RB Leipzig – SC Freiburg 3 : 0

1. Das Spiel (Kurzzusammenfassung)

Die erste Halbzeit ging deutlich an Rasenballsport Leipzig. Freiburg versuchte kompakt zu verteidigen und dann zu kontern, kam aber kaum vor das gegnerische Tor. Das Heimteam brachte eine kontrollierte Offensive auf den Rasen, hatte zwar keine Chancen im Minutentakt, aber genug, um darauf zu hoffen, irgendwann in Führung zu gehen. Das Tor fiel dann allerdings nach einem Standard aus dem Halbfeld. Nkunku spielte kurz auf Sabitzer, während die Verteidiger ihre Gegenspieler Richtung Tor verfolgten. Danach versuchten die Freiburger wieder weiter herauszurücken, um die Abseitslinie nach vorne zu verschieben und genau in diesem Moment kam die Hereingabe an den langen Pfosten, wo Mukiele sich an die Grundlinie bewegte. Wäre es nur Santamaria gewesen, der nicht schnell genug herausrückte, hätte der VAR die kalibrierte Linie gebraucht, aber Gulde stand ohnehin zu diesem Zeitpunkt viel zu tief. Mukiele – also deutlich nicht im Abseits – brachte den Ball per Kopf in den Fünfmeterraum und Konaté machte dort das 1:0 (26. Minute).
Das Tor änderte zunächst wenig am Spielcharakter. Mit 71% Ballbesitz, 9:1 Schüssen und der verdienten Führung ging Leipzig in die Pause.

Von der 45. bis zur 65. Minute hatte der Sportclub seine beste Phase, auch weil Leipzig sich etwas zurückzog. Man presste höher und kam vergleichsweise gut aus dem eigenen Aufbau heraus ins letzte Drittel, ohne Leipzig zu viele Räume zu öffnen. In der 49. Minute wurde Kübler freigespielt, dessen Flanke bis hinüber zu Günter kam, dessen Hereingabe wiederum von Höler im Strafraum verlängert wurde und Sallai den Ball nur knapp verpasste. Es gab ein paar Ecken, einen Kopfball von Kübler und dann noch einen Freistoß aus guter Position, den Sallai aber über das Tor setzte.
Nur kurze Zeit später wurde Strafstoß gegen Freiburg gepfiffen. Höfler traf Nkunku, der nahm diesen Kontakt dankbar an und ging zu Boden. Ob der Kontakt ursächlich für das Fallen war, kann in Zweifel gezogen werden. Da es aber keine klare Fehlentscheidung war, blieb der VAR stumm. Sabitzer machte das 2:0.

Danach schien das Spiel gelaufen zu sein, obwohl der Sportclub schon noch zu ein paar guten Szenen kam und sich deutlich häufiger im letzten Drittel befand als in der ersten Halbzeit. Höfler hatte einen sehr schönen Kopfball nach einer Ecke auf den kurzen Pfosten, der von Gulasci pariert wurde.
Den Schlusspunkt setzte Angelino mit einem direkten Freistoß aus 25 Metern über die Mauer. Es war dann das dritte Tor nach einem Standard in diesem Spiel.

Betrachtete man die 90 Minuten, hat sich der SC gar nicht so schlecht gemacht, traf allerdings auf einen Gegner, der in dieser Form einfach eine Nummer zu groß war.

2. Aufstellung und Herangehensweise

Streich brachte im siebten Spiel die vierte Formation auf das Feld. Und diese war ungewohnt. Ein 3-4-1-2 gehört nicht zu den Standardsystemen des Sportclubs. Tempelmann spielte auf der 10 als offensiver und defensiver Verbindungsspieler des Mittelfeldzentrums und der Stürmer.

  Höler   Sallai  
    Tempelmann    
Günter Höfler   Santamaria Kübler
  Heintz Lienhart Gulde  
    Müller    

(Mit der Zeit gab es noch eine Umstellung im Mittelfeld. Statt der Doppelsechs mit Zehner (2-1) gab es dann eine Doppelacht mit einem Sechser, gespielt von Höfler (1-2). Um die dadurch ausgelösten Veränderungen im Spiel nachzuzeichnen, bräuchte man das Spiel on demand und das hat Sky leider nicht.)

Unabhängig davon ob im 3-4-1-2 oder 3-3-2-2 gespielt wurde, ging es bei der Formation wohl darum, drei Spieler im zentralen Mittelfeld zu haben.. Leipzig hatte mit Kampl, Forsberg, Nkunku und Sabitzer vier Spieler im Zentrum. Sie gehören zu den wenigen Teams der Bundesliga, die versuchen, tatsächlich durch die Mitte zu Torchancen zu kommen und sie sind auch wirklich sehr gut darin.
Günter und Kübler standen gegen den Ball sehr hoch in der Pressingformation. Die Formation insgesamt rückte in der ersten Halbzeit aber nur selten weit über die Mittellinie. In der zweiten Halbzeit sah man die beiden häufiger bis zu den im Aufbau tief stehenden Außenverteidigern des Gegners durchschieben. Da war dann jeweils ein Flügelverteidiger auf der Höhe der Stürmer.

Freiburg konnte mit diesem Pressing allzu regelmäßige Durchbrüche von Leipzig verhindern. Die kamen zwar zu Abschlüssen, aber nur selten wirklich frei zum Schuss. Am Ende hat man kein Tor aus dem Spiel heraus zugelassen, aber eben drei Treffer nach Standards kassiert. Die größte Chance aus dem Spiel heraus hatte Sørloth nach einem Fehler im Aufbau von Freiburg.

Seitenbemerkung: Systematisch hatte Freiburg teilweise Probleme mit dem Zurückfallen von Poulsen, der immer wieder Bälle ablegen konnte.

Mit dem Ball versuchte Freiburg mit einer sehr tiefen Ballzirkulation ein bisschen Kontrolle ins Spiel zu bringen. Neben diesen Ballbesitzphasen, brauchte man aber auch Wege nach vorne – und davon gab es im Groben drei: Die Konter, die meisten von Santamaria und Höfler eingeleitet wurden, lange Bälle auf Höler und Sallai (das klappte fast nie) oder die zweiten Bälle (das klappte so halb). In der Pressekonferenz nach dem Spiel verriet Streich, dass die Konter über den Zehner in die Tiefe ausgespielt werden sollten. Die wenigen, die es in der ersten Halbzeit gab, wurden allerdings meistens schon vor dem Sechzehner gestoppt. Tempelmann versuchte sich da mal in einer Einzelaktion, Günter wirkte offensiv noch recht ungefährlich (wurde in der 2. Halbzeit besser), nur Sallai brachte mal eine Halbfeldflanke auf Höler.
Die langen Bälle waren meist verschenkt, wenn man nicht an die zweiten Bälle herankam. Dass es aber nur einen Schuss in den ersten 45 Minuten gab, spricht eher dafür, dass das Offensivkonzept auf dem Feld nicht ganz funktioniert hat.

In der zweiten Halbzeit versuchte der Sportclub das häufiger gezielt auszuspielen, kam aber nur selten direkt aus dem tiefen Spielaufbau zu Abschlüssen, sondern holte erst einmal offensive Einwürfe heraus oder hatte dann doch den ein oder anderen gewonnenen Zweikampf im Mittelfeld. Leider kam mit den ersten Einwechslungen (Grifo und Schmid) auch schon das zweite Gegentor. Da Freiburg aber auch danach kaum zu klaren Chancen kam (auch nicht nach der Umstellung auf das 4-4-2 in der Schlussphase), wurde es auch nicht mehr spannend.

3. Unangenehme Stimmung im Internet

Die Kommentare in den sozialen Medien werden immer gereizter. Die Zielscheiben sind die üblichen: Höler, Höfler und Streich. Der Vorwurf ist, Streich würde viel zu defensiv aufstellen. Das scheint mit der Hoffnung verbunden zu sein, mit Kwon, Jeong, Sallai, Petersen, Demirovic, Schmid und Grifo auf dem Platz Teams wie Wolfsburg, Bremen und Union auseinanderszuspielen und mit Teams wie Leipzig und Dortmund vom spielerischen Anspruch her mitzuhalten oder das zumindest zu versuchen. Viele Kommentare sind der Form nach überheblich und aggressiv, woran man sich allerdings gewöhnt, wenn man häufiger im Internet unterwegs ist. Über die Grundlagen des unangenehmen Tons kann man nur spekulieren und ich weiß auch nicht, ob man da mit Erklärungsansätzen von allgemeiner Sprachverrohung oder anderem Kulturpessimismus weit kommt.
Inhaltlich scheinen diese Kommentare Ausdruck einer Fehleinschätzung der Stärke des Sportclubs zu sein, der sich eben in einem sportlichen Wettbewerb mit 17 anderen Bundesligisten befindet und man nicht immer davon ausgehen kann, dass der Sportclub über seinen Möglichkeiten spielt. Defensive Stabilität als wichtiger Baustein eines Spielsystems werden dabei ebenfalls vollkommen ausgeblendet. Die erfolgreiche letzte Saison ist größtenteils auf eine sichere Abwehr und Einwechslungen von einer gut besetzten Bank zurückzuführen. Offensivspektakel über 90 Minuten gab es nur am letzten Spieltag gegen Schalke. Das hat man wohl vergessen.

Wenn man sich das aktuelle Torverhältnis ansieht, ist es relativ klar, dass die Probleme des SC Freiburg in der Defensive zu suchen sind. Bei acht geschossenen Toren befindet man sich in der unteren Hälfte der Tabelle. 16 Gegentore sind Platz 16 vor Schalke und Mainz. Der Name, der einem da sofort in den Kopf kommt, ist Robin Koch. Mit dem Nationalspieler ging eine gute Zweikampfführung und insbesondere ein starker Spieler in Kopfballduellen nach England. Diese Fähigkeiten müssen nun irgendwie kollektiv aufgefangen werden und das fällt besonders gegen Topteams schwer. Systematisch schafft man es zwar, die Gegner phasenweise vom eigenen Strafraum wegzuhalten (Anfangsphasen gegen Dortmund und Leverkusen) aber über 90 Minuten gibt es doch zu viele Situationen, in denen die Hintermannschaft ins Schwimmen kommt.

Die ausschließliche Fokussierung auf die Offensive in den Forderungen der bestimmten Internetblase funktioniert nur, wenn die Gegner ausgeblendet werden. Es scheint auch noch nicht wirklich ins Bewusstsein gekommen zu sein, gegen wen der SC in den ersten sieben Spieltagen gespielt hat: Platz 2, 3, 4, 5, 7, 8 und Wolfsburg (Stand Sonntagvormittag Platz 11, kann aber auf Platz 7 vorrücken, wodurch dann Bremen und Stuttgart abrutschen würden). Relativ chancenlos war man gegen Dortmund und Leipzig. Gegen Leverkusen hatte Höfler einen unglücklichen Tag, was dann auch zu einem relativ deutlichen Ergebnis geführt hat, wobei in diesem Spiel durchaus etwas drin gewesen wäre. Das Spiel gegen Stuttgart wurde gewonnen. Die Schlussphase, in der man das Spiel fast noch aus der Hand gegeben hätte, erklärt sich im Nachhinein durch die Leistungen des schwäbischen Teams recht gut. In den Partien gegen Wolfsburg und Bremen war man den drei Punkten näher als dem einen und hat dort auch ziemlich offensiv gespielt. Gegen Union war der Punkt eher glücklich, aber wer davon enttäuscht ist, hat die Köpenicker diese Saison noch nicht spielen sehen. So betrachtet, ist der Saisonstart leistungsmäßig kein herausragender, aber sicher auch kein katastrophaler.

4. Wer spielt? Wer wird wann ausgewechselt?

Die Unzufriedenheit macht sich meistens an Personalentscheidungen bei der Aufstellung und einigen eher fragwürdigen Bewertungen von Spielern fest. Wie gesagt, wird dabei von den Gegnern in großen Teilen vollkommen abstrahiert. Die Schärfe der Kommentare ist aber vor allem deswegen frustrierend, da es eben verhindert, was man als Fan eines Vereins so gerne macht: das Fachsimpeln.

Dabei gibt es eben meist recht viele Argumente pro und kontra bestimmte Entscheidungen. Santamaria hat bisher sehr überzeugende Leistungen gezeigt, wurde aber bereits zweimal ausgewechselt. Woran kann das liegen? Gegen Leipzig wollte man wohl noch offensivere Spieler bringen. Hätte man da aber nicht auch Tempelmann oder Höfler herausnehmen können? Gegen Union hatte er wahrscheinlich das Spiel, wo man die Auswechslung am ehesten verstehen konnte. Hätte man Sallai in den Spielen gegen Wolfsburg und Bremen nicht noch etwas länger auf dem Feld lassen können? Jeong macht einen guten Eindruck. Wäre er nicht mal jemand für die Startelf? Warum kommt das 4-1-4-1 nicht mehr zum Tragen? War es dann doch defensiv zu instabil oder passt es nicht zum aktuellen Personal mit Santamaria und Höfler? Was ist mit Schlotterbeck los? Ist Kübler eigentlich schneller als Schmid und wurde deswegen gegen Leipzig aufgestellt, damit die Außenverteidiger weit aufrücken können, aber nicht alles offen ist, wenn man überspielt wird? Ist Günter aktuell nicht ganz so gut oder hat man überzogene Erwartungen? Wie hat sich Müller integriert? Hätte man vor der Saison nicht doch noch nach einem kopfballstarken Spieler schauen sollen? Würde Höfler eine Pause guttun oder ist er doch einfach zu wichtig für das Spiel gegen den Ball und die tiefe Ballzirkulation?
Es gibt hunderte Fragen, über die man sich austauschen könnte und alles, was herauskommt, ist die Frage, warum Höfler unter Streich oft spielt und ob es „Angsthasenfußball“ ist, wenn man drei zentrale Mittelfeldspieler gegen Leipzig aufbietet. Das ist halt auch ziemlich langweilig.

Der Unterschied vom Fachsimpeln und der Art dieser „kritischen Kommentare“ ist, das ersteres mit dem Bewusstsein geschieht, keinen Einblick in das Training zu haben. Durch diese Unkenntnis ergeben sich dann einige Hoffnungen, wie zum Beispiel (meine persönliche), dass Jeong als hängende Spitze voll durchstartet und sich in die schöne Reihe der schwimmenden Neuneinhalber Kruse, Mehmedi, Philipp und Waldschmidt einreiht. Trainer stellen aber nicht nach Hoffnungen auf, sondern können die ganze Zeit die Spieler beobachten und sich auf die Gegner vorbereiten.
Beim Fachsimpeln ist man sich also bewusst, dass man als Beobachter und Fan durch seine Diskussionsbeiträge keinen Einfluss auf das Spiel- und Trainingsgeschehen hat. Das „Einschwören, dass nun alle zusammenstehen müssen“, das „mal kritische Hinterfragen“, das „den Spielern Zeit lassen sollen“, das Fordern, dass „sich jetzt aber wirklich etwas ändern muss“ etc., was man so oft im Internet liest, ist vollkommen sinnlos. Als Fan ist man nicht aktiv auf das bezogen, was beim Team passiert (und hat da auch oft keinen Einblick), sondern auf seine eigene Freude oder Frustration beim Beobachten der Spiele, über die man sich dann austauschen kann. Und da macht das lockere Fachsimpeln eben mehr Spaß, als wenn jeder seiner Frustration freien Lauf lässt.
Abschließend: Das Internet ist auch keine Stehplatzkurve oder Wohnzimmer, wo man mit seinen Freunden das Spiel anschaut und spontanen Emotionen seinen Raum lässt.

 

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