Hinrundefazit 18/19 (Teil 2)

Der erste Teil des Hinrundenfazits war sehr von Zahlen geprägt und wurde dadurch etwas trocken. Im Prinzip wollte ich dort nur sagen, dass es sich um eine relativ gute Hinrunde handelte. Er kann aber auch als eine Art Fundierung dieses zweiten Teils gelten, der dann eher die Frage beantworten soll, wie es zu diesen Zahlen kam. Hier werden nun einige Aspekte der Freiburger Hinrunde beleuchtet.

1. Flexible Defensivpläne

Dieser erste Punkt stellt zunächst keine große Neuheit dar. Der SC Freiburg unter Streich ist schon lange bekannt dafür, die Stärken des Gegners nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Das Pressing ist nicht mehr dauerhaft so offensiv und radikal, wie in der Anfangszeit, aber immer noch sehr effektiv. Der Grund für diese Abmilderung ist aber nicht nur beim SC Freiburg selbst zu suchen, sondern eher darin, dass die Bundesliga sich über die letzten Jahre entwickelt hat. Mit einem aggressiven Anlaufen der Aufbauspieler kann man heute niemanden mehr überraschen und so ist auch das normale Freiburger 4-4-2-Pressing kein Alleinstellungsmerkmal.
Zwei Stürmer laufen die Innenverteidiger an, um ihnen die Ruhe im Spielaufbau zu nehmen. Auf den Außen gibt es prinzipiell Mannorientierungen. Das bedeutet, der Flügelspieler rückt auf den Außenverteidiger heraus und der Außenverteidiger bleibt beim gegnerischen Flügelspieler. Eine Doppelsechs wird ebenfalls relativ eng von der eigenen verfolgt.

Es ist recht nützlich dieses Grundschema des „normalen“ oder „einfachen“ Streichschen 4-4-2-Pressings – das, wie gesagt, nicht nur von Streich verwendet wird – im Kopf zu haben, da man dadurch in jedem Spiel beobachten kann, was sich verändert. Und das war in dieser Hinrunde sehr viel. Neben den einfachen Stellschrauben (Höhe der verschiedenen Pressinglinien, Konsequenz des Herausrückens der Außenverteidiger, Konsequenz der Verfolgung der Mittelfeldspieler bis an den eigenen Strafraum, Anlaufen des Torwarts oder nicht usw.), schien sich der SC Freiburg in fast jedem Spiel einen neuen Plan auszudenken und gegebenenfalls auf Umstellungen des Gegners einzustellen. Das beschriebene Grundschema wurde somit eher zu einem gedanklichen Ausgangspunkt, als einem tatsächlichen. Sehr offensichtlich wurden die Veränderungen, wenn das eigene System umgestellt wurde. Gegen Dreierketten ist es in Freiburg nicht unüblich ebenfalls auf ein 5-2-3 umzustellen, damit drei Angreifer auch drei Innenverteidiger anlaufen können, die Außenverteidiger 1-gegen-1 stehen usw. Neben dieser recht simplen Lösung gab es allerdings auch sehr unorthodoxe Adaptionen an den Gegner, wie zum Beispiel gegen Berlin:
Auf dem Papier sah es nach einem normalen 4-4-2 aus, wodurch man allerdings gegen die Dreierkette im Aufbau der Berliner (Abkippender Sechser oder tief bleibender Außenverteidiger) in Unterzahl gewesen wäre. So blieb Terrazzino (rechter Flügelspieler) auf einer Linie mit Haberer und Waldschmidt, während Sallai (linker Flügelspieler) eine Linie weiter hinten neben Höfler und Koch stand. Ein asymetrisches 4-3-3 also, das man in der Bundesliga nicht so häufig sieht:

———-Waldschmidt—-Haberer—–Terrazzino
Sallai—–Koch———–Höfler——————–
Günter——Heintz——–Gulde————Kübler


Die für den SC Freiburg untypischste Formation wurde gegen Bayer Leverkusen am 7. Spieltag eingesetzt. Ein 4-1-4-1 mit kleinen Besonderheiten.
Leverkusen spielte in einem 4-2-3-1. Bei eigenem Spielaufbau rückten die Außenverteidiger auf und Dragovic, der in diesem Spiel als Sechser auflief, ließ sich zwischen Tah und Bender fallen. Freiburg wollte den Zehner Havertz aus dem Spiel nehmen und stellte ihm Koch auf die Füße und setzte zudem auf den Außenbahnen auf eine Mannorientierung. Man wollte aber offensichtlich trotzdem mit drei Spielern die Dreierkette anlaufen. So rückten die Achter (Höfler und Gondorf) neben Niederlechner auf, was sich auf dem Feld häufig folgendermaßen auswirkte.

——-Höfler—Niederlechner—Gondorf——
Sallai—————————————-Frantz
———————–Koch————————-
Günter———Heintz———Gulde—–Kübler

Interessant war diese Formation auch deswegen, weil ein großes Loch entstand, und zwar hinter Niederlechner, vor Koch und zwischen Sallai und Frantz, wie man hoffentlich an der Aufstellung im Textformat erkennen kann. Genau in diesem Loch stand der zweite Leverkusener Sechser Kohr und wartete auf ein Anspiel seiner Innenverteidiger, um sich in diesem großen Raum zu drehen und das Spiel mit viel Tempo nach vorne zu tragen. Allerdings stellten Höfler, Niederlechner und Gondorf die Passwege auf ihn so geschickt zu, dass diese Situation kaum entstand. (Eine Ausnahme gab es sehr früh im Spiel, als Leverkusen ihn über den Außenverteidiger Weiser und Brandt anspielen konnte. Es wurde sofort gefährlich.) Bemerkte Niederlechner, dass eine Lücke entstehen könnte, ließ er sich fallen, um dann doch direkt bei Kohr zu bleiben.
Dieser Defensivplan zeigte ein hohes Maß an taktischem Verständnis, da die Mischung aus simplen Mannorientierungen und komplexem Zustellen der Passwege ins Zentrum ziemlich gut aufeinander abgestimmt und relativ fehlerlos ausgeführt werden müssen, damit sie ihre Wirkung halbwegs entfalten können. (Wobei die zu entfaltende Wirkung insbesondere das Verhindern eines Spielaufbaus darstellte.) Die Ausführung war erstaunlich gut und führte zu folgendem Resultat: Leverkusen hatte einen xG-Wert von nur 0,55 (der zweitniedrigste der Leverkusener Hinrunde) und keinen einzigen Schuss auf das Tor.
Offensiv kam Freiburg in diesem Spiel immerhin zu einem Pfostenschuss und zu einem sehr guten Abschluss von Günter, nach absurd guter Torschussvorlage von Koch über 40 Meter in den Lauf.

Man könnte noch weiter Beispiele aufzählen. Gegen die Bayern verzichtete man fast vollständig darauf, die Innenverteidiger anzulaufen und die beiden Stürmer ärgerten den Sechser Kimmich, gegen Dortmund stand man in einer sehr tiefen Fünferkette, gegen Bremen spielte man lange eine sehr offensive Dreierkette, gegen Mainz stellte man nach 30 Minuten auf ein sehr ungewohntes 3-1-4-2 um, damit die Unterzahl im Zentrum ausgeglichen werden konnte usw. Ich denke, es müsste deutlich geworden sein, wie flexibel die Freiburger Defensivpläne geworden sind.

Die Flexibilität besteht hier nicht hauptsächlich in den verschiedenen Formationen – dazu komme ich später –, sondern darin, dass verschiedenste Mittel angewandt werden, um das gegnerische Spiel zu verhindern. Ein Trainer kann nicht wirklich voraussagen, ob Freiburg den Sechser mit einem eigenen Sechser oder einem Stürmer zustellen wird, oder der Stürmer nur den Passweg blockieren möchte. Ob drei Aufbauspieler mit drei Stürmern angelaufen werden oder Freiburg sich einfach etwas weiter zurückzieht. Bei diesen allwöchentlichen Anpassungen hatte das Trainerteam eine ziemlich hohe Trefferquote. Die Spiele gegen Leverkusen, Bayern, Dortmund, Leipzig, Wolfsburg und weitere sahen defensiv sehr gut aus. Allein gegen Augsburg und 30 Minuten gegen Mainz konnte man deutlich erkennen, dass es keinen geeigneten taktischen Defensivplan gab. Obwohl man sich gerade gegen Augsburg die Frage stellen kann, ob die schlechte 1. Halbzeit wirklich taktische Gründe hatte.

2. Freiburger Asymmetrie und weiter Grundaspekte des Spiels mit dem Ball

Es folgen verschiedene Aspekte beim Spiel mit dem Ball, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit.

Freiburgs Spiel ist immer deutlicher Asymmetrisch ausgerichtet, was aber weniger eine taktische Spielerei ist, als vielmehr eine Folge der Stärken derjeniger Spieler, die fast immer spielen: Gulde, Heintz und Günter. Günter rückt prinzipiell weiter auf als Stenzel oder Kübler. Das kommt ihren eigenen, aber auch den Fähigkeiten der beiden Innenverteidiger zugute. Während Heintz einen relativ guten linken Fuß hat, mit dem er entweder Günter schicken, einen Sechser flach anspielen oder einen Diagonalball treten kann, ist Gulde, dessen Qualitäten eher Stabilität und das Stellungsspiel sind, etwas eingeschränkter im konstruktiven Aufbauspiel. So bleiben die Rechtsverteidiger etwas tiefer, bieten sich für einen kurzen Ball an und unterstützen ihn bei der Spieleröffnung. Diese Ausrichtung betrifft dann auch die Flügelspieler. Da Günter dem Spiel auf der linken Seite die Breite gibt, kann der Flügelspieler einrücken und sich etwas fallen lassen. Auf der rechten Seite passiert dies zwar auch manchmal, kann aber dann vom gegnerischen Verteidiger leicht verfolgt werden, da dort kein anderer Freiburger Spieler mehr Präsenz zeigen kann.


Wie im vorherigen Teil schon angesprochen ist der SC Freiburg keine Ballbesitzmannschaft. Durch die schon lang zurückliegende Aussage von Streich, dass man den Ball haben will, hat sich da über die Jahre ein gewisses Vorurteil eingeschlichen. Unter Streich war Freiburg nie eine Ballbesitzmannschaft im klassischen Sinne. Es stimmt zwar, dass er in den Jahren vor dem Abstieg größtenteils auf hohe, lange Bälle aus der Innenverteidigung heraus verzichtete, aber auch damals spielte sich der Großteil des Ballbesitzes zwischen den Aufbauspielern ab. Im letzten Drittel ging es immer darum, schnell zum Abschluss zu kommen. Bei der Aussage sollte wahrscheinlich ohnehin eher betont werden, dass Freiburg den Ball jagt, keine Angst vor Ballbesitz hat, den Ball tatsächlich haben will, um dann Torchancen zu kreieren. Den Ball haben wollen, kann dabei als eine Beschreibung für sein aggressives Pressing interpretiert werden, das wirklich auf die Balleroberung aus ist und nicht nur auf das Verhindern von Torchancen. Der Kontext des Zitats legt das recht nahe, da es dort eigentlich darum ging den Bayern immer hinterher zu rennen und zu versuchen den Ball abzunehmen. Auch wenn die Bayern einem nie den Ball geben, sollte das die Mannschaft immer weiter versuchen.
Das Kriterium, ob es sich dann um guten Ballbesitz handelt, ist im Breisgau, ob man es dann auch schafft vom eigenen Drittel ins Angriffsdrittel und von dort zu Chancen zu kommen. Wie gesagt, gibt es dabei seit dem Abstieg mehrere Wege nach vorne:

1. Umschaltspiel: Nach Ballgewinn flach durch die Mitte zu spielen, ist der favorisierte Weg. Gerade in den Spielen, in denen der SC Freiburg vorne lag, konnte man dabei sehr schöne Spielzüge beobachten. Wenn Waldschmidt, Günter, Haberer, aber auch Frantz etwas mehr Platz haben, können sie damit auch etwas anfangen. Das Problem dabei ist, dass man dieses Mittel in Rückstand nicht mehr anwenden kann, wenn der Gegner sich weiter zurückzieht.


2. Außen – Mitte – Außen – Mitte: Die Spieleröffnung über die Außen ist in der Bundesliga immer schwierig. Fast alle Mannschaften starten die intensivere Pressingphase mit dem Anspiel auf die Außenverteidiger, da man dann am besten alle Passoptionen zustellen und den Ball im Aufbaudrittel erobern kann. Trotzdem versucht der SC manchmal Günter anzuspielen, der schnell in die Mitte abgibt, nach vorne durchläuft, den Ball wieder bekommt und dann riskant vor den Strafraum spielt. So kann man das gegnerische Pressing auch für sich nutzen. Wenn man es schafft sich aus dem Druck zu befreien, ist der Gegner weit aufgerückt und man hat etwas mehr Platz im Angriffsdrittel.


3. Flachpass auf den Sechser oder zurückfallende Flügel: Das kurze Anspiel vom Innenverteidiger auf den Sechser ist selten möglich, da dieser von allen Mannschaften zugestellt wird. Deshalb ist das Zurückfallen der Flügelspieler in den Zwischenlinienraum vor der gegnerischen Abwehr ein beliebtes Mittel. Hier sieht man hin und wieder schöne flache Pässe durch zwei Linien, gerade auf Waldschmidt, manchmal auf Terrazzino, in Zukunft vielleicht auch häufiger auf Grifo. Wenn der Offensivspieler sich dann gut drehen kann, führt das auch zu recht aussichtsreichen Situationen.


4. Diagonalball: Der regelmäßige Einsatz von langen diagonalen Pässen ist eher neu. Kempf und Söyüncü konnten das zwar auch, aber der Spielaufbau wurde nur selten darauf ausgerichtet. In dieser Saison blieben die Außenbahnspieler häufiger an der Außenlinie, um von den gegenüberliegenden Spielern Heintz und Stenzel, manchmal auch – wenn sie auf die Seite auswichen – Haberer und Koch angespielt zu werden. Durch die Spielverlagerung entsteht eben etwas mehr Platz für den in Szene gesetzten Außenspieler. Solche Pässe müssen aber durch eine tiefere Ballzirkulation vorbereitet werden, damit die gegnerische Formation auf eine Seite gezogen wird.


5. Langer Ball: Der lange Ball auf Petersen (manchmal auch Kleindienst) wurde vor allem letzte Saison sehr häufig genutzt. Die Mittelfeldspieler rücken dann auf, um die zweiten Bälle zu gewinnen. Auch in dieser Hinrunde konnte man diesen eher unkontrollierten Spielzug sehen, allerdings nicht in der Häufigkeit, wie in der letzten Rückrunde.

Wie man im letzten Drittel zu Abschlüssen kommt, ist selbstverständlich auch davon abhängig, auf welchem Weg man dorthin gelangt ist.

1. Im Umschaltspiel oder nach einer Befreiung aus dem Pressing, gibt es viel Platz vorne und der Sportclub kann durch Steilpässe und Läufe in den freien Raum zu Abschlüssen kommen.


2. Es gibt aber auch statische Situationen, bei denen der Ball häufig auf dem Flügel, bei einem der beiden Außenverteidiger ist. Hier setzt der Sportclub dann doch häufiger auf Flanken. In einer ersten Phase bieten sich einige Mittelfeldspieler für Doppelpässe an, um den Außenverteidiger in Position zu bringen. Dann stoßen aber schnell sehr viele Spieler in den Strafraum, um dort als Abnehmer bereitzustehen. Die Strafraumpräsenz bei Flanken ist beim Sportclub häufig sehr gut. Beim Tor gegen Wolfsburg waren dort 4 Spieler, gegen Leipzig selbst bei einem Zwei-Tore-Vorsprung drei Spieler, bei der ersten Höfler-Chance gegen Mainz ebenfalls vier Spieler usw. Flanken sind beim Sportclub also keine reine Verzweiflungstat, die man schlägt, da man anderes nicht in den Sechszehner kommt, sondern durchaus Teil des Offensivplans.


3. Als eigentlich recht typischen Weg kann man vielleicht das riskante Anspiel ins Zentrum vor den Strafraum ansehen. Dies wird häufig von Günter eingeleitet. Die Mitte wird meist schon sehr früh im Angriff von den Freiburger Flügelspielern überladen. Wenn der Ball dann dort ankommt, gibt es sehr kleinräumige Kombinationen, die in dieser Saison aber nicht besonders häufig zu Toren geführt haben.


4. Distanzschüsse werden immer häufiger eingesetzt. Koch erzielte so das schöne 1:1 gegen Berlin. Ansonsten sind es besonders Waldschmidt und manchmal Stenzel und Günter, wenn diese in einem günstigen Schusswinkel stehen.


5. Standards führten noch nicht so häufig zum Erfolg, was sich durch die Wintervorbereitung und einem neuen Standardschützen allerdings ändern könnte. Im Testspiel gegen Mainz traf Heintz schon nach einer Ecke von Grifo.


6. Dribblings könnten in der Rückrunde vielleicht auch häufiger vorkommen. Waldschmidt versuchte sich nur selten im 1-gegen-1 durchzusetzen, aber Sallai zeigte in seinen wenigen Einsätzen ganz gute Ansätze von der Außenposition.


7. Der letzte Weg war nur selten zu beobachten, sollte aber aufgrund seiner Ästhetik schon in der Aufzählung auftauchen. Es gab zwei Szenen, in denen ein Chipball über 40 Meter in den Strafraum gespielt wurde. Koch auf Günter gegen Leverkusen und Stenzel auf Waldschmidt gegen Bremen. Leider entstand kein Tor daraus.

Fazit: Nach den letzten drei Spielen der Hinrunde, konnte man das Gefühl bekommen, der SC Freiburg wüsste nichts mit dem Ball anzufangen. Gegen Düsseldorf schob man sich meist sehr lange den Ball zwischen den Innenverteidigern hin und her und kam trotz offensiver Umstellung erst in der Schlussphase zu Chancen. Gegen Hannover und Nürnberg schoss man die Tore eher aus Versehen. Ein unerklärbares Handspiel führte zu einem Strafstoß und ein Freistoß rutschte durch die Abwehr ins lange Eck. Es wäre aber ein bisschen voreilig, Freiburg als reine Umschaltmannschaft, die keine eigenen Ideen im Ballbesitz entwickeln kann, abzustempeln. Gegen Frankfurt und Bremen konnte man über 90 Minuten einige schöne Chancen herausspielen. Gegen Mainz, Gladbach, Stuttgart, teilweise Augsburg oder auch gegen Cottbus und Kiel, schaffte man es, auf Rückstände zu reagieren und auch gegen dann tiefer stehende Mannschaften offensiven Druck zu erzeugen. Der Sportclub hat verschiedene Wege mit dem Ball nach vorne zu kommen. Das Umschaltspiel ist sicher der favorisierte Weg, aber im Gegensatz zur letzten Rückrunde gibt es nun auch häufiger Szenen, in den der Ball flach vom ruhigen Aufbau bis zum Torabschluss durchläuft. So war der SC Freiburg in der Hinrunde fast immer in der Lage am Spiel teilzunehmen. Wenn man in Führung ging, konzentrierte man sich auf das Pressing und zur Not auch auf das tiefe Verteidigen, hatte also kein Problem damit, den Ballbesitz aus der eigenen Hand zu geben. In Rückstand nahm man allerdings auch die Rolle an, das Spiel selber machen zu müssen, positionierte sich anders und hatte keine Angst viele Spieler vor den Ball zu bringen. Gerade zu Saisonbeginn war die Umstellung auf ein neues Grundsystem ein wichtiger Aspekt des Ballbesitzspiels.

3. Ein neues Grundsystem

Streich hatte lange Jahre fast ausschließlich in einem 4-4-2 spielen lassen. Vor circa zwei Jahren fing er dann an, mit einer Dreierkette zu experimentieren. Bis zur letzten Saison sah das aber meist recht statisch aus und man kam wieder schnell zurück zum 4-4-2. 2017/18 gelang dann ein kleiner Durchbruch. Freiburg spielte eine etwas komplexeres 5-2-3, in dem Frantz eine wichtige Rolle zukam. Mit der Verletzung von Frantz zur Mitte der Hinrunde hatte sich das aber erledigt. Der Sportclub spielte zwar noch häufiger mit Fünferkette, aber die Spieler agierten dabei sehr statisch und die offensiven Vorteile des Systems blieben praktisch ungenutzt.

In der Vorbereitung zu dieser Saison scheint man aber die Zeit gefunden zu haben, die Dreierkette deutlich besser einstudieren zu können und als potenziell gleichwertige Formation zu nutzen. Das zeigt sich insbesondere dadurch, dass man in diesem System auch kleinere Anpassungen und Weiterentwicklungen vornehmen konnte, ohne damit die Mannschaft ins absolute Chaos zu stürzen.
Zunächst war das 3-4-3 die Formation, in der man versuchte einen Rückstand aufzuholen. Gegen Cottbus, Stuttgart, Augsburg und Mainz stellte Streich um. In allen Spielen konnte man noch ein Tor aus dem offenen Spiel heraus erzielen. Interessanterweise kamen die Umstellungen immer ein bisschen früher als im Spiel zuvor: gegen Augsburg zur Halbzeit und gegen Mainz schon nach 30 Minuten. Folgerichtig begann man einen Spieltag später in dieser Grundformation. Als Startaufstellung musste das System allerdings etwas mehr auf defensive Stabilität bedacht sein, wodurch es nicht mehr als klares 3-4-3 auftauchte, sondern eher als 5-2-3 (die Außenverteidiger rücken eine Linie nach hinten). Ein Spiel später gegen Dortmund verschob es sich dann noch einmal etwas in Richtung Defensive zu einem 5-4-1 (die Außenstürmer rückten eine Linie nach hinten). Diese Übergänge von 3-4-3 zu 5-2-3 und 5-4-1 sind aber fließend und stellen keine drei verschiedenen Systeme dar. Wie man es dann nennt, ist eigentlich nicht so wichtig. Die Dreierkette ist aber somit gleichzeitig die offensivste und defensivste Formation des Sportclubs in dieser Hinrunde gewesen.

Gerade in der mutigen Variante kommt sie einigen Spielern potenziell sehr entgegen.
Koch hat sich als Sechser ganz gut gemacht, ist aber als zentraler Innenverteidiger nochmal besser. Heintz hat einen guten linken Fuß, braucht aber ein bisschen Zeit, um seine Entscheidungen zu treffen. Als linker Innenverteidiger, nah an der Seitenlinie, ist es schwieriger für anlaufende Stürmer ihn zu verunsichern. Günter kann als Flügelverteidiger deutlich besser seine offensiven Qualitäten ausspielen, müsste aber auch froh darüber sein, noch einen Spieler zur Absicherung hinter sich zu haben. Durch die Aufrückbewegung von Günter bekommt der linke Außenstürmer noch mehr Freiheiten seine Position zu verlassen und sich für Anspiele anzubieten, was eine gute Rolle für Waldschmidt ist. Im Testspiel gegen Mainz ließ sich Grifo auch gerne fallen.
Das einzige Problem dabei ist noch die Präsenz im Strafraum durch den fehlenden zweiten Stürmer. Gegen Bremen hatte man in der ersten Halbzeit einige Chancen, diese aber größtenteils aus der Distanz. Hier sollten dann der ballferne Außenbahnspieler und einer der zentralen Mittelfeldspieler mit in den Strafraum stoßen. Wenn das dann mal geschah, wurde es auch sehr gefährlich (z. B. 2 Mal Höfler gegen Mainz). Aber hier müsste noch an einigen Nachrückbewegungen gearbeitet werden oder man müsste fast vollständig auf Flanken verzichten, wenn Kleindienst nicht auf dem Platz steht.

Insgesamt scheint sich das taktische Verständnis des Teams in dieser Saison gesteigert zu haben. Streich ist nicht als Taktik-Hipster bekannt, der Umstellungen zum Selbstzweck betreibt. Wenn er das System umstellt, ist er davon überzeugt, dass es mehr Schwächen kaschiert/ Stärken betont, als es die Spieler verunsichert. Die Häufigkeit der Umstellungen – auch innerhalb von Spielen – sind also ein ganz guter Hinweis darauf, dass es den Spielern nicht schwerfällt, plötzlich eine neue Rolle zu übernehmen. Hier scheinen die frühen Transfers, der breitere Kader und der Wegfall zweier Pflichtspiele gegen NK Domzale in der Vorbereitung durchaus eine Wirkung gezeigt zu haben.

4. Fazit der Hinrunde

Obwohl schon 17 Spiele gespielt wurden, entzieht sich die Freiburger Hinrunde einer klaren Bewertung, da die einzelnen Leistungen zu unterschiedlich waren. Weder hat sich eine klare Tendenz herausgestellt, ob Freiburg offensiv oder defensiv spielt, noch ob sie mit der einen oder anderen Spielweise besser sind. Im Spiel gegen Leverkusen gab es insgesamt nur einen Schuss auf das Tor von beiden Mannschaften. Freiburg gegen Bremen war zu dem Zeitpunkt das Spiel mit den meisten Abschlüssen in der 1. Bundesliga. Gegen Wolfsburg und Leipzig gab es zwei Ausreißer nach oben mit einem hervorragenden Umschaltspiel, gegen Bremen und Gladbach gute Spiel mit vielen Ballbesitzphasen. Gegen Frankfurt und Hoffenheim waren es gute Leistungen, aber individuelle Fehler führten zu Niederlagen und in den letzten drei Spielen gegen schwächere Gegner holte man mit überschaubaren Leistungen doch noch vier Punkte. Wie in Teil 1 des Hinrundenfazits festgestellt, steht Freiburg in der Tabelle gut dar, aber es möchte sich noch kein Gefühl dazu einstellen, wie stabil diese Mannschaft in der Rückrunde performen wird. Gute Ansätze waren auf jeden Fall zu beobachten, aber man kann sich wirklich nicht sicher sein, in welche Richtung sich die Saison noch entwickeln wird.

5. Ganz kurzer Ausblick

Im Testspiel gegen Mainz spielte der Sportclub im 5-2-3 mit Grifo und Waldschmidt als enge Außenbahnspieler, Niederlechner als Stürmer und Koch als zentralen Innenverteidiger, der ab und zu ins zentrale Mittelfeld vorrückte. Haberer und Gondorf bildeten das vergleichsweise dynamische zentrale Mittelfeld. Das funktionierte sowohl mit als auch gegen den Ball recht gut und könnte auch eine Option für das Spiel gegen Frankfurt sein. Falls Grifo und Waldschmidt im Angriffsdrittel gut harmonieren sollten und sie von Günter (der hoffentlich nicht lange verletzt ist) und Haberer unterstützt werden, kann man vielleicht auf ein paar sehr schöne Kombinationen hoffen.

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