RB Leipzig – SC Freiburg 1 : 1

So richtig zufrieden bin ich mit dem Start der Bundesliga nicht. Dazu gab es schon einen Blogbeitrag.

1. System und Aufstellung

An den groben taktischen Herangehensweisen hat die Pandemie nur wenig geändert. Freiburg wie auch Leipzig traten in jeweils recht typischen Systemen auf und auch personell gab es keine großen Überraschungen. Der Sportclub nahm gegenüber dem letzten Spiel vor etwa zwei Monaten sogar überhaupt keine Wechsel vor.

    Petersen    
  Grifo   Sallai  
  Höfler   Koch  
Günter       Schmid
  Heintz Lienhart Gulde  
    Schwolow    

 

2. Die erste Halbzeit

Im Pressing agierte der Sportclub halbwegs flexibel. Doch gegen die starken Leipziger ging es insbesondere darum, das Zentrum dichtzumachen. Günter und Schmid rückten nur selten weit im Pressing heraus. Die drei vorderen Angreifer liefen kaum mannorientiert die drei Innenverteidiger an. Wenn Leipzig dann über die Flügel nach vorne kam, schob Freiburg ballorientiert zu und zog sich auch schnell im 5-4-1 an den eigenen Strafraum zurück. Diese Kompaktheit hätte der Gegner durch Spielverlagerungen häufiger knacken können, aber Nagelsmann setzt ja eher auf die Spielphilosophie „minimale Breite“. Das passte dem Sportclub ganz gut, da Kompaktheit und kleine Rausrückbewegungen zu Spezialitäten eines Streich-Teams gehören. Leipzig kam aus dem eigenen Aufbau zu keinen freien Torabschlüssen. (Dennoch hätten die Abschlüsse unter Druck zu Gegentoren führen können) Freiburg hingegen hatte durch das reaktive Pressing kaum hohe Ballgewinne.

Rasenballsport Leipzig agierte aber auch selbst im Pressing nicht besonders aggressiv. Freiburg konnte den Ball in der eigenen Dreierkette halbwegs ruhig laufen lassen und so ein paar Spielanteile sammeln. Allerdings stellte das Leipziger Umschaltspiel schon die größte Gefahr dar. Es galt leichte Ballverluste zu vermeiden und so verzichtete der Sportclub auf Pässe durch das Zentrum. Entweder wurde versucht über Günter und Schmid auf außen nach vorne zu kommen oder direkt einen Ball „longline“ auf die angreifende Dreierreihe zu spielen. Beides funktionierte nicht ganz so gut. Freiburg kam damit manchmal ins letzte Drittel, aber kaum zu Abschlüssen, da im letzten Drittel die Anbindung fehlte. Und Leipzig kam bei diesen Ballverlusten dann doch zu Umschaltaktionen, nachdem Freiburg weiter aufgerückt war. Hieraus entstanden ihre besten Chancen in der ersten Halbzeit.

Schon mit der zweiten herausgespielten Ecke erzielte Freiburg das 0:1. Grifo schlug den Standard an den kurzen Pfosten, Petersen wollte wahrscheinlich verlängern, duckte sich aber eher unter dem Ball hindurch, Gulde wollte den Ball mit dem rechten Außenrist auf das Tor bringen, machte dies dann aber mit der linken Wade und traf so ins lange Eck.. Dass Freiburg zu diesem Zeitpunkt noch kein Gegentor kassiert hatte, war schon etwas glücklich, lag aber auch zum Teil an der konzentrierten Verteidigung. Dass man tatsächlich ein eigenes Tor erzielen konnte, war allerdings sehr überraschend.
Daraufhin gab es die besten Freiburger 10 Minuten im Spiel. In der 41. Minute kam es doch mal zu einem hohen Ballgewinn im Pressing, der aber nicht so gut ausgespielt wurde und nur zu einem recht ungefährlichen Distanzschuss von Schmid führte. Zwei Minuten später konnte Sallai nach einem langen Abschlag eine weitere Ecke herausholen. Der zweite Ball nach der abgewehrten Ecke wurde zurück in den Strafraum gespielt und Günter hatte eine Chance aus knapp zehn Metern aus eher spitzem Winkel.

3. Die zweite Halbzeit

Nagelsmann wechselte zur Pause und stellte von einer Dreierkette auf ein 4-2-2-2 um. Leipzig hatte also noch mehr Personal in der Offensive und versuchte mit „Klein-Klein-Kombinationen“ in die Halbräume zu kommen und von dort aus in den Strafraum. Im Endeffekt lief es dann aber doch häufiger auf halbwegs gezielte Hereingaben in den Strafraum hinaus. In den ersten sieben Minuten hatte der Sportclub das defensiv weiter gut im Griff, geriet dann aber zusehends unter Druck. Freiburg kam kaum noch zu eigenen Umschaltaktionen oder tieferen Ballbesitzphasen. Zwischen der 52. und der 60. Minute hatte Leipzig sehr große Chancen, die teilweise haarsträubend vergeben oder von Schwolow pariert wurden. Streich brachte Höler für Sallai. Der Wechsel hatte eine kurze stabilisierende Wirkung, da Höler ein paar gute Defensivzweikämpfe führte. Ab der 72. Minute begann aber wieder die Leipziger „Chancenflut“. Letztendlich war es dann eine gezielte Halbfeldflanke und ein gewonnenes Kopfballduell von Poulsen, was zum Ausgleich führte (77′).

Die restlichen Wechsel änderten nicht viel am Spielcharakter. In der 93. Minute gab es noch einen Standard für den Sportclub. Die gewählte Variante konnte man schon häufiger beobachten. Der Ball wird auf den langen Pfosten gezogen und dann per Kopf (in diesem Fall von Höler) wieder abgelegt. Koch beförderte den Ball ins Tor. Der Treffer wurde durch den VAR zurückgenommen. Höler stand ein bis zwei Zentimeter im Abseits.

4. Fazit

Oberflächlich betrachtet, ähnelte der Spielverlauf sehr dem Hinspiel. 23:6 (Hinspiel: 24:14) Torschüsse reichten Leipzig nicht für drei Punkte. Allerdings hatte der Sportclub in der Hinrunde dann doch deutlich mehr Abschlüsse und konnte noch konsequenter die klaren Chancen des Gegners verhindern. Trotz des Abseitstreffers in der Nachspielzeit war der Punkt sehr glücklich, da Leipzig mit einer besseren Chancenverwertung durchaus zwei bis vier Treffer hätte erzielen können. Freiburg hingegen hatte nur drei nennenswerte Chancen in 90 Minuten, wenn man den Abseitstreffer hinzuzählt. Offensiv hatte man gerade in der zweiten Halbzeit (in Führung und gegen einen sehr starken Gegner) kein funktionierendes Konzept, geriet unter Druck und kassierte den Ausgleich.

Dennoch kann man insgesamt festhalten, dass der SC Freiburg seine defensiven Qualitäten durch die Corona-Pause nicht verloren hat und sogar die Effizienz aus der Hinrunde zumindest in diesem ersten Spiel wiedergewinnen konnte. Auch eine knappe Niederlage gegen Leipzig wäre kein Drama gewesen. Durch das Unentschieden schob man sich an Schalke vorbei auf den 7. Platz und hat jetzt schon mehr Punkte als in den beiden Saisons zuvor am 34. Spieltag.

5. Besonderheiten „Geisterspiel“

Ein paar Randnotizen (praktisch nach Vorbild des Rotebrausebloggers) zur Besonderheit der aktuellen Situation:

1. Die Kommunikationsstrategie der hörbaren Akteure im Profifußball scheint sich geändert zu haben. Versuchte man zu Beginn der Pandemie noch besonders die Hilfsbedürftigkeit in den Vordergrund zu rücken und vor einer Pleitewelle der Vereine zu warnen, wird die Rückkehr der Bundesliga nun deutlich offensiver vorgetragen. Die angebliche finanzielle Selbstständigkeit der Bundesliga wird betont. Man habe ein tolles Konzept auf die Beine gestellt und man nehme niemandem etwas Weg, ist die zweifelhafte Botschaft. Die Unterstützungen aus der Politik bei der Freigabe, angemeldete Kurzarbeit auf den Geschäftsstellen einiger Vereine, die frühere Rettung verschiedener „maroder Vereine“, die lokalen Subventionen bei Projekten rund um den Stadionbau u. v. m. werden bei dieser Erzählung ausgeblendet. Ohnehin ist die Reaktion auf leicht kritische Stimmen schon häufiger sehr bestimmt und man fragt sich, woher diese passiv-aggressive Grundeinstellung kommt.

2. Die Verstöße gegen die Hygieneauflagen hielten sich halbwegs im Rahmen. Eine größere Irritation, wie beispielsweise der von Kalou gefilmte Test, bei dem der Physiotherapeut ohne besondere Schutzausrüstung allem Anschein nach einen nicht geeigneten Backenabstrich nahm, blieb aus. Es gab ein paar von der DFL ungewollte gemeinschaftliche Jubelszenen und Trainer Heiko Herrlich konnte aufgrund eines öffentlich zugegebenen Einkaufs während der Quarantänemaßnahmen nicht auf der Bank Platz nehmen. Ob das Konzept halbwegs funktioniert, wird wohl die nächste Testreihe zeigen.

3. Auf die groben taktischen Elemente des Spiels haben die fehlenden Zuschauer beim ersten Hinsehen keine Einwirkungen. Auch Parameter wie die gelaufene Distanz, Tore, Torschüße usw. sind zumindest bei diesem Spiel nicht auffällig gewesen.

4. Insgesamt ergeben die Rufe auf dem Feld und den Bänken auch ohne Zuschauer eine gewisse Dynamik. Intensive Spielphasen sind akustisch eindeutig wahrzunehmen.

5. Bei der längeren tiefen Ballzirkulation des SC Freiburg in der ersten Halbzeit hatte man manchmal das Gefühl, dass Zuschauer hier gepfiffen hätten. Dann hätte Leipzig den Druck vielleicht etwas erhöhen oder der Sportclub schneller rausspielen müssen. Auf der anderen Seite spielte Leipzig im letzten Drittel ebenfalls trotz eines Rückstandes gegen einen Außenseiter recht geduldig. In diesem Sinne könnte der fehlende Druck durch pfeifende Zuschauer schon etwas am Spiel geändert haben. Das wird man aber noch etwas weiter beobachten müssen.

6. Subjektiver Eindruck: Die ersten Geisterspiele zu Beginn der Pandemie (Gladbach-Köln und Paris-Dortmund) waren tatsächlich sehr ungewohnt und wirkten ziemlich leblos. Nach der längeren Pause ist der Kontrast am Fernsehbildschirm allerdings nicht mehr so stark. Die Tormusik, die choreographierten Wechselspielchen mit dem Stadionsprecher und der spielverlaufsunabhängige Support der Ultras wirken im eigenen Wohnzimmer bei einem 0-8-15-Bundesligaspiel normalerweise ohnehin schon eher wie ein monotoner Klangteppich, durch den nur wenig spontane Emotion transportiert wird. Das Fernseherlebnis ist eben sehr weit entfernt vom Stadionerlebnis. Die extremen Beispiele (Union diese Saison, pfeifende, enttäuschte Fans oder die Emotionen bei sehr wichtigen Spielen), die man selbst über die Stadionmikrophone transportiert bekommt, sind keine Normalität. In diesem Sinne wird das Fernseherlebnis durch das Geisterspielformat zwar verändert, aber nicht gänzlich entstellt.
7. Die größte Irritation liegt wahrscheinlich immer noch in der allgemeinen Situation, in der man sich ein Fußballspiel ansieht und sich später mit anderen darüber austauscht. Ebenso wie es zunächst komisch war, sich überhaupt mit anderen Dingen als der Pandemie zu beschäftigen und sich in einen Roman oder einen Film zu vertiefen, scheint nun auch der Fußball in Form von Geisterspielen besonders unangemessen zu sein. Hier wird sich aber wahrscheinlich wie bei den anderen Dingen früher oder später ein Gewöhnungseffekt einstellen. Die Ablenkung von eigenem und fremdem Leid oder der Zukunftsangst ist einerseits in bestimmtem Maße wohl psychologisch notwendig, andererseits kann sie auch Abstumpfen und zur weitestgehenden Ausblendung führen. Das wäre wahrscheinlich von manchen kein ungewollter, aber eben ein sehr schlechter Effekt.

8. Die Reaktionen auf den Bundesliga-Restart scheinen nicht so extrem zu sein. Weiterhin bleibt ziemlich unklar, wie sich die restliche Saison unter den gegebenen Bedingungen entwickelt. Von den vielen potenziellen Konflikten, die sich abzeichnen, ist an diesem Wochenende keiner ausgebrochen.

 

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