SC Freiburg – VfL Wolfsburg 1 : 0


1. Aufstellung und taktische Herangehensweise

Der SC Freiburg konnte in dieser Saison besonders durch defensive Stabilität beeindrucken. In den letzten beiden Spielen gegen Leverkusen und Gladbach gab es allerdings zwei (wie man im Fußballdeutsch sagt) „Chancenfestivals“ für den Gegner. Das hatte zum einen mit der hohen Qualität der Offensivreihen zu tun, zum anderen mit einer recht mutigen Herangehensweise der Freiburger. Gegen Leipzig presste Freiburg selten so hoch wie gegen Gladbach. Streich entschied sich in seiner 300. Partie als Cheftrainer der Profimannschaft des SC Freiburg für ein eher defensives 5-2-3. Koch rückte zurück in die Innenverteidigung, Haberer besetzte den Platz neben Höfler, Sallai übernahm die Rolle des rechten Außenstürmers und Schlotterbeck musste wieder auf die Bank.

    Petersen    
  Höler   Sallai  
  Höfler   Haberer  
Günter       Schmid
  Heintz Koch Gulde  
    Flekken    



Wolfsburg trat in einem sehr ähnlichen 5-2-3 auf, vielleicht mit etwas tiefer und enger positionierten Außenstürmern.
Aus den Aussagen von Streich nach dem Spiel konnte man heraushören, dass man sich besonders auf einen Spielzug von Glasners Wolfsburg vorbereitet hatte: Einer langer Ball wird von Weghorst festgemacht, der legt ab auf die Außenstürmer oder auf die nachrückenden schnelle Flügelläufer und schon sind sie in gefährlichen Räumen im letzten Drittel.

Um das zu verhindern, musste Freiburg einerseits etwas Druck auf denjenigen ausüben, der den langen Ball schlagen wollte, andererseits durfte man sich dabei nicht zu sehr locken lassen. Der Fokus lag somit auf den geringen Abständen zwischen den einzelnen Spielern. Dies führte zu einem eher konservativen Rollenverständnis von Günter und Schmid, die in diesem Spiel eben nicht sofort auf die Außenverteidiger des Gegners herausrückten, sondern besonders darauf bedacht waren, nicht überlaufen zu werden und notfalls die Innenverteidiger bei der Abwehr gegen Mehmedi und Joao Victor zu unterstützen. Für die Außenstürmer Sallai und Höler bedeutete dies, dass sie sich nicht nur um die gegnerischen Innenverteidiger kümmern, sondern teilweise auch ballorientiert auf die Flügelverteidiger Wolfsburgs durchrücken sollten. Erst wenn die Abstände stimmten und die Passwege geschlossen waren, wurde höher angelaufen und ein unkontrollierter, langer Ball von Casteels provoziert.

Bei den Freiburger Außenverteidigern sah man so ein verhaltenes Spiel trotz Dreierkette nur selten in dieser Saison. Auf Wolfsburger Seite ist das unter Glasner aber recht normal. Letzte Saison unter Labbadia waren Roussillion und Wiliam deutlich stärker in die offensiven Abläufe mit eingebunden. Die Spielverlagerungen auf den ballfernen Außenverteidiger könnte man sogar als Hauptmerkmal von Labbadias Wolfsburg bezeichnen. Nun sind sie doch sehr an ihre defensiven Aufgaben gebunden.

2. Die erste Halbzeit

Auf dem Papier trafen zwei Mannschaften in einem 3-4-3-System aufeinander. Man hätte erwarten können, dass Mannorientierungen auf dem ganzen Feld entstehen und es zu einigen Durchbrüchen nach gewonnenen Zweikämpfen kommen würde. Durch die tieferen Außenverteidiger trafen aber eher zwei 5-2-3-Systeme aufeinander. Klare Mannorientierungen entstanden also nur im Zentrum und die angreifende Mannschaft war prinzipiell in der Unterzahl.
Schon nach 15 Minuten wurde deutlich, dass es ein sehr zähes Spiel werden würde. Es gab viele Einwürfe und Fouls im Mittelfeld. Nach 16 Minuten gewann Günter mal einen zweiten Ball und setzte einen Distanzschuss neben das Tor. Nach etwa 30 Minuten hielt Casteels einen Freistoß aus 25-30 Metern. Und etwas später musste Koch einen Kopfball von Weghorst blocken, nachdem Mehmedi auf Außen von der Grundlinie aus flanken konnte. Kurz vor dem Pausenpfiff entstand eine kurze, etwas interessantere Phase. Weghorst hatte wieder eine Kopfballmöglichkeit nach einem Standard aus dem Halbfeld, Freiburg konterte und kam zu einer Ecke, danach konterte Wolfsburg. So richtig gefährlich wurde es aber auch hierbei nicht. Das 0:0 zur Pause spiegelte den Spielverlauf sehr gut wider.

Wie man dies nun bewerten soll, hängt von der Erwartungshaltung ab. Sieht man den SC Freiburg in diesem Spiel als Außenseiter, konnte man mit der Halbzeit zufrieden sein. Immerhin wurde eine Angriffsreihe mit Mehmedi und Weghorst praktisch komplett aus dem Spiel genommen. Hat man nach dem guten Saisonverlauf allerdings die Erwartung, dass systematisch sieben bis acht Torchancen gegen Wolfsburg herausgespielt werden, man also viele Spieler in den Angriff schickt und die Defensive bei Kontern in Gleichzahl stabil bleiben sollte, dann war die erste Halbzeit sicher nicht zufriedenstellend. (Persönlich tendiere ich ja stark zu ersterem.)

3. Die zweite Halbzeit

Nach der Pause gab es zwar keine großen Umstellungen, eine kleine Veränderung in der Herangehensweise konnte man aber dennoch beobachten. Der SC Freiburg wählte im Aufbau einen etwas konstruktiveren Ansatz. Abstöße wurden zwar weiterhin meistens lang ausgeführt, aber Höfler reihte sich nun häufiger in die Dreierkette ein und Haberer bot sich im Sechserraum an. Die langen Bälle auf Petersen, der für Höler, Sallai, Höfler und Haberer ablegen sollte, wurden seltener. Stattdessen versuchte man auf den Außen hinter die Wolfsburger Abwehrkette zu kommen.
Auch das Pressing wurde etwas höher angesetzt und die Phasen im Gegenpressing wurden etwas länger. In der 53. Minute kam es so zum Abschluss von Höler nach einem Ballgewinn am Wolfsburger Strafraum und in der 55. Minute brach Günter links durch, passte zu Petersen, der legte ab und Höfler kam zu einem Distanzschuss.
Wolfsburg setzte noch etwas mehr auf den Umschaltmoment und hatte ein paar Ansätze.

Die Veränderungen in der Herangehensweise waren allerdings sehr dosiert und hatten keinen allzu großen Einfluss auf die Chancenverteilung. Freiburg bekam mehr Spielkontrolle als in der ersten Halbzeit, aber weiterhin passierte wenig in und an den Strafräumen beider Teams.

Ab der 80. Minute ging es dann in die entscheidende Phase. Wolfsburg konnte einmal das etwas höhere Pressing von Freiburg überspielen, Roussillions flache Hereingabe in den Strafraum wurde leicht abgefälscht, wodurch diese nicht von Koch geklärt werden konnte und Weghorst hätte fast das 0:1 erzielt. Auf der anderen Seite holte Höler einen Freistoß heraus, den Schmid perfekt über die Mauer an den Innenpfosten setzte. Danach schaltete Wolfsburg in den Modus „Brechstange“, schlug lange Bälle Richtung Freiburger Tor und kam damit noch zu einer Gelegenheit. Durch eine Kopfballverlängerung kam Wiliam aus kurzer Distanz und spitzem Winkel zum Abschluss, brachte den Ball aber nicht auf das Tor von Flekken, der somit in 90 Minuten keinen einzigen Ball halten musste.

4. Spielfazit

Freiburg fand wieder zu seiner Erfolgsformel zurück. Durch einen gut abgestimmten Defensivplan konnte man die offensiven Qualitäten des Gegners neutralisieren, was zu einem sehr ausgeglichenen und chancenarmen Spiel führte. Nachdem dieses defensive Fundament gelegt wurde, konnte man in der zweiten Halbzeit darauf aufbauen und den Spielaufbau etwas konstruktiver gestalten. Man erspielte sich einen leichten (wirklich leichten) Vorteil. Damit das Spiel am Ende aber wirklich gewonnen werden konnte, brauchte es auf der einen Seite ein wenig Glück, dass Wolfsburg seine beiden Chancen nicht nutzte, auf der anderen Seite den einen besonderen Moment, zu dem Freiburg in dieser Saison immer in der Lage zu sein scheint. Dieses Mal war es der wunderschöne Freistoß vom Neuzugang Jonathan Schmid.

Durch diese weiteren drei Punkte nach einem knappen Spiel steht der SC Freiburg nach dem 14. Spieltag mit 25 Punkten auf dem 5. Platz der 1. Bundesliga und somit zwei Plätze und einen Punkt vor dem FC Bayern. Der Vorsprung auf den Relegationsplatz beträgt bereits 13 Punkte. Es bleibt die bisher erfolgreichste Saison der Vereinsgeschichte. Selbst in der Saison 1994/95, in der man am Ende den 3. Platz erreichen konnte, hatte man am 14. Spieltag umgerechnet nur 24 Punkte (17:11 Punkte).

5. Problem: Bank → Lösung: Standards

Wenn der SC Freiburg vier Punkte aus den Spielen gegen Leverkusen, Gladbach und Wolfsburg mitnimmt, könnten die aktuellen Verletzungssorgen fast vergessen werden. Allerdings kann der Sportclub die Ausfälle von Lienhart, Kübler, Grifo und Waldschmidt selbstverständlich nicht vollständig kompensieren. Man könnte zwar darüber diskutieren, ob diese Spieler jedes Mal in der Startelf gestanden hätten, aber nicht darüber, dass einige von ihnen eingewechselt worden wären. Die stärkere Bank war in dieser Saison einer der Hauptgründe für den Erfolg. Exemplarisch dafür ist das Spiel gegen Düsseldorf: Eine ausgeglichene, umkämpfte Partie, geprägt durch zwei gute Defensivpläne, wurde durch die Einwechslungen von Grifo und Waldschmidt entschieden.
Diese Option fehlte Streich in den letzten Spielen, konnte aber durch eine neue Stärke aufgefangen werden. Freiburg gehört wieder zu den gefährlichsten Teams bei Standards. In den letzten drei Spielen wurden alle vier Tore nach einem ruhenden Ball erzielt: zwei direkte Freistöße, eine Ecke und ein Standard aus dem Halbfeld. Gerade Sallai und Höler versuchen in der aktuellen Phase auch häufiger durch eher aussichtslose Dribblings Fouls zu provozieren. Der Variantenreichtum in den letzten Spielen spricht für einen hohen Fokus auf Standards im Training, der sich in den Spielen dann bezahlt gemacht hat.

Auch bei diesem Thema zeigt der SC Freiburg, dass er in dieser Saison eine pragmatische Antwort auf die meisten Probleme findet. Kann man gerade nicht so viel spielerische Qualität auf den Platz bringen, um die knappen Spiele zu entscheiden, konzentriert man sich eben auf ein anderes Mittel. Die spannende Frage ist dann ab nächster Woche, ob man die neue Stärke auch konservieren kann, wenn die spielerische Qualität im Kader wieder steigt.

 

 

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