Streich lernt vom gegnerischen Trainer

1. Parallelen zur letzten Saison

Wie schon letzte Saison wechseln sich gerade Niederlage und Punktgewinn beim SC Freiburg ab. Nur leider punktet man momentan immer nur einfach, statt dreifach. Diese Tendenz der Verschlechterung ist leider nicht nur auf das Ergebnis beschränkt. Hatte man im Spätsommer 2016 noch das Gefühl, dass die meisten Niederlagen auch unentschieden hätten ausgehen können, waren die beiden diesjährigen Auswärtsauftritte gegen Leipzig und Leverkusen ziemlich eindeutig und man dachte eher, dass man gegen Frankfurt und Dortmund auch hätte verlieren können. Das änderte sich aber mit diesem Heimspiel gegen Hannover.

2. Ein gutes Spiel des SC Freiburg

Das Spiel gegen den gut gestarteten Aufsteiger aus dem Norden war wohl nach dem Auftaktspiel gegen Frankfurt das erste dieser Saison gegen einen Gegner auf Augenhöhe. Und man kann sich durchaus darüber ärgern, dass man es bei so vielen Chancen nicht gewinnen konnte. 23 Torschüsse, viele Standardsituationen in aussichtsreicher Position, klare Chancen für Frantz und Niederlechner und ein Strafstoß. Das klingt eher nach zwei oder drei Toren und nicht nur nach einem.

Gleichzeitig war der Sportclub defensiv sehr stabil und ließ kaum Torchancen zu. Gerade in der zweiten Halbzeit hatte Hannover vor dem Führungstreffer praktisch keine gefährliche Offensivaktion. Dafür hätte Harnik direkt nach seinem überraschenden Tor fast noch ein zweites erzielen können, wurde aber vom unkontrolliert durch die Luft springenden Günter wohl so stark irritiert, dass er sich nicht mehr auf den Kopfball konzentrieren konnte. Mit diesem Doppelschlag wäre das Spiel wohl entschieden gewesen.

Stattdessen konnte der SC weiter Druck machen und mit der Einwechslung von Kent und Petersen noch etwas dominanter auftreten. In der 83. Minute passierte dann das, woran man eigentlich nicht mehr geglaubt hatte. Ein Tor nach dem gefühlt zwanzigsten Standard. Ecke, Kopfballverlängerung von Höfler und das Tor von Petersen. Trotzdem bleibt der Eindruck, dass die Freiburger Standards in dieser Saison keinem mehr Angst machen. Man hatte sogar das Gefühl, dass Hannover ganz bewusst in einer dynamischen Situation lieber das Foul zog, als Terrazzino, Haberer und Niederlechner kombinieren zu lassen. Dieser Plan ging auch einigermaßen auf.

3. Der „aufkippende Innenverteidiger“ als neues taktisches Mittel

Auf diesem Blog wurde die vage These aufgestellt, dass es mit Söyüncü eher keine Dreierkette geben wird. Das wurde mit diesem Spiel widerlegt. Allerdings ließ Streich keine normale Dreierkette spielen, sondern eine sehr ungewohnte Mischform.

Kurz die statische Aufstellung, wie sie der Kicker beschreibt (5-4-1, bzw. 3-4-2-1):

-------------------------Niederlechner----------------------
------Terrazzino----------------------------Haberer--------
---------------Höfler------------Frantz----------------------
Günter-----------------------------------------------Stenzel
------Söyüncü---------Schuster----------Lienhart-------

Diese statische Aufstellung bildet allerdings nicht besonders gut ab, was sich auf dem Feld zugetragen hatte. Streich hatte seinen Spielern einen sehr unkonventionellen Plan mit auf den Weg gegeben.
Betrachtet man die Durchschnittspositionen der Spieler bekommt man schon einen besseren Überblick. Dort ist Niederlechner klare Spitze. Dahinter befinden sich Terrazzino, Haberer und Frantz fast auf selber Höhe. Günter, Höfler und Stenzel haben sich durchschnittlich knapp über der Mittelfeldlinie befunden. Bei den letzten drei Spielern wird es aber besonders spannend. Man könnte eigentlich erwarten, dass die Dreierkette prinzipiell in einer Reihe steht. Allerdings sind Lienhart und Söyüncü ein gutes Stück hinter Schuster, der sich zwischen ihnen und Höfler wiederfand. Diese ungewöhnlichen Durchschnittspositionen kamen folgendermaßen zustande:

Es gibt in der Viererkette ein häufig gewähltes taktisches Mittel, die eine ähnliche Durchschnittsposition erzeugt, wie die von Schuster in diesem Spiel. Also zwischen Innenverteidiger und Sechser. Es ist der „abkippende Sechser“. Bei eigenem Spielaufbau schieben die beiden Außenverteidiger hoch und der Sechser lässt sich neben oder zwischen die Innenverteidiger fallen. Damit erzeugt man eine Dreierkette bei eigenem Spielaufbau. Meist geht es dabei darum eine Überzahl gegenüber zwei pressenden Stürmern des Gegners zu schaffen.

Schusters Rolle war im Spiel gegen Hannover genau die Umgekehrte. Gegen den Ball spielte Freiburg ein flexibles 5-2-2-1-System. Niederlechner war die erste Pressingspitze. Situativ rückten aber auch Haberer, Terrazzino oder beide gleichzeitig auf, um den Gegner unter Druck zu setzen. Auch Günter und Stenzel verfolgten die Hannoveraner Außenspieler teilweise bis in die gegnerische Hälfte, falls diese sich zurückfallen ließen. Teilweise blieben die Freiburger aber auch recht passiv. Wurde das situative Angriffspressing der Freiburger umspielt zog man sich in einem 5-4-1 zurück.

Zurück zu Schusters Rolle: Er spielte bei gegnerischem Ballbesitz immer den zentralen Innenverteidiger der Dreier-, beziehungsweise Fünferkette.
Bei eigenem Spielaufbau kam es aber gerade in der ersten Halbzeit häufig vor, dass er aus der Dreierkette in den Sechserraum aufrückte. Praktisch ein „aufkippender Innenverteidiger“. Durch diesen zusätzlichen Spieler im Mittelfeld konnte Höfler etwas freier agieren und Frantz rückte eine Kette weiter nach vorne rechts neben Terrazzino und Haberer.

Defensiv war man mit der Fünferkette also gut abgesichert, hatte bei eigenem Ballbesitz allerdings eine recht offensive Ausrichtung. Das Problem dabei ist, dass man für dieses System Spieler braucht, die problemlos zwischen den Positionen wechseln können. Es braucht einen Schuster als halber Innenverteidiger und halber Sechser und Frantz, der zwischen rechtem offensivem und defensivem Mittelfeld wechselt. Anfang der zweiten Halbzeit rückte Schuster nur noch selten auf und mit der Einwechslung von Petersen für Frantz blieb Schuster auch dauerhaft in der Dreierkette.

4. Streich lernt vom Gegner

Mich persönlich hatte dieses taktische Mittel total überrascht, da ich es weder beim Sportclub, noch sonst irgendwann gesehen hatte. Auf Nachfrage, wurde mir allerdings ein Artikel genannt, der diese besondere Rolle schon beschreibt. In dem Artikel (http://spielverlagerung.de/2017/08/28/tes-bundesliga-check-der-anton-shu...) wurde sie, nach dem Ausführenden Waldemar Anton von Hannover 96 benannt: der „Anton-Shuffle“. Es war also Hannovers Trainer Breitenreiter selbst, der im Spiel gegen Schalke 04, seinem zukünftigen Gegenüber Christian Streich die Vorlage für dessen taktischen Kniff gab. Allerdings muss man betonen, dass obwohl die Rollen von Anton und Schuster vergleichbar, die taktischen Systeme nicht identischen waren. So blieben beispielsweise Hannovers Außenverteidiger deutlich tiefer und unterstützen den Aufbau im Spiel gegen Schalke, während Freiburgs Günter und Stenzel konsequent noch vorne schoben.

Dieses neue taktische Element von Streich ist sehr interessant und macht das Freiburger Spiel etwas flexibler. Obwohl man nicht weiß, ob Streich bewusst Breitenreiter mit seinem eigenen Trick überraschen wollte oder Streich diesen allgemein für gut hält und es nur zufällig Breitenreiter getroffen hat. Ob und wie häufig man den „Schuster-Shuffle“ sehen wird bleibt also noch abzuwarten.