VfB Stuttgart - SC Freiburg 2 : 2

1. Aufstellung und Spielanlage

Am Sonntagabend stand das Auswärtsspiel gegen den VfB Stuttgart an, der in der Tabelle sieben Punkte hinter Freiburg auf dem Relegationsplatz stand und nun immer noch steht. Um die sehr defensive Spielanlage und Aufstellung des Sportclubs etwas besser nachvollziehen zu können, ist es allerdings wichtig, sich die beiden vorherigen Spiele ins Gedächtnis zu rufen. Gegen die beiden Europa-League-Aspiranten Frankfurt und Hoffenheim zeigte der SC Freiburg ansprechende Leistungen und verlor dennoch recht deutlich mit 1:3 und 2:4. Von den sieben Gegentoren in zwei Spielen entstanden drei nach individuellen Fehlern der Abwehrspieler. Vielleicht erinnerte diese Situation ein wenig an die Abstiegssaison, in der man eben auch recht ansehnlichen Fußball spielte, aber häufig durch individuelle Fehler Punkte liegen ließ. Allerdings ist Streich seitdem etwas pragmatischer geworden und reagierte somit an diesem Tag auf diese unangenehme Entwicklung.

------------Petersen------------
Grifo-----------------------Höler
-------Koch-----Haberer------
Günter------------------Kübler
--Heintz--Lienhart--Gulde--
-----------Schwolow-----------

Die Freiburger Dreierkette wurde in dieser Saison schon so unterschiedlich interpretiert, dass man rein aus der Aufstellung die veränderte Spielanlage noch nicht herauslesen konnte. Ob man es da mit einem 3-4-3 zu tun hat, einem 5-2-3 oder einem tiefen 5-4-1, ändert sich von Spiel zu Spiel, innerhalb eines Spiels oder innerhalb des Wechsels von Angriff auf Abwehr. Allein, dass Koch nicht als zentraler Innenverteidiger in der Dreierkette spielte, sondern davor im zentralen Mittelfeld war vielleicht ein Hinweis auf die veränderte Herangehensweise.

Nach den letzten beiden Spielen setzte der Sportclub in dieser Partie zunächst auf Fehler- und Torvermeidung. Abschläge wurden nicht kurz ausgeführt, schon bei leichtem Druck des VfB Stuttgart auf die Innenverteidiger spielte man den langen Ball auf Petersen und bei eigenen Angriffen gingen weniger Freiburger Spieler mit nach vorne als normalerweise in dieser Saison. Auch beim frühen 1:0 blieb Günter nach seinem Einwurf eher passiv und Kübler spekulierte nicht auf einen abprallenden Ball, sondern lief schon in der Schussbewegung Haberers zurück. Normalerweise stößt Haberer häufiger mit in den Strafraum, da Koch den Rückraum übernimmt (Tor gegen Hertha). In diesem Fall blieb Haberer im Rückraum und Koch sicherte (außerhalb der Kameraeinstellung) ab. Die drei Angreifer des Sportclubs bekamen also nur vereinzelt Unterstützung für ihre Angriffe. Umso erstaunlicher war es, dass beim 1:0 fünf Stuttgarter zwischen Petersen und Grifo im Strafraum standen, einer bei Grifo und einer bei Kübler war, aber niemand den Rückraum abdeckte. Dies nutzte Haberer gekonnt aus.

Auch im Spiel gegen den Ball brachte der SC nicht so viele Spieler in die erste Reihe. Stuttgart baute meistens mit zwei Innenverteidigern und recht tief stehenden Außenverteidigern (Pavard und Insua) auf. Petersen versuchte dann zunächst alleine das Spiel auf eine Seite zu lenken, während die Flügel Höler und Grifo tiefer bei den Außenverteidigern blieben. Erst wenn Petersen ein wenig Druck aufbauen konnte, schaltete sich einer der beiden Flügel mit ins Pressing ein, um die Stuttgarter zu einem Pass zu Zieler zu zwingen, welcher dann meist den langen Ball spielte. Und obwohl das Freiburger Pressing in der ersten Linie mit relativ wenig Personal ausgeführt wurde, funktionierte das recht gut. Gerade zu Beginn kam Stuttgart eigentlich nur mit langen Bällen nach vorne, die häufig von den drei Innenverteidigern geklärt werden konnte.

Zusammenfassend: Nach den individuellen Fehlern in den ersten beiden Spielen der Rückrunde wurde in diesem wichtigen Auswärtsspiel zunächst der Fokus darauf gelegt, kein größeres Risiko einzugehen. Das Pressing war phasenweise intensiv, wurde aber meistens nur mit ein bis zwei Angreifern durchgeführt. Auf konstruktives Aufbauspiel verzichtete man weitestgehend. Selbst bei Ballgewinn wurde nicht in erste Linie an das Umschaltspiel gedacht, es ging nicht flach durch das Zentrum, sondern der Ball wurde rausgeschlagen. Bei eigenem Ballbesitz in der gegnerischen Hälfte rückten nicht alle mit auf.
Die frühe Führung verstärkte diese Herangehensweise wahrscheinlich noch.

2. Der Plan geht auf

Auch wenn das alles zunächst sehr destruktiv und defensiv klingt, hatte der Sportclub lange Zeit Erfolg mit dieser Spielweise. Stuttgart ist in dieser Saison nicht dafür bekannt, offensiv besonders viele Ideen zu entwickeln. Nach 45 Minuten hatte der VfB 76% Ballbesitz, aber bis auf einen Angriff über Esswein in der ersten Minute und einem Schuss von Gentner im Strafraum, resultierten ihre gefährlichsten Situationen aus Kontern nach Ecken des SC Freiburg. Die einzigen Situationen, in denen der Sportclub weit aufrückte. Trotzdem wurde der SC gegen Ende der ersten Halbzeit etwas zu passiv, ließ die Stuttgarter über Außen nach vorne stoßen und Halbfeldflanken schlagen. Das ist vielleicht nicht das gefährlichste Mittel, kann aber doch hin und wieder zu einem Tor führen. Am Ende waren es 30 Stuttgarter Flanken, von denen 4 ankamen.

Es passierte also recht wenig in der 1. Halbzeit. Freiburg stand recht tief in der eigenen Hälfte und versuchte von dort aus die Stuttgarter zurückzudrängen und zum langen Ball zu zwingen. Manchmal zog man sich an den eigenen Strafraum zurück, aber auch da entstanden keine gefährlich Situationen für den Gegner. Die Idee, Stuttgart in ihrer schwierigen Lage einfach mal machen zu lassen, ging also recht gut auf. Auch wenn dabei eine Passquote von 60% nach 45 Minuten heraussprang und man nur wenig von den guten offensiven Ansätzen der ersten beiden Spiele sehen konnte.

3. Die zweite Halbzeit

Nach der Pause wurde der Sportclub mit dem Ball wieder ein bisschen aktiver, versuchte sich öfter im flachen Umschaltspiel und konnte den Gegner weiter verunsichern. Es gab drei oder vier Szenen, in denen Freiburg passiv im 5-4-1 hinter der eigenen Mittellinie verteidigte und Stuttgarter Aufbauspieler (2 Mal Ascacibar) einen Fehlpass Richtung Mittelfeld über 10 Meter spielte. Die daraus resultierenden Umschaltaktionen waren im Ansatz ganz gut, führten aber leider nicht zum Erfolg. In der 70. Minute fing das Publikum an, bei Rückpässen zu pfeifen. (Kein Angriff an die Stuttgarter: das kennt man in Freiburg auch ganz gut.) Es sah also alles ganz danach aus, dass der pragmatische Plan mit der Fehlervermeidung aufgehen könnte, man dies als Lernerfolg aus der Abstiegssaison bezeichnen würde, in der man nach den individuellen Fehlern die Spielanlage nicht umgestellt hatte, sondern mit konstruktivem Fußball in die 2. Liga ging und schlussendlich mit der defensiven Spielanlage einen Auswärtsdreier mitnehmen würde. Allerdings drehte der VfB Stuttgart dann doch noch einmal ein bisschen auf.

Ab der 70. Minute wurde Freiburg wieder ein wenig passiver. Das war zu diesem Zeitpunkt aber auch nicht unbedingt als Problem zu erahnen, da Stuttgart weiterhin nur durch Flanken in den Strafraum kam und ziemlich Ideenlos wirkte. In der 75. Minute überraschten die Schwaben dann aber doch. Ein Chipball in den Strafraum wurde mit der Brust abgelegt, der Linksverteidiger Insua tauchte rechts auf, wo sich niemand für ihn zuständig gefühlt hatte und schoss das 1:1. Das war ein Spielzug, den man nur selten in dieser Saison vom VfB Stuttgart gesehen hatte. Dieser machte dann weiterhin Druck, der Sportclub wirkte verunsichert und kassierte das 1:2, als das zweite Mal im Spiel der Rückraum ziemlich offen war.

Streich brachte Niederlechner für Heintz und stellte zunächst auf ein 3-5-2 mit Koch als zentralem (teilweise ins Mittelfeld pendelndem) Innenverteidiger um. Nach dem überraschenden Platzverweis von Gomez löste Koch die Dreierkette auf und ging noch mit in den Sturm. In der 95. Minute kam Grifo noch einmal dazu, eine schöne Flanke an den langen Pfosten zu „schnibbeln“, welche von Gondorf quergelegt und Niederlechner versenkt wurde. Aus Stuttgarter Sicht besonders ärgerlich, da sie vorher schon den Ball hätten wegschlagen können, dann aber anfingen in der letzten Minute der Nachspielzeit bei einer Führung gegen Freiburg noch am eigenen Strafraum ihre spielerische Seite zu entdecken. Bei der Flanke von Grifo verhielt sich die Abwehr eigentlich ganz gut, war eng an den Freiburgern dran, konnten den Ausgleich aber nicht verhindern.

4. Fazit

Nach den ersten beiden Spielen der Hinrunde war die eher destruktive Spielweise in diesem wichtigen Auswärtsspiel des SC Freiburg nachvollziehbar. Bemerkenswert war, dass trotz der vielen langen Bälle, der defensiven Grundausrichtung und – damit verbunden – den wenigen Spielern im letzten Drittel trotzdem Torchancen herausgespielt wurden. Am Ende hatte der SC eine Passquote von 68%, aber dennoch 10 Abschlüsse und 2 Tore aus dem offenen Spiel heraus. Es sah also immer noch deutlich besser aus als am Ende der letzten Saison. Das hat wahrscheinlich mit der gesteigerten Qualität der Spieler zu tun. Damit meine ich nicht nur den Neuzugang Grifo (hatte die meisten erfolgreichen Dribblings des Spiels (4)), sondern auch eine sehr positive Entwicklung von Koch, Höler, Günter, Niederlechner und Schwolow.

Es bleibt allerdings festzuhalten, dass es von beiden Mannschaften kein besonders gutes Spiel war. Das 2:2 scheint nach den 90 Minuten Leistungsgerecht, da sich beide Mannschaften hin und wieder so halbgefährliche Torchancen herausspielen konnten und keine Mannschaft ein richtiges Konzept hatte, das Spiel zu kontrollieren.

5. D. Aytekin

Um es kurz festzuhalten. Man kann gerne über den Schiedsrichter diskutieren, sollte dabei aber immer mitbedenken, dass dieser in vielen Situationen einen großen Ermessensspielraum hat und diskutable Entscheidungen nicht direkt Fehlentscheidungen sind.

- Zwei gelbe Karten für nicht besonders intensive Ellenbogeneinsätze sind hart, aber keine Fehlentscheidung.
- Pavards rüpelhaftes benehmen gegenüber dem Freiburger Bundesligadebütanten, der in dieser Szene sichtlich eingeschüchtert war, ist unfair und sehr unsympathisch, aber nicht zwingend als Tätlichkeit zu werten.
- Kabaks Einsteigen gegen Höler war höchstwahrscheinlich keine Notbremse. Dazu war die Ballmitnahme des Freiburgers etwas zu unsauber und circa drei Stuttgarter Verteidiger fast auf derselben Höhe.
- Die fünf Minuten Nachspielzeit erschienen auch mir für ein Bundesligaspiel etwas lang. Das liegt aber ebenfalls im Ermessensspielraum des Schiedsrichters.

Auch bei klaren spielbeeinflussenden Fehlentscheidungen plädiere ich dafür, Contenance zu bewahren und sich ins Gedächtnis zu rufen, dass der Schiedsrichter das nicht absichtlich macht. Ebenso wie in den letzten Spielen Stenzel Schulz nicht absichtlich gefoult hatte oder Koch den Ball nicht absichtlich in die Füße von Jovic spielte. Wenn es darum geht, dass ein Schiedsrichter eine diskutable Entscheidung trifft, gilt das umso mehr. Aytekin war in diesem Spiel mit insgesamt überschaubaren Leistungen sicherlich nicht die Person, die die meisten Fehler fabrizierte.

6. Parallelen zur Hinrunde

Obwohl der Sportclub bisher nur einen Punkt aus drei Spielen mitnehmen konnte, muss man nicht unbedingt vorschnell in Panik verfallen, sondern kann sich an die eigentlich ganz gute Hinrunde erinnern. Diese startete fast identisch mit zwei Niederlagen und einem Unentschieden, bei gleicher Tordifferenz. Individuelle Fehler und kollektive Unsicherheiten waren vor einem halben Jahr auch ein Thema. Man erinnere sich nur an das 1:0 gegen Frankfurt, bei dem ein einfacher Hackentrick von Haller genügte, um Müller im Strafraum fünf Meter Platz zu verschaffen oder an das Missverständnis zwischen Höler und Schwolow gegen Hoffenheim oder der nicht geklärten Ecke von Niederlechner gegen Stuttgart. All diese Probleme traten nach dem dritten Spieltag nur noch selten auf, man konnte das nächste Spiel gegen Wolfsburg gewinnen und weitere 20 Punkte sammeln.

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