SC Freiburg 2020/21: Spieltag 1 – 13

1. Weihnachtsfazit

Im Umfeld des SC Freiburg hat sich eine relativ deutliche Erzählung nach den ersten 13 Spieltagen herausgeschält. Bis zur 45. Minute des 8. Spieltags war es schlecht, danach wurde es besser. Die Tendenz davon ist vielleicht richtig, aber gerade die ersten 8 Spiele bekommt man gar nicht so leicht in eine Gesamtbewertung zusammengefasst und da waren auch wirklich nicht schlechte Partien dabei. Eine kurze Einzelbetrachtung der Spiele schient sich hier also zu lohnen.

2. Spieltag 1 bis 8


  1.  Stuttgart (3:2): Gute und effiziente 60 Minuten, danach defensiv instabil.
    2. Wolfsburg (1:1): SC mit mehr vom Spiel, aber zu wenig Durchschlagskraft im letzten Drittel. Da war ein „Dreier“ drin.
    3. Dortmund (0:4): 30 Minuten ein chancenarmes Spiel gehalten und dann doch klar in allen Belangen unterlegen gewesen.
    4. Bremen: (1:1): Siehe Wolfsburg, aber fast noch unglücklicher. Reiht sich aus Bremer Perspektive aber gut in eine Zeit ein, in der sie sich so einige Punkte „ergaunert“ haben.
    5. Union (1:1): Wieder ein Unentschieden, aber dieses Mal eher ein glückliches. Union war besser.
    6. Leverkusen (2:4): Ein gutes Spiel mit eigenen Chancen und einer stabilen eigentlich Abwehrleistung. Leider hatte Höfler drei Aussetzer, die von keinem anderen Spieler „ausgebügelt“ werden konnten.
    7. Leipzig (0:3): Spiel war okay, der Gegner aber einfach zu gut. Ähnlich wie gegen den BVB.
    8. Mainz (1:3): Schreckliche Konterabsicherung in der ersten Halbzeit führt zu drei Gegentoren und es hätten mehr sein können. Die zweite Halbzeit war okay.

Dieses erste Viertel der Saison war insgesamt keine „Katastrophe“ und auch deutlich besser als beispielsweise die Rückrunden der Saisons 2017/18 oder 18/19, aber bis auf die ersten 60 Minuten gegen Stuttgart fehlten die Highlights. In verschiedenen Spielen gab es verschiedene Probleme. Mal fehlte die Durchschlagskraft, mal die Chancenverwertung, mal gab es individuelle Fehler. Konstant war aber die fehlende defensive Stabilität. Mit der Ausnahme des Spiels gegen Wolfsburg ließ man immer zwischen 13 und 26 Torschüsse zu, wovon zwischen 4 und 8 auf das Tor kamen. Die expected Goals der Gegner lagenen zwischen 1,28 und 3,2.
Man merkte den Abgang von Koch dann doch mehr, als manche vielleicht dachten. Streich sprach häufig davon, dass es dem Team insgesamt an körperlicher Größe und Stärk fehle.

Taktisch hatte Streich in den ersten acht Spielen recht flexibel agiert. Am interessantesten war das 4-1-4-1 am ersten Spieltag (ungewöhnlich die alleinige Doppelsechs und der sehr kombinative Ansatz im offensiven Mittelfeld) und das 3-4-1-2 gegen Leipzig mit Tempelmann als Zehner. Beide Formationen waren untypisch. Daneben wurde sonst fast immer 4-4-2 gespielt, gegen Dortmund 3-4-3.

3. Umstellung auf 3-4-3 (Spieltag 9 bis 13)

Nach dem Spiel gegen Mainz griff Streich auf das 3-4-3 vom zweiten Spieltag (und der letzten Saison) zurück und stellte tatsächlich möglichst viele große und zweikampfstarke Spieler in die Startaufstellung. Die Dreierkette besteht seitdem aus Gulde, Schlotterbeck und Lienhart, im Sturm kommt der dynamische Demirovic häufiger zum Zug (der sich in Luftzweikämpfen langsam etwas besser schlägt). Der zusätzliche Innenverteidiger ersetzt einen Flügelspieler oder den zweiten Stürmer. Die Doppelsechs Santamaria und Höfler bleibt bestehen. Nur in der vorderen Dreierreihe wird teilweise gewechselt. Das scheint durchaus einen Effekt zu haben. Der Sportclub wirkt seitdem tatsächlich etwas robuster in seinem Auftreten.

Es hat sich aber auch der Fokus verändert. Nach dem Spiel gegen Mainz gab es keine Partie mit mehr als 48% Ballbesitz und einer Passquote von 79%. Die Passquoten waren davor auch nicht viel besser, aber es gab Spiele gegen Mainz (71% Ballbesitz), Bremen (63% Ballbesitz) und Wolfsburg (immerhin 53% Ballbesitz) mit mehr Spielanteilen. In den letzten fünf Spielen ging es wieder eher um ein gut ausgeführtes Pressing und eine disziplinierte Rückwärtsbewegung nach Ballverlust. Dies zeigte Wirkung: Man ließ nur zwischen 5 und 12 Schüsse zu, davon zwischen 2 und 4 auf das Tor und zwischen 0,38 und 1,67 expected Goals für den Gegner.

Die Laufleistungen unterschieden sich nicht sehr. Das intensivste Spiel war ironischerweise das gegen Mainz 05 mit 122,9 gelaufenen Kilometern.

4. Abläufe im 3-4-3

Die Pressingmechanismen im 3-4-3 sind recht klar. Der zentrale Stürmer hat die Aufgabe den Weg ins Zentrum zu schließen. Stehen die drei gut, laufen sie so an, dass die Verteidiger auf die Außen gedrängt werden, entweder abbrechen müssen und zum Torwart zurückpassen oder den Außenverteidiger ins Aufbauspiel einbinden. Dann rücken Günter oder Schmid vor, die Sechser schieben zu und der Gegner wird in einen Zweikampf verwickelt. Meisten spielt der Außenverteidiger dann einen unsauberen Pass.
Ein weiteres Charakteristikum des neuen 3-4-3 sind Mannorientierungen gegen die Angreifer. Lienhart, Gulde und Schlotterbeck verfolgen ihre Gegenspieler sehr weit, wenn diese zurückfallen. Dies kann von den Sechsern und den anderen Innenverteidigern viel leichter abgesichert werden als im 4-4-2.

Wie gewohnt wird das Pressing aber flexibel ausgeführt. Streich passt den Plan an jeden Gegner an. Innerhalb der Spieler variiert besonders die Pressinghöhe.

Der Fokus auf das Spiel gegen den Ball und das insgesamt vertikalere Spiel mit dem Ball hilft dem Sportclub aktuell aber auch dabei, Chancen herauszuspielen. Gegen Augsburg gab es davon zwar nicht ganz so viele, weil die hohen Ballgewinne nicht so gut ausgespielt wurden, aber schon in der nächsten Partie gegen Roses Mönchengladbach spielte man sich den zweithöchsten xG-Wert der bisherigen Bundesligasaison heraus (Platz 1: die Bayern gegen Schalke). Und auch gegen Bielefeld, Hertha und mit Abstrichen Schalke hatte man eher mehr Chancen als in den Spielen zum Saisonauftakt.

Die Wege nach vorne sind wieder etwas variabler. Hohe Ballgewinne oder Pässe hinter die letzte Kette im Umschaltspiel (gerade von Demirovic) werden bei diesem Pressingfokus selbstverständlich häufiger. Bei drei sehr klaren 1-gegen-1-Situationen scheiterten Grifo und Höler, während Jeong sehenswert Ortega „überlupfte“.

Im Aufbauspiel sieht man aktuell unterschiedliche Varianten. Der Aufbau über die Außenverteidiger, durch das Zentrum, diagonale Spielverlagerungen usw. Es geht aber auch wieder mehr über die zweiten Bälle nach langem Pass auf den Stürmer. Durch die Variabilität im Aufbauspiel zieht man die gegnerischen Formationen etwas auseinander. Sie können nicht antizipierend den einen Raum besetzen, der immer angespielt wird. So schaffen Gegner es auch aktuell nicht, die Rückfallbewegungen von Grifo in den Griff zu bekommen, der in dieser Saison Dreh- und Angelpunkt des Freiburger Spiels ist.

Zu guter Letzt ist Freiburg durch das 3-4-3 vom Flankenfokus des Saisonbeginns weggekommen. Mit nur einem Stürmer gibt es keine Flanken „auf gut Glück“ aus dem Halbfeld in statischen Situationen, da die Erfolgschancen hier gegen Null gehen würden. Flanken werden nur gespielt, wenn man sich über Außen durchkombiniert und/ oder der Flügelverteidiger in den Strafraum nachrückt (Bsp.: Schmid mit der Direktabnahme gegen Schalke) oder in dynamischen Vorstößen (Bsp.: Sallais Kopfball gegen Schalke). Die statistisch immer noch hohe Flankenanzahl ist durch Ecken und Standards zu erklären. Man erspielt sich aber mehr Chancen durch Kombinationen in den Strafraum oder auch Distanzschüssen als zu Saisonbeginn.

5. Ausblick

Der SC Freiburg hat nun fünf Spiele hintereinander nicht verloren und die letzten drei gewonnen. Man steht nun auf dem 10. Platz, hat bereits 17 Punkte nach 13 Spielen und eine Tordifferenz von -3. Der Relegationsplatz (Arminia Bielefeld, 10 Punkte) ist in weite Ferne gerückt und die drei letzten Bundesligisten machen aktuell nicht den Anschein, als würden sie in nächster Zeit durchstarten. Auch wenn für einen Verein wie den SC Freiburg mit ein bisschen Verletzungspech und ein paar unglücklichen Spielverläufen im negativen Sinne alles möglich ist, sieht es aktuell doch ganz gut aus, was den Klassenerhalt oder sogar die immer gewünschte „ruhige Saison“ angeht.

In den letzten fünf Spielen hatte man immer mehr Schüsse, mehr Schüsse auf das Tor und einen höheren xG-Wert als der Gegner. Das war in den ersten 8 Spielen nur gegen Wolfsburg der Fall.

Hoffnungsvoll stimmt auch die Entwicklung der Bankspieler im offensiven Bereich. Demirovic, Sallai, Petersen und Höler wechseln aktuell häufiger durch und scheinen sich gegenseitig gut ersetzen zu können. Jeong und Kwon werden schon früher eingewechselt (und gerade Jeong traue ich noch eine gute Entwicklung als immer früherer Einwechselspieler zu). Einen offensiven Stammplatz hat aktuell nur Grifo, der bisher eine fantastische Saison spielt.

Zu den Punkten, die einen vielleicht skeptisch werden lassen könnten:
a) Offensiv hängt gerade sehr viel an Grifo und man kann sich fast nicht vorstellen, dass er diese Form über die nächsten 20 Spiele halten kann. Diese spielmachende Funktion müsste dann von Jeong, Sallai und Schmid mit übernommen werden. Oder Santamaria und Höfler müssten noch eine größere Rolle im offensiven Mittelfeld als Torschussvorbereiter spielen. Höfler hat ja schon zwei Assists nach sehenswerten Dribblings gesammelt.

b) In der letzten Saison holte der Sportclub einige Punkte gegen Top-Teams, ließ aber viel gegen Abstiegskandidaten liegen. Aktuell scheint es umgekehrt zu sein. Man muss allerdings schon zugeben, dass die Gegner in den letzten fünf Spielen, entweder nicht so gut oder nicht so gut in Form waren. Mit etwas Glück läuft das so gegen Hoffenheim und Köln weiter, aber so richtig vorstellen kann man sich das nicht. Mit den fünf ungeschlagenen Spielen im Rücken könnte sich aber auch eine Art Schwung entwickeln, der auch über Spiele gegen die besseren Gegner trägt.

Fazit: Der SC Freiburg hat nun gut in die Saison gefunden und sich etwas Platz nach unten verschafft. Mit Grifo, Demirovic, Jeong, Sallai, Lienhart, Santamria und Schlotterbeck gibt es interessante Entwicklungen im individuellen Bereich, die durch ein recht stabiles System ermöglicht werden. Wie es allerdings weitergeht, ist noch nicht so richtig abzusehen.

 

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