SC Freiburg - Rasenballsport Leipzig 3 : 0

Zu Beginn möchte ich festhalten, dass ich die Entwicklung des Spielverlaufs und den daraus folgenden hohen Freiburger Heimsieg gegen RB Leipzig nicht ganz verstehe und werde zunächst darlegen, warum das so ist.

1. Die Aufgabe

Es ist kein Zufall, dass Streich so lange auf seinen ersten Punkt gegen Dortmund warten musste, gegen die Bayern unter Heynckes so große Probleme hatte und auch gegen Leipzig in der 1. Bundesliga häufig hohe Niederlagen kassierte. Der SC Freiburg unter Streich hat traditionell große Probleme gegen Top-Mannschaften mit einem starken Gegenpressing. Auch wenn der Sportclub teilweise gute Ansätze im ruhigen Aufbauspiel zeigt, so ist die größte Stärke mit dem Ball eindeutig die Umschaltbewegung nach Ballgewinn. Genau dieses Spielelement kann durch Gegenpressing der Gegner kontrolliert und sogar zum eigenen Vorteil ausgenutzt werden. Bei Ballgewinn Sportclub orientieren sich einige Spieler nach vorne und verlassen die defensive Ordnung. Kann der Gegner in diesem Moment den Ball sofort wieder gewinnen, unterbindet er nicht nur den Freiburger Angriff, sondern erhält selbst die Möglichkeit, sich durch eine ungeordnete Defensive zu kombinieren.
Sehr eindeutig wurde dies bei der hohen Niederlage gegen den FC Bayern München bei der Rückkehr von Heynckes (5:0). Das 1:0 resultierte aus einem Ballgewinn vom Sportclub, dem Pass durch die Mitte auf Kent, der den Ball dann dort gegen vier Münchner verlor. Auch unmittelbar vor dem 3:0 und 4:0 hatte Freiburg den Ball in der eigenen Hälfte und verlor ihn dort.

RB Leipzig ist momentan im Bereich Pressing, Umschaltspiel und Gegenpressing sicher das beste Team der Bundesliga und war somit eine besonders schwere Aufgabe für den Sportclub.

Nun könnte man dagegenhalten, dass der Sportclub auch schon letzte Saison gegen Leipzig gewann. Es gab also schon einmal eine taktische Herangehensweise gegen Leipzig, die ganz gut funktionierte.
In der Erinnerung an das 2:1 hat man aber vielleicht ein bisschen verdrängt, wie dieses zustande gekommen war. Freiburg spielte mit einer sehr defensiven Fünferkette und der Doppelsechs Abrashi/ Koch davor. Das war sogar noch zurückhaltender als gegen Dortmund letzte Woche. Gewann Freiburg damals den Ball, wurde kein einziges Mal flach durch das Zentrum gespielt, damit man die oben genannte Problematik umgehen konnte. Der einzige mutige Vorstoß von Abrashi mit einem Dribbling im Mittelfeld endete dann auch gleich mit der Leipziger Führung durch Werner. Freiburg konnte dann später über lange Bälle aber noch ein paar Standards herausholen und verwandelte zwei Ecken von Günter durch Haberer und Koch. Eine ähnliche Herangehensweise konnte man eigentlich auch dieses Mal erwarten.

Das letzte Problem der Aufgabenstellung bestand im neuen Leipziger System: Eine 4-4-2-Raute. Vielleicht erinnern sich noch manche an die ersten 28 Minuten gegen Mainz, in denen der Sportclub mit einem flachen 4-4-2 überhaupt kein Zugriff auf das Mittelfeld aufgrund einer solchen Raute hatte.
Für Leipzig scheint es eine recht passende Formation zu sein, da sie den Fokus auf das Zentrum noch verstärkt. Zudem ist auch genug Platz auf den Flügeln, damit Werner seine weiträumigen Ausweichbewegungen – meist auf die linke Seite – machen kann und die Außenverteidiger trotzdem recht weit nach vorne schieben dürfen, ohne jemandem auf den Füßen zu stehen.

Problemfazit: Freiburg setzt häufig auf Umschaltspiel durch die Mitte. Das Leipziger Gegenpressing ist eigentlich optimal darauf ausgerichtet diese Umschaltbewegung abzufangen und einen eigenen Vorteil daraus zu ziehen. Dies wird noch durch die Raute verstärkt. Das Zentrum ist dicht und die eigene größte Stärke wird zum gefährlichsten Moment des Spiels.

2. Freiburger Lösung

Gegen den Ball gab es in der prinzipiellen Spielausrichtung keine großen Überraschungen. Um dem enormen Leipziger Tempo etwas entgegenzusetzen, spielte der Sportclub in einem sehr tiefen 4-4-2:

----------Petersen--------Waldschmidt-------
Frantz----------------------------------Gondorf
-----------------Koch-----Haberer--------------
Günter------------------------------------Kübler
----------------Heintz------Gulde---------------
---------------------Schwolow-------------------

Petersen und Waldschmidt verzichteten größtenteils darauf, die Leipziger Innenverteidiger direkt anzulaufen und blieben eng an den beiden hinteren Viererketten. Wenn der Sportclub (eher in der zweiten Halbzeit) dann doch etwas weiter herausrückte, veränderte sich die Formation leicht. Gondorf blieb in der Linie mit Koch und Haberer, um die Präsenz im Mittelfeld ein bisschen zu erhöhen und Frantz rückte zu Petersen und Waldschmidt auf. Dieses kurzfristige asymmetrische 4-3-3 war aber eher ein Detail der prinzipiell sehr tiefen und sehr engen Abwehrformation, die, wie gesagt, vor allem daraus ausgelegt war, Werner, Sabitzer usw. keinen Raum zu geben, um ihre Schnelligkeit auszuspielen.

Durch das tiefe Verteidigen, dass das Problem mit der Leipziger Schnelligkeit löste, entstand allerdings ein neues Problem. Nach Ballgewinn gab es keinen Stürmer, der vorne stand und lange Bälle hätte festmachen können. Der Sportclub konnte im Umschaltspiel also auf keine sogenannten Befreiungsschläge zurückgreifen, ohne diese als Geschenk zu verpacken und Upamecano und Konaté zu überreichen.

Die Lösung dieses Problems war dann doch etwas überraschend. Man machte genau das, was man letztes Jahr unbedingt vermeiden wollte: nach Ballgewinn flach durch die Mitte kombinieren. Vielleicht dachte sich Streich: der Plan ist so dreist, dass er einfach funktionieren muss. Ich gebe zu, ich kann nicht wirklich erklären, wie das funktionieren und es zu Szenen, wie beim 1:0 gegen Leipzig kommen konnte.

3. Optimaler Spielverlauf

Das 1:0: Günter konnte einen ungenauen Pass von Sabitzer kurz vor dem eigenen Strafraum abfangen und wurde sofort von zwei Leipzigern unter Druck gesetzt, schaffte es aber noch durch diese beiden einen Pass auf Koch ins Zentrum zu spielen. Poulsen versuchte ihn dann in einen Zweikampf zu verwickeln, aber Koch lief drei Schritte und passte dann vertikal durch zwei Leipziger auf Waldschmidt am Mittelkreis, der dann den durchgelaufenen Günter hinter die Abwehr schicken konnte. Da es aber die Leipziger Abwehr und nicht Boateng und Hummels waren, kam Günter nur aus einer recht ungünstigen Lage zum Abschluss. Gulacsi parierte unglücklich vor die Füße von Petersen, welcher dann zum 1:0 traf.
Diese drei Sekunden zwischen Günters Balleroberung und dem Ball von Waldschmidt auf Günter sind eigentlich genau die Momente im Fußballspiel, die Leipzig (ebenso wie Salzburg oder Schmidts Leverkusen zu Hochzeiten) vollständig kontrollieren.

Mit der Zeit zeigte sich allerdings auch, dass das Umschaltspiel durch die Mitte nicht das einzige Werkzeug war, mit dem man die Leipziger in den wenigen eigenen Ballbesitzphasen knacken wollte. Die sehr enge Abwehrformation mit Raute lässt viel Platz auf den Außen. Zwar verschob Leipzig gut auf den Ballführenden Spieler, öffnete dem ballfernen Außenverteidiger dadurch aber große Räume. Das konnte man in der ersten Halbzeit noch zweimal beobachten.
In der 32. Minute spielte Günter einen Diagonalball auf Kübler, der genug Zeit hatte, den Ball in Richtung Petersen vor den Strafraum zu schlagen. Zwar wurde der Ball von Upamecano geklärt, sprang aber zu Waldschmidt, der mit einem schönen Distanzschuss Gulacsi eine ebenso schöne Parade abverlangte.
Bei der Szene, die zum Strafstoß führte, hatte auf der anderen Seite Günter sehr viel Platz, konnte von Waldschmidt angespielt werden und eine Flanke schlagen. Dass das Kreuzen von Frantz vor dem Abwehrspieler zu einem Elfmeter führte, war dann auch ein bisschen glücklich, da die Flanke von Günter in den Armen des Leipziger Torhüters landete, aber auch hier hatte der Freiburger Außenverteidiger viel Platz auf der Seite. So ging der SC mit einer Zwei-Tore-Führung in die Pause.

4. Leipziger Ideenlosigkeit

Leipzigs Stärken sind auch mit ein paar Schwächen verbunden. Durch den Fokus auf ein schnelles Umschaltspiel wird unter Rangnick das Ballbesitzspiel bisher noch vernachlässigt. (Man kann sehr gespannt auf Nagelsmann sein.) Eine Leipziger Führung beendet meistens das Spiel, da sie sich dann auf ihr sehr gutes Pressing konzentrieren können und noch mehr Platz zum Kontern bekommen. Andersherum schaffen sie es bei Rückstand nicht, eine tief stehende Abwehr, die kein Risiko im Umschaltspiel geht, mit einem guten Positions- und Passspiel auseinanderzuziehen.

Trotzdem wollte sich Freiburg nicht ganz darauf verlassen, das Spiel einfach „runterzuverteidigen“. Gegen den Ball hatte der Sportclub zwischen der 45. und der 65. Minute tatsächlich die offensivste Phase, kam zu einigen Ballgewinnen und Kontern und rückte auch bei eigenem Ballbesitz mit vielen Spielern in die Leipziger Hälfte. Bei Küblers Flanke zum 3:0 standen drei Freiburger im und vier (inklusive Günter) kurz vor dem Strafraum. Das bedeutet, dass trotz einer Führung gegen Leipzig nur die beiden Innenverteidiger hinten absicherten. Trotzdem hatte Leipzig bis zur 60. Minute keinen Abschluss.
Nach diesen ersten 15 Minuten der zweiten Halbzeit fand Leipzig allerdings etwas besser ins Spiel. Freiburg zog sich daraufhin ab der 65. Minute etwas weiter zurück, überstand ein paar unkontrollierte Situationen nach Leipziger Ecken und brachte die komfortable Führung über die Zeit.

5. Fazit und Einzelleistungen

Rangnick sagte auf der Pressekonferenz, der Freiburger Sieg sei verdient gewesen und ich denke, dem kann man (auch mit dem Verweis auf die Expected-Goals-Statistik (1,92:1,08)) zustimmen. Trotzdem mussten verschiedenste Komponenten zusammenspielen, damit es zu diesem Ergebnis kommen konnte.
Grundlage war das gewohnt gute Spiel gegen den Ball. Leipzig kam zu noch weniger Chancen als Dortmund letzte Woche. Werner hatte zu Beginn mal einen Schuss aus spitzem Winkel, aber die ganz klaren Gelegenheiten, blieben über 90 Minuten aus. Andererseits hatte auch der Sportclub in der ersten Halbzeit kaum eigene Chancen und die ersten beiden Tore kamen dann doch eher glücklich zustande. Obwohl man hier wiederum sagen könnte: man muss auch im Strafraum sein, damit man einen abprallenden Ball verwerten oder von einem Innenverteidiger bei einer Kreuzbewegung getroffen werden kann.
Dass der Sportclub so in den Strafraum kam, lag an den guten flachen Umschaltaktionen durch das Zentrum, das für mich immer noch das größte Kuriosum dieses Spiels ist. Obwohl die gewonnenen hohen Bälle von Petersen gegen Upamecano und Konaté, wahrscheinlich ähnlich unerklärlich sind.

Und damit kommt man dann zu den Einzelleistungen der beiden Mannschaften und der eigentlich recht einfachen Erklärung, dass Leipzigs Zentrum nicht qua natura besser als das Freiburger ist und an einzelnen Tagen Koch und Haberer mit der Unterstützung von Gondorf die direkten Duelle gegen Demme, Kampl und Sabitzer eben auch in der Mehrzahl gewinnen können. Ob dabei die Leipziger einen besonders schlechten oder die Freiburger Spieler einen besonders guten Tag erwischt hatten, ist schwer zu sagen. Dass dies in zukünftigen Spielen noch häufiger passieren wird, bleibt aber eher unwahrscheinlich.

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