SC Freiburg – FC Bayern München 2 : 2

1. Aufstellung und System

Schon auf der Pressekonferenz vor dem Spiel erzählte Streich, wie schwer es ihm und seinem Team gefallen war, sich zwischen einem 3-4-3 und einem 4-4-2 zu entscheiden. Auf der PK nach dem Spiel erneuerte er die Aussage, dass es eine schwere Entscheidung, aber – wie er nun hinzufügen konnte – eine richtige Entscheidung war.

Diese Informationen waren recht hilfreich. Denn von außen sah es einfach danach aus, dass Streich einfach fast die gleiche Aufstellung auf das Feld brachte wie in dem erfolgreichen Spiel gegen den 1. FC Köln (nur Santamaria kam für Keitel). Der Grund dafür, dass man sich beim Sportclub vielleicht mit dem 4-4-2 unsicher war, könnte in dem Spiel Gladbach gegen Bayern vor einer Woche liegen. Bayern nahm Roses 4-4-2 nach allen Regeln der Fußballkunst auseinander und kombinierte sich durch die typischen flachen Ketten dieses Systems. Mit und gegen den Ball ist das 3-4-3 oft eine leichtere Variante, weil es automatisch viele Bereiche des Feldes abdeckt/ viele Passoptionen bietet, ohne dass ein Spieler aus der Formation herausrücken muss.
Das 4-4-2 hingegen erlaubt Grifo einen größeren Radius und man kann sehr gut aus dem Mittelfeld heraus pressen, wenn alle gut verschieben. Höchstwahrscheinlich hat sich das Trainerteam die Details des Gladbachspiels angesehen und kam zum Ergebnis, dass man die Schwächen nicht wiederholen müsse. Soweit meine Spekulation. (Ich habe die beiden Spiele nicht so genau angeschaut.) Das Resultat sah zumindest sehr gut aus.

2. Pressing: Erst hoch, dann tiefer

Der Sportclub begann mit einem äußerst hohen Pressing in der Anfangsphase. Das riskanteste dabei war, dass man Kimmich dabei teilweise sogar nur im Deckungsschatten hatte, da Santamaria und Höfler nach hinten absicherten, während die vier Angreifer die Viererkette anliefen. Dafür musste man sehr sauber und intensiv anlaufen, damit Kimmich nicht den Ball mit viel Platz im Mittelfeld bekam. Freiburg hielt das in etwa 10 Minuten durch und konnte damit einen guten ersten Eindruck hinterlassen. Bayern konnte die Räume hinter der hohen Formation nicht nutzen. Freiburg war gut ins Spiel gestartet.

Und auch das anschließende etwas tiefere Mittelfeldpressing funktionierte. Hier wurden eher die Sechser in den Fokus genommen. Dafür hatten die Innenverteidiger etwas mehr Zeit und Raum. Freiburg kam dennoch oft genug in Ballbesitz (40% Ballbesitz in der 1. Halbzeit) und Bayern zunächst nicht zu klaren Chancen. Kimmich und Sané hatten ihre Distanzschüsse und Lewandowski mal einen Abschluss aus 17 Metern, nachdem der Ball bei einem flachen Anspiel an den Strafraum eher zufällig bei ihm gelandet war. Für das 0:1 brauchte es eine unglückliche Situation nach einem Standard. Kübler verfolgte Müller bei einer Ecke und stieg ihm dabei unabsichtlich auf den Knöchel. Es war eine merkwürdige Situation: Durch die fehlende Absicht und Müllers unvorhersehbares Stehenbleiben könnte man fast auf einen „Unfall“ und Abstoß plädieren. Das „Trefferbild“ spricht aber sogar fast für einen Platzverweis. Der Schiedsrichter entschied dann auf Strafstoß und verzichtete auf eine Karte.
Lewandowski verwandelte aus elf Metern.

3. Das Spiel mit dem Ball

Es war wohl eines der besten Spiele mit dem Ball in dieser Saison. Freiburg ließ sich nicht vom Bayrischen Pressing einschüchtern. Direkt nach dem 0:1 hielt Gulde den Ball gegen Müller und man kombinierte sich vertikal über links mit Grifo und Günter bis an den Strafraum, wo Kimmich dann die Flanke abfing und einen Gegenangriff einleitete. Freiburg verteidigte diesen Angriff und Grifo behauptete den Ball gegen Bayerns Gegenpressing. Über Günter kam der Ball zu Santamaria, dessen Flanke dann zur Ecke abgelenkt wurde. Diese führte dann zum 1:1. (Klassische Variante auf den kurzen Pfosten. Bayern verteidigte das in diesem Fall nicht gut. Sie sind aber nicht die ersten gewesen.)
Auch wenn der Treffer aus einem Standard heraus fiel, war es doch Freiburgs konstruktives Spiel unter Druck, das zum Ausgleich führte.

Freiburg versuchte die meisten Situationen spielerisch zu lösen und das funktionierte auch wirklich sehr gut. Bei Umschaltsituationen stach Grifo mit seiner Ballsicherheit hervor, im tiefen Spielaufbau Lienhart. Dass diese Herangehensweise aber insgesamt so gut gelang, lag besonders daran, dass kein Spieler grobe Fehler machte. Das Grundniveau im Ballbesitz war schon recht hoch und hin und wieder gab es dann zusätzlich noch besondere Szenen, wie gute Laufwege, gute Ballmitnahmen oder intensive Zweikämpfe.

4. Einzelne Szenen und Spielverlauf

In der 37. Minute Beispielsweise hatte Petersen einen sehr wachen Moment. Nach einer Ecke eroberte er den Ball beim Rückwärtspressing gegen Davies und spielte gegen seine eigene Laufrichtung einen perfekten Ball zu Grifo. Der konnte dann bis zum Strafraum laufen, wurde beim Schuss aber leider geblockt.

In der 50. und 53. Minute hatte Bayern zwei sehr schöne Angriffe. Ein Dribbling von Sané gegen drei war wirklich sehenswert. Bei seiner flachen Hereingabe stand allerdings Gnabry im Abseits. Kurze Zeit später spielte Alaba 30 Meter vor dem Tor eine hohe Verlagerung auf Müller, der den Ball direkt in den Strafraum flankte. Sané stand am zweiten Pfosten und traf zum 1:2.

Freiburgs „Antwort“ folgte allerdings schnell. In der 54. Minute gab es eine sehr schöne Kombination zwischen Grifo und Günter, bei der Günter im weiten Bogen um Grifo herum lief und angespielt wurde. Seine Hereingabe wurde dann von Demirovic aus etwa sieben Metern am Tor vorbeigeschossen.

Zwischen der 55. und der 61. Minute kamen Haberer, Höler und Schmid für Demirovic, Petersen und Sallai. Wie schon gegen Köln brachten die Einwechslungen durchaus etwas Schwung in die Partie.

Auch in der 67. Minute gab es die Günter-Grifo-Kombination. Dieses Mal wurde die Hereingabe aber von Nübel zur Ecke geklärt. Die Situation entstand aus einem Abschlag von Flekken und schönem Kampf um den zweiten Ball in Bayerns Hälfte. Kübler und Höler waren hier beteiligt.

Ein Angriff aus der 70. Minute der sich über 60 Minuten hinzog, war ein weiterer Beleg für Freiburgs spielerischen Ansatz. Man eroberte einen Einwurf, spielte flach hinten herum nach rechts, spielte über links nach vorne, wurde gefoult, führte den Freistoß schnell aus, ging durch die Mitte nach rechts, flankte schlecht, eroberte den Ball direkt wieder und spielte dann Höler am zweiten Pfosten frei, der leider aus kurzer Distanz an Nübel scheiterte. Es waren 23 Stationen: Grifo, Höfler, Günter, Flekken, Lienhart, Kübler, Lienhart, Flekken, Gulde, Günter (Foul), Günter, Höler, Grifo, Gulde, Höfler, Grifo, Schmid, Kübler, Haberer, Schmid (Gegenpressing), Schmid, Höler, Nübel.

Danach kamen Keitel und Jeong ins Spiel. Und auch sie brachten sich gleich in das Spiel mit ein: In der 73. Minute spielte Keitel auf Jeong und der leitete den Ball weiter. Haberer hatte dann die beste Ballmitnahme des Spiels an Boateng vorbei und lief alleine auf Nübel zu. Leider traf auch er nicht zum Ausgleich.

Freiburg spielte immer riskanter und Bayern hatte viel Platz bei ein paar Angriffen. In der 77. Minute kam Lewandowski durch einen Konter nach einer Freiburger Ecke zu zwei großen Chancen. Die erste wurde sehr gut durch Flekken vereitelt, bei der zweiten Chance, hätte der Freiburger Torhüter den Treffer nicht verhindern können. Doch Lewandowski drückte den Ball nicht aus kurzer Distanz über die Linie, sondern spielte zurück in Flekkens Arme.

In der 78. und 79. Minute gab es Distanzschüsse von Haberer und Keitel.

Und dann kam das 2:2 in der 81. Minute, das sich schon auch etwas angedeutet hatte. Und dieses Mal entstand das Tor tatsächlich auch direkt aus dem eigenen Aufbau heraus. Flekken hatte Abstoß, Lienhart lupfte zu Schmid (jetzt Rechtsverteidiger), bekam den Ball aber über Keitel wieder. Dann ließ Lienhart Lewandowski im Pressing ins Leere laufen und spielte eine punktgenaue Verlagerung auf Günter. Die Aktion war an sich schon wunderschön und hätte gar kein Tor mehr gebraucht, um hier erwähnt zu werden. Es ging aber auch schön weiter. Sarr machte Druck auf Günter und verließ dadurch seine Position. Günter legte ab auf Grifo und bekam den Ball von ihm gewohnt perfekt in den Lauf gespielt. Günter konnte aus der eigenen Hälfte bis in den Strafraum sprinten und schoss wie schon gegen Schalke mit links ins rechte Eck. 2:2.

Es hätte allerdings trotzdem noch eine Niederlage geben können. Der FC Bayern unter Flick kassiert ja gerne Mal zwei Gegentore, aber das Team macht dann auch oft genug auch 3 bis vier eigene. In diesem Fall gab es eine simple Halbfeldflanke von Kimmich auf Lewandowski, dessen Kopfball aber erneut herausragend von Flekken pariert wurde. Der Typ ist echt sehr schnell unten.

So richtig klare Abschlüsse gab es danach nicht mehr. Grifo verschoss noch einen Standard und Haberer setzte einen Kopfball über das Tor. Immerhin konnte man aber den einen Punkt gegen die Bayern im wahrscheinlich letzten Punktspiel im Dreisamstadion behalten.

5. Fazit

Man hat gesehen, dass man Freiburg nicht so viel Platz geben darf – selbst wenn man der FC Bayern ist. Spieler wie Grifo, Günter, Höfler, Lienhart und in diesem Spiel auch besonders Haberer können damit eben etwas anfangen. Leider bekommt man aber auch selten so viel Platz wie gegen Bayern. Das dürfte der Grund dafür sein, warum man in den letzten Partien gegen den Rekordmeister recht gut aussah.
Dies zeigt aber auch eine gewisse Qualität – gerade im Bereich der Pressingresistenz (Pressingresistenz: meist für einzelne Spieler verwendet; Ballsicherheit, wenn der Gegner presst). Die Räume gegen die Bayern finden sich ja nicht in Ballnähe, sondern hinter der ersten (manchmal zweiten) Pressingwelle (oder Gegenpressingwelle). Man muss den Ball eben erst einmal halten oder gezielt weiterspielen. Die Aktion von Lienhart vor dem 2:2 war da ein gutes Beispiel.

Defensiv war die Partie auch sehr ordentlich, allerdings gab es hier schon mehr Kritikpunkte in einzelnen Szenen – gerade in der zweiten Halbzeit.

6. Ausblick

Freiburg ist nun auf dem 10. Platz. Man hat allerdings noch Außenseiterchancen auf den 7. Platz und somit auf die UEFA Europa Conference League. Man spielt gegen schlecht gelaunte Frankfurter, die tatsächlich vier Nüsse gegen Schalke kassiert haben. Wenn man das Spiel gewinnt, hätte man wie in der letzten Saison 48 Punkte und könnte in der Tabelle drei Plätze nach oben klettern.

Wenn Stuttgart dann entweder mit zwei Toren weniger gegen Bielefeld gewinnt als der Sportclub gegen Frankfurt oder Unentschieden spielt oder verliert, schiebt sich der Sportclub an ihnen vorbei.

Gladbach dürfte nicht gegen Bremen gewinnen.

Und Union müsste gegen Leipzig verlieren, bei denen es um nichts mehr geht.

Das ist ein insgesamt recht unwahrscheinliches Szenario. Aber es ist auch nicht viel unwahrscheinlicher als das Abstiegsszenario vor dem 34. Spieltag 2014/15 und das hat Freiburg damals auch geschafft.

7. Rekord und Spalier

An dieser Stelle soll kurz der persönliche Rekord von Lewandowski gewürdigt werden. Durch einen Strafstoß in der ersten Halbzeit erzielte er sein 40. Saisontor, zog damit mit Gerd Müller gleich und hat nächste Woche die Chance ihn zu überholen. Nach dem Tor bildete das Team des FC Bayern ein Spalier, um das zu feiern. Mit etwas Abstand kann man wahrscheinlich Sven Metzger recht geben, der auf Twitter die Meinung vertrat, dass diese Art des Jubels für so einen denkwürdigen Rekord absolut angemessen ist. Da wurden die Nerven doch eher von der Berichterstattung nach dem Spiel strapaziert, als in jedem Interview (also wirklich jedem) der Interviewte dazu aufgefordert wurde, diesen Rekord „einzuordnen“. Oder von der Zusammenfassung auf DAZN, die jede Chance Lewandowskis zeigte, aber sich nicht genug Zeit nahm, den Assist von Grifo vor dem 2:2 zu zeigen. Dies war mal wieder der etwas frustrierende Beleg dafür, dass ein persönlicher Rekord eines Bayernspielers deutlich interessanter ist als der mögliche Einzug des SC Freiburg in einen europäischen Wettbewerb. Das gibt auch der etwas willkürliche, aber auch aussagekräftige Vergleich zwischen den Followern auf Twitter her. 280.000 Follower des Sportclubs stehen eben 1,6 Millionen Followern von Lewandowski gegenüber. Dennoch fand ich es ein sehr schönes Bild, dass sich Santamaria im Moment des 40. Treffers an seinem Hintern kratzte, weil ihn dort etwas anderes noch mehr gejuckt hat als dieser denkwürdige Moment für die Bayern.

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