Saisonauftakt 2021/22 (Spieltag 1-3)

1. Die Aufgaben zum Saisonauftakt

Schon früh in der Saison sah sich der SC Freiburg mit sehr unterschiedlichen Aufgaben konfrontiert. Bielefeld, Stuttgart und Dortmund sind jeweils als ein individuell stärkeres, ein schwächeres und ein etwa gleich starkes Team einzuschätzen. Bielefeld agierte viel mit langen Bällen, Dortmund und Stuttgart eher mit Kombinationen durch das Zentrum. Bielefeld und Dortmund spielten mit einer Raute im Zentrum, Stuttgart mit einer Dreierkette in der Abwehr. Nur was die Spielverläufe angeht, war die Abwechslung nicht ganz so groß. Einmal musste man über 90 Minuten bei einem 0:0 die Balance zwischen Offensive und Defensive halten, zweimal konnte man schon früh in Führung gehen und nach einer gewissen Zeit eher auf das Umschaltspiel setzen. In Rückstand ist der Sportclub noch nicht geraten.

Interessant waren insbesondere die taktischen Anpassungen von Streich – gerade gegen Dortmund und Stuttgart. (Zum Spiel gegen Bielefeld mit Ortega als besondere Herausforderung gibt es hier bereits den Text auf dem Blog.)

2. Sehr enge Verteidigungsformation gegen Dortmunds Raute

Das Spiel gegen Dortmund hätte nicht besser beginnen können. Mit dem Freistoßtor von Grifo hat man nun schon früh in der Saison ein Highlight, an das man sich immer wieder gerne zurückerinnern wird.

An der Ausgangslage des Spiels änderte das frühe Tor aber nur wenig. So oder so hätte Dortmund mehr agieren müssen und Freiburg hätte eher auf den Umschaltmoment warten können. Die Favoritenrolle war ja klar verteilt. Der BVB agiert unter Rose in einer Mittelfeldraute: Dahoud als Sechser, Bellingham und Reyna als Achter und Reus als Zehner. Das Spiel ist somit enorm auf das Zentrum ausgelegt. Diese Spielanlage wurde noch durch die Ausfälle von Meunier und dem nicht fitten Guerreiro verstärkt. Schulz und Passlack sind nicht die passenden Außenverteidiger für ein System ohne Flügelspieler vor ihnen.

Streichs Plan adressierte genau diese Konstellation. Er ließ den Sportclub im 4-4-2 auflaufen und wies die Außenspieler offensichtlich an, das Zentrum zu verdichten und sich nicht herauslocken zu lassen. Die Partie spielte sich somit fast nur im zentralen Drittel der Freiburger Hälfte ab. Das führte dazu, dass Dortmund zwar zu einigen Abschlüssen kam, die meisten aber unter Bedrängnis oder aus der Distanz abgegeben werden mussten. Von 18 Schüssen kamen folgerichtig nur 4 auf das Tor. Neben der klugen taktischen Einstellung lag das auch an hervorragenden individuellen Leistungen von Nico Schlotterbeck und Lienhart.

Das Gegentor fiel übrigens nach einem der ganz wenigen Angriffe, die zwar vom Zentrum aus initiiert, dann aber schlussendlich über Außen ausgespielt wurden.

Der SC Freiburg machte auch offensiv eine gute Partie und zeigte seine Effektivität. Aus nur 24% Ballbesitz und 7 Schüssen, konnte man ebenso wie der BVB 4 Schüsse auf das Tor bringen und hatte sogar einen ganz leichten Vorsprung bei den expected goals. Das unterscheidet dieses Spiel vom Sieg in der letzten Saison, bei dem man defensiv auch gut aussah, aber offensiv nur wenig Akzente setzen konnte. Damals gewann man nur aufgrund der aberwitzigen Chancenverwertung. Das Umschaltspiel sieht schon früh in der Saison ganz gut aus.

3. In-Game Coaching gegen Stuttgart

Das Spiel gegen Stuttgart war aus taktischer Perspektive sogar noch etwas interessanter als das Spiel gegen Dortmund. So erfrischend der kombinative und offensive Ansatz von Matarazzo ist, Streich legte die Schwachstellen Stuttgarts gnadenlos offen. Sie lassen sich gut anhand des 1:0 und des 3:0 herausarbeiten.

Beim 1:0 presst Stuttgart hoch, was Freiburg durch Chipbälle von Flekken und Lienhart, die sich beide sehr tief positionierten, leicht überspielen konnte. Da Stuttgart dann im Mittelfeld nicht mehr so viel Personal hatte, kam Freiburg an den zweiten Ball und verlagerte über Keitel auf die linke Seite. Grifo und Günter spielten die Überzahl des 4-4-2 gegen Stuttgarts Dreierkette mit einfach besetzten Flügeln aus. Somit musste ein Innenverteidiger (Mavropanos) herausrücken, Kempf und Anton standen allein gegen Höler und Sallai im Strafraum und Jeong entzog sich der Bewachung von Endo. Endo sah dabei nicht gut aus. Aber normalerweise kann so etwas noch aufgefangen werden. In diesem Fall musste Stuttgart mit drei Defensiven drei Offensive im eigenen Strafraum decken. Hier darf keiner auch nur den kleinsten Fehler begehen.

Das 3:0 attackierte erneut die Schwachstelle über Außen und die hoch aufgerückte Formation. Flekken schlug einen langen Ball hinter den aufgerückten Schienenspieler Sosa auf Sallai. Kempf musste herausrücken und im Strafraum standen Höler und Jeong gegen Mavropanos und Anton. Freiburg spielte es schnell genug aus, dass nicht mehr nachgerückt werden konnte. In diesem Fall war die frühe Flanke das perfekte Mittel.

Mit dem Drei-Tore-Rückstand zeigte Stuttgart aber auch eindrucksvoll, wie gut ihr Kombinationsspiel durch das Zentrum und ihr Pressing ist. Sie kamen zu Chancen und sogar noch zu zwei Toren. Streich reagierte in der Pause. Neben den verletzungsbedingten Wechseln auf der Doppelsechs brachte er Gulde für Grifo und stellte auf ein 3-4-3 um. Er opferte den systematischen Vorteil auf den Außen und gewann dadurch eine Mannorientierung gegen den Ball. Es entstand eine sehr zähe zweite Halbzeit – genau das, was der SC Freiburg brauchte. Der Plan hätte auch schiefgehen können, da Stuttgart gerade zu Beginn der 2. Halbzeit drückte, schlussendlich konnte der SC Freiburg diese Phase aber überstehen und auf eine Halbzeit mit 5 Toren folgte eine Halbzeit ohne ein Tor und kaum nennenswerten Chancen.

4. Fazit: Saisonauftakt

7 Punkte und ein Torverhältnis von 5:3 stellen historisch das beste Ergebnis des Sportclubs dar – und das gegen sehr unterschiedliche Gegner auf unterschiedlichem Niveau. Die Spielweise wirkt seriös und Streichs Matchpläne sind bisher perfekt aufgegangen. Es gab keine neuen Verletzungen und der Spielplan hält mit Köln, Mainz, Augsburg und Hertha bis zur nächsten Länderspielpause interessante Partien auf Augenhöhe bereit.
Auch im Pokal ist man eine Runde weiter und trifft erneut auf einen Drittligisten. Vielleicht schafft man es dieses Jahr in die 3. Runde.
Aktuell lebt es sich sehr entspannt als Freiburgfan.

5. Transfersommer und Entwicklungen der Einzelspieler

Laut Streich spielte sich der einzige Wechsel des Sportclubs ungefähr folgendermaßen ab: Santamarias Familie hatte etwas Probleme im fremden Land anzukommen. Es gab die Anfrage, ob er wechseln dürfe. Die Führung beim SC Freiburg stimmte dem zu, wenn es ein gutes Angebot gibt und ein Ersatz gefunden wird. Das Angebot von Rennes kam (angeblich 14 Mio.) und der Ersatz wurde mit M. Eggestein gefunden. Aus sportlicher Sicht ist der Wechsel wie so häufig eine kleine Wette auf die Spielerentwicklung. Santamaria war wirklich hervorragend in den ersten Momenten des Ballgewinns. Das wird M. Eggestein nicht ersetzen können. Allerdings war Santamaria in Frankreich eigentlich ein eher tiefer Sechser und musste beim Sportclub oft auf der Acht spielen. M. Eggestein passt besser auf die Position neben Höfler. Und sollte der Ex-Bremer auch nur ansatzweise an seine Leistung anknüpfen, die er bei Spielen mit Kruse zeigte, ist er vielleicht sogar qualitativ über Santamaria in seiner letzten Freiburg-Form anzusiedeln. Prinzipiell würde ich den Wechsel eher als leichte Schwächung des Kaders einschätzen, aber eigentlich kann man das aktuell noch gar nicht absehen. Die ersten 45 Minuten von M. Eggestein waren auf jeden Fall solide bis gut. Er fügte sich sehr schnell ein.

Der Rückkehrer Nico Schlotterbeck hatte noch zu beweisen, dass er wirklich zum Bundesliga-Stammspieler geworden ist. Bei Union war er häufig verletzt und machte nur 16 Spiele. Nach den ersten vier unglaublich starken Auftritten in dieser Saison stellt sich diese Frage aber nicht mehr. Kann er diese Leistungen auch nur halbwegs bestätigen, wird er eher in die Fußstapfen von Ginter, Söyüncü und Koch treten und zu größeren Vereinen wechseln. Das Highlight war sicherlich sein Spiel gegen Haaland und die ersten 20-30 Minuten gegen Stuttgart, wo er besonders physisch einiges zeigen konnte. Schon jetzt ist er sehr zentral für das Freiburger Spiel.

Flekken erfüllt die hohen Erwartungen. Gegen Stuttgart leitete sein Aufbauspiel 2 Tore ein. Hätten Ortega oder Neuer das gemacht, wäre darüber deutlich mehr gesprochen worden.

Keitel wird immer Zweikampfstärker, aber er hat teilweise immer noch Probleme mit der Anschlussaktion. Seine Beteiligung am Angriff zum 1:0 gegen Stuttgart zeigte aber, dass es auch im Übergangsspiel in die richtige Richtung geht. Seine Abschlüsse waren bisher gut.

Jeong geht richtig steil. Im Pressing (und im Kombinationsspiel sowieso) konnte man sein Potenzial schon letzte Saison sehen, aber es nahm bei längerer Spielzeit eher ab. Nun scheint er konstant und fit genug zu sein, das auch über 70-90 Minuten durchzuhalten. Gegen Dortmund und im Testspiel hatte er Probleme beim Abschluss. Der Pre-Assist gegen Dortmund und die beiden Tore gegen Stuttgart lassen das aktuell in den Hintergrund rücken.

Kevin Schade konnte ein paar Minuten sammeln – und er war dabei so richtig motiviert. Er hat in den 28 Minuten mehr Fouls und Zweikämpfe bestritten, als Pässe gespielt. Das erinnerte fast an die wildesten Phasen von Amir Abrashi und war genau das, was man in den beiden Schlussphasen mit nur einem Tor Vorsprung brauchte. Die Auftritte trösten darüber hinweg, dass es nicht mehr funktioniert hat, einen weiteren Stürmer zu verpflichten, der das Niveau insgesamt anhebt. Es ist Platz für Schade auf der Bank und vielleicht erlebt er diese Saison noch den ein oder anderen Entwicklungssprung.

Der Rest der Spieler ist ja sehr bekannt.

Wer diesen Blog mit einer kleinen Spende unterstützen möchte, kann das hier tun. Ziel ist zunächst die Finanzierung der Serverkosten. Zusätzlich wäre es schön, wenn sich durch die Spenden ein Sky- und Dazn-Abo bezahlen ließe und ich bei meinem Hobby auf 0 herauskomme. Mehr als 0 nehme ich aber auch gerne…

Eine direkte Überweisung ist für mich selbstverständlich noch besser:

Empfänger: Michael Tschirwa
IBAN: DE 39 6609 0800 0017 4666 17
BIC: GENODE61BBB
Bank: BBBank
Stichwort: Zerstreuung Fussball