SC Freiburg – Borussia Mönchengladbach 2 : 2

Das Spiel hatte ziemlich viele Aspekte. Der Text ist eine Mischung aus Besprechung von einzelnen Spielszenen, allgemeinen Mechanismen im neuen 3-4-3 mit Schlotterbeck, besonderer Herausforderungen durch den Gegner und Spielfazit. Für eine geordnete Analyse bieten sich andere Spiele wahrscheinlich besser an.

1. Gegner und Aufstellung

Nach dem eher schwierigen Spiel gegen Mainz 05 hatte Streich umgestellt. Im 3-4-3 mit Schlotterbeck als zentralem Innenverteidiger spielte Freiburg eine gute Partie gegen Augsburg, in der ein im Ergebnis eher unglückliches Unentschieden erreicht wurde. Die Balance zwischen Offensive und Defensive sah aber ganz gut aus. Gladbach hat zwar eine andere individuelle Qualität und bewegt sich aus den Positionen heraus ganz anders als Augsburg, aber die grundsätzliche Aufteilung ist nicht unähnlich. Viererkette, zwei zentrale Mittelfeldspieler, zwei Flügel. Augsburg baute noch eher mit Dreierkette auf, blieb auf den Flügeln breiter und hatte ein 4-4-2-Pressing, Gladbachs Mittelfeldspieler kippten nicht so häufig ab, pressten eher im 4-2-3-1 und suchten im Aufbau das Zentrum. Die Anpassungen an den Gegner mussten nicht durch eine Veränderung im System vorgenommen werden, sondern lagen im Detail. Streich konnte seine Aufstellung, die im letzten Spiel gut funktioniert hatte, also beibehalten.

  Grifo Demirovic Höler  
Günter Höfler   Santamaria Schmid
  Gulde Schlotterbeck Lienhart  
    Müller    

 

2. Das Spiel gegen den Ball

3-4-3, 5-3-2 oder 5-4-1 unterscheiden sich nur durch die Höhe der Flügelverteidiger und der Außenstürmer. Es sind eigentlich keine unterschiedlichen Systeme. Dass es in diesem Fall über 90 Minuten gesehen eher ein 3-4-3 war, kann man sich dann anhand der durchschnittlichen Positionierungen herleiten.

Gerade beim Pressing ist der Vergleich zum Spiel gegen Augsburg interessant. Im Groben hatte man ähnliche Mechanismen. Grifo, Demirovic und Höler liefen recht hoch an. Spielte Gladbach auf die Außen, rückten entweder Schmid und Günter weit heraus bis auf die gegnerischen Außenverteidiger. Abgesichert wurde dieses Herausrücken dadurch, dass die Dreierkette eben auch stark auf diese Seite verschob (was man leider nur selten im TV sehen kann).
Interessant waren dann die Bewegungen der Sechser und der Innenverteidiger. Embolo und Stindl lassen sich gerne weit zurückfallen. Diese Bewegungen wurden teilweise von den Innenverteidigern verfolgt, die dann ihre Position verlassen mussten. Schlotterbeck schien in der ersten Halbzeit besonders auf Embolo fokussiert zu sein. In der zweiten Hälfte wurde der Gladbacher Stürmer eher von Gulde verfolgt. Das stand wahrscheinlich in einen Zusammenhang mit der frühen gelben Karte von Schlotterbeck.
Santamaria und Höfler waren nicht direkt den Gladbacher zentralen Mittelfeldspielern zugeordnet, sondern besetzten den zentralen Raum und entschieden dann, ob sie nach vorne Druck machen (die Sechser verfolgen) sollten oder doch lieber nach hinten absichern. In der ersten Halbzeit entschieden sie sich häufiger für die riskante Variante. In der zweiten Halbzeit unterstützen sie häufiger die Innenverteidiger. Insgesamt verteidigte man in der Schlussphase häufiger in der eigenen Hälfte. Ohne sich zu sein, würde ich sagen, dass man das durch die Kondition und die Wechsel erklären kann.

Wenn man hoch gegen Gladbach pressen möchte, hat man immer das Problem, dass bei denen Neuhaus spielt. Das Problem wird noch größer, wenn Zakaria fit ist. Die beiden Sechser positionieren sich recht klug und verlieren den Ball auch dann nicht, wenn sie mal aggressiv angelaufen werden. Das war auch der größte Unterschied zur Anfangsphase gegen Augsburg. Strobl ließ sich im letzten Spiel recht konsequent zwischen die Innenverteidiger fallen, während Khedira recht stur den Platz im Mittelfeldzentrum besetzte, der dann durch den Deckungsschatten der drei Angreifer herausgenommen werden konnte. Das war die perfekte Formation für das Freiburger Pressing mit drei Angreifern. Ginter, Kramer, Neuhaus und Zakaria agierten dabei viel variabler. Die Sechser ließen sich nicht direkt in die Aufbaukette fallen, sondern boten sich hinter der ersten Pressingreihe Freiburgs an.

Freiburg reagierte darauf mit eher zurückhaltender Positionierung von Grifo und Höler, die, wenn der Ball auf der anderen Seite war, eher etwas tiefer standen. Dafür wurden Santamaria und Höfler riskanter ins Pressing eingebunden. Die drei Angreifer waren selten auf einer Linie. Das Pressing wirkte insgesamt recht anspruchsvoll, da es nur wenige klare Mannorientierungen gab, sondern es mehr um Ball und Raum ging. So ist es auch von Außen schwerer zu beurteilen, was der Plan ist und welche Spielsituationen sich einfach mal so ergeben.

Im Ergebnis schaffte man es ganz gut, Gladbach mit dem Pressing in der eigenen Hälfte zu halten. Freiburg hatte sogar einige Ballgewinne, auch wenn sie nicht so hoch waren wie gegen Augsburg. Wenn Gladbach nicht gezielt aus dem Mittelfeld den Weg nach vorne fand, spielten sie häufig recht vertikal über ihre rechte Seite. Die Ballgewinne waren dann gerne im Bereich, in dem sich Linksverteidiger aufhalten oder im Zentrum. (Bsp.: Die Chance von Höler wird hier eingeleitet.)

Gladbach schaffte es aber auch ein paar Mal das Freiburger Pressing halbwegs gezielt zu überspielen. Es entstanden aber dennoch kaum Situationen, in denen sie die hohen Freiburger Positionierungen im Pressing, in Torchancen umwandeln konnte. Das lag auch an einer erneut recht guten Rückwärtsbewegung. Wurde der Sportclub überspielt ging es sofort zurück an den eigenen Strafraum, von wo aus man wieder versuchte die Gladbacher zurückzudrängen.

3. Aufbauspiel

Wie schon gegen Augsburg hatte der Sportclub nur um die 40% Ballbesitz.

Das Pressing übernahm einen großen Teil des Aufbauspiels. 19 abgefangene Bälle, 6 von Schlotterbeck, 4 von Santamaria, 3 von Gulde sind ein ziemlich hoher Wert. Daraus entstanden zum Teil direkt Aktionen nach vorne.

In der tieferen Ballzirkulation war die Rolle von Schlotterbeck recht interessant, der sich sehr variabel mal in die Aufbaukette einsortierte, mal ins Mittelfeldzentrum vorrückte. Es klingt zunächst kontraintuitiv, aber durch das Vorrücken, konnte er Druck aus dem Aufbauspiel heraus nehmen, da sein Gegenspieler ihn in diesen Raum verfolgen musste. Es ist leichter mit zwei Innenverteidigern und dem Torhüter, zwei Pressingspieler zu umspielen als mit drei Innenverteidigern plus Torwart gegen drei Pressingspieler.
Auch in der Konterabsicherung rückte er etwas weiter heraus, was dann Santamaria oder Höfler ermöglichte, sich offensiver ins Angriffsspiel zu integrieren.

Der lange Ball auf Demirovic, später Petersen wurde recht häufig gewählt. Müller hat die meisten versuchten lange Bälle, Lienhart kommt auf Platz zwei. Danach versuchte man die zweiten Bälle zu erobern. Demirovic zeigte sich gegenüber der Partie in Augsburg etwas verbessert im Luftzweikampf (4 von 6 gewonnen).

Es gab auch ein paar Verlagerungen. Gerade Lienhart versuchte manchmal direkt auf Günter zu spielen (wie beim Pfostenschuss von Grifo).

Schlotterbeck hat den flachen Pass durch zwei Ketten hindurch immer im Fuß, zeigte diesen aber wie auch gegen Augsburg nur einmal. Darauf ist das Spiel aktuell noch nicht ausgerichtet.

Auch der typische Aufbau über Außen wurde eher dosiert eingesetzt. Das Pärchen Grifo und Günter funktioniert immer besser. Schmid kommt mit Sallai besser klar als mit Höler, der sich ohnehin etwas zentraler im Aufbau Positioniert.

4. Das letzte Drittel

Freiburg hatte in der Saison häufiger das Problem sich im letzten Drittel zu wenige klare Chancen zu erspielen. Das war in diesem Spiel nicht so: 22 Schüsse, 17 davon im Strafraum und 7 davon auf das Tor, 2 an den Pfosten und 4,02 expected goals. Auf Understat.com sind die expected goals aller Spiele bis zur Saison 2014/15 aufgelistet. Freiburg hatte in keinem einzigen einen so hohen Wert. Auch nicht beim 4:3 gegen Köln mit zwei Elfmetern oder beim 5:1 gegen Nürnberg oder sonst einem Spiel. Man kann gegen diese Statistik Einwände finden, z. B. dass die Chancen von Höler auch wirklich als Doppelchance gewertet wird (einmal 0,39 einmal 0,59 xG), es also weniger xG wären, wenn er den ersten einfach macht, aber dennoch ist das Fazit ziemlich eindeutig: Freiburg war sehr gut (statistisch sogar historisch gut) darin, sich Chancen zu erspielen, nutzte sie aber zu selten.

Der SC Freiburg agierte im letzten Drittel variabler als bisher. Auch schon gegen Augsburg deutete sich die Tendenz an, dass man weniger Flanken schlägt. Durch das schnelle Umschaltspiel kommt man häufiger in Situationen, in denen ein Spieler hinter die letzte Kette starten kann. Höler hatte dadurch seine Doppelchance. Sein Antritt war ziemlich optimal, Demirovic hatte den gut erkannt und spielte den Ball direkt. Auch der Laufweg mit dem Ball vor den Abwehrspieler zu laufen, um ihm nur die Wahl zwischen Notbremse und freiem Schuss zu lassen, war klug gewählt und sauber durchgeführt, aber dann fehlte es eben doch an Glück/ Qualität den Ball auch reinzumachen.

Es gab auch einen langen Ball auf Höler, den er auf Demirovic verlängern konnte. Der verzögerte kurz, Höler ging wieder in die Tiefe, bekam den Ball und wurde dann geblockt (66. Minute).

Auch die Großchance von Petersen wurde durch vertikales Spiel ausgelöst. Gladbach war weit aufgerückt, Schmid, Sallai und Santamaria spielten eine Pass-Klatsch-Steil-Kombination und Santamaria kam bis in den Strafraum durch. Sein Pass in den Rückraum auf Til wurde geblockt, sein zweiter Pass auf Petersen wurde abgefälscht, sodass Petersen den Ball nicht sauber verarbeiten konnte.

Es gab ein paar mehr Distanzschüsse als sonst. Demirovic, Günter und Santamaria waren da zwar nur so halb gefährlich, aber Grifo hatte aus 16 Metern einen sehr guten Versuch, den Sommer nur zur Ecke parieren konnte.

Das Spiel war auch die Rückkehr der Freiburger Standards. Neben dem Tor durch Lienhart hatte Schlotterbeck nach einer Ecke eine sehr gute Gelegenheit (34.) und Sallais Kopfball nach dem Standard aus dem Halbfeld, der sehr an das 1:0 aus dem letzten Heimspiel gegen Gladbach erinnerte, wurde ebenfalls stark von Sommer gehalten. Die direkten Versuche waren weniger gefährlich.

Personell ist besonders Grifo im letzten Drittel hervorzuheben. Er gewann 5 von 6 Dribblings, gab 8 Torschussvorlagen und schoss drei Mal auf das Tor. Somit war er an der Hälfte aller Abschlüsse direkt beteiligt.

Insgesamt kamen aus den Chancen dann zu wenig Tore zustande. Interessanterweise hat sich das auf ziemlich vielen Schultern verteilt. Petersen, Höler, Grifo, Schlotterbeck, Sallai und Gulde (okay, vorher Abseits) vergaben alle mindestens eine sehr gute Chance.

5. Die Tore

Die beiden Gladbacher Tore fallen aus für sie doch recht typischen Situationen, von denen es aber gar nicht so viele in diesem Spiel gab. Das 1:0 war ein wunderschöner Angriff, der gut zu den Gladbachern unter Rose passt: Ginter spielte auf den zurückfallenden Pléa, der anspruchsvoll den halbhohen Ball direkt zu Embolo weiterleitete. Embolo ließ auf Stindl klatschen, drehte sich um Schlotterbeck herum und „ging steil“. Stindl spielte direkt den Pass in den Raum, in den Embolo startete und der machte das Tor.
Das Tor ist auch deshalb so gut, weil die Pässe alle unter Druck gespielt wurden. Demirovic lief Ginter an, Lienhart verfolgte den zurückfallenden Pléa und Schlotterbeck stand direkt hinter Embolo. Stindl konnte sich von Höfler und Santamaria lösen, da die sich zum Ball orientierten. Als Embolo den Ball klatschen ließ, orientierte sich Schlotterbeck zu Stindl und er hatte sehr viel Platz (Lienhart war ja noch aufgerückt). Durch die zurückfallenden Bewegungen hatte sich Gladbach für kurze Zeit Räume eröffnet und konnte diese dann durch die Kombination mit immer nur einem Kontakt nutzen. Am Ende sieht Müller etwas unglücklich aus, da der Ball an seinem angewinkelten Bein vorbeigeht.

Das zweite Tor von Gladbach ist halt individuelle Klasse von Pléa. Die Freiburger Abwehr war in der Rückwärtsbewegung und er hatte nur ein bisschen Platz, den er dann für einen Schuss aus 25 Metern ins lange Eck nutzte. Selbstverständlich kann man sich da auch noch die Abstände der Abwehrspieler genauer ansehen, aber so wirklich frei kam Pléa eben nicht zum Schuss und so ein Ding geht eben auch nicht oft rein. Man kann nicht jeden Schuss aus 25-30 Metern absichern.

Das erste Freiburger Tor passte gut zur Standardstärke in diesem Spiel. Grifo zog die Ecken häufiger an den langen Pfosten. Dort stand dann Santamaria, „pflückte“ den Ball sehenswert aus der Luft, schoss per Fallrückzieher auf das Tor und Lienhart konnte den Ball mit dem Kopf an Sommer vorbei ins Tor lenken.

Das zweite Freiburger Tor erinnert zwar an das Spiel gegen Augsburg, aber so ganz hat man sich an solche Aktionen von Höfler noch nicht gewöhnt. Zentral vor dem Strafraum dribbelte er an drei Gegenspielern vorbei in den Sechzehner, Lainer „stocherte“ nach, traf Höfler und es gab Strafstoß. Grifo verwandelte recht souverän.

6. Fazit und Ausblick

Bei so einem Chancenplus gegen ein Gladbach, das trotz der Aufgabe gegen Real unter der Woche kaum personell rotierte und ein gutes Spiel machte, kann man an der prinzipiellen Spielanlage nur Details kritisieren. Insgesamt war das über 90 Minuten gesehen wahrscheinlich das beste Spiel der Saison. Die beiden Tore von Gladbach waren zu den Zeitpunkten, an denen sie fielen, eher unglücklich aus Freiburger Perspektive. Erst in der Schlussphase durch einen langen Ball von Neuhaus und einem Ballverlust von Höfler am Strafraum kam Herrmann zu zwei weiteren guten Chancen. Ansonsten gab es nur noch eine schöne Szene von Embolo, dessen Pass zu Wendt allerdings etwas zu scharf gespielt wurde, wodurch keine größere Torgefahr entstand. Zwei Tore aus vier guten Chancen (das Tor von Pléa ist keine gute Schussposition) scheint durchaus okay. Freiburg selbst konnte den Raum, den die offensiveren Gladbacher anboten sehr gut nutzen, erspielte sich sehr viele Chancen, machte aber eben auch nur zwei Tore.

Es folgen nun Spiele gegen Bielefeld und Schalke. Freiburg wird nicht so viel Platz erhalten. Mit dem hohen 3-4-3-Pressing kann man dennoch auf hohe Ballgewinne setzen, da die beiden nicht so sicher im Aufbau sind und zumindest der Aufsteiger doch gerne mal riskant über Ortega spielt. Die wiedergewonnene Standardstärke lässt ebenfalls etwas Hoffnung aufkeimen. Besonders positiv ist aber die neue Sicherheit im Zweikampf. Die Dreierkette scheint den individuellen Defensivleistungen fast aller Akteure sehr entgegenzukommen. Der SC Freiburg spielt aktuell nicht wie ein Absteiger, aber das muss ja nicht so bleiben.

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