diese Formationen in der nächsten Saison sehen wird. Interessant waren sie aber dennoch.

2. Kurzes Experiment

Die Saison begann aus taktischer Sicht mit einem Paukenschlag. Der SC Freiburg unter Streich ist schon länger taktisch flexibel und durch die Gegneranpassungen im Pressing in den letzten Jahren, konnte man einige unterschiedliche Formationen beobachten. Ein 4-1-4-1 mit einer Doppelzehn gehörte aber mit einer einzigen Ausnahme nicht dazu. Vor ein paar Saisons gab es das mal, als Koch Havertz in Manndeckung nahm und Höfler und Gondorf die Doppelzehn spielten. Das hatte aber wirklich viel mit dem Pressing zu tun, nicht mit dem Offensivspiel. Deshalb stellte Streich auch zur Halbzeit wieder auf ein 4-4-2 um.
Gegen Stuttgart sah man eindeutig, dass das 4-1-4-1 eine offensive Anpassung für das eigene Spiel mit dem Ball war. Durch zwei offensive Zehner Höler und Jeong schaffte man es immer wieder, Dreiecke auf den Außen zu bilden und sich dort spielerisch durchzukombinieren.
Statistisch kam man damit nur zu wenigen Abschlüssen, aber diejenigen, die es gab, waren von recht hoher Qualität. Freiburg ging mit 3:0 in Führung und erzielte vermeintlich zwei weitere Tore, die aufgrund knapper Abseitsstellungen allerdings abgepfiffen wurden.
Danach kam aber auch die defensive Instabilität des Systems zur Geltung. Freiburg kassierte zwei Gegentreffer und brachte die Führung gegen Stuttgart nur gerade so über die Zeit.

Diese Instabilität dürfte auch der Grund dafür gewesen sein, warum man das System in dieser Saison kein einziges Mal mehr sehen durfte. Das Übergangsspiel ins letzte Drittel funktionierte mit nur einem Sechser recht gut. Die Absicherung vor der Abwehr bereitete allerdings Probleme.
Vielleicht lag es aber auch an den fehlenden Spielertypen. Santamaria, der erst nach diesem Spiel zum Sportclub wechselte, hat bei Angers zwar als alleiniger Sechser gespielt, aber in der Bundesliga nimmt er eine deutlich offensiver Rolle ein. Vielleicht auch, weil die Rolle als alleiniger Sechser in der Bundesliga doch noch leicht anspruchsvoller ist als in der Ligue 1, ohne damit sagen zu wollen, dass man die beiden Ligen nicht miteinander vergleichen könne.
Aber auch Höfler ist nicht so ein Abräumer wie Aranguiz, Baumgartlinger oder Casemiro. Es hat schon einen Grund, warum offensive Formationen mit nur einem Sechser so selten gespielt werden – und wenn, dann von individuell gut besetzten Teams. Es braucht einen enorm guten Abräumer.

Was Freiburg betrifft, fehlte auch zusätzlich die perfekte Besetzung der Doppelzehn. Es gibt zwar viele Spieler, die das potenziell machen könnten, aber entweder wären sie dann nicht in ihrer perfekten Rolle oder sie waren zu diesem Zeitpunkt nicht in besserer Verfassung als ihre Mitspieler. Zumindest kann man das über die Doppelzehn gegen Stuttgart sagen: Jeong ist zwar vom Spielertypen her genau das, was man für die Position suchen würde, aber sein Grundniveau reichte in der letzten Saison noch nicht zum Stammspieler, der ein neues System trägt. Höler hingegen hatte dieses Grundniveau, ist aber nicht der optimale Zehner, was man auch in weiteren Spielen sehen konnte. Vielleicht hätte man mit einem gut aufgelegten Haberer das System noch öfters gesehen, wahrscheinlich aber auch nicht.

Zumindest war das Experiment sehr interessant und im Ergebnis eigentlich auch erfolgreich. In den nächsten Spieltagen hatte man, wie gesagt, Schwierigkeiten mit der Defensive. Da hätte das 4-1-4-1 mit einer Viererkette und nur einem Sechser sicher nicht geholfen. Allerdings gab es auch die Spiele gegen Bremen und die müden Wolfsburger. Hier hatte man das Problem, dass man phasenweise sehr gut ins letzte Drittel kam, dort aber keine Torchancen herausspielte. In diesen Spielen schlug man viele Flanken. Vielleicht hätte da der etwas kombinativere (aber auch riskantere) Ansatz des 4-1-4-1 mehr geholfen. Denn grundsätzlich ist es ein spannendes und besonders offensives System.

3. Raute und Dreierkette

Da es keinerlei Aussagen oder Fragen von Journalisten an Streich gab, bin ich mir nicht sicher. Aber ich würde durchaus die These wagen, dass das 5-4-1/ 3-1-5-1, also die Dreierkette mit einer Raute im Mittelfeld die Weiterentwicklung des Experiments der Formation 4-1-4-1 war.

    Demirovic    
Günter Grifo Jeong Santamaria Schmid
    Höfler    
  Heintz Gulde Lienhart  

(Gegen Bremen)

Das System hat eben auch nur einen Sechser, was in der Kontersicherung im Vergleich zum 4-1-4-1 durch die Dreierkette abgedeckt werden kann. Man gibt die Doppelzehn und die rein offensiven Flügelspieler auf, hat dafür zwei offensive Achter, zwei hohe Flügelverteidiger und einen Zehner.
Die Achter sind hervorragende Anspielstationen im Aufbauspiel, der Zehner kann im Kombinationsspiel Überzahl schaffen. Wie bei allen Rauten-Formationen ist das Zentrum sehr gut besetzt.

Dieses System konnte man in der Rückrunde gegen Bremen (Dank an Patrick für den Hinweis) und Bielefeld beobachten. Offensiv war das Ergebnis dürftig. In 180 Minuten gelang kein einziges eigenes Tor. 56% Ballbesitz gegen Bielefeld und 53% gegen Bremen und die zugehörigen guten Passquoten zeigen aber den Versuch, das Spiel konstruktiv zu gestalten. Die sehr niedrigen expected Goals weisen auf den Mangel an herausgespielten Chancen hin.

Das System hat auch offensiv Potenzial, aber es benötigt einige gut abgestimmte Bewegungsabläufe. Das offensive Mittelfeld ist eigentlich überbesetzt. Von dort aus können die Achter und der Zehner abkippen oder nachstoßen. Das Nachstoßen wurde real von Santamaria übernommen, der aber leider bei zwei, drei Aktionen den Ball im hohen Tempo nicht halten konnte. Und Jeong hatte in diesen Spielen nicht die Form, um seiner dominanten Rolle als recht freier, ballnah unterstützender Spieler gerecht zu werden.

Positiv festzuhalten gilt, dass man in 180 Minuten auch nur ein Gegentor kassiert hat. Die Konterabsicherung funktionierte und im Pressing ging Freiburg auf ein 5-3-2 über. Ausgehend von der oben aufgemalten Aufstellung: Santamaria und Grifo kippten neben Höfler und Jeong ging vor neben Demirovic. Das 5-3-2 ist im Prinzip die stabilste Formation im modernen Fußball. Die ersten beiden Pressingreihen lenken den Aufbau auf den Flügel und hinten sind die Seiten dicht. Man provoziert Halbfeldflanken gegen drei eigene Innenverteidiger und drei Mittelfeldspieler sammeln die geklärten Bälle ein.

Man sollte das System mal im Hinterkopf behalten. Das defensive 5-3-2 ist insbesondere gegen Teams von nutzen, die schnell den langen Ball schlagen. Gegen diese Teams muss Freiburg nämlich nicht hoch pressen, da der Ball ohnehin schnell genug in Räume kommt, wo er erobert werden kann. Wenn man zu hoch steht, wird man so aber leicht überspielt.
Offensiv hat es in dieser Saison noch nicht funktioniert, aber das System ist an sich so flexibel, dass man gegen eben jene Teams, bei denen der Sportclub selbst Favorit ist, in Ballbesitz verschiedene Wege vor das Tor finden kann. Man hat genug Kombinationsstarke Spieler, aber leider nicht so viele Stürmer, die gut im Kopfballspiel sind. Beim 4-4-2-Flügelspiel sind Petersen und Höler die passenden Stürmer, da sie noch am ehesten eine Flanke verwerten können. Gegen drei gute Innenverteidiger haben aber auch sie wenig Chancen. Da verspricht ein gut eingespieltes System mit Raute und bewegliche Offensivspieler etwas mehr Torgefahr gegen tiefer stehende Gegner.

4. Neues System in der nächsten Saison?

Als Letztes möchte noch darauf hinweisen, was bei den Freiburger Formationen bisher gefehlt hat: das 4-3-3 – ebenfalls eine sehr offensive Formation. Es ist deswegen einen Gedanken wert, weil Streich auf einer PK in Bezug auf das Überangebot durch Santamaria, Höfler und einen sich entwickelnden Keitel mal beiläufig erwähnt hat, dass man auch mit drei zentralen Mittelfeldspielern spielen könnte.

Vielleicht kann man das 4-3-3 oder das 4-5-1 als die defensivere Variante nächste Saison mal sehen. Damit hätte man fast alle gängigen Formationen des modernen Fußballs unter Streich mal gesehen. Obwohl auch noch die Raute mit der Viererkette fehlt…

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