SC Freiburg - Hamburger SV

1. Der SC Freiburg als passender Gegner des HSV

Schon unter Bruno Labbadia war das Hamburger Spiel mehr auf die Arbeit gegen den Ball als mit dem Ball ausgelegt. Mit der Übernahme des Traineramtes durch Gisdol, wurde diese Herangehensweise noch radikalisiert. Der HSV verzichtet fast vollständig auf einen eigenen kontrollierten Spielaufbau, um sich auf das sehr intensive Pressing und Gegenpressing zu konzentrieren. Durch die sehr wilde Ausführung des Pressings, entsteht eine gewisse Hektik im Spiel.

Der Vorteil für Hamburg besteht darin, die gegnerische Ballkontrolle zu unterbinden und dadurch, dass man sich von vorneherein auf diese Hektik einstellt, das Chaos also selber provoziert, etwas besser damit umgehen zu können. Der Hamburger Nachteil ist es, dass sie selber keine Spielkontrolle aufbauen können und auf die Reaktion des Gegners reagieren müssen. Obwohl Angriffspressing eine aktive Art der Verteidigung ist, hat es immer noch das passive Element, dem Ball hinterherrennen zu müssen. Man kann versuchen das gegnerische Spiel zu lenken, aber ob, wann und wohin der Gegner unter Druck den langen Ball schlägt, oder das Pressing sogar ausspielen möchte, kann nur ansatzweise kontrolliert werden.

Obwohl das Hamburger Pressing ziemlich effektiv gespielt wird, ist man nicht ganz so erfolgreich, wie man es sich wahrscheinlich wünscht. Gegen Topteams muss der HSV einen wirklich guten Tag erwischen, dass die Mannschaft über den Achtungserfolg einer knappen Niederlage hinauskommt. Auch wenn das Spielsystem gegen Bayern, Dortmund oder Hoffenheim eigentlich gut funktioniert, ist der Qualitätsunterschied meistens trotzdem zu groß, um das Spiel zu gewinnen. 
Gegen schlechtere Teams hat Hamburg häufig das Problem, dass diese selber auf einen Spielaufbau verzichten und das aggressive Pressing ins Leere läuft.

Freiburg gehört zu den Mannschaften, die Hamburg prinzipiell am besten liegen müssten. Der Sportclub hat den Anspruch einige konstruktive Elemente im Spielaufbau mit einfließen zu lassen, aber nicht die Qualität der Einzelspieler in 90 Minuten fehlerfrei zu bleiben. Es stellte sich die Frage, wie der SC Freiburg auf diese Aufgabe reagieren würde.

2. Keine radikale Anpassung

Im Vergleich zum Spiel gegen Mainz gab es zwei Wechsel. Söyüncü ersetzte den verletzten Kempf und Ravet spielte für Kapustka. Das System mit der typischen Mischung aus 5-3-2 und 5-2-3 blieb größtenteils bestehen. Eine kleine Veränderung betraf die Positionierung von Haberer, der etwas tiefer und zentraler agierte als im Spiel gegen Mainz. Somit hatte Höfler noch einen Spieler neben sich und Freiburg konnte etwas mehr Kontrolle im Mittelfeld erlangen. Diese Tendenz wurde noch zusätzlich, durch situatives Aufrücken von Schuster, verstärkt.

Eine größere Präsenz im Mittelfeld war nötig, beim Kampf um die zweiten Bälle, nach eigenen und gegnerischen langen Abschlägen. Zudem gab es dem Sportclub die Möglichkeit sich auch spielerisch aus dem Gegenpressing der Hamburger zu befreien.

Im eigenen Spielaufbau setzte man nicht ausschließlich, aber häufiger als sonst, auf den langen Ball in Richtung Petersen. Die Freiburger Spielanlage war eine Mischung aus Anpassung an den Gegner und Beibehalten des eigenen Spiels.

3. Die Umsetzung im Spiel

Die Befürchtung, Freiburg könnte vom Pressing des HSV vollständig aus dem Konzept gebracht werden, bestätigte sich nicht. Man hatte sich gut auf die Spielweise des Gegners eingestellt und wirkte vorbereitet. Beim Hamburger Gegenpressing schaffte man es sogar häufiger mithilfe von Höfler und Haberer, sich über Stenzel zu befreien, der aus diesen Situationen eigene Angriffe initiieren konnte.

Beim eigenen Spielaufbau liefen, wie erwartet, drei Hamburger die drei Innenverteidiger an, wodurch diese häufig zu Schwolow zurückspielen mussten. Doch auch darauf war man vorbereitet.
Der weite Abschlag von Schwolow wurde meistens von Petersen per Kopfball für Ravet verlängert. Mit diesem Spielzug schaffte man es häufig mit nur zwei Spielern einiges an Durchschlagskraft zu erzeugen.

Eine weitere Auffälligkeit war der häufige Einsatz von Dribblings im zweiten Drittel des Spielfelds. Das ist ein Element, das man bei den Bundesligisten in dieser Saison immer häufiger beobachten kann. Dadurch, dass die meisten Teams sehr gut darin geworden sind Passwege zuzustellen und einen guten Plan nach abgefangenen Bällen haben, werden Pässe im Mittelfeld immer riskanter. Es ist fast sicherer geworden, mit dem Ball durch das Mittelfeld zu laufen, als durchzupassen. 
Bei Höfler und Günter konnte man diese tieferen Dribblings schon in einigen Spielen beobachten. Gegen Hamburg setzten Haberer und Stenzel diese nun auch häufiger ein. Auch das funktionierte recht gut. Ballverluste waren dabei eher selten und gerade Günter konnte einige Male erfolgreich durchbrechen. Zudem erarbeitete man sich dadurch einige Standardsituationen, die der SC Freiburg leider nicht nutzen konnte (20 Fouls des HSV).

Ausgehend von diesen verschiedenen Möglichkeiten ins letzte Drittel zu kommen, wurde vor dem Tor dann sehr schnell der Abschluss gesucht. Es kam zu einigen Distanzschüssen, geblockten Schüssen oder Abschlüssen aus ungünstigem Winkel. Das ist sicher eine Herangehensweise, über die man streiten kann. Versucht man sich in bessere Abschlusspositionen zu bringen, erhöht es die Erfolgswahrscheinlichkeit bei einem Torabschluss, aber auch die Wahrscheinlichkeit, vorher schon den Ball zu verlieren und in einen Konter zu rennen. Schießt man aus allen Lagen, verschenkt man teilweise die besseren Optionen, die es dabei gegeben hätte. Allerdings macht man sich so den Faktor Zufall zunutze, in Gestalt von abgefälschten Schüssen, die zu Toren und Ecken führen, Torhüterfehlern, Abprallern auf die Petersen spekuliert oder einem Handspiel des Gegners.

4. Zur Bewertung des Spiels

Wie nach den meisten knappen Spielen fällt eine Bewertung schwer. Sieht man sich die einzelnen Spielerleistungen an, kommt man zu einem guten Ergebnis. Höfler, Günter und Stenzel haben einen deutlichen Schritt im Vergleich zur Vorsaison gemacht. Haberer wächst gut in die Rolle im Mittelfeld hinein und könnte Frantz auch für den Rest der Saison verdrängen, falls es genug Optionen in der vordersten Reihe gibt.
Wirft man einen Blick auf die Statistik, gibt es ebenfalls wenig auszusetzen. Eine positive Zweikampfbilanz, doppelt so viele Torschüsse, mehr Ballbesitz, leicht bessere Laufwerte, mehr Eckbälle, weniger Fouls.

Es ist etwas ermüdend immer wieder darauf hinzuweisen, dass der SC Freiburg gut gespielt hat, aber eben trotzdem richtig. Ein Spiel gegen den HSV, der so aggressives Pressing betreibt, ist eine große Aufgabe für die Mannschaft, bei der man nicht vorhersagen konnte, dass sie diese so gut lösen wird. Einen Spielverlauf zu erzeugen, bei dem man nicht nur den Ball aus Sicherheitsgründen wegschlägt und so dem Hamburger Chaosplan nachgibt, sondern teilweise Spielkontrolle aufbauen kann, ist nicht selbstverständlich.
Trotzdem hat man es nicht geschafft ein Tor zu erzielen und das war dann auch mehr als bloßer Zufall. Echte Torchancen waren auf beiden Seiten Mangelware. Mit einem Torlosen Remis ist der HSV bei dem Spielverlauf zwar ganz gut bedient, aber es ist auch nicht vollkommen ungerechtfertigt.

In diesem Spiel zeigte sich mal wieder, dass der Sportclub in der Lage ist, defensiv gute Leistungen abzuliefern. Rechnet man die hohen Auswärtsniederlagen (Stuttgart, Bayern, Leverkusen, Leipzig)  kommt man auf 9 Gegentore in 10 Spielen. Das Problem in dieser Saison ist die Offensive. Bei 0,6 Toren pro Spiel, wird es schwierig viele Partien für sich zu Entscheiden. Trotzdem hat man das Gefühl, dass es in die richtige Richtung geht. Bei 21 Torschüssen steigt die Wahrscheinlichkeit für einen Treffer. Andererseits sind zwei Großchancen auch etwas zu wenig, um sagen zu können, man hätte das Spiel gewinnen müssen.

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