Länderspielpause: Ein Blick in die Zukunft

Folgender Text behandelt etwas allgemeiner den Freiburger Höhenflug in dieser Saison. Schon nach dem 7. Spieltag gab es einen Text dazu. Um ständige Wiederholungen zu vermeiden, wird also nicht noch einmal betont, dass keine größeren Abgänge gab, welche Vorteile das neue 3-4-3 hat, wie es etwas genauer mit den Statistiken aussieht (also auch Glück dabei war) usw. Ganz ohne Überschneidungen geht allerdings auch nicht.

1. Stand der Dinge

Ein Drittel der Saison ist gespielt und es ist Länderspielpause. Der Sportclub Freiburg belegt momentan den vierten Platz in der Bundesliga und ist damit bisher die Überraschung der Saison. Auch die Erzählung, Freiburg hätte nur von einem leichten Auftaktprogramm profitiert, überzeugt nicht mehr. Im Gegenteil wurden 11 der 21 Punkte in den Spielen gegen Hoffenheim, Bremen, Frankfurt, Leipzig und Dortmund gesammelt. Gegen Union Berlin, Augsburg und Köln musste man Punkte liegen lassen und auch die Spiele gegen Düsseldorf und Paderborn waren zwar erfolgreich, aber äußerst knapp. Dennoch hat der Freiburger Lauf schon auch mit dem Spielplan zu tun. Es waren allerdings nicht die insgesamt individuell nicht so gut besetzten Gegner in den ersten Spielen, sondern die Zeitpunkte, an denen man auf bestimmte Gegner traf. Diese waren teilweise sehr von Vorteil, was man vor der Saison aber noch nicht wissen konnte. Auf Hoffenheim, Dortmund, Bremen, Frankfurt und auch Leipzig traf der Sportclub jeweils in einer Phase, in der sie ihre Möglichkeiten aus verschiedenen Gründen nicht voll ausnutzen konnten.

Wie schon in vorherigen Texten angesprochen, ist Freiburg nach den Statistiken eher im Tabellenmittelfeld anzusiedeln. Auch komplexe statistische Modelle, wie Goalimpact, prognostizieren Streichs Mannschaft von heute aus gesehen am Ende der Saison den neunten oder zehnten Platz.

Andererseits wirkt der SC Freiburg momentan als Mannschaft und auch individuell sehr stabil. Noch hat kein Gegner diesen einen Kniff gefunden, der ihnen klare Feldvorteile verschaffen konnte und Streichs Team aus dem Konzept brachte. Freiburg hatte bisher auf mehrere Situationen eine passende Antwort. Man konnte Führungen verteidigen und ausbauen (Leipzig, Hoffenheim), Rückstände aufholen (Düsseldorf, Bremen, Dortmund), tief stehende Gegner bespielen (Augsburg, zu Beginn Hoffenheim) und hoch pressende Teams mit langen Bällen ins Leere laufen lassen (Frankfurt 1. Halbzeit, Augsburg 2. Halbzeit, Paderborn 2. Halbzeit).
Der Sportclub hat diese Saison keine ganz klare neue Stärke dazugewonnen, aber eben auch keine herausstechende Schwächen mehr. Keine „neue Stärke“ deswegen, weil die größte Stärke aus den letzten Saisons beibehalten wurden. Der SC Freiburg unter Christian Streich ist wahrscheinlich das Team in der Bundesliga, dass sich am besten von Spiel zu Spiel im Pressing auf den Gegner einstellt. Diese defensive Anpassungsfähigkeit, die häufig sehr enge Spiele produziert, sicherte in den letzten Saisons den Klassenerhalt. Gepaart mit einem Team, dass nun größtenteils schon seit drei Jahren oder länger zusammen unter ihrem Trainer spielt, kann das, wie man nun sieht, auch zu mehr reichen. Alle Spiele waren sehr umkämpft, da kein Gegner seine Offensivmechanismen ungestört auf den Platz bringen konnte. Mit einigen gut abgestimmten Angriffen aufseiten Freiburgs führt das auch häufiger dazu, Spiele knapp zu gewinnen.

Allerdings gibt es ein paar Eventualitäten, die den Freiburger Lauf bremsen könnten.

2. Tragende Säulen beim SC Freiburg

Bisher führen Nils Petersen und Luca Waldschmidt mit sechs und vier Toren die interne Torjägerliste an. Ersterer hat in den letzten Spielen gegen Leipzig, Bremen und Frankfurt vier von fünf Toren geschossen und war somit maßgeblich an den sieben Punkten beteiligt. Doch auch wenn es recht eindeutig ist, dass diese beiden dem Spiel des SC Freiburg eine besondere Note geben, ist man durch die hohe Qualität und Breite in der Offensive nicht ganz so abhängig von ihnen, wie es zunächst aussieht. Durch Grifo und Sallai gibt es auch ohne Waldschmidt spielerisches Potenzial und durch Höler und Haberer ist das Pressing auch ohne Petersen recht effektiv. Somit können zumindest sogenannte Formdellen, kleinere Verletzungen oder potenzielle Sperren der beiden Spieler aufgefangen werden.
Somit gibt es auch keinen anderen Offensivspieler, dessen Ausfall man nicht kurzfristig kompensieren könnte. Höler ist gut in Form, erobert wichtige Bälle im Pressing, spielt aber auch nicht in jedem Spiel von Anfang an. Und auch die Sperre Grifos über drei Spiele ist kein größeres Problem. Momentan konnte er seine Rolle aus der letzten Saison als unhinterfragbare Stammkraft ohnehin noch nicht ausfüllen. Teilweise sieht das Zusammenspiel zwischen Höler und Günter sogar noch besser aus als das zwischen Grfio und dem Linksverteidiger. Zusätzlich kommt Sallai immer besser in Form, Haberer hat seine Sperre abgesessen und Kwon erhält regelmäßiger seine Kurzeinsätze. Es ist unklar, wer die nächsten Spiele bestreiten wird und ob sich überhaupt ein Spieler festsetzen kann.

Schon etwas schwieriger sieht es in der Innenverteidigung aus. Momentan ist es überhaupt kein Problem verschiedene Formationen mit verschiedenen Herangehensweisen zu spielen. Durch Schlotterbeck, Lienhart, Heintz und Koch kann man sogar letzteren bei Bedarf ins Mittelfeld ziehen und hat immer noch eine Dreierkette, die sowohl im Spielaufbau wie in der Defensive ihre Aufgaben erfüllen. Verletzt sich allerdings einer dieser vier, gäbe es zwar immer noch kein Problem eine gute Innenverteidigung aufzustellen, aber man wäre dabei nicht mehr ganz so flexibel. Allerdings sieht man auch auf dieser Position den Fortschritt zu den letzten Saisons. Der momentan fünfte Innenverteidiger Gulde war vor nicht allzu langer Zeit vollkommen zu Recht Stammspieler.
Unter diesen Spielern findet sich auch schon die erste tragende Säule des Teams. Robin Koch ist einer der Spieler, der in der Bundesliga alle 990 Minuten durchgespielt hat. Seine besseren Partien hatte er als zentraler Innenverteidiger, doch auch im Mittelfeld hat er sich verbessert. Grundsätzlich ist seine Schnelligkeit, seine Kopfball- und auch Zweikampfstärke von hoher Wichtigkeit in dieser Saison. Der aktuelle Erfolg baut am ehesten auf defensive Stabilität auf. Man hat die drittwenigsten Gegentore in der Bundesliga hinnehmen müssen. Ein wesentlicher Grund dafür war Robin Koch.

Kommen wir gleich zu den anderen beiden Spielern, die weniger als drei Minuten der gesamten Spielzeit verpasst haben. Günter und Schmid sind zumindest im System mit Dreierkette nicht zu ersetzen. Eine Verletzung und selbst eine Sperre wäre durchaus ein größeres Problem. Sollte es dazu kommen, könnte Itter oder Schlotterbeck Günter ersetzen. Auf der Position von Schmid ist momentan auch Kübler verletzt. In einer Viererkette müsste dann wohl Lienhart ausweichen, in einer Fünferkette wäre wahrscheinlich Frantz wieder gefragt. Vielleicht gäbe es (als offensive Variante) auch die Möglichkeit, Sallai als Flügelverteidiger einzusetzen. Das gab es in der letzten Saison einmal bei einem Rückstand.

Bis auf Höfler sucht sich das Mittelfeld noch. Hier wären Verletzungen deshalb ein Problem, weil der zweite Sechser fit und in guter Form sein muss, um sein Potenzial voll auszuschöpfen. Haberer, Abrashi, Frantz, Gondorf und auch Koch konnten auf dieser Position immer nur in einzelnen Spielen und nie auf Dauer überzeugen. Deswegen rückte wohl auch Tempelmann in den Fokus. Durch die große Auswahl ist es aber auch kein Problem ein bisschen zu experimentieren und gegebenenfalls eine Besetzung im Spiel zu korrigieren.

Schwolow wurde herausragend von Flekken ersetzt. Dennoch gibt es keinen Grund dafür, dass der Stammtorhüter nicht ins Tor zurückgehen sollte. Die Torwartdiskussion scheint eher ein mediales Thema zu sein.

Soweit zu den potenziellen Problemen, die zu einem Einbruch führen könnten. Allerdings sieht es momentan eher nicht danach aus, dass diese auch wirklich eintreten würden. Im Gegenteil kommen Haberer, Schwolow, Waldschmidt und Höfler aus ihren Verletzungen und Sperren zurück und müssten in den kommenden Wochen wieder voll auf der Höhe ihrer Kräfte sein. Um den Lauf fortzusetzen ist das aber auch nötig, wenn man auf die nächsten Gegner vorausblickt.

3. Die nächsten drei Spiele

Freiburg steht mit 21 Punkten auf Platz 4. Es sind allerdings auch nur vier Punkte Abstand auf den 10. Platz der Bundesliga. So wie es aussieht, werden wohl die nächsten drei Spiele zeigen, ob man die hervorragende Hinrunde auf ganz hohem Niveau zu Ende führen kann und sich dann auch wirklich nicht mehr lange mit dem Thema Abstiegskampf beschäftigen muss. Es geht gegen Leverkusen, Gladbach und Wolfsburg. Drei Mannschaften mit dem Anspruch auf das obere Drittel und sehr unterschiedlichen Stärken.

Leverkusen ist eine kollektive Passmaschine. Mit durchschnittlich 62,1% Ballbesitz und einer Passquote von 85,7% belegt Leverkusen bei diesen Statistiken den zweiten Platz hinter Bayern München. Gleichzeitig erzielen sie ihre Tore aber eher aus Pressing- und Gegenpressingaktionen. Kommt eine gegnerische Mannschaft mal an den Ball, ist auch genau dieser Moment der Balleroberung der gefährlichste für ihn. Gerade gegen individuell unterlegene Gegner ist Leverkusens Spiel zermürbend. So gewannen sie alle ihre Spiele gegen Paderborn, Union Berlin, Düsseldorf, Augsburg und die momentan schwächelnden Wolfsburger. Sie verloren aber teilweise deutlich gegen Gladbach, Frankfurt und Dortmund. Mal sehen, in welche Reihe sich Freiburg nächste Woche einordnen wird.
In der letzten Saison hat der Sportclub sehr defensive Varianten gegen das Team von Bosz‘ gewählt und sah dabei gar nicht so schlecht aus. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es auch dieses Mal zunächst darum gehen wird, kein Gegentor zu kassieren, um dann gegen Ende mit ein paar Einwechslungen ein knappes Spiel für sich zu entscheiden.

Eine Woche später kommt es zum Duell gegen den Lieblingsgegner aus den letzten Jahren. Die eher saubere, nicht so harte und im Pressing passive Art von Favres und später Heckings Gladbach kam Freiburg häufig entgegen. Allerdings hat sich Gladbach unter Rose eher zum Gegenteil entwickelt. Der Trainer hat es über die bisherige Saison immer besser geschafft dem Gladbacher Team sein hohes Pressing und sein vertikales Spiel beizubringen. Das Konstrukt ist noch nicht ganz so stabil, wie es durch die Ergebnisse vielleicht aussieht, aber für einige sehr gute Aktionen reicht es in jedem Spiel. Auch, weil diese Mannschaft herausragende Spieler hat. Thuram in der Spitze und der durchspielende Lainer, der Rose schon aus Salzburg kennt, fallen da zuerst auf. Doch gerade das Mittelfeld ist mit Benes, Neuhaus, Zakaria oder Kramer unfassbar gut besetzt.

Danach geht es gegen Wolfsburg, die zwar in den letzten Spielen ein paar Probleme hatten, aber immer noch die Mannschaft mit den wenigsten Gegentoren ist. Auch hier hat ein neuer Trainer seiner Mannschaft ein klares Konzept mitgebracht: Intensiv im Mittelfeld pressen, Bälle erobern und bei Ballverlust schnell wieder in die Ordnung kommen. Im Spiel nach vorne geht viel über Weghorst. Aber wenn man einen solchen Stürmer hat, muss man ihn auch einfach einsetzen. Weghorst ist ein ziemlich kompletter Stürmer. Er ist ein sehr laufstarker Pressingspieler, kann als Wandspieler hohe Bälle festmachen und weiterverteilen und hat große Qualitäten im Abschluss. Für seine Körpergröße ist er sogar technisch ziemlich gut. Ähnlich wie gegen Leverkusen könnte das – wenn es für Freiburg gut läuft – ein sehr umkämpftes Spiel und knappes werden.

Es sind drei sehr schwere Spiele. Eine erste kleine Negativserie in dieser Saison wäre nicht überraschend. Dann würde der SC Freiburg wohl auch in der Tabelle dort stehen, wo sie gerade die meisten Fußballfans erwarten. Andererseits ist Streichs Team gerade sehr gut drauf, hat kaum verletzte Spieler und im Gegensatz zu den Gegnern keinen Druck. Der Freiburger Höhenflug muss also noch nicht zu Ende sein.

 

 

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2 Gedanken zu „Länderspielpause: Ein Blick in die Zukunft

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