Eintracht Frankfurt – SC Freiburg 3 : 3


1. Spielbewertung

Es gab in dieser Saison schon ein paar Spiele, in denen man einige gute Chancen zulassen musste. Das Hinspiel gegen Bayer Leverkusen und Borussia Mönchengladbach und das Rückspiel gegen den 1. FC Köln. Dennoch sticht das gestrige Spiel mit der Defensivleistung noch einmal negativ aus den genannten Beispielen heraus, auch weil der diesmalige Gegner im Moment nicht allzu gut in Form ist. Nach einer ganz guten Anfangsphase erhielt der SC Freiburg keinen Zugriff auf seine Gegenspieler mehr, machte fahrlässige Fehler im Aufbauspiel und Frankfurt kam durchgehend zu guten Chancen. Das führte auch zu folgenden Statistiken (auf understat.com):

Schüsse: 34 – 14
Schüsse auf das Tor: 16 – 5
Expected Goals: 4,3 – 0,76

Der Frankfurter Pressesprecher ließ es sich auf der Pressekonferenz nicht nehmen, die Statistik des Spiels historisch einzuordnen. Seit der Datenerfassung im Jahre 2004 war es das Spiel mit den zweitmeisten Torschüssen einer Mannschaft. Nur Bayern hatte gegen Darmstadt einen Schuss mehr. Die 16 Schüsse auf das Tor waren ebenfalls die Einstellung eines Rekordes des FC Bayern München.

Dass dieses Spiel keine deutliche Niederlage wurde, sondern beim Spielstand von 3:3 endete, hatte hauptsächlich mit drei Faktoren zu tun:
1. Eine gute Effizienz bei Freiburger Abschlüssen.
2. Eine herausragende Torwartleistung von Alexander Schwolow – zumindest beim Parieren von Torschüssen.
3. Eine sehr schlechte Frankfurter Chancenverwertung und defensive Aussetzer vor den letzten beiden Gegentoren.

2. Die Taktik auf dem Papier

Hütter kehrte wieder zurück zu seinem alten System. Die Dreierkette, die er in Frankfurt etabliert hat, ist taktisch recht interessant, da sie einige Alleinstellungsmerkmale aufweist. Ausgehend von einem 3-4-1-2 kippt ein Sechser meistens ab und die beiden äußeren Innenverteidiger schieben sehr weit hoch. Das kommt gerade einem Hinteregger sehr entgegen. In der hintersten Reihe stehen also Hasebe und ein Sechser, davor der andere Sechser und die beiden äußeren Innenverteidiger, dann ein zentraler Offenivspieler (Kamada) und vor ihm die zwei Stürmer. Die Breite wird von den Flügelverteidigern (Kostic und Touré) gegeben. In der erfolgreichen Phase spielte die SGE dieses System mit einer sehr hohen Intensität und konnte mit den Aufrückenden Innen- und Außenverteidigern für eine unglaubliche Wucht sorgen. Wenn diese Intensität allerdings durch eine Dreifachbelastung heruntergeschraubt werden muss, offenbart diese Spielweise defensiv ziemlich viele Lücken und ohne die Wucht fehlt dann auch die Durchschlagskraft. Eintracht Frankfurt wechselte nach der Winterpause das System auf eine Viererkette, zeigte mit diesem Wechsel aber auch keine allzu guten Leistungen (auch wenn ein paar Siege damit heraussprangen) und kehrte nun wieder zur alten Dreierkette zurück.

Freiburg presste in einem 4-2-3-1, was auf dem Papier auch ganz gut zum Frankfurter System passte. Drei Spieler im Zentrum (Höler zurückgezogen) sollten zumindest Kamada und den vorderen Sechser im Blick behalten und sich gemeinsam mit den Flügelspielern um die aufrückenden Halbverteidiger Frankfurts kümmern. Offensiv waren die Außen doppelt besetzt und wenn Waldschmidt sich in Ballbesitz fallen ließ, konnte Höler in die Spitze rücken. Warum das nur 10-15 Minuten defensiv funktionierte, hat wahrscheinlich weniger mit der Taktik auf dem Papier zu tun als mit Abstimmung, individueller Entscheidungsfindung und der Tagesform im Zweikampf. Abrashi und Höfler bekamen defensiv die Lücke vor der Abwehr nicht zu. Häufig rückten sie heraus, um zweite Bälle zu erobern, und ließen somit Gulde und Koch gegen Kamada, Dost und Silva alleine. Dann mussten Günter und Schmid einrücken und Kostic bekam Räume. Es waren einige unglückliche Situationen dabei, in denen gefühlt jeder mal falsche Entscheidungen traf, die dann die Mitspieler in die Bredouille brachte. Die defensiven Probleme brachten Unsicherheit und es kam zu groben Fehlern im Aufbauspiel, die Frankfurt in der ersten Halbzeit häufig sehr ungenau ausspielte. Zu dem Zeitpunkt, in dem Freiburg in Führung ging, hatte man den Zugriff auf das Spiel eigentlich schon verloren, doch die Frankfurter „Chancenflut“ führte nur zu einem Gegentreffer in der ersten Halbzeit.

3. Die Umstellung hilft nur kurz

Streich schaute es sich bis zur 59. Minute an, wie sein Team Chance um Chance zuließ, aber immer noch nur einen Gegentreffer kassiert hatte. Dann brachte er Lienhart und Petersen für Sallai und Waldschmidt und stellte auf das 3-4-3/ 5-4-1 um. Das brachte kurze Zeit eine Besserung in das Spiel, auch wenn Dost kurze Zeit nach dem Wechsel ebenfalls alleine vor Schwolow auftauchte. In der Phase von der 59. bis zur 70. Minute hatte der Sportclub ein paar Balleroberungen und konnte diese auch gleich nutzen. Ein Standard brachte die Führung, ein Konter dann das 1:3.
Frankfurt reagierte dann leicht auf die Umstellung, zog die Angreifer auseinander und konnte dann mit drei Angreifern die drei Freiburger Innenverteidiger pressen. Das führte zur Balleroberung gegen Koch, der sich beim Zweikampf gegen die rustikale Klärungsvariante entschied (also nicht einfach zur Ecke klärte) und sich den Ball im Fünfmeterraum(!) von Kamada „wegspitzeln“ ließ.
Das Defensivverhalten von Günter beim Ausgleichstreffer war dann exemplarisch für die Freiburger Abwehrleistung an diesem Tag. Kostic brachte eine Halbfeldflanke an den langen Pfosten, Günter blieb einfach stehen, Chandler rauschte an ihm vorbei und versenkte den Ball mit der Wade im Tor.

Auch wenn die Umstellung die eindeutigen Verhältnisse auf dem Platz nicht wirklich verändern konnte, hatte man zumindest das Gefühl, dass der zusätzliche Innenverteidiger die Frankfurter Dominanz ganz leicht abschwächte.

4. Spekulation über die Ursachen

Wie dargestellt, hatte die Unterlegenheit nur sehr bedingt etwas mit dem System zu tun, sondern mit Zweikampfverhalten und Ballsicherheit. Wie es da zu solchen Leistungsschwankungen kommen kann, ist von Außen schwer zu erklären. In der Saison 2016/17 gab es beispielsweise ein Spiel in Darmstadt, bei dem der SC Freiburg trotz guter Form überhaupt nicht in die Zweikämpfe kam und 3:0 verlor. Auch dafür gab es keine zufriedenstellende Erklärung.
In der aktuellen Situation gibt es immerhin ein paar Ansätze, die zwar nicht gesichert sind, aber immerhin von außen plausibel erscheinen. Streich sagte auf der Pressekonferenz, dass es einige Spieler gibt, die normalerweise viel an ihrer Zweikampfführung arbeiten müssen und denen die Zeit mit dem verringerten Mannschaftstraining besondere Nachteile brachte.
Ein weiterer Grund könnte sein, dass einige Spieler angeschlagen waren. Koch, Waldschmidt und Haberer waren fraglich und gerade Kochs Leistung fiel im Vergleich zu seinen sonstigen sehr guten Auftritten als Innenverteidiger in dieser Saison ziemlich ab.
Das verringerte Training mit nun anschließender „englischen Woche“ könnte auch mit der Leistung zu tun haben, auch wenn sich Frankfurt in derselben Situation befand. Es ist eine ungewöhnliche Situation und so richtig weiß niemand, wie sich das auf das Spiel auswirken kann.

Es gibt also ein paar Ansätze, aber so richtig können sie das Spiel auch nicht erklären. Immerhin waren die Tore recht schön herausgespielt und Schwolow hatte einen guten Tag. In den nächsten Partien wird man dann sehen können, ob der SC Freiburg tatsächlich physische Probleme aus der „Corona-Pause“ mitgebracht hat oder dieses Dienstagsspiel einfach ein Aussetzer war, den jede Mannschaft ein- bis zweimal pro Saison aufweist. Immerhin gab es ja einen Punkt und die Stürmer haben endlich mal wieder getroffen.
Etwas komisch ist es aber schon, dass der Sportclub gegen Bremen die bessere Mannschaft war und verloren hat, während Leipzig in der zweiten Halbzeit und Frankfurt ab der 15. Minute so viel besser waren, aber dennoch nur einen Punkt holen konnten. Spielleistung und Ergebnis passten aufgrund der eigenen und gegnerischen Effizienz in diesen ersten drei Spielen überhaupt nicht zusammen. Das ist als Zuschauer dann doch etwas verwirrend.

 

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