Robin Kochs Zeit beim SC Freiburg

Nach drei Saisons beim SC Freiburg, in denen Robin Koch zum Nationalspieler wurde, zieht es den noch recht jungen Innenverteidiger in die stärkste Liga der Welt zu einem der spannendsten Trainer in Europa. Es ist ein Wechsel, der sich nun schon länger abgezeichnet hatte. Der Text wirft einen Blick zurück auf die letzten drei Jahre und die Entwicklung, die Robin Koch unter Streich genommen hat.

1. Warum wollen die eigentlich Koch?

Die Geschichte begann allerdings schon etwas früher, nämlich mit den Transfergerüchten um den damals zwanzigjährigen Innenverteidiger. Auch wenn beim Sportclub nur selten Transferplanungen nach außen dringen, bekam man im Sommer 2017 recht viel mit. Nach einem sehr erfolgreichen siebten Platz in der Vorsaison verließen Grifo und Philipp früh in der Transferphase den Verein. Andere Manager wussten, dass der SC Geld eingenommen hatte und die Transfertätigkeiten verliefen schleppend. Man war ziemlich sicher an Cengiz Ünder dran, der dann doch noch zum AS Rom wechselte und schon in derselben Saison Champions League gegen Barcelona und Liverpool spielte. Stattdessen kamen Kapustka, Kent und Ravet, die sich mit der Zeit doch eher als Missverständnisse herausstellten.
In der Innenverteidigung war man allerdings schon recht gut besetzt. Der SC spielte zu dieser Zeit fast ausschließlich im 4-4-2. Es war das zweite Jahr von Söyüncü, dem man prinzipiell zutraute, fast alle Spiele der kommenden Saison zu bestreiten. Kempf war der zweite für damalige Freiburger Verhältnisse herausragende Innenverteidiger. Dahinter standen Gulde und Niedermeier – letzterer in Klammer – und man hatte sich bereits mit Lienhart ein recht großes Talent aus der zweiten Mannschaft von Real Madrid gesichert. Es gab also bereits vier Innenverteidiger und ein Backup. Die Position war im Prinzip besetzt. Dennoch hörte man immer wieder, dass der SC Freiburg Robin Koch verpflichten will, der 1 FC Kaiserslautern, der gerade aus der 2. Liga abgestiegen war, allerdings auf einer verhältnismäßig hohen Ablösesumme besteht und am Ende angeblich vier Millionen Euro kassierte, damit Koch seinen Vertrag dort auflösen und einen beim SC Freiburg unterschreiben konnte. So richtig hatte man aber nicht verstanden, warum die Verantwortlichen diesen Spieler auf einer bereits gut besetzten Position unbedingt haben wollten.

2. Kochs erste Saison

Mit den ersten Spielen in der Saison konnte man aber prinzipiell schon erahnen, warum ein weiterer Innenverteidiger mit Potenzial zum Team stoßen sollte. Christian Streich setzte vermehrt auf eine Dreierkette, in deren Zentrum zunächst Schuster gesetzt war. Das System, das hier nun schon häufig beschrieben wurde, war zu Beginn recht komplex, vereinfachte sich aber mit der Verletzung von Frantz aber und wurde ziemlich defensiv. Koch, der die Vorbereitung verpasst hatte, wurde am 9. Spieltag zum ersten Mal eingewechselt und spielte am 10. Spieltag zum ersten Mal von Beginn an. Es war nicht die einfachste Phase beim Sportclub. Von den ersten 12 Spielen konnte man nur eines gewinnen. Dennoch war Koch ab diesem Moment Stammspieler und absolvierte in den nächsten 19 Spielen jede Minute.
Neben seinem persönlichen Erfolg lief es dann auch beim Sportclub etwas besser. Die Doppelsechs Haberer/ Höfler hatte sich gefunden, man konnte noch einige Spiele vor der Winterpause gewinnen – eines davon 3:4 gegen Köln – und stand nach dem 17. Spieltag auf dem 13. Platz.

Kurz vor Weihnachten gab es dann noch das Pokalspiel gegen Bremen, das für Koch eine Premiere werden sollte. Höfler fiel aus und Sierro besetzte den Platz neben Haberer. Das funktionierte nicht so gut, wie erhofft. Zur Halbzeit wurde Sierro für Söyüncü ausgewechselt und Koch spielte zum ersten Mal in der 1. Bundesliga auf der Sechs. Zwar hatte er auch schon in der 2. Liga bei Kaiserslautern die Schlussphase im zentralen Mittelfeld verbracht, aber in der 1. Bundesliga was das noch etwas Ungewohntes. Man merkte ihm auch an, dass er mit kleineren Schwierigkeiten auf dieser Position zu kämpfen hatte. Defensiv war er zwar sehr stabil und Kopfballstark, hatte aber mit dem Ball am Fuß Probleme, wenn er von mehreren Seiten unter Druck gesetzt wurde. Das ist nicht untypisch für Innenverteidiger, die ins Mittelfeld vorrücken. Sie sind es gewohnt, das ganze Spiel vor sich zu haben und eine recht geordnete Mannschaft gegen sich anlaufen zu sehen. Das Zentrum hingegen ist recht chaotisch. Es rückt der Flügel ein, von hinten rücken die Stürmer zurück und der gegnerische Sechser presst von vorne. Da Freiburg in dieser Spielzeit aber ohnehin selten den Ball im Zentrum am Fuß hatte, fiel das nicht so sehr auf. Höfler war noch bis zum 24. Spieltag verletzt, konnte erst am 27. Spieltag 90 Minuten spielen und Koch blieb im Mittelfeld.

Die Saison des Sportclubs insgesamt entwickelte sich noch einmal in eine sehr unangenehme Richtung. Zwischen dem 24. und 31. Spieltag gab es keinen Sieg. Streich probierte viel herum, wechselte Systeme, ließ mal offensiver, mal defensiver spielen und wirkte in den Pressekonferenzen häufig sehr genervt. Die Situation war angespannt. Es war klar, dass der Kader mit den Abgängen und Verletzungen nur wenig Spielraum für größere Anpassungen hergab. Besonders im letzten Drittel fehlte es an Durchschlagskraft und Ballsicherheit. Vom 25. bis zum 31. Spieltag schoss Freiburg nur ein Tor und die Spiele sahen zum Teil wirklich fürchterlich aus. Der Tiefpunkt war die erste Halbzeit gegen Mainz 05, mit einem sehr tiefen 5-4-1, nur langen Bällen und einem kuriosen Halbzeitelfmeter. (Die zweite Halbzeit war besser, aber das wird oft vergessen.) Es war das Spiel, nach dem dann viele Fans die Doppelsechs Höfler/ Koch mit reinem Defensivfußball verbanden, was ihr nicht wirklich gerecht wird.
Mit einem 3:2 gegen Köln (Tor Höler und der Assist als Kopfballverlängerung kam von Koch) und einem 2:0 gegen Augsburg am letzten Spieltag schaffte man es gerade noch, die Klasse zu halten.

Streich sprach häufiger in den Pressekonferenzen von dieser schweren Saisonphase und hob dabei Robin Koch hervor, den er trotz starker Rückenschmerzen immer wieder spielen ließ. Die Freiburger Mannschaft lief zu dieser Zeit wohl körperlich ziemlich auf dem sprichwörtlichen Zahnfleisch. Genaueres weiß man nicht, aber es klingt alles sehr danach, dass hier nicht mehr optimal auf die Gesundheit der Spieler geachtet wurde, da die Situation sich zuspitzte. Koch konnte in den letzten Spielen keine 90 Minuten mehr auf dem Platz stehen. Ob sein Ausfall zum nächsten Saisonstart noch damit zu tun hatte, habe ich nicht mehr im Kopf.

Kochs erste Saison beim SC ist schwer zu fassen. Zum einen gab es neben ihm noch den spektakulären Söyüncü, dessen Spielweise einiges überstrahlte. Zusätzlich zählt die gesamte Freiburger Leistung in der Saison (bis auf eine gute Phase zu Ende der Hinrunde und Anfang der Rückrunde) zu den schlechtesten in den Jahren unter Streich. Das hatte zum Ende hin dann auch viel mit einem recht dünn besetzten Kader zu tun, der wohl auch Koch dazu nötigte, mit schmerzen zu spielen. Dennoch schaffte er auf Anhieb den Sprung in die erste Liga, wurde Stammspieler und besetzte zwei unterschiedliche Positionen.
Auch das entscheidende Tor nach Ecke gegen Leipzig und ein zweiter Treffer gleich im nächsten Spiel gegen Frankfurt, die zu einigen Geschichten über ihn und seinen Vater führten, sollen hier nicht unerwähnt bleiben.

3. Die Saison 2018/19: Koch bleibt im Mittelfeld

Die nächste Saison brachte zwar auch nicht mehr Punkte als die schwierige vorherige, verlief aber insgesamt etwas ruhiger. Grund dafür waren ein paar gute Transfers (Heintz, Waldschmidt, Gondorf und Flekken), aber auch der Einsatz von taktischer Flexibilität durch einen polyvalenten Spieler: Robin Koch.
Streich schaffte es zum ersten Mal eine sehr offensive Form der Dreierkette zu etablieren. Ein 3-4-3 mit hohen Außenverteidigern und zwei Außenstürmern, die sich gut zwischen Flügel und Halbraum bewegten. Defensiv war das 3-4-3 zu Beginn noch recht anfällig und es wurde meist erst in Rückstand angewendet. Dann rückte Koch aus dem zentralen Mittelfeld zurück auf die zentrale Innenverteidigerposition. Schnell wurde deutlich, dass das seine perfekte Position ist. Mit seiner Schnelligkeit konnte er die Lücken füllen, die durch das Aufrücken von seinen Innenverteidigerkollegen aufgerissen wurden. Im Spielaufbau war er ein sicherer Ballverteiler und vermehrt spielte er auch seine heute typischen langen Diagonalbälle auf die Außenverteidiger. Mit dem insgesamt verbesserten Spielansatz des Sportclubs, fielen auch Kochs Fähigkeiten im Aufbau deutlich besser auf.

Vom 22. bis zum 31. Spieltag hatte Koch allerdings mit einem Innenbandriss am Knie zu kämpfen. Er war nicht der einzige Innenverteidiger, der zu dieser Zeit ausfiel. Die Verletzungen von Lienhart, Gulde und Koch verhalfen damals den Gebrüdern Schlotterbeck zu ihren ersten Bundesligaminuten. Freiburg näherte sich in dieser Phase noch einmal den Abstiegsrängen, hatte am Ende aber keine Probleme erneut den Klassenerhalt zu sichern.

Trotz kleinerer Probleme gab es nach dieser Saison keinen Zweifel mehr daran, dass Koch zu einem absoluten Schlüsselspieler in Freiburg geworden war. War er fit, spielte er auch, und zwar über 90 Minuten.
Im Sommer gab es erste Wechselgerüchte ins Ausland. Es fielen Namen wie Sevilla oder Rom. Koch blieb allerdings ein weiteres Jahr.

4. 2019/20: Kochs Abschiedssaison

Die letzte Saison haben die meisten noch ganz gut im Kopf, weswegen man nicht allzu viel darüber schreiben muss. Freiburg erreichte den 8. Platz und kassierte dabei nur 47 Gegentore. Der Schlüssel dazu war eine sehr gute, aber sehr tiefe Strafraumverteidigung. Man traute den Defensivspielern zu, auch mal 10 Minuten am eigenen Sechzehner zu verteidigen, ohne durch den erhöhten Druck einen Fehler zu machen. Zwischen Spieltag 1 und 28 machte Koch alle Spiele. Er hatte einen hervorragenden Saisonstart als zentraler Innenverteidiger in der Dreierkette und zeigte gerade defensiv einige herausragende Aktionen, in denen er in letzter Sekunde den Ball klären konnte. Diese Phase bescherte ihm auch eine Einladung von Löw in die Nationalelf, die Verletzung von Niklas Stark ermöglichte ihm sogar direkt einen Startelfeinsatz gegen Argentinien.

In der Rückrunde spielte der SC Freiburg wieder häufiger im 4-4-2 und Koch wurde ins Mittelfeld gezogen. Hier konnte man auch beobachten, dass er seine Schwächen auf dieser Position noch nicht ganz ablegen konnte. Der Dauerstress im Mittelfeld erfordert wohl ziemlich lange Eingewöhnungszeit. Als Teil des sechstbesten Defensivverbundes und insgesamt dem Überraschungsteam der Saison fand Koch allerdings einen würdigen Abschluss seiner Freiburger Zeit. Er reiht sich nun in die sich gut lesende Reihe der Innenverteidiger Ginter, Söyüncü und Toprak ein, die ihren Durchbruch beim SC Freiburg hatten und danach zu einem deutlich ambitionierteren Klub wechselten.

5. Fazit

Trotz erheblicher Konkurrenz konnte sich Koch schon in seiner ersten Saison als Stammspieler durchsetzen. Spätestens in seiner zweiten Saison wurde deutlich, dass er ziemlich bald etwas zu gut für den SC Freiburg sein würde. Dennoch blieb er ein weiteres Jahr und rundete seine Zeit beim Sportclub mit einer tollen Saison und schlussendlich dem achten Platz in der 1. Bundesliga ab. Es hat wirklich Spaß gemacht, ihn bei seiner Entwicklung unter Streich zuzusehen.

Dass er gerade im statistischen Bereich nicht so auffällig ist, wie man es bei Beobachtung seiner Leistungen erwarten würde, hängt mit seinen unterschiedlich gespielten Positionen zusammen. Als Mittelfeldspieler half er zwar, das Team zu stabilisieren und konnte sich dort auch individuell weiterentwickeln, zeigte allerdings nie so auffällige Spiele wie in der Innenverteidigung.
Auf dieser Position ist er dafür komplett. Defensiv ist er Kopfballstark, Zweikampfstark, macht kaum Fehler, hat ein gutes Stellungsspiel, ist schnell und kann somit größere Räume abdecken und lange Bälle ablaufen. Diese Fähigkeiten ermöglichten es dem SC Freiburg, in der letzten Saison höher zu stehen als sonst. Zusätzlich macht ihn das potenziell interessant für dominante Topklubs. Im Aufbauspiel ist er ein solider Ballverteiler, insbesondere spielt er aber wunderschöne, präzise Verlagerungen, was in Freiburg selten ist. Seine Schwächen hat er in den engen Räumen. Da hat er sich über die Zeit verbessert, findet aber nicht immer die Balance. Gerade in Spielen, in denen Freiburg Torchancen kreieren musste und etwas riskanter durch die Mitte spielte, machte er Fehler. Seine Entwicklung ist also noch nicht ganz abgeschlossen. Wenn das Spiel aber nicht mehr so sehr auf ihn angewiesen ist, könnte ein Trainer wie Bielsa ihm aber auch ein noch gezielteres Aufgabenprofil schaffen.

Ähnlich wie bei Waldschmidt, gab es auch bei Koch zunächst große Skepsis. Letztendlich wundert sich heute aber niemand mehr darüber, warum man diese Spieler unbedingt nach Freiburg holen wollte.
Robin Koch war der prägende Spieler der letzten beiden Saisons beim SC Freiburg und hat eine fast perfekte Entwicklung genommen.

In seinen drei Jahren absolvierte er 87 Spiele, mehr als die Hälfte im zentralen Mittelfeld. Es gelangen ihm dabei fünf Tore und zwei Vorlagen. Sein wichtigstes war sicher das gegen RB Leipzig in einer Saison, in der man diese drei Punkte unbedingt nötig hatte. Sein schönstes war ein abgefälschter Distanzschuss im Olympiastadion bei einem dieser unglaublich zähen Spiele gegen die Hertha.

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Hier noch ein älterer Text zur Freiburger Innenverteidigung auf dem Blog der Taktikfüchse:
https://taktikfuechse.de/hintergrund/analysen/spieleranalysen/5231-drei-engel-f%C3%BCr-freiburg-koch,-lienhart-schlotterbeck-im-taktik-check