Hinrundenfazit 2019/20: 1. Bundesliga (Platz 1-9)

Die Bundesliga wurde in dieser Saison etwas durcheinandergewirbelt. In der letzten Saison hat der Hamburger SV den Wiederaufstieg verpasst und zusätzlich kam der Gewinner aus der Relegation seit langem mal wieder aus der zweiten Liga. Drei Aufsteiger und der Klassenerhalt von Düsseldorf vergrößern nun die Gruppe von Teams, die sich insbesondere darauf konzentriert, nicht auf Platz 16, 17 oder 18 zu landen. Am anderen Ende der Tabelle konnte man schon länger dabei zusehen, wie der FC Bayern München seit dem Abgang von Guardiola an spielerischer Qualität verliert. Bisher reichte es aber dennoch immer für den Titel. In der gehobenen Tabellenmitte gab es vor der Saison mehrere Trainerwechsel. Von Glasner, Rose, Wagner, Schreuder und Nagelsmann wurde einiges erwartet.
Der Text geht in zwei teilen durch die verschiedenen Tabellenregionen durch und zieht ein kleines Resümee nach den ersten 17 Spieltagen.

1. Der Meisterschaftskampf

Rasenballsport Leipzig:
Die große Frage vor der Saison war hier, ob die Spielidee von Nagelsmann mit einer „RB-Mannschaft“, die ja alle irgendwie auf Rangnickschen Umschaltfußball setzen, funktionieren kann. In der Vorbereitung sah es nicht so ganz danach aus, aber der Start in die Bundesliga verlief recht gut. Nagelsmann schwankte in dieser Anfangsphase zwischen seinen eigenen Ideen und dem RB-Fußball. Dieser Kompromiss sorgte dann auch für eine kleine Durststrecke zwischen Spieltag 6 und 9. Nach dem besagten neunten Spieltag gab es allerdings nur noch einen Punktverlust gegen Dortmund (3:3).
Wie schon in Hoffenheim setzt Nagelsmann auf einen sehr aktiven Spielstil, ist weniger auf Stabilität bedacht, aber auf mehr Ballbesitz als Leipzig vorher hatte. Dass sie in den letzten acht Spielen immer mal wieder ein Gegentor kassiert haben, wurde durch die offensive Stärke kompensiert, die immer zu drei Toren oder mehr führten.
Leipzigs Lauf ist beeindruckend. Diese Sicherheit gegen Teams aus dem Tabellenkeller und -mittelfeld zu punkten, hat schon länger keine Mannschaft mehr ausgestrahlt. Wenn sie das beibehalten, könnte diese Qualität fast schon für die Meisterschaft reichen. Denn auch gegen Bayern, Gladbach und Dortmund war man zwar nicht immer souverän, hat aber gepunktet.

Borussia Mönchengladbach:
Auch Rose hatte ein paar Anpassungsschwierigkeiten zu Beginn der Saison. Sein sehr aktiver, manchmal chaotischer Spielstil stand in krassem Gegensatz zu dem „sauberen“ Spiel unter Hecking oder Favre. Nach ein paar Spielen schien das Trainerteam die Veränderung aber etwas langsamer voranzutreiben, was etwas mehr Sicherheit brachte. Es wurde wieder weniger Raute und mehr 4-3-3 gespielt. Seitdem läuft es sehr gut und gleichzeitig ist die Entwicklung noch nicht am Ende. Man kann sich in Gladbach nicht nur auf eine spannende Rückrunde, sondern auch auf die nächsten Jahre freuen. Rose und sein Team scheint schon etwas Besonderes zu sein und die Spieler im Kader sind auch nicht uninteressant.
Was gegen eine Meisterschaft spricht, ist aber vielleicht doch auch der Kader. Zwar ist die Borussia auf allen Positionen recht gut besetzt, aber im Vergleich zu Bayern, Leipzig und Dortmund gibt es schon noch einen Unterschied.

FC Bayern München:
Der Verlust einer Spielidee, aber auch der Anpassungsfähigkeit an Gegner schreitet in München weiter voran. Kovac konnte diese Tendenz nicht aufhalten und verlor seinen Job. Unter Flick sah es kurzfristig besser aus. Seine Wiedereinführung des intensiven Gegenpressings erinnerte an die letzte Rückkehr von Heynckes. Allerdings greifen die Mechanismen auch nicht mehr ganz so gut. Gerade im Spiel gegen Freiburg konnte man beobachten, dass auch ein Mittelfeldteam das Gegenpressing umspielen kann und sich daraufhin große Lücken offenbaren.
Dass das dieses Jahr so offensichtlich wird, liegt auch am kleinen Kader. Schon wenige Verletzungen reißen bei Bayern Lücken auf, die durch positionsfremde Spieler gefüllt werden müssen und dann wiederum auf anderen Positionen Alternativen fehlen. Auch hierauf wurde in dieser Transferperiode noch nicht reagiert. Ein neuer Meister der 1. Bundesliga ist zwar nicht zwangsläufig, deutet sich in diesem Jahr allerdings sehr stark an. Vielleicht ist die Frage bei Bayern aber noch ein bisschen größer: Können sie überhaupt den Abwärtstrend der letzten Jahre aufhalten oder geht er noch weiter?

Borussia Dortmund:
Dortmund mangelt es weiter an Kontinuität. Die längste Serie in der Bundesliga besteht aus drei Siegen am Stück. Eines der Hauptprobleme ist eine gewisse Passivität, die sich gerade bei Führungen immer wieder einschleicht. Prinzipiell ist der Gedanke, sich als Favorit häufiger mal zurückzuziehen, um mehr Platz für Konter zu bekommen, gar nicht schlecht. Es funktioniert nur leider zu selten.
Die Umstellung auf ein 3-4-3 durch Favre könnte aber vielleicht etwas mehr Stabilität bringen. Ob das für einen längeren Lauf reicht, bleibt aber noch abzuwarten.

Fazit:
Die vier Teams werden die Meisterschaft wohl unter sich ausmachen. Leipzig kristallisiert sich dabei als Favorit heraus. Die anderen drei Teams haben so ihre kleineren Probleme, sind aber alle dazu fähig, eine gute Rückrunde zu spielen. Dass eines der vier Teams aus den CL-Rängen herausfliegt, wirkt trotz geringem Vorsprung in der Tabelle eher unwahrscheinlich.

2. Kampf um Europa-League-Plätze

FC Schalke 04:
Von der Vizemeisterschaft zum Abstiegskampf. Tedesco hat in weniger als zwei Jahren einiges an unterschiedlichen Situationen kennenlernen dürfen. Unter Wagner sollte sich Schalke wieder stabilisieren und genau das hat er auch geschafft. Man brachte in der Hinrunde vor allem ein gut organisiertes Pressing auf das Feld und gewann damit an defensiver Stabilität. Einige der sehr knappen Spiele konnten die Schalker für sich entscheiden und kletterten somit schnell in höhere Tabellenregionen. Mit der Selbstsicherheit etablierten sich – trotz einiger Verletzungen – auch spielerische Elemente. Um die Position zu halten, müsste diese Entwicklung aber auch weiter vorangetrieben werden, da offensiv bisher noch vieles auf den Schultern von Harit lastet. Zusätzlich würde ein Stürmer den Schalkern ganz guttun.

Bayer 04 Leverkusen:
Diese Mannschaft hat in der Hinrunde ein paar komische Phasen gehabt. Ähnlich wie bei Dortmund fehlt es an Kontinuität. Leverkusen konnte nicht einmal drei Spiele in der Hinrunde hintereinander gewinnen. Eine richtige Erklärung findet sich auf den ersten Blick allerdings nicht. Weiterhin sind unter Bosz viele offensive Spieler auf dem Feld und halten dort auch recht hohe Positionen. Das Verhindern von Toren läuft eher über eigenen Ballbesitz, das Herausspielen von eigenen Chancen über Ballgewinne im Pressing und Gegenpressing. Insgesamt ist der Ballbesitzanteil etwas gesunken. Das größte Problem scheint zu sein, in gefährlichen Räumen (Leverkusen ist sehr oft dort) auch gefährliche Situationen zu kreieren. Die Entscheidungsfindung im letzten Drittel ist häufig schlecht.
An sich passen aber Kader und Spielidee gut zusammen und bewegen sich auf einem hohen Niveau. Man wartet eigentlich nur darauf, dass das dauerhaft funktioniert und hat gleichzeitig das Gefühl, dass Leverkusen diese Erwartung aber nicht erfüllen wird.

TSG Hoffenheim:
Die Post-Nagelsmann-Ära verläuft schwankend. Mehr als die Hälfte der 27 Punkte holte die TSG mit fünf Siegen am Stück. Schreuder fällt häufig dadurch auf, Spieler ohne Not positionsfremd aufzustellen, was mal besser funktioniert mal weniger gut. Bis auf Rudy kristallisiert sich auch kein richtiger Schlüsselspieler heraus. Alles scheint noch so ein bisschen in der Findungsphase zu sein.
Andererseits steht Hoffenheim mit 27 Punkten auf Platz 7 und das trotz vieler namhafter Abgänge im Sommer. Es ist schwierig den weiteren Verlauf vorherzusagen.

SC Freiburg:
Wie fast jedes Jahr gibt es auch in diesem einen Verein, der überraschend in ungewohnte Tabellenregionen hervorstößt. Ohne größere Abgänge, ein paar Verstärkungen und der Fähigkeit knappe Spiele für sich zu entscheiden, ist Freiburg nur einen Punkt hinter Hoffenheim. Die große Stärke des Sportclubs ist dieses Jahr, in verschiedensten Situationen eine gute Reaktion zu zeigen: Rückstände aufholen, Führungen ausbauen, große Teams ärgern, kleinen Teams nichts anbieten, den Ball abgeben und Kontern, mal auf den konstruktiven Aufbau setzen usw. Der SC Freiburg bleibt flexibel und findet sich mit allem irgendwie zurecht. Genau das macht eine weitere Prognose aber auch so schwierig. Herangehensweise und ob diese dann gegen den jeweiligen Gegner so gut funktioniert, dass es für Punkte reicht, ist einfach nicht vorherzusehen. Tendenziell kann man aber optimistisch sein, da auch kein Argument für ein klares Abrutschen spricht.

VfL Wolfsburg:
Glasner setzt ziemlich eindeutig auf defensive Stabilität, und zwar auch dann, wenn sie auf Kosten der Offensive geht. In Spielen mit Wolfsburger Beteiligung fielen nur 36 Tore. Leverkusen und Union Berlin belegen die Plätze dahinter mit 44 Toren.
Soll eine so defensive Herangehensweise funktionieren, muss sie ziemlich perfekt ausgeführt werden (Bsp. Leipzig letzte Saison), da diese Teams meistens Probleme bekommen, wenn sie in Rückstand geraten (Bsp. Schalke in der letzten Saison). Bis zum 9. Spieltag blieb Wolfsburg ohne Niederlage (nur 5 Gegentore, nie mehr als eines pro Spiel), brach danach aber ein. Von den letzten acht Spielen verloren sie fünf. Glasner muss etwas verändern.

Fazit:
Betrachtet man die Kader der Teams, so müsste Leverkusen sich im Prinzip klar durchsetzen, vielleicht sogar noch in Richtung CL-Plätze gehen. Auf der anderen Seite fällt der SC Freiburg im Vergleich etwas ab. Allerdings ist im Tabellenmittelfeld alles so eng, dass man nicht einmal sicher sagen kann, ob nicht doch noch ein FC Augsburg da oben reinrutschen könnte. Schalke zeigt sich zumindest stabil, hat aber auch schon lange kein Spiel mit zwei Toren Unterschied gewonnen.
Bis auf Leverkusen dürfte sich der Druck auf diese Teams aber ohnehin in Grenzen halten.

 

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