Saisonauftakt (nach dem 3. Spieltag)

1. Bestandsaufnahme

Die Punktausbeute des SC Freiburg nach den ersten drei Bundesligaspielen ist wahrscheinlich weder für Fans noch für das Team zufriedenstellend. Ein Punkt aus drei Spielen macht einen Punkteschnitt von 0,33, was am Ende der Saison auf ca. elf Punkte und somit auf einen sicheren Abstieg hinauslaufen würde. Aber das ist eine bloße Zahlenspielerei. Um potenziell eine leichte Tendenz nach dem Auftakt ablesen zu können, ist der Blick auf andere Zahlen interessanter. Zwar ist auch hier die Aussagekraft nach so wenigen Spielen noch fragwürdig, doch die drei Gegner Frankfurt, Hoffenheim und Stuttgart müssen mit ihrer individuellen Qualität nicht unbedingt als Sonderfälle behandelt werden, wodurch diese erste Zwischenbilanz auch nicht ganz ohne Wert ist.

Mit vier geschossenen Toren liegt der Sportclub im soliden Mittelfeld der Liga, mit den acht kassierten Treffern gemeinsam mit Bayer Leverkusen auf dem letzten Platz. Die Verteilung der Torschüsse (45:44) ist allerdings ausgeglichener als die Tordifferenz (4:8) und auch die addierte Erfolgswahrscheinlichkeit der Torschüsse (expected Goals) liegt bisher bei 4,22:5,49.

Im Vergleich (ohne weitere Kontextualisierung):
SC Freiburg:         Torschüsse: 45:44; xG: 4,22:5,49; Tore: 4:8; Punkt 1.
1. FC Nürnberg:    Torschüsse: 41:31; xG: 3,41:2,10; Tore: 2:3; Punkte 2.
Hertha BSC:         Torschüsse: 25:42; xG: 2,19:5,18; Tore: 5:2; Punkte 7.

Die Zahlen decken sich einigermaßen mit dem Gefühl, dass sich nach den drei Spieltagen einstellte. Bisher nur einen Punkt zu haben, ist gerade aufgrund der vielen eigenen Chancen etwas unglücklich, durch die vielen gegnerischen Chancen aber auch nicht ganz unerklärbar.

Auch wenn sich mit vielen eindeutig vermeidbaren Gegentoren eine altbekannte Problematik wieder eingeschlichen hat, scheint die Spielanlage des SC Freiburg insgesamt ansehnlicher und vielversprechender zu sein als in der letzten Rückrunde.

2. Das Spiel mit dem Ball

Die allgemeine Spielanlage des SC Freiburg (seit dem Abstieg in die 2. Liga) hat sich auch zum Saisonstart nicht grundsätzlich gewandelt. Viel geht über Ballgewinne und schnelles Umschalten und bei Ballbesitz in der eigenen Hälfte versucht man die Spielauslösung durch Ballzirkulation zwischen Innenverteidigern und Torwart gut vorzubereiten. Beim Umschaltspiel geht es tendenziell durch die Mitte, während beim normalen Aufbau der Weg durch das Zentrum nur selten gewählt wird, da dies immer mit einem hohen Risiko verbunden ist. Doch auch mit diesen typischen Elementen gab es einige Facetten in den ersten drei Spielen, die man zumindest in der letzten Rückrunde nur selten beobachten konnte. Besonders auffällig ist dabei die (wieder im Vergleich zur letzten Rückrunde) hohe Anzahl an eigenen Torchancen. Ballsichere Kombinationen im letzten Drittel entstehen und funktionieren zwar nicht im Minutentakt aber mehrmals pro Spiel, sodass eigene Torabschlüsse nicht mehr als reines Zufallsprodukt angesehen werden müssen, sondern eine gewisse Beständigkeit aufweisen.

Als erster und einfachster Punkt, der diese Veränderung erklären könnte, wäre die individuelle Qualität und Form der Spieler zu nennen. Es wird immer deutlicher, dass einige Spieler, die in der letzten Rückrunde regelmäßig auf dem Platz standen, nicht wirklich fit waren. Bei Haberer und Koch gab es sogar Aussagen, die das bestätigen und ob Frantz und Höfler nach so langen Verletzungen wirklich bei den sooft angeführten 100% waren, ist zu bezweifeln. Diese Probleme sind momentan nicht vorhanden. Auch wenn Ravet und Kleindienst dem aktuellen Kader sicher guttun würden, sind immer noch genug offensive Spieler da, um diejenigen auf der Bank zu lassen, die mit kleineren Blessuren oder einer schwierigen Trainingswoche zu kämpfen haben. Hinzu kommen die Neuzugänge Waldschmidt und Gondorf und ein wiedergenesener Niederlechner.
Dass also das größte Problem der Rückrunde – im letzten Drittel keine Chancen erarbeiten zu können – deutlich verringert wurde, ergibt sich schon alleine aus der höheren Qualität und Quantität der fitten Spieler.

Doch auch beim Weg in das letzte Drittel lassen sich Verbesserungen beobachten. Die erste Auffälligkeit lässt sich auch auf den letzten Punkt zurückführen. Die Konter werden, auch wenn es über mehrere Stationen geht, deutlich sauberer ausgespielt. Als Beispiel hierfür kann man das frühe Tor gegen Stuttgart anführen. Der Ball wurde von Gulde und Haberer erobert, der Pass auf Frantz dann abgefälscht und kam so zu Niederlechner, der durch das Zentrum gehen konnte. Frantz blieb rechts, bekam den Ball und konnte so auf Gondorf am zweiten Pfosten flanken, da Niederlechner und Petersen die Verteidiger im Zentrum banden. Stellt man sich diese Situation mit einem unfitten Koch statt Haberer, Höler statt Frantz und Kleindienst (in der Rückrunde) statt Niederlechner vor, sieht man vor seinem inneren Auge den Ballverlust schon beim ersten Abspiel.

Bei der Spielauslösung im eigenen Drittel sieht man bisher teils bekannte Mechanismen (z.B. Günter zieht, wenn er etwas Platz hat, mit dem Ball ins Zentrum, verlagert das Spiel oder spielt einen Pass nach vorne), aber auch neue Varianten. Dazu gehören insbesondere die vielen diagonalen Bälle von Stenzel und Heintz auf Günter und den rechten Flügel (Waldschmidt/ Höler/ Frantz). Letzte Saison gingen lange Bälle größtenteils in Richtung Petersen/ Kleindienst und die Sechser sollten zweite Bälle erobern. Diese Saison sieht es bisher etwas gezielter aus.
Dadurch verändert sich auch die Ballzirkulation der Aufbauspieler. Ein langer zentraler Ball muss weniger vorbereitet werden. Die diagonalen Bälle verlangen, dass man die gegnerische Formation auf eine Seite zieht. Man muss das Spielgerät also von links nach rechts und wieder zurücklaufen lassen, damit genug Platz für die Verlagerung (und besonders für die Ballannahme) ist.

Dass aus der verbesserten Spielanlage nicht noch mehr Tore entstanden sind, liegt an einem eher unvorhergesehenen Problem. Hat der SC Freiburg für seine Verhältnisse eigentlich sehr gute Abschlussstürmer, haben diese leider bisher nicht nur kein Tor erzielt, sondern sogar einige sehr gute Möglichkeiten liegen gelassen. In Hoffenheim hätte Niederlechner die Führung ausbauen können, als er frei auf Baumann zulief und gegen Stuttgart vergab Petersen frei vor Zieler, was ebenfalls das 2:0 gewesen wäre. Stattdessen trafen bisher die drei Neuzugänge Heintz, Waldschmidt und Gondorf.

Fazit:
Der SC Freiburg kann wieder etwas mehr mit dem Ball anfangen und kommt auf verschiedene Wege (über Außen, durch Spielverlagerungen oder Konter durch die Mitte) ins letzte Drittel. Die Königsdisziplin, flach durch das Zentrum aufzubauen, wurde noch nicht gemeistert, ist aber vielleicht für diesen Verein auch etwas zu viel verlangt. Das größte Problem – die schlechte Chancenverwertung – zeigt gleichzeitig die größte Verbesserung zur letzten Rückrunde an: denn für eine schlechte Chancenverwertung braucht man Chancen und die sind bisher gegeben. Es ist eine der wichtigsten Grundlagen, um Spiele zu gewinnen.

3. Das Spiel gegen den Ball

So sehr man beim Spiel mit dem Ball von einem Fortschritt sprechen kann, so schwierig scheint es gerade beim Spiel gegen den Ball zu sein. In allen drei Spielen hat man ein bis zwei Tore kassiert, bei denen sich mindestens einer der verteidigenden Spieler sehr ungeschickt angestellt hat. Gegen Frankfurt läuft Müller durch eine riesige Lücke in den Sechszehner, in Hoffenheim laufen Schwolow und Höler aufeinander und gegen Stuttgart schaut Niederlechner nicht auf die Ausführung der Ecke, die er sonst ohne Probleme hätte klären können, usw. Es ist schwer für die Häufung solcher Probleme eine klare Antwort zu finden, wenn man auf Phrasen (verunsicherte Spieler; der ist nicht bei der Sache; usw.) oder überharte pauschale Aussagen (Höler kann einfach nichts; was hat Gulde in der Bundesliga verloren; Höfler spielt nur, weil er ein Liebling von Streich ist; usw.) verzichten möchte.

Das Hoffenheimer Ausgleichstor und die beiden Gomez-Treffer weisen allerdings gemeinsame Merkmale auf und scheinen in einem leicht veränderten Spiel gegen den Ball zu wurzeln. Dazu gleich mehr.

Freiburg setzt in der neuen Saison auf ein klares 4-4-2. Die Dreierkette wurde jeweils nur ein paar Minuten gegen Cottbus und Stuttgart ausgepackt, als es darum ging, in der Schlussphase den Ausgleich zu erzielen (beide Male erfolgreich). Während der ersten drei Spiele wurde dieses 4-4-2 gegen den Ball aber deutlich starrer interpretiert als sonst. Die beiden Flügelspieler rückten im Pressing nur sehr selten mit auf, wodurch Petersen und Niederlechner meist gegen drei Aufbauspieler in der Unterzahl waren. Somit konnten diese das Spiel des Gegners lenken, die Aufbauspieler aber nicht zurückdrängen oder lange Balle provozieren. Kurz: das Pressing war weniger auf Ballgewinn aus, als vielmehr auf das Verhindern der Pässe durch das Zentrum. (Einschränkend: Situativ rückte Freiburg auch mal kollektiv auf, aber nur wenn alle gut dafür positioniert waren. Prinzipiell war das deutlich passiver als die Saisons zuvor.)
Konnten die Gegner Freiburg weit in die eigene Hälfte drängen, blieb man weiterhin recht passiv. Der SC stand dann häufig sehr abwartend um den eigenen Strafraum und versuchte direkte Zuspiele hinter die Abwehrkette zu verhindern, ohne aber größeren Druck auf den Ballführenden Spieler auszuüben. Bei allen drei gerade aufgezählten Gegentoren stand der Sportclub weit in der eigenen Hälfte, während der ballführende Spieler circa 25 Meter vor dem Tor (übrigens immer auf der rechten Seite) in Ruhe entweder die Lücke für einen Steckpass oder den Zielspieler im Strafraum für eine Flanke ausmachen konnte.

Wieder einschränkend muss man sagen, dass diese passive Herangehensweise nicht vollkommen abwegig ist. In der Bundesliga haben die meisten Mannschaften große Probleme gegen tief stehende Gegner Chancen herauszuspielen. Die erste Halbzeit gegen Stuttgart war exemplarisch dafür. Es segelten zahllose Halbfeldflanken in den Freiburger Strafraum, die alle ohne Schwierigkeiten abgefangen werden konnten. Andererseits traf Stuttgart in der zweiten Halbzeit zweimal durch eben solche Halbfeldflanken und ein Grillitsch hat viel zu viel Zeit, um ein Abstimmungsproblem zwischen Gondorf, Stenzel und Höler zu erkennen und auszunutzen. Möchte man prinzipiell etwas passiver agieren, dürfen sich die Verteidiger im und am Strafraum praktisch keine Fehler im Stellungsspiel erlauben. Ob eher passives oder eher aggressives Verteidigen mit mehr Risiko verbunden ist, hängt immer von der sauberen Ausführung ab.

Fazit:
Freiburg agierte bisher passiver als gewohnt, setzt nun mehr auf defensive Ordnung und genug Spieler hinter dem Ball, damit leichte Fehler oder verlorene Zweikämpfe vom Nebenspieler ausgebügelt werden können. Diese Umstellung brachte bisher aber eher Nachteile als Vorteile und wurden durch große Aussetzer beim Verteidigen noch negativ unterstützt.

4. Offene Themen

Der Saisonstart war teilweise unglücklich. Betrachtet man die Spiele bisher, kommt man zu einer erwartbaren Einschätzung des SC Freiburg. Die Saison wird schwierig, aber man wird höchstwahrscheinlich in den meisten Spielen gegen Bundesligisten mithalten können. Offensiv war es bisher ansehnlich, defensiv zum Teil sehr ärgerlich.

In diesem Artikel habe ich mir eher allgemeinere Themen vorgenommen. Es waren allerdings auch noch ein paar weitere Fragen auf meinem Zettel, die ich vielleicht in kommenden Einträgen behandeln werde, aber hier schon einmal festhalten wollte:
–    Findet Niederlechner noch seine Rolle als zweite Spitze? Gegen den Ball und im Konter ohne Probleme, aber häufig ähnliche Laufwege wie Petersen. Lässt sich zudem selten fallen und agiert nur wenig raumgreifend. Vielleicht lassen sich Waldschmidt, Kleindienst oder Höler hier besser einbinden.

  1. –    Dreierkette bei Rückstand. Gegen Cottbus und Stuttgart stellte der SC in den letzten Minuten um. Stenzel rückte in eine Dreierkette, wodurch Frantz und Günter die Flügel bespielten und beide Sechser weit aufrücken konnten. Das ist etwas unkonventionell, aber wahrscheinlich vielversprechender als die Brechstange. Streich sprach in der Pressekonferenz vor Wolfsburg über diese Umstellung, lobte zu Recht das Positionsspiel und betonte, dass man damit einige gute Chancen herausspielen konnten (u.a. Waldschmidt Lattentreffer). Die Frage ist, ob die offensive Variante der Dreierkette stabil genug über 90 Minuten sein kann, um eine längere Option darzustellen.

–    Höfler mit durchwachsenem Saisonstart, gerade im Vergleich zu seiner sehr guten Hinrunde in der letzten Saison. Ohne ihn abschreiben zu wollen, könnte Gondorf/ Haberer eine Option sein.
–    Gulde weiterhin solide, könnte aber demnächst von Koch verdrängt werden.
–    Stenzel ist nun für ein Spiel gesperrt. Seine Spielverlagerungen werden fehlen. Falls Heintz früh gestört wird, wird Freiburg vielleicht Probleme im Spielaufbau bekommen.
–    Die offensiven Optionen sind vielversprechend. Sollten Sallai und Ravet bald bereit für einen Startelfeinsatz sein, könnte das einiges in der Spieldynamik verändern.
–    Bisher begann der SC Freiburg immer mit einem 4-4-2. Gegen Wolfsburg ist auch ein 4-3-3 im Gespräch, auf Sicht vielleicht aber auch mal wieder eine Dreierkette.
–    ...

 

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