Qualitätsabnahme in der Bundesliga während der Saison 2019/20

Die zentrale These des Textes ist, dass die Qualität der Spiele in der Bundesligasaison 2019/20 über die Spieltage hinweg eher abgenommen hat. Bei 18 Teams, insgesamt 188 Spielen und der Perspektive des neutralen Zuschauers, die ich versuche einzunehmen, fallen die Beobachtungen selbstverständlich etwas gröber aus.

1. Vielversprechender Start in die Saison

Die erfolgreichen Zeiten der Bundesliga im internationalen Vergleich sind schon länger vorbei. Mit den Abgängen von Jürgen Klopp, Pep Guardiola und Thomas Tuchel verlor sie ihren innovativen Charakter. Was diese prägenden Trainerfiguren der Liga vererbten, war leider nicht das aktive Spiel nach vorne oder die Spielkontrolle über das ganze Feld, sondern die Idee, dass Pressing- und Umschaltspiel (meist in einer 4-4-2-Formation) eine effektive Form des Fußballspiels darstellt – und zwar für Underdogs und Favoriten gleichermaßen. Es kamen ein paar Jahre, in denen diese abwartende Spielweise zu sehr unattraktiven Spielen führte, in der keiner den Ball haben und schon gar kein riskantes Spiel aufziehen wollte. Seit der Saison 2017/18 verbessert sich diese Situation aber allmählich und die Spielanlagen der verschiedenen Teams wurden wieder etwas differenzierter. Gerade die aktuelle Saison begann recht vielversprechend, nicht nur was die verbal formulierten Ambitionen anging, sondern auch durch die verschiedenen Ansätze, die man auf dem Feld beobachten konnte.

2. Einzelbeispiele: Spielstile geraten in die Krise

Schalke unter Wagner setzte zwar immer noch eher auf ein stabiles Pressing, aber im Vergleich zur letzten Saison war das nicht nur erfolgreicher, sondern auch attraktiver. Unter Tedesco gab es teilweise sehr große Abstände zwischen den Offensivspielern und Kombinationen wurden zur Seltenheit. Durch die konsequente Einübung der Viererkette, einigen Formstarken Spielern (Harit, Serdar, Mascarell etc.) und der typisch positiven Eigendynamik bei Erfolgserlebnissen war der Unterschied zur Vorsaison riesig.
Nun fehlt aber der nächste Entwicklungsschritt. Schalke steht weit oben in der Tabelle und die Gegner werden etwas vorsichtiger. In den letzten sechs Spielen konnte Schalke 04 nur einmal gewinnen.

Eintracht Frankfurt steht unter Hütter für recht offensiven, insbesondere aber intensiven Fußball. Er installierte eine Dreierkette, in der die Halbverteidiger oft weit mit aufrückten und den Flügelspielern somit etwas Freiraum verschafften. Trotz der Dreifachbelastung, den Abgängen von Rebic, Jovic und Haller und Neuverpflichtungen, die sich nicht ganz so gut in das Team integrierten, stand die SGE am 13. Spieltag noch auf dem 10. Platz. Mit der Zeit machten sich die gerade genannten Faktoren aber noch deutlicher bemerkbar und die Eintracht absolvierte einige sehr schlechte Spiele. Das hatte eine Umstellung auf eine Viererkette zur Folge. Die Ergebnisse haben sich nach der Winterpause deutlich verbessert, aber spielerisch scheint die Umstellung doch eher einen Rückschritt darzustellen. Die beiden Flügelverteidiger (Kostic, Chandler) sind jetzt Flügelspieler und hinten stehen vier Innenverteidiger. Dafür gibt es allerdings entweder einen Mittelfeldspieler oder einen Stürmer weniger. Die Absicherung sieht nun besser aus, aber die Wucht aus der vergangenen Saison ist passé.

Der VfL Wolfsburg hat sich mit Glasner einem defensiven System verschrieben. Das klingt zunächst recht langweilig, war zu Saisonbeginn aber immerhin beeindruckend. Sie kassierten nur 5 Gegentore in den ersten 9 Spielen und Weghorst hatte eine tolle Phase. Seitdem die defensive Stabilität abgenommen hat, sind Spiele mit Wolfsburger Beteiligung aber meistens recht langweilig geworden. Die Kombination aus einem sehr guten, ausgewogenem Kader, die Leistungen unter Labbadia letzte Saison und die nun so zurückhaltenden Spielanlage ist wirklich frustrierend.

Werder Bremen spielte seit der letzten Saison recht ansprechenden Fußball. Obwohl der Kader sicherlich nicht in der Top-6 zu verorten ist, brachten sie meistens ein ambitioniertes Pass- und Positionsspiel auf das Feld. Der Saisonbeginn war allerdings von enorm viel Verletzungen geprägt. Dennoch sahen die Spiele zunächst ganz ordentlich aus. Man konnte in 13 Spielen immerhin 22 Tore schießen und die waren oft schön (und meist über Rashica) herausgespielt. Werder verlor allerdings einige Punkte durch blöde Standardgegentore oder Abwehrfehler. Damit nahm eine negative Eigendynamik ihren Lauf und das Team verlor sichtbar an Selbstvertrauen. Kohfeldt gab seinen aktiven Spielstil auf und nun scheint kaum noch etwas zu funktionieren. Es ist eine vertrackte Situation, denn für das Pass- und Positionsspiel fehlt dem Team das nötige Selbstverständnis, aber der Kader passt einfach nicht zu einer defensiven Herangehensweise.

Augsburg galt für viele als Abstiegskandidat, wobei wohl unterschätzt wurde, wie effektiv ein Pressing- und Umschaltspiel im 4-4-2 sein kann, wenn man es nur sauber ausführt und die passenden Spieler dazu hat. Niederlechner, Vargas, Max usw. können das recht gut. Nachdem sich die spät zusammengestellte Abwehr gefunden und der neue Torhüter Koubek etwas stabilisiert hatte, lief es bei den Augsburgern wie am Schnürchen. Mit dem Unentschieden gegen die Bayern verlor man zwischen dem 8. und 16. Spieltag nur ein Spiel.
Momentan gibt es allerdings Probleme mit der Verbindung zwischen Niederlechner und Finnbogason. Ähnlich wie beim Versuch Petersen und Niederlechner gemeinsam auf das Feld zu bringen, gelingt es auch in Augsburg nicht, zwei Stürmern unterschiedliche Laufwege vorzugeben. Aber auch insgesamt scheint weder das Pressing so richtig zu greifen, noch ist die Effektivität bei Kontern vergleichbar mit der in der Hinrunde.

Auch der SC Freiburg konnte seine Leistungen aus der Hinrunde noch nicht ganz bestätigen. Aus einer sehr stabilen Defensive heraus, schaffte man es, immer mehr spielerische Elemente einzubringen. Nach den beiden Chancenfestivals für Leverkusen und Gladbach, ging es wieder mehr darum, die Abwehr zu stabilisieren. Gegen Schalke und Bayern am Ende der Hinrunde konnte man wieder sehr aktive Ansätze beobachten. In der Rückrunde gab es zwei knappe Siege gegen Mainz und Hoffenheim, aber zwei deutliche Niederlagen gegen Paderborn und Köln. Bei allen vier Spielen gab es „Luft nach oben“. Es zeigt sich zumindest, dass sich auch in dieser Saison keine durchgehende positive Entwicklung abzeichnet, sondern man immer auf der Kante steht.

Leverkusen, Gladbach, Leipzig und Dortmund kann man in bestimmter Art und Weise zusammennehmen. Alle halten mehr oder weniger an ihrem Spielstil fest, versuchen ihn zu entwickeln, rufen dabei aber weniger konstante Leistungen ab, als man in den jeweils „guten Phasen“ erwartet hatte.

3. Die Ausnahmen

Union Berlin hält prinzipiell an seinem Spiel fest. Schnell hatte sich eine stabile Dreierkette gefunden, die langen Bälle auf Andersson waren schon in der Relegation ein gutes Mittel und die vielen Mannorientierungen bereiten weiterhin auch sehr guten Teams Probleme. Seit dem zweiten Spieltag sieht das recht konstant aus und hin und wieder scheinen auch schöne Kombinationen durch.

Der andere Berliner Klub läuft schon seit Saisonbeginn seinen Ansprüchen hinterher. Mit dem Trainerwechsel auf Nouri (Klinsmann scheint eher repräsentative Aufgaben übernommen zu haben, da die Spielanlage doch sehr an Nouris Bremen erinnert) gab es zwar ein paar gute Ergebnisse, aber die Spiele waren noch schwerer anzuschauen. Der Kader ist eigentlich gut, anscheinend aber zu verunsichert, um sein Potenzial auszuschöpfen. Mehr als ein sehr tiefes Pressing und Konter über die schnellen Außen war bisher noch nicht drin. Vielleicht ändert sich das nun mit dem Abgang von Klinsmann. Fazit: Hertha ist eine Ausnahme, weil sie in dieser Saison nie so richtig etwas viel Besseres in einer guten Phase angedeutet hatten.

Hansi Flick führte wieder das intensive Gegenpressing ein. Hier konnte man mit der Zeit sogar eine Verbesserung bei den Bayern beobachten, auch wenn noch nicht klar ist, ob das auch auf längere Sicht stabil bleibt.

Der klare Außenseiter SC Paderborn hat seine Naivität mit der Zeit abgelegt und scheint in der Bundesliga angekommen zu sein. Das Pressing ist immer noch hoch und das Offensivspiel sehr vertikal, aber man ist etwas vorsichtiger geworden.

Die ganz große Ausnahme und somit der klarste positive Trend ist beim 1. FC Köln zu beobachten, auch wenn man nicht ganz erklären kann, warum das funktioniert, was Gisdol macht. Ein Trainerwechsel, neue Spieler aus der Jugend und ein paar Erfolgserlebnisse haben nicht nur das Team aus den Abstiegsplätzen befreit, sondern auch zu einem souveräneren Auftreten geführt.

4. Fazit

Es ist schwer einen einheitlichen Grund dafür zu nennen, dass die Qualität der Spiele in der Saison 2019/20 abgenommen hat. Man könnte sich auch Fragen, ob das auch wirklich so stimmt. Allerdings schien es um den 10. Spieltag herum so, dass eigentlich nur Bayern, Dortmund, Hertha und Köln so richtig unzufrieden mit der Situation waren. Union, Gladbach, Leipzig, Schalke und Freiburg waren im Gegensatz dazu recht gut drauf. Aktuell gibt es aber kein einziges Team neben dem 1. FC Köln, das so richtig heraussticht und über seinen Möglichkeiten spielt (Union und Paderborn vielleicht mit positiven Tendenzen), auf der anderen Seite aber mit Bremen, Paderborn, Augsburg und Hertha einige Vereine, bei denen es richtig „kriselt“. Bei Schalke, Wolfsburg, Freiburg, Augsburg und Mainz gab es zumindest schon einmal leichtere Momente in der Saison.

Schlechte Phasen scheinen sich in dieser Saison deutlich stärker in der Spielweise zu manifestieren als gute Phasen. Deswegen werden die Spielstile insgesamt auch etwas vorsichtiger. Andererseits ist es immer noch deutlich besser als vor ein paar Jahren. Es ist nur ein bisschen enttäuschend, weil der Saisonbeginn die Erwartungen so in die Höhe geschraubt hat.

 

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