Offensives System, defensives Personal

1. Auswärts wie zu Hause spielen

Der Faktor Heimspiel/ Auswärtsspiel ist einer der diffusesten im Fußball. Auch wenn er von unterschiedlichen Leuten unterschiedlich gewichtet wird, gibt es kaum jemanden, der ihn ganz abstreitet. Meinungsverschiedenheiten gibt es eher bei der Bestimmung der Gründe dieses Faktors. Geht es um die Stimmung der Fans, die Reisestrapazen, die gewohnten Abläufe im eigenen Stadion, den Anspruch der Mannschaft den eigenen Fans etwas zu bieten, die gewohnte Qualität des Rasens, das unterschiedlich Wetter, die Eigendynamik des Mythos Heimspiel, oder weiteres? Aus diesen unterschiedlichen Gründen folgen unzählige weitere Schlussfolgerungen, die sich teilweise widersprechen.

Speziell für den SC Freiburg hat dieses Thema einiges an Gewicht. Auswärts holte man bisher nur einen einzigen Punkt gegen Bremen, bei einem Torverhältnis von 1:16. Zu Hause gab es immerhin sieben Punkte gegen Dortmund, Hoffenheim, Hannover, Berlin und Frankfurt, bei einem Torverhältnis von 5:5.

Auf der Pressekonferenz erklärte Streich, dass man auch in Wolfsburg so mutig auftreten wolle, wie in den Heimspielen. Solche Aussagen wurden schon unzählige Male von Trainern getätigt und haben sich selten bewahrheitet. Gerade weil der negative Faktor Auswärtsspiel so viele Gründe haben könnte, dass man nicht weiß, an welcher Stellschraube man drehen soll, um ihn abzuschwächen. Ausgehend von Streichs Änderungen beim Spiel gegen Wolfsburg, macht er es wohl vor allem daran fest, dass die Spieler zu Hause etwas selbstbewusster, offensiver und aktiver agieren, als in den Auswärtsspielen. Streich gab seinen Spielern tatsächlich einen etwas mutigeren Plan an die Hand als sonst.

2. Offensives System, defensives Personal

Streich löste die Fünferkette auf und spielte ein 4-3-3, was für den SC Freiburg eher ungewöhnlich ist.

------Kath-------Petersen--------Guédé------
-----------Höfler----------Haberer--------------
-------------------Schuster-----------------------
Günter-------Kempf-------Koch------Stenzel

Es war das bisher offensivste System, das Freiburg in dieser Saison gespielt hat. Geht man vom ursprünglichen System mit der Fünferkette aus, wird einfach Schuster eine Position weiter nach vorne gerückt. Dadurch rückt auch Höfler von der sechs auf die acht. Haberer übernahm die Rolle, die wahrscheinlich von Frantz eingenommen worden wäre, fehlte dafür aber in der vordersten Angriffsreihe. Trotz Vierekette rückten die Außenverteidiger sehr weit auf. Die übliche Asymmetrie, dass Günter etwas geradliniger und offensiver agiert als Stenzel, der eher etwas einrückt, wurde beibehalten.

Diese offensive Herangehensweise wurde mit einem Personal kombiniert, das für mehr Defensive steht. Kent, Ravet und Kapustka haben immer noch leichte Probleme in der Ausführung des Freiburger Pressings. Da Niederlechner verletzt ist, kam es mal wieder zu einem Einsatz des Dauerläufers Karim Guédé. Ähnlich wie beim Jobsharing zwischen Niederlechner und Petersen, sollte er die gegnerischen Innenverteidiger 50-60 Minuten lang müde laufen, damit der Einwechselspieler leichteres Spiel hat.
Die Idee hinter der Ausrichtung war es wahrscheinlich Wolfsburg etwas zu überraschen und sie gar nicht erst in die Offensive kommen zu lassen. Ein verständlicher Plan, da der Gegner mit Didavi, Malli und Gomez einiges an Qualität auf dem Rasen hat. Hoch zu pressen ist natürlich immer mit Risiko verbunden. Allerdings ist es auch kein wirklich sicherer Plan sich gegen die Wolfsburger Offensive hinten rein zu stellen und darauf zu warten, dass ihnen etwas einfällt.

Die Herangehensweise mit dem offensiven System und dem etwas defensiverem Personal passt zu Streich. In Ansätzen war das durchaus radikal, aber ohne die Balance aus dem Blick zu verlieren.

3. Zum Spiel

Im Nachhinein kann man sagen, dass der Plan nur zum Teil aufgegangen ist. Auch wenn man sich entschieden gegen die Stimmen im Internet wehren sollte, die von einem Totalausfall sprechen und die Entlassung des Freiburger Trainerteams fordern, kann man natürlich auch nicht so tun, als hätte man das Spiel gewonnen. Dabei lag das Problem, wie so oft in dieser Saison, nicht hauptsächlich in der Defensive, sondern am Mangel der herausgespielten Torchancen. Mit der beschriebenen Spielweise waren ein bis zwei Gegentore wahrscheinlich schon mit eingerechnet. Das 1:0 war exemplarisch für das Risiko, das Freiburg eingegangen ist:

Wolfsburg war im eigenen Spielaufbau über Casteels und die Innenverteidiger. Ein Innenverteidiger passte zum linken Außenverteidiger. Das ist der typische Auslöser für Freiburgs Pressing. Guédé und Kath versperrten die Passwege zurück, während sie Richtung Außenverteidiger liefen, Schuster versuchte Druck auf Malli auszuüben, damit dieser ebenfalls nicht angespielt werden kann und Stenzel versuchte in den direkten Zweikampf zu kommen. Der Rest der Mannschaft rückte dabei sehr weit auf. Koch und Kempf standen in dieser Situation fast an der Mittellinie. Es ist eine All-In-Situation. Kann Freiburg den Ball gewinnen, stehen sie mit fünf Spielern vor vier überrumpelten Verteidigern und haben gute Chancen auf einen Torabschluss. Schafft es der Außenverteidiger unter diesem Druck eine gute Lösung zu finden, steht der SC natürlich ziemlich offen.
In diesem Fall spielte Tisserand einen tollen Ball auf Gomez, der auf Malli ablegen konnte. Diese hatte damit einiges an freiem Raum vor sich. Das Freiburger Rückzugverhalten war in dieser Situation eigentlich in Ordnung. Als Malli den Strafraum erreichte, waren wieder fünf Verteidiger hinter dem Ball. Allerdings spielte Wolfsburg den Angriff ziemlich gut, gegen eine schlecht sortierte Freiburger Abwehr in Rückwärtsbewegung, aus. Zusätzlich ist die Verteidigung bei Flanken von rechts die letzte große Baustelle des immer stärker werdenden Günters, der in dieser einen Situation keinen guten Eindruck hinterlassen konnte.

Der frühe Rückstand zwang den Sportclub dazu weiter früh zu pressen. Das Risiko ebenfalls weitere Tempoangriffe von Wolfsburg zuzulassen blieb bestehen. Das zweite Gegentor war auch eine Folge davon. Den Spielern ist kein großer Vorwurf zu machen. Wenn man beim Angriffspressing, so wie im eigenen Ballbesitz, mit den Innenverteidigern an der Mittellinie steht, ist es normal, dass es zu gefährlichen Umschaltaktionen des VfL kommen kann. Koch und Kempf sind eben nicht Hummels und Boateng. Allerdings kann man Streich in dieser Situation ebenso keinen großen Vorwurf machen, da man bei einem Rückstand eben etwas mehr Risiko eingehen muss.

Was einen bei Betrachtung der ersten Halbzeit schon viel mehr Sorgen machen sollte, ist dass es dem Sportclub trotz offensiverer Spielweise nicht gelungen ist, eigene Torchancen herauszuspielen. Die Angriffe waren in Ansätzen häufig gut. Höfler machte ein überdurchschnittliches Spiel in der offensiveren Rolle und Günter ruft schon die ganze Saison konstant gute Leistungen ab. Das typische Freiburger Angriffsmuster ist es vom Innenverteidiger auf die Außenverteidiger zu spielen, die den Ball mit Hilfe des zentralen Mittelfelds, wieder zentral ins offensive Mittelfeld vor den gegnerischen Strafraum passen. Diese zentrale Position vor dem Strafraum ist eigentlich ein optimaler Ausgangspunkt um gefährliche Torchancen herauszuspielen. Im Spiel gegen Wolfsburg kam man allerdings fast nicht in diesen Raum.
Die Alternative ist, dass Günter Flanken aus dem linken Halbfeld schlägt oder sich mit dem linken Angreifer (Kath, meistens Terrazzino) in den Strafraum kombiniert.
Tatsächlich ist es noch nicht gelungen ohne Grifo und Philipp konstant für ausreichende Durchschlagskraft im Angriffsspiel zu sorgen.

Mit der Hereinnahme von Kapustka für Guédé wurde es dann etwas besser. Freiburg hatte eine kleine Drangphase und erzielte sogar den Anschlusstreffer. Die kurze Euphorie wurde vom 3:1 schnell wieder zunichte gemacht. Allerdings gibt es ein bisschen Hoffnung, dass Kapustka, der die Nummer von Grifo auf dem Trikot hat, tatsächlich bald in dessen Fußstapfen treten könnte. Die Situation für ihn ist natürlich etwas komplizierter, als sie es für Grifo war. Dieser konnte in der 2. Bundesliga ein Jahr lang an seinem Pressing und Rückzugverhalten arbeiten. Kapustka hat hier noch Schwächen, die ihn trotz seiner offensiven Qualitäten nicht zum automatischen Stammspieler in der 1. Bundesliga machen. Die Integration von Kapustka, Ravet und Kent ist wohl die dringlichste Aufgabe, der sich Streich stellen muss.

Zusammenfassend war es ein unglücklicher Nachmittag. Streich hat etwas riskiert und es ist nicht ganz aufgegangen. Das Problem war nicht, dass man vier gefährliche Tempoangriffe zugelassen hat (von denen auch mal nur zwei reingehen können), sondern dass man bis zur 60. Minute selbst kaum Torchancen erspielen konnte um das Spiel offener zu gestalten. Diese Tendenz wäre auch bei der Bewertung der bisherigen Saison zu beachten. Freiburg hat schon häufiger bewiesen, dass man unter zwei Gegentoren bleiben kann. Allerdings hat der Sportclub erst einmal mehr als ein Tor geschossen. Einschränkend muss man dazu sagen, dass man gegen Schalke, Hannover und Berlin Chancen auf zwei oder drei Tore hatte, die eben nicht genutzt wurden. Es ist nicht so, dass Freiburg überhaupt keine Ansätze im Angriff hätte, aber es bleibt die größte Baustelle im Freiburger Spiel.

4. Zum Schiedsrichter

Es ist beim SC Freiburg nicht anders als bei anderen Vereinen. Kann man dem Schiedsrichter einen Fehler nachweisen, wird gerne mal gejammert. Bei den einen heißt es dann, man sei im „wahrsten Sinne des Wortes beschissen“ worden, bei den anderen, der Schiedsrichter pfeife erst dann ab, wenn die Bayern das Führungstor geschossen haben. In Freiburg wird in einer solchen Situation nahe gelegt, dass man als „kleiner Verein“ prinzipiell benachteiligt wird.
Die pädagogische Sorge Streichs nach dem Platzverweis von Söyüncü, was er nun mit den niedergeschlagenen Jungs machen solle, wurde ihm meist positiv ausgelegt. Es wurde übersehen, dass dabei auch der Vorwurf an das Schiedsrichterteam mitschwang, sie würden die sensible Psyche der Freiburger Spieler aus dem Gleichgewicht bringen, was schwerwiegende Folgen für die ganze Saison haben könnte. Dabei scheint es eigentlich eine Stärke Freiburgs zu sein, Rückschläge gut wegzustecken. Zu Streichs Verteidigung kann man natürlich sagen, dass er direkt nach dem Spiel noch etwas aufgeregt war. Bei den Pressekonferenzen vor den Spielen hatte er seine Vorwürfe nicht wiederholt, sie aber auch nicht zurückgenommen. Obwohl zum Beispiel Stieler, dem Streich vorgeworfen hatte er könne sich keine Fehler eingestehen, am nächsten Tag eben jenen Fehler zugab.

In diesem Spiel konnte der Sportclub zufrieden mit Gräfe sein, der Zweikämpfe insgesamt eher großzügig bewertete. Solche weichen Unterschiede der Spielleitung haben oft ähnlich großen Einfluss, als die sogenannten spielentscheidenden Situationen. Wenn zum Beispiel Ingolstadt gegen Bayern spielt und der Schiedsrichter sehr früh in die persönlichen Strafen einsteigt, unterbindet er die gesamte Ingolstädter Spielanlage. Anders herum bekommen Bayern und Dortmund Probleme, wenn man ihren Spielfluss mit häufigen kleinen Fouls unterbricht und der Gegner ohne Verwarnung davon kommt. Es ist wahrscheinlich die schwierigste Aufgabe des Schiedsrichters eine dem Spiel angemessene Linie zu finden, die keines der beiden Teams klar benachteiligt.

Damit soll nicht gesagt sein, dass Wolfsburg durch Gräfes Spielleitung klar benachteiligt wurde. Aber er ließ die etwas aggressivere Spielweise Freiburgs zu, was ihnen natürlich entgegenkam.
Wirklich Glück hatte der Sportclub vor allem bei der Bewertung des Fouls von Koch, das stark an den berechtigten Platzverweis von Ravet erinnerte. Koch traf seinen Gegenspieler mit den Stollen weit über dem Knöchel. Das einzige umstrittene Argument, dass er vielleicht auf seiner Seite hatte, war die mangelnde Intensität. Es bleibt festzuhalten, dass der Sportclub eher Glück mit dem Schiedsrichter hatte.
Es wäre schön, wenn man sich auch zu Schiedsrichtern äußert, wenn man von ihren Entscheidungen profitiert. Leider haben es Streich, die Mannschaft, die Vereinsverantwortlichen und die meisten Freiburg-Fans verpasst, Gräfe dafür zu loben, dass er so rücksichtsvoll mit der Situation des SC Freiburg umgegangen ist. Gerade mit dem jungen Koch, den die üblichen drei bis vier Spiele Sperre für brutales Foulspiel sicherlich in seiner guten Entwicklung zurückgeworfen hätten.

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