SC Freiburg – Borussia Dortmund 2 : 1

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Nun aber der Text zu dem ersten Sieg von Streich gegen Dortmund:

1. Aufstellung

Als eine Stunde vor Spielbeginn die Aufstellung veröffentlicht wurde, war diese schon eine kleine Überraschung. Nachdem der Sportclub nun 11 Spiele in Folge im 3-4-3 bestritten hatte, kehrte Streich gegen seinen „Angstgegner“ zum 4-4-2 zurück. (Nachtrag: Ich habe das Frankfurtspiel vergessen, in dem Santamaria und Höfler ausgefallen waren und Lienhart ins Zentrum musste. Das war auch ein 4-4-2, aber eher ein System der unfreiwilligen Sorte.) Was bis zum Anpfiff ungewiss blieb, war, ob Jeong oder Höler die Position der hängenden Spitze einnehmen würde. Kurz nach Spielbeginn stellte sich dann heraus, dass Streich sich für Jeong entschieden hatte. Wahrscheinlich waren die Gründe dafür, dass er sich eben doch besser in den zentralen Räumen anbietet und dort aufdreht, während Höler mit seiner Robustheit und Zweikampfstärke seine Stärken fast überall auf dem Feld einbringen kann.

  Jeong   Demirovic  
Grifo Höfler   Santamaria Höler
Günter Schlotterbeck   Lienhart Schmid
    Müller    


Im Spiel zeigte sich dann auch, warum Streich gegen Dortmund auf ein 4-4-2 setzte. Es hatte größtenteils mit der Herangehensweise gegen den Ball zu tun.

2. Der Dortmunder Aufbau und das Freiburger Pressing

Dortmund spielte im 4-1-4-1. Die Aufteilung war im Groben recht simpel: Haaland, Sancho und Reyna wurden von der Viererkette übernommen. Die Achter Brandt und Reus wurde häufig sehr eng von Santamaria und Höfler verfolgt. Grifo und Höler orientierten sich an den Außenverteidigern Can und Guerreiro, blieben aber nicht durchgehend bei ihnen, sondern sicherten mal tiefer ab oder liefen mal seitlich durch, wenn ihre Gegenspieler im Deckungsschatten waren.
Kommen wir zum spannenden Teil: Auf Dortmunder Seite blieben noch der Sechser Delaney und die Innenverteidiger Hummels und Akanji übrig, auf Freiburger Seite die beiden Stürmer Jeong und Demirovic. Dortmund konnte damit ein Dreieck bilden, das von den zwei Stürmern abgedeckt werden musste. Das funktionierte durch das kluge Verschieben von Jeong und „Demi“. Einer war beim Sechser, der andere lief „seinen Innenverteidiger“ an. Wenn der Ball dann zum anderen Innenverteidiger gespielt wurde, lief der Stürmer vom Sechser zum anderen Innenverteidiger. Während des Laufs vom Sechser zum Innenverteidiger war Delaney folglich im Deckungsschatten und konnte nicht direkt angespielt werden. Somit hatte der andere Stürmer Zeit sich von seinem Innenverteidiger zum Sechser fallen zu lassen. Spielte Dortmund den Ball dann wieder zurück, ging das Ganze wieder von vorne los.
Das ist an und für sich der normalste Pressingmechanismus der Welt. Er war aber sauber und aggressiv ausgeführt und darauf kommt es an. Jeong und Demirovic hatten in Unterzahl Delaney, Hummels und Akanji absolut im Griff. Und dadurch, dass auch Santamaria und Höfler Brandt und Reus keinen Platz ließen, kam Dortmund praktisch nie durch das Zentrum hindurch. 38,2% Ballbesitz verteilten sich auf die Aufbaukette Hummels, Akanji, Guerreiro und Can. Die vier hatten somit mehr Ballbesitz als der Sportclub insgesamt.

Dass das Pressing so gut funktionierte, lag aber auch an Dortmund. Die Außenverteidiger blieben recht tief und die Innenverteidiger waren noch etwas aufgerückt. Hätten Akanji und Hummels zwischen sich einen etwas größeren Abstand gelassen, wären die Wege von Jeong und Demirovic zu weit geworden. Auch klügere Bewegungen von Delaney hätten die Anspieloptionen vermehrt. Wenn man sich beispielsweise Samassekou in Hoffenheim oder Aranguiz (Leverkusen) anschaut, suchen diese Sechser immer die Lücke zwischen den Pressingspielern. Delaney blieb meistens recht stur stehen.
Dortmunds Reaktion auf das Pressing sah anders aus.

Guerreiro löste sich mit der Zeit immer häufiger von seiner Position und ging ins zentrale Mittelfeld. Währenddessen ließ Can sich dann in die Aufbaukette fallen.
Freiburg agierte dann meist etwas tiefer und veränderte zusätzlich die Staffelung. Grifo rückte auf und Höler, der ohnehin etwas tiefer agierte als Grifo, ließ sich fallen und rückte etwas ein. Kurzfristig entstand so ein 4-3-3 im Pressing. Das Resultat blieb aber ohnehin dasselbe. Dortmund kam praktisch nie durch das Zentrum. Freiburg hatte ein paar hübsche Ballgewinne – wie zum Beispiel in der 10. Minute als Hummels den Ball ins Aus spielen musste – aber kamen daraus selten selbst zu Abschlüssen.

Um hier ein erstes Zwischenfazit zu ziehen: Das Pressing war selbst für Streichsche Verhältnisse auf einem enorm hohen Niveau. Dortmund kam über 90 Minuten aus dem eigenen Aufbau heraus kaum zu guten Durchbrüchen. Die Szene, in der Haaland aus ein paar Metern zum Abschluss kommt, resultierte aus einer Standardsituation und Gegenpressing von Freiburg; das Tor eben aus einem Ballgewinn im Mittelfeld. Die Räume hinter dem Angriffspressing konnten nicht genutzt werden.
Der Lattenschuss von Can sei hier noch kurz erwähnt. Der Schuss war gut, aber eigentlich ist es schon okay, wenn jemand aus 30-35 Meter abziehen kann. Das sollte man der Abwehr nicht anlasten, da es ja nur eine sehr kleine Chance ist, die man da zulässt und nicht überall auf dem Feld verhindern kann. Das Ergebnis (Lattenschuss) verfälscht da manchmal die Größe der Chance.

3. Aufbau und letztes Drittel

Das Aufbauspiel war gar nicht so unambitioniert. Dortmund presste meistens nur mit einem Stürmer. Wenn Lienhart und Schlotterbeck sich den Ball zwei-, dreimal hin und her spielten, hatten sie genug Platz für einen gezielten Pass. Höfler musste fast nie zwischen die Innenverteidiger abkippen. Für die flachen Pässe ließ sich Jeong auch ganz gut zurückfallen.

Ein ganz hübsches Element gab es auf der linken Seite. Wenn Schlotterbeck genug Platz hatte, kombinierte er sich mit Grifo oder Günter ins Mittelfeld, während Höfler dann für ihn absicherte. Die Abstimmung war ganz gut und für das 4-4-2 aber auch sehr wichtig. Im 3-4-3 hätte sich Höfler hier nämlich nicht fallen lassen müssen. (Nachtrag 2: Diesesmal gab es also keine Abstimmungsprobleme bei der Umstellung auf Viererkette wie beim 1:0 durch Younes gegen Frankfurt (ungesichertes Herausrücken von Gulde).)
Neben diesen konstruktiven Wegen nach vorne gab es auch einige Ballgewinne im Mittelfeld.

Insgesamt kam man im Verhältnis zum Ballbesitz recht häufig in gute Angriffssituationen im letzten Drittel. Dort versuchte man sich in den Strafraum zu kombinieren. Zum Beispiel legte Grifo einmal per Hacke für Günter vor oder Jeong einmal per Hacke für Grifo. Die Dortmunder bekamen den Strafraum in diesen Szenen ganz gut verteidigt. Das lag aber teilweise auch an fehlender Präzision in den Freiburger Angriffen. Es gab mehrere Situationen, in denen Grifo den Ball auf Höler spielte und entweder der Pass oder die Annahme nicht gut waren. In der ersten Halbzeit kam man zweimal recht frei zum Schuss, aber Jeong zielte viel zu zentral und Grifo „ballerte“ das Spielgerät 20 Meter über das Tor, was nun wirklich untypisch für ihn ist.
Zusätzlich gab es noch zwei vielversprechende Flanken. Einmal in der 11. Minute nach einem Standard. Schlotterbeck legte quer und Höfler kam vor dem leeren Tor nicht an den Ball. Die zweite war in der 44. Minute als Jeong Schmid hinter die Kette schickte und Hitz die flache Hereingabe abfing.

Die beiden Tore fielen dann eher untypisch für den Sportclub in dieser Saison – und zwar durch Distanzschüsse. Jeong nutzte seine zweite Chance aus 20 Metern. Erneut war er ziemlich frei. Und Schmid sammelte den abgeprallten Schuss von Grifo ein und schoss von der Sechzehnerkante. Hitz lenkte den Ball über den Pfosten, an seinen eigenen Rücken und dann ins Tor.

4. Umstellungen

Nach dem 2:0 machte Dortmund etwas mehr Druck und stellte in der 60 Minute auf ein 4-1-3-2 um. Es kamen Moukoko und Dahoud für Reus und Delaney. Freiburg ließ sich etwas tiefer fallen, hatte weniger Balleroberungen, ließ aber kaum etwas zu. Zwischen der 52. und der 75. Minute gab es einen Distanzschuss von Moukoko nach eigenem Dribbling. Immerhin traf er den Außenpfosten. Und es gab noch eine Kombination in den Strafraum, wo dann Sanchos Schuss geblockt wurde.
Das 2:1 hatte sich ähnlich wenig angekündigt wie die Tore vom Sportclub.
Höfler verlor eine Drei-Gegen-Eins-Situation, Haaland lief auf den Strafraum zu, legte quer zu seinem Nebenspieler und Moukoko und der „zog direkt ab“.

Streich reagierte sofort, brachte Gulde für Grifo und stellte auf ein 5-4-1 um. Ab diesem Zeitpunkt gab es kaum noch Entlastung für den SC. Aber im Gegensatz zur Schlussphase gegen Stuttgart spielte sich der BVB keine weiteren guten Chancen heraus. Es gab noch eine geblockte Halbfeldflanke, die zu einem Schuss von Moukoko führte. Aber damit endete das Spiel mit diesem 2:1.

5. Spielfazit (Hummels-Interview)

Hummels erzählte Sky nach dem Spiel, dass Dortmund nicht so schlecht gespielt hätte und Freiburg kaum Chancen erarbeitet, aber trotzdem zwei Tore erzielt hat. Es klang wie ein Vorwurf, dass Dortmund von Außen zu schlecht geredet wird, man aber eigentlich nur Pech hat. Auf einer oberflächlichen Ebene hat er in diesem Spiel selbstverständlich recht. Dortmund hatte mehr und die besseren Abschlüsse. Konkret waren es zwei Großchancen (Moukoko und Halaand) und Freiburg hatte keine. Zusätzlich hatte der BVB enorm viel Ballkontrolle und war gerade in der 2. Halbzeit sehr oft im letzten Drittel.

Hummels blendete aber zweierlei bei seiner Aussage aus. Das eine ist der normale Einwand gegen Statistiken wie Torschüsse und expected Goals. Freiburg war schon recht häufig in guten Situationen und wäre eben fast zu guten Abschlüssen gekommen. Dass Höfler an der Hereingabe von Schlotterbeck vorbeirutschte, taucht in diesen Statistiken nicht auf. Dennoch bleibt es richtig, das Dortmund „einen Tick gefährlicher“ war.
Sein Statement wirkte aber nicht aus diesem Grund komisch. Vielmehr ging es darum, dass er nicht berücksichtigte, wie groß der Abstand zwischen dem BVB und Freiburg ist. Hätte Hummel bei dieser Aussage ein Bremen-Trikot getragen und auf den Fakt hingewiesen, dass der Gegner schon auch etwas Glück bei der Chancenverwertung hatte, wäre das absolut verständlich gewesen. Dann hätte sich acuh Streich Fragen müssen, warum man in der ersten Halbzeit nur zu 40% Ballbesitz und zwei Schüssen gekommen wäre. Der Anspruch von Dortmund ist aber ein anderer als der von Bremen gegen Freiburg. Denn so unglücklich war die Niederlage dann auch nicht – gerade weil Dortmund sich kaum Chancen herausspielen konnte und dann aber Jeong zweimal sehr viel Platz ließ. Den Raum hat Freiburg Reyna und Sancho eben nicht gegeben.

Um es nun aber aus Freiburger Perspektive noch kurz zusammenzufassen:
Das Pressing und Aufbauspiel waren gegen diesen Gegner sehr ambitioniert und aufgrund der sauberen Ausführung auch sehr effektiv. Durch die mangelnde Präzision im letzten Drittel konnte man sich dann leider nicht immer für diese super Grundlagen des Spiels belohnen und kam nicht zu so vielen guten Abschlüssen. Das wiederum wurde mit etwas Glück bei der Chancenverwertung kompensiert. Es war ein knappes Spiel mit leichten Vorteilen für Dortmund. Ein Spiel, in dem Freiburg aber sehr gut einen und mit etwas Glück drei Punkte erreichen konnte – und genau das ist dann das „obere Ende“ des Freiburger Anspruchs bei einem Spiel gegen Dortmund.

6. Einzelspieler

Grifo in Topform wäre sicher an drei bis vier Torschüssen mehr beteiligt gewesen. Die mangelnde Präsenz im letzten Drittel hatte durchaus mit ihm zu tun. Interessanterweise war er aber defensiv der stärkste Spieler auf dem Platz. Er hatte die meisten Tackels, die meisten abgefangenen Bälle und die meisten gewonnenen Zweikämpfe.
Zusätzlich hat er das 1:0 vorbereitet und war auch beim 2:0 beteiligt. Sein abgeblockter Schuss landete am Ende bei Schmid.

Jeong passte ziemlich gut in die Rolle „schwimmender Neuneinhalber“ im Streichschen 4-4-2. Er bot sich im Aufbau gut an und leitete den Ball weiter. Exemplarisch war die Szene vor dem 2:0. Aber auch im letzten Drittel lief er sich schön frei und kam eben zu seinen zwei Schüssen aus unbedrängter Situation.
Im Spiel gegen den Ball hat er sich vollständig integriert. Ich glaube, dass dies auch nicht das Problem zu Saisonbeginn war, sondern die Konstanz in seinen Aktionen mit und ohne Ball über 90 Minuten.

Santamaria hat Brandt aus dem Spiel genommen. Das war defensiv sehr beeindruckend. Und zusätzlich verhielt er sich sehr gut im Umschaltspiel. Es ist immer noch etwas verwunderlich, dass der Sportclub einen „fertigen“ Spieler auf diesem Niveau verpflichten konnte.

Müller hatte 5 Paraden. Besonders die gegen Haaland aus der 13. Minute bleibt in Erinnerung. Er lief dabei die abgefälschte Flanke mit und war beim Abschluss im richtigen Eck.