SC Freiburg - Bayer Leverkusen 0 : 0

1. Die Mannschaft der Stunde

In der Berichterstattung vor dem Spiel Freiburg gegen Leverkusen, wurde häufig davon gesprochen, dass es das Duell der beiden formstärksten Teams wäre. Ausgeblendet wurden dabei natürlich die Bayern, aber auch Frankfurt und Köln, die momentan sehr stabil auftreten. Nichtsdestotrotz war dieses Storytelling nicht ganz aus der Luft gegriffen. Der Sportclub ist seit dem 12. Spieltag ungeschlagen und Leverkusen hat seit dem 5. Spieltag nur gegen Bayern München verloren.

Christian Streich rückte aber zurecht auf der Pressekonferenz das schiefe Bild einer ausgeglichenen Ausgangsposition zurecht. Natürlich ist der Sportclub nicht auf Augenhöhe mit Leverkusen. In der Rückrunde konnte man zwar durch einige herausragende Defensivleistungen deutlich überlegene Gegner neutralisieren, aber gerade das Spiel mit dem Ball ist momentan nicht auf dem Niveau, wie es schon mal in der Hinrunde z. B. gegen Hannover, Berlin oder Gladbach war. Überschriften wie „Torjäger Petersen zerlegt BVB“ klingen fast so, als ob Freiburg Dortmund dominiert und mit 3:0 aus dem eigenen Stadion geschossen hätte. Freiburgs guter Rückrundenstart setzt immer die Perspektive des Außenseiters voraus und erklärt sich vor allem mit einem sehr guten Spiel gegen den Ball, Effektivität bei Standards und einem sehr starken Nils Petersen.

Im Gegensatz dazu ist es sicherlich nicht übertrieben, bei Leverkusen von der Mannschaft der Stunde zu sprechen. Momentan ist das Team von Herrlich eines der komplettesten der Liga. Defensiv stabil, können sie technisch sauber und sehr schnell umschalten, haben aber auch ein sehr gutes Spiel aus den Positionen heraus, falls der Gegner sich zurückzieht. Gerade die Angreifer bewegen sich sehr gut zwischen den Linien und sind häufig in gefährlichen Räumen anspielbar. Zusätzlich zu dieser sehr guten Grundlage kommt noch der Ausnahmespieler Leon Bailey hinzu, der durch Einzelaktionen sehr viel Dynamik ins Spiel bringen kann.
Die Mischung aus einem guten Kader ohne große Schwachstellen, einem taktisch flexiblen Trainer und dem besten Flügelspieler der Liga (Bayern, wie immer ausgeklammert), macht Leverkusen so stark.

2. Freiburgs Spiel gegen den Ball

Streich stand, wie so häufig gegen Top-Mannschaften, vor einem nicht ganz auflösbaren Problem. Versucht man den Gegner früh unter Druck zu setzen, muss die ganze Mannschaft weit aufrücken und es offenbaren sich Räume hinter der Abwehr, die von den schnellen Außenspielern genutzt werden könnten. Versucht man diese Räume zu schließen, kann man keinen Druck aufbauen und überlässt dem Gegner vollständig das Spiel. Dieser kann dann den Ball dann so lange von links nach rechts laufen lassen, bis sich eine Lücke in der Freiburger Defensive auftut. Streich dachte sich wohl, Angriffspressing ist die beste Verteidigung und entschied sich für die erste Variante. Er löste die Dreierkette, die so gut gegen Leipzig und Dortmund funktionierte, auf, brachte Kleindienst für Kempf und stellte auf eine 4-4-2-Formation um.

--------Kleindienst-----Petersen-------
Haberer-----------------------------Höler
---------Abrashi----------Koch-----------
Günter-----------------------------Kübler
--------Söyüncü----------Gulde---------
-----------------Schwolow-----------------

Freiburg versuchte das Leverkusener Spiel schon im Aufbau zu unterbinden. Die herausragende gegnerische Offensive sollte gar nicht erst kontrolliert den Ball bekommen. Kleindienst und Petersen liefen die beiden Innenverteidiger Bender und Tah an. Wurden die Außenverteidiger mit ins Aufbauspiel eingebunden, rückten auch Haberer und Höler heraus. Selbst als Bailey sich fallen ließ, damit Wendell den Ball gleich auf ihn weiterleiten könnte, wurde er von Kübler bis weit in die Leverkusener Hälfte verfolgt. Auch Leno wurde angelaufen, wodurch unkontrollierte, lange Abschläge zu provoziert werden sollten.

Freiburg konnte den Gegner in viele aufreibende Zweikämpfe verwickeln. Besonders Wendell bekam das zu spüren. Wie in vielen Pressingsystemen, ist auch bei Freiburg das Anspiel auf den Außenverteidiger ein sogenannter Pressingauslöser. Der ballnahe Stürmer stellt den gegnerischen Innenverteidiger in den Deckungsschatten und läuft den Außenverteidiger seitlich an, während der Freiburger Außenspieler frontal auf diesen zuläuft und versucht den Ball zu erobern. Diese Aktionen sind meist sehr dynamisch und nicht besonders präzise. Macht der Gegner eine unvorhergesehene Bewegung ist das Risiko hoch, dass der pressende Spieler nicht den Ball, sondern den Außenverteidiger trifft.

Aber auch in anderen Teilen des Spielfelds, waren die Freiburger recht aggressiv. Man versuchte den Leverkusenern wenig Zeit und Raum zu geben und schon beim Anspiel direkt beim Gegenspieler zu sein. Diese Spielweise ist extrem laufintensiv. Einerseits, da man immer wieder auf seinen Gegenspieler herausrücken muss, aber vor allem, weil bei einem verlorenen Zweikampf der Mitspieler aushelfen muss und die ganze Mannschaft gezwungen ist, die daraus entstehenden Lücken immer wieder zuzulaufen.

Defensiv ging dieser Plan sehr gut auf. Leverkusen kam selten kontrolliert in die Freiburger Hälfte. Die wenigen Chancen der Werkself in der ersten Halbzeit entstanden größtenteils aus Gegenpressingsituationen im Mittelfeld. Ein Kopfball, der den Innenpfosten traf und zwei Abschlüsse von Bailey aus spitzem Winkel.
Bis auf eine Phase zwischen der 60. und 70. Minute, in der Leverkusen Freiburg an den eigenen Strafraum drücken konnte, hielt Freiburg das aggressive Angriffspressing und die damit verbundene disziplinierte Rückzugsbewegung, durch. Selbst die große Leverkusener Stärke, Konter nach Standardsituationen des Gegners, die besonders im Spiel gegen Hannover am 17. Spieltag, vorgeführt wurde, konnte von den Freiburgern verhindert werden. Nach einer Ecke in der 81. Minute lief ein schneller Konter über Brandt. Als er die Flanke schlagen konnte, waren schon wieder etwa sieben Freiburger im eigenen Strafraum und verteidigten den Angriff mühelos.

Auch wenn man sich das im Vorhinein nur schwer vorstellen konnte, hat der Sportclub sich nach den fast perfekten Defensivauftritten gegen Leipzig und Dortmund, noch einmal steigern können und lies nur wenige Chancen zu.

3. Freiburgs Spiel mit dem Ball

Während das Angriffspressing defensiv sehr gut funktionierte, war es als offensives Element weitestgehend wirkungslos. Nur selten konnte der Sportclub durch einen Ballgewinn im gegnerischen Drittel Gefahr erzeugen. Und auch bei Balleroberungen in der eigenen Hälfte, ging man selten direkt ins Umschaltspiel, sondern sicherte den Ball, indem man ihn zu den Innenverteidigern zurückspielte. Somit verringerte sich auch das Risiko ins Leverkusener Gegenpressing zu geraten.

Der Plan bei eigenem Ballbesitz war pragmatisch, simpel, risikoarm, aber effektiv. Die Innenverteidiger passten sich den Ball zu, bis Leverkusen ins Pressing ging und somit ihre Abwehrreihe weit aufrückte. Dann wurde der lange Ball in Richtung Petersen gespielt. Dieser konnte die Kopfballduelle gegen Tah zwar selten gewinnen, doch vor ihm standen Haberer, Abrashi, Koch, Höler und Kleindienst, die alle auf die unkontrollierte Kopfballabwehr von Tah spekulierten, um den zweiten Ball zu erobern. Nach diesen Ballgewinnen wurden meist Kleindienst oder Petersen, aber auch mal Günter, mit einem Pass in den freien Raum Richtung Strafraum geschickt. Gerade in der ersten Halbzeit kam Freiburg so zu einigen Chancen, die leider nicht so gut verwertet wurden, wie in den beiden vergangenen Spielen.

4. Die zweite Halbzeit

Nach dem Seitenwechsel passte Herrlich sein Spiel etwas an. Offensiv versuchte Leverkusen früher zum Abschluss zu kommen. Anders als gegen Mainz waren die Distanzschüsse aber meistens zu unpräzise.
Seine defensive Anpassung zeigte da schon etwas mehr Wirkung. Bei den langen Bällen von Kempf, Söyüncü oder Schwolow, stand die Leverkusener Hintermannschaft in Halbzeit zwei deutlich tiefer. Dadurch hatten sie etwas mehr Präsenz beim Kampf um die zweiten Bälle. Selbst wenn Freiburg diese Bälle erobern konnte, kam man nicht mehr so leicht hinter die Abwehr.
Der Sportclub musste also wieder auf klassisches Umschaltspiel setzen, um vor das gegnerische Tor zu kommen, was in der zweiten Halbzeit aber auch etwas besser funktionierte, als in der ersten.

Auch wenn das Spiel torlos endete, war es eigentlich bis zum Schluss recht offen. In den ersten 15 Minuten nach dem Seitenwechsel entwickelte sich eine intensive Partie mit guten Situationen auf beiden Seiten. Ab der 60. Minute sah es dann fast so aus, als ob der Sportclub das Pressing nicht durchhalten würde. Leverkusen schnürte den SC immer weiter ein und erspielte sich einige Chancen. Gerade Höler machte in den letzten zehn Minuten vor seiner Auswechslung (69.), einen etwas unkonzentrierten Eindruck. Ab der 70. Minute kam Freiburg aber wieder zurück ins Spiel, konnte sich häufiger befreien und kreierte Chancen durch Petersen und Haberer. Erst in der Schlussphase zeichnete sich das Unentschieden ab, da keiner der Mannschaften so richtig ins Risiko gehen wollte.

Der SC Freiburg hat es somit geschafft in den drei Spielen gegen die Top-Mannschaften Leipzig, Dortmund und Leverkusen, immer ein recht ausgeglichenes Chancenverhältnis (Expected Goals: 0,70 : 0,73 gegen Leverkusen) zu erzeugen und keines davon zu verlieren. Hatte man vor der Rückrunde nur die Hoffnung gehabt, dass der Abstand zum Relegationsplatz nach den ersten vier Spielen nicht vollständig weggeschmolzen sein wird, konnte man diesen sogar noch leicht ausbauen. Trotzdem sind es nur fünf Punkte auf den 16. Platz.

In den folgenden Wochen wird es wieder mehr auf die spielerische Komponente ankommen. Dies könnte ein paar Umstellungen zur Folge haben. Auch wenn Abrashi und Koch sehr gute Spiele gemacht haben, könnte es wieder zur Doppelsechs Höfler und Haberer kommen, die allerdings beide im nächsten Spiel gesperrt sind. Stenzel könnte Kübler ersetzen und falls Ravet wieder fit wird, wäre er eine Option für Höler. Falls alle fit bleiben, könnte Streich auch wieder etwas mehr Einfluss auf die Spielentwicklung, durch Einwechslungen nehmen. Schon allein durch die veränderte Spielweise der Gegner, wird das Freiburger Spiel in den kommenden Wochen wahrscheinlich wieder etwas variabler werden.

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