Hopp und die Empörungswelle

1. Einleitung

Der folgende Text ist der Versuch aufzuzeigen, dass man bei der Thematik Hopp einen Standpunkt einnehmen kann, der prinzipielle Kritik am Feindbild Investor übt, Beleidigungen und Provokationen nicht prinzipiell aber in diesem Fall verurteilt und gleichzeitig die Empörungswelle gegenüber den Beleidigungen als vollkommen überzogen betrachtet. Ich hoffe, das gelingt.

Die ganz konkreten Auslöser der Fanproteste, also die Wiederaufnahme von Kollektivstrafen durch den DFB, wird dabei weitestgehend ausgeklammert. Dazu finden sich momentan auch genug Texte im Netz, die sich deutlich gründlicher mit dieser Thematik auseinandergesetzt haben. [https://www.kicker.de/771165/artikel/die_hintergruende_der_hopp_proteste_]

Ich muss mich im Vorhinein auch für etwaige Wiederholungen entschuldigen. Mein Standpunkt baut auf Grundlagen auf, die ich in anderen Texten schon dargelegt habe. Da es aber ein etwas abseitiger Standpunkt im Bereich Profifußball ist, muss dieser vielleicht manchmal wiederholt werden.

2. Fragwürdige Investorenkritik

Als kulturindustrielles Produkt ist der Profifußball in der kapitalistischen Gesellschaft Ware. Somit ist sie einerseits Gebrauchswert, also „ein Ding, das durch seine Eigenschaften menschliche Bedürfnisse irgendeiner Art befriedigt. Die Natur dieser Bedürfnisse, ob sie z. B. dem Magen oder der Phantasie entspringen, ändert nichts an der Sache.“ (Marx, Kapital) Andererseits ist sie Wert, der als Tauschwert oder Preis erscheint. Als Ware ist der Profifußball somit immer beides: an den konkreten Bedürfnissen der Menschen ausgerichtet und abstrakter Wert mit dem Zweck der Wiederverwertung, also des Profits. Letzteres führt zum Konkurrenzdruck zwischen den einzelnen Akteuren, der gewisse Handlungsspielräume verengt. Diesem Prozess sind mehr oder weniger alle Klubs im Profifußball unterworfen. Die ökonomische Potenz eines Vereins bestimmt den sportlichen Erfolg, andersherum ist dies nur sehr begrenzt der Fall. Auch ohne Investoren geht es hierbei eher um den richtigen Standort, die richtigen Kontakte in Wirtschaft und Politik, eine gute Planung, die richtige Marktnische um attraktiv für Sponsoren zu sein, Eigentum an Boden und Stadion, geschickte Vertragsverhandlungen, gute Vermarktung, das richtige Image usw. Ohne diese außersportlichen Faktoren geht jeder Verein innerhalb von kürzester Zeit durch den Konkurrenzdruck unter.

Der Vorwurf an Investoren im Profifußball, sie wollten Profite erwirtschaften, ist richtig. Allerdings wird dabei ausgeblendet, dass auch in ihren Klubs dafür Fußball gespielt werden muss und andererseits, dass auch bei den sogenannten Traditionsklubs das Profitinteresse vorrangig ist und sein muss. Die Investorenkritik baut auf einem ideologischen Schein auf, der das Profitinteresse von den „echten“ Klubs abspaltet und alleine auf die sogenannten „Plastikklubs“ projiziert. Ebenso erklären sich die scheinbaren Gegensätze von echtem Fan und „Eventi“, da selbstverständlich jeder Fußballfan in diesem Umfeld immer auch ein Konsument ist.

Auch wenn im speziellen Fall der gesellschaftliche Einfluss eines Investoren Anlass zur Kritik gibt, die abstrakte Gegenüberstellung von „authentischem“ und „künstlichem“ Fußball ist im Profisport nicht konsistent aufrechtzuerhalten. Im besten Fall führt dies einfach zu Nichts, außer ein paar abfälligen Kommentaren zu den finanziellen Vorteilen Hoffenheims, Leverkusens oder RB Leipzigs, die teilweise auch real existieren, je nachdem mit welchem Verein man sie vergleicht. Im schlechteren Fall muss dieses Scheinbild durch allerlei Signalwörter (Volkssport, Verwurzelung, Scheich, ausländischer Investor, Marionetten, Söldner usw.) und identitärem Pathos zusammengehalten werden, der sich auch mit noch gefährlicheren Weltbildern vertragen kann (nicht muss).

Interessanterweise hat sich diese subjektive Verarbeitungsform (Abspaltung und Projektion) objektiver Widersprüche (Wert und Gebrauchswert) zumindest in Deutschland auch auf den Teil des Profifußballs übertragen, der tatsächlich ökonomisch profitiert. Verbands- und Vereinsfunktionäre, Moderatoren, Kommentatoren, Spieler, Trainer, Journalisten usw. warnen ebenfalls davor „das Rad nicht zu überdrehen“, kritisieren überteuerte Transfers, wollen den Kontakt zur Basis nicht verlieren, sehen die Bundesliga durch die englischen besseren TV-Verträge benachteiligt usw. Hier wird das falsche Bewusstsein dann doch fast zur offenen Lüge, die man aber schon so lange aus der allgegenwärtigen Werbung gewohnt ist, dass man leider dagegen abstumpft.

3. Reale Gegensätze

Ich habe bei vergangenen Texten behauptet, dass der Prozess der Kommerzialisierung im Fußball schon längst abgeschlossen ist. Dabei habe ich mich an diejenige Definition gehalten, dass es sich dabei um einen Prozess handelt, der zuvor von kommerziellen Interessen freien Gebiete in die Wertverwertung mit aufnimmt. Dieser Prozess ist auch in der Tat abgeschlossen. Hier gibt es beim Profifußball nichts mehr zu verteidigen, außer man möchte ihn gänzlich abschaffen.
Dennoch gibt es einen Prozess, den man ebenfalls aus praktischem Interesse mit dem Begriff der Kommerzialisierung beschreiben könnte. Die Überformung des Produkts durch seinen (Tausch-)Wert, also die Maximierung des Profits und die Risikoverminderung der Investitionen. Und dies geht bis zu einem gewissen Grad gegen die Interessen der Fans vor dem Fernseher, gegen die Besucher im Stadion und gegen die organisierte Fanszene. Die Erscheinungsformen dieses Prozesses sind beispielsweise gesteigerte Preise, scharfe Kontrollen am, im und vor dem Stadion, Alkoholverbote, Qualitätsabfall der journalistischen Begleitung durch Einsparung, Werbung im Pay-TV, Vereinskanäle, Konzentration auf die Fernsehzuschauer (VAR, Tormusik), Zersplitterung des Spieltags und zunehmender Verlust moralischer Hemmungen bei Sponsorendeals (Qatar Airways, Gazprom, Wiesenhof, Herrenknecht).

Nun sind nicht alle Entwicklungen der zunehmenden Kommerzialisierung zu verdammen. Der Komfort in Stadien, die Verfügbarkeit der Übertragungen und je nach Umsetzung vielleicht auch der VAR (auch wenn ich ihn persönlich nicht so gerne habe. Wenn er das Gejammer über Schiedsrichter auch nur etwas minimiert, hat es sich schon gelohnt). Dennoch hat die Kommerzialisierungskritik, die in den Stadien mit Bannern vorgetragen wird, einen realen Kern, auch wenn sie häufig in die oben beschriebene ideologische Richtung abgleitet (ich bewege mich hier auf einer sehr pauschalen Ebene). Besonders sympathische Beispiele sind dagegen die konkrete Kritik an gewissen Sponsoren (Bayern an Qatar), der Protest gegen die Montagsspiele/ für fangerechte Anstoßzeiten (was auch für den Fernsehzuschauer gilt) und die Forderung nach bezahlbaren Preisen (die man auch auf Pay-TV oder Bier-/Kaffee-/Limonadenpreise im Stadion ausweiten könnte).

4. Die Form der Kritik

Zwischenfazit: Kommerzialisierungskritik hat durchaus ihre Berechtigung, schlägt aber immer wieder in ideologische Formen um. Das ist auch kein Wunder, wenn man ein Produkt der kapitalistischen Gesellschaft und dessen Vermarkter dafür kritisieren möchte, dass es sich zu sehr in Richtung Profitmaximierung entwickelt. Es bleibt einem da wohl nur übrig, ganz konkret einzelne Entwicklungen zu analysieren, abzuwägen und erst dann zu protestieren. Auf den Pathos des „echten“ Fußballs sollte man verzichten, da es ihn nicht gibt und nicht gab.
Soweit zur inhaltlichen Kritik am Feindbild Investor.

Das macht die Form der Kritik, die auf den Spruchbändern zu sehen waren, dann auch noch problematischer. Die Beleidigung von Hopp als „Hurensohn“ und sein Bild im Fadenkreuz sind wirklich sehr geschmacklos.
Dennoch haben hier Form, Inhalt und Kontext des Protests durchaus etwas miteinander zu tun. Spruchbänder werden von Medien und Verband nur wahrgenommen, wenn sie provozieren oder perfekt in ihr Bild passen. Man könnte sich also durchaus einen strategischen Zusammenhang vorstellen, in dem das Mittel der öffentlichkeitswirksamen Provokation ohne die Diffamierung von Personengruppen bei leider handelsüblicher Beleidigungen, dem Zweck angemessen wäre. Um wieder das offensichtliche Beispiel hervorzukramen: Die Beleidigung eines Verantwortlichen des FC Bayern München mit dem Ziel Aufmerksamkeit dafür zu bekommen, dass die Werbung für Qatar Airways eingestellt wird. Damit kann man sich zwar nicht mehr auf die moralisch reine Position zurückziehen, sich dafür aber mit den Arbeitsmigranten, verfolgten Atheisten, mit der Todesstrafe bedrohten Homosexuellen und benachteiligten Frauen solidarisieren. Das hätte dann schon eine andere Qualität als das Ziel, Investoren aus der Bundesliga fernzuhalten. Bei Letzterem bleiben die Beleidigungen tatsächlich zu verurteilen und können nicht gerechtfertigt werden.

Die ganze Angelegenheit hat sich nun allerdings weiterentwickelt. Die in den letzten Jahren anhaltenden Beleidigungen gegen Hopp haben neben Gerichtsprozessen nun auch zur Wiedereinführung von Kollektivstrafen gegen Fans geführt. (Das Wort weckt größere Assoziationen, meint aber verschärfte Kontrollen, Auflagen bei Fanutensilien, teilweise Schikane durch die Polizei und Zuschauerausschluss) Der Widerstand dagegen drückt sich nun in Form von Zitaten der Beleidigung und des Bildes durch weitere Fanlager in verschiedensten Stadien aus. Die Situation, in der man sich gerade befindet, ist also diese, dass gewisse Fanszenen auf dem Recht auf Beleidigung gegen Investoren ohne überzogene Strafen beharren und auf der anderen Seite plötzlich Maßnahmen ergriffen werden (bspw. häufige Spielunterbrechungen), die in diesem Ausmaß nur selten angewandt wurden. Obwohl Beleidigungen gegenüber Spielern, Schiedsrichtern oder Fanszenen, rassistische und sexistische Gesänge durchaus nicht neu in Fußballstadien sind.

5. Eine Welle der Betroffenheit

Die Heftigkeit der Reaktion von den Vertretern der Vereine und Verbände, Spielern, Trainern, Sky und vieler weiterer am 24. Spieltag war dann aber doch nicht zu erwarten. Die Solidarität mit Hopp und die Skala der Betroffenheit kannte keine Grenzen. Spieler des FC Bayern und der TSG Hoffenheim stellten das Spielen ein und passten sich den Ball zu. Lothar Matthäus betonte das soziale Engagement Hopps in der Region, weswegen Kritik vollkommen unangebracht wäre. Eberl stellte den nicht vorhandenen Bezug zum Anschlag in Hanau her. Streich streifte in seinen Ausführungen über diesen Hass in der Gesellschaft das Thema des Aufstiegs des Nationalsozialismus. Der FC Schalke kündigte an, bei weiteren Beleidigungen das Spielfeld in Zukunft zu verlassen. Hopps Anwalt lobte die Gründung einer Soko für diesen Fall, betonte noch einmal die tiefe Betroffenheit seines Mandanten und forderte das harte Durchgreifen des Staates in Form von Hausdurchsuchungen oder mal einer Nacht in der Zelle für die Übeltäter usw. usw.

Selbstverständlich sind Beleidigungen beleidigend und das Mitgefühl für den Beleidigten eine schöne Emotion. Häufig verlangt es Mut, sich für Beleidigte einzusetzen, da man sich dabei vielleicht selber Angriffen aussetzt. Bei der Welle der Betroffenheit und Empörung schien aber jedes Maß verloren gegangen zu sein. Eine Beleidigung ist keine Hetze und das Bild mit dem Fadenkreuz ist kein Mordaufruf. Selbstverständlich sind Stadien keine Rechtsfreien Räume und auch Multi-Milliardäre sollten durch den Rechtsstaat vor persönlichen Beleidigungen geschützt werden. Aber sie gehören eben zu jenen, die jeden potenziellen Fall vor Gericht prüfen lassen können, ohne dabei ein größeres Risiko eingehen zu müssen. Ganz im Gegensatz zu den meisten anderen im Stadion, die beleidigt werden.

Bei der Kritik an der Reaktion geht es aber nicht nur darum, dass man prinzipiell verhältnismäßig reagieren sollte, was bei emotionalen Themen häufig schwierig ist. Die bemühte Herstellung einer Verbindung mit dem Anschlag in Hanau oder dem Aufstieg des Nationalsozialismus zeigt eine allgemeinere Tendenz in der Gesellschaft an. Öffentliche Akteure geraten immer mehr in ein strategisches Verhältnis zu Anschlägen, Kriegen, gefährlichen politischen Entwicklungen etc. Wenn man Anschläge wie in Hanau, in Paris, auf dem Berliner Weihnachtsmarkt oder in München nicht auf ihre spezifischen Hintergründe untersucht, sondern einfach unter den Stichworten Hass und Gewalt abhakt, stellen sie immer bloß einen Extremfall von Aggression dar und können dann mit jeder Art psychischer und physischer Aggression in Verbindung gebracht werden. Sie sind aber eben kein Amoklauf, sondern haben spezifische ideologische Grundlagen, die auch nicht aus dem Nichts entstehen, so wahnhaft diese auch sein mögen. Mit dem Motiv bei der Causa Hopp den Leuten den aktuellsten/ schlimmsten Vorfall in den Kopf zu rufen, verwischt man genau diese Unterschiede.


Fazit: Im Prinzip wollte ich mit diesem Text nur darstellen, dass man(, wie aus der Darstellung hoffentlich hervorgegangen, mit guten Gründen) Kommerzialisierungskritik in Form der Investorenschmähung als ideologisch, die Beleidigungen gegen Hopp als geschmacklos und zu verurteilen, eine gewisse Reaktion der Verbände als verständlich, die tatsächliche Welle der Empörung aber für vollkommen überzogen halten kann.

 

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