Hertha BSC : SC Freiburg 1 : 1

1. Verletzungen

Zum Spiel gegen Hertha BSC plagten den Sportclub einige Verletzungssorgen. Niederlechner und Gondorf fielen komplett aus. Stenzel, Frantz, Kleindienst, Ravet und Petersen waren angeschlagen. Die Frage, wen von den Angeschlagenen man mit nach Berlin nehmen sollte, wurde noch dadurch verkompliziert, dass zwischen diesem und dem nächsten Spiel am Freitagabend gegen Gladbach nur vier Tage Pause liegen und danach unter der Woche ein Pokalspiel stattfindet. Streich entschied Petersen und Ravet auf die Bank zu setzen, während Stenzel, Frantz und Kleindienst Spielpraxis in der zweiten Mannschaft sammeln sollten. Dort konnten Frantz und Stenzel durchspielen, während Kleindienst nur 58 Spielminuten sammelte, dafür aber zum 1:0 traf.
Mit diesen Ausfällen fehlten dem SC Freiburg insbesondere Erfahrung und Stabilität in den defensiven Abläufen. Niederlechner, Gondorf, Frantz und Petersen haben ein recht gutes Gespür dafür, wann und wie hoch man die gegnerischen Aufbauspieler anlaufen muss. Dass diese Qualität gerade gegen die Hertha wichtig ist und das Team die Ausfälle nicht so ganz auffangen konnte, versuche ich im Folgenden aufzuzeigen.

2. Aufstellung und Spielanlage

-------Haberer-----------Waldschmidt-------
Sallai-------------------------------Terrazzino-
-------------Höfler--------Koch-----------------
Günter------Heintz-------Gulde-----Kübler
-------------------Schwolow--------------------

Zunächst sah alles nach einem typischen 4-4-2 aus, doch im Pressing veränderte sich die Formation. Terrazzino rückte neben Haberer und Waldschmidt, während Sallai sich neben Höfler und Koch fallen ließ. Dadurch entstand ein leicht asymmetrisches 4-3-3 und Freiburg konnte die drei Berliner Aufbauspieler mit drei Angreifern anlaufen. Ziel dieser Unternehmung war es, die Passwege ins Zentrum zuzustellen, präsent im Mittelfeld zu sein und den Gegner auf die Außen zu lenken. Doch gerade im Vergleich zum Spiel gegen Leverkusen (http://www.zerstreuung-fussball.de/content/sc-freiburg-bayer-04-leverkus... unter 1.), klappte das weniger gut. Das hatte auch mit dem Gegner zu tun.

Hertha BSC ist aus mehreren Gründen schwer unter Druck zu setzen. Große vertikale und horizontale Abständen der Aufbau- und Mittelfeldspieler sind einer davon. Die hintersten drei Spieler positionieren sich dabei sehr tief und nehmen fast die gesamte Breite des Spielfelds ein. Die zentralen Mittelfeldspieler, die von ihnen angespielt werden sollen, lassen viel Raum zwischen sich und den Aufbauspielern, in den sie nur dosiert und sehr gezielt hineinlaufen, wenn sie nicht so eng verfolgt werden. Damit und mit sehr langen Ballzirkulationen zwischen den Aufbauspielern, wird der Gegner gewissermaßen nach vorne gelockt.
Im optimalen Fall läuft es dann für Berlin, wie am Sonntag gegen Freiburg in der siebten Minute. Haberer, Waldschmidt und Terrazzino standen weit in der gegnerischen Hälfte. Koch und Höfler wurden von den zentralen Mittelfeldspielern leicht nach außen gezogen. Ibisevic ließ sich dann zum bis zur Mittellinie fallen, konnte dort angespielt werden und auf Skjelbred ablegen. Damit waren fünf Freiburger aus dem Spiel genommen und die Hertha konnte einen Schnellangriff starten, der sehenswert von Duda abgeschlossen wurde. Bezeichnend war, dass der Treffer gerade auf der rechten Freiburger Seite fiel, wo Kübler durch das Aufrücken von Terrazzino (4-4-2 zu 4-3-3) häufig viel Raum abdecken musste. (Die Szene ist bei der frei verfügbaren Zusammenfassung ab Sekunde 17 zu sehen: https://www.youtube.com/watch?v=o2-tPMD2ak8.)

Der Sportclub hatte in der ersten Halbzeit große Probleme, da Berlin die erste Pressingreihe regelmäßig sehr einfach überspielte. Dies konnte man nur dadurch kompensieren, dass die Mannschaft diszipliniert und schnell an den eigenen Strafraum zurückrannte, wenn man mal wieder ausgespielt wurde. Am eigenen Strafraum angelangt, stand man allerdings vergleichsweise gut. Hin und wieder hatte man das Gefühl, Freiburg wäre dort zu passiv, aber die meisten Anspiele in den Sechzehner konnten verhindert werden. Dardai drückte es auf der Pressekonferenz aus seiner Sicht folgendermaßen aus: „Vielleicht haben wir einen Tick zu viel gefummelt beim gegnerischen Sechzehner, vielleicht sollte man frühere, dynamischere und aggressivere Entscheidungen treffen, aber da kann ich keinen großen Vorwurf machen.“ Dabei fällt einem vor allem Kalou ein, der häufig im direkten Duell mit Kübler war. Der Freiburger Rechtsverteidiger sah häufig nicht besonders souverän aus und trotzdem kam Kalou nie so richtig an ihm vorbei. Ob es nun wirklich an Berliner Entscheidungsfreudigkeit mangelte oder der SC gut verteidigte, ist schwer zu beurteilen. Eindeutige Torchancen ließ man allerdings in der ersten Halbzeit nicht mehr zu.

Das Fazit zur Defensive in der ersten Halbzeit fällt eher negativ aus. Das zentrale Element des Freiburger Pressings – die vorderste Linie – konnte in diesem Spiel gegenüber den Berliner Aufbauspielern seine Wirkung nicht ganz entfalten. Nach circa 15 Minuten hatte man sich aber darauf eingestellt und konnte das mit schnellem Rückzug an den eigenen Strafraum kompensieren. Dort spielte sich die Hertha immer wieder fest. Das Freiburger Problem in diesem Spiel ist schon auch durch die vielen Ausfälle zu erklären. Petersen, Niederlechner, Frantz und Gondorf hätten wahrscheinlich für mehr Stabilität gesorgt. Haberer und Waldschmidt können mit ihren intensiven Läufen zwar eine gute Ergänzung im Spiel gegen den Ball sein, haben aber noch(!) nicht ganz das Raum- und Spielgefühl, um das ohne die Hilfe der Erfahrenen zu bewerkstelligen.

Mit dem Ball agierte man im 4-4-2. Wie immer: Günter etwas höher als Kübler, Waldschmidt weiträumiger als Haberer, zwei eher tiefere Sechser. Man versuchte es häufig flach, wenn man nicht zum langen Ball gezwungen wurde. Der Erfolg war mäßig, aber im Vergleich zu den letzten beiden ersten Halbzeiten gegen Augsburg und Leverkusen ein leichter Fortschritt. Sallai und Haberer waren sehr bemüht, bekamen allerdings einige Dribblings aufgrund des intensiven Einsatzes der Arme abgepfiffen. Waldschmidt konnte sein Potenzial wieder andeuten, auch wenn wenige ganz klare Aktionen dabei waren. So muss man als Fan des Sportclubs auch gestehen: der Ausgleich lag zum Zeitpunkt seines Zustandekommens nicht unbedingt in der Luft. Waldschmidt konnte eine gezielte Hereingabe von Sallai festmachen, stand allerdings mit dem Rücken zum Tor und schnell wurde ihm der Ball weggespitzelt. Im Rückraum stand dann aber Koch bereit, dessen scharfer, sehr zentraler Schuss, leicht abgefälscht wurde und somit unhaltbar für Jarstein im Eck landete.

3. Auswechslung und Umstellung

Zur Halbzeit kam Petersen. Zudem gab es eine leichte Umstellung. Das asymmetrische 4-3-3 wurde gegen den Ball durch ein durchgängiges 4-4-2 ersetzt. Interessanterweise veränderte sich das Spiel nach der Einwechslung, obwohl Petersen an vielen Aktionen nicht direkt beteiligt war. Aber Haberer konnte sich von der rechten Seite deutlich besser anbieten, auf links rückte Günter weiter auf und Waldschmidt bot sich deutlich besser an als zuvor. Ab der 55. Minute bekam die Hertha allerdings wieder mehr Zugriff auf das Spiel (ohne eine klare Umstellung, wenn ich nichts übersehen habe).
Gegen den Ball zeigte die Einwechslung ebenfalls Wirkung. Obwohl nur noch zwei Spieler in der vordersten Linie anliefen, wurde Jarstein viel häufiger zu langen Bällen gezwungen.

Was Freiburg am Ende des Spiels fehlte, um noch einmal die Oberhand zu gewinnen, waren die Optionen von der Bank. Während Dardai Selke, Lecki und Palko Dardai einwechseln konnte, brachte Streich einen angeschlagenen Petersen, bei dem es eben nicht für 90 Minuten reichte, den jungen Okoroji (Bundesligadebüt) und Lienhart (in der 91. Minute). Trotzdem kam Waldschmidt noch einmal zu einem Abschluss im Berliner Strafraum. Auf der anderen Seite gab es eine gute Kopfballchance von Ibisevic und eine knifflige Situation im Strafraum.
Über das Duell Dardai gegen Gulde, das erst als Foul gepfiffen, nach Überprüfung aber als Stürmerfoul gewertet wurde, wurde viel diskutiert. Die eine Seite war unzufrieden damit, dass überhaupt gepfiffen, die andere Seite damit, dass die Entscheidung danach als „klarer Fehler“ zurückgenommen wurde. Beide Seiten könnte man begründen. Auf der offiziellen DFB-Seite sagte Jochen Drees allerdings, dass der Eingriff falsch war, da es sich eben nicht um einen klaren und offensichtlichen Fehler handelte. (https://www.dfb.de/news/detail/drees-beispiel-fuer-einen-absolut-notwend...)

Ein sehr positives Bild bei dieser Angelegenheit gab dabei der Trainer Dardai ab, der sich während des Spiels zwar sichtlich aufregte, nach dem Spiel aber sehr gelassen zeigte, die Situation von sich aus nur am Rande thematisierte und betonte, man müsse die Entscheidung des Schiedsrichters akzeptieren. Auch wenn der Berliner Trainer manchmal ein etwas unangenehmes Vokabular bemüht, wenn es z.B. um die Körperlichkeit im Zweikampf geht (Männerfußball!), hat er bei anderen Themen, wie Niederlagenserien, Formkrisen und Schiedsrichterentscheidungen eine sehr angenehme und gelassene Art diese zu bewerten.

4. Fazit

Aus Freiburger Sicht war das Spiel in Ordnung. Die Anfangsphase ging klar an den Gegner, der dann auch verdient den Führungstreffer machte. Der Sportclub bekam mit der Zeit etwas mehr Zugriff auf die Partie, bestritt viele unangenehme Zweikämpfe und hatte ein paar Szenen in der gegnerischen Hälfte. Der Ausgleich kam trotzdem eher aus dem sprichwörtlichen Nichts. Direkt nach der Halbzeit hatte man seine beste Phase mit viel Ballbesitz, konnte diese leider nicht lange aufrechterhalten, aber zumindest etwas häufiger entlastende Angriffe starten. Man kann sagen: gegen Frankfurt hätte man eher einen Punkt verdient als in Berlin, auch wenn man vergleichsweise wenig Chancen zuließ. Andererseits könnte man die Geschichte auch folgendermaßen erzählen: Freiburg spielte ohne drei fitte Stürmer und die beiden Mittelfeldsäulen Gondorf und Frantz auswärts bei einer Mannschaft, die mit einem Sieg vor dem FC Bayern auf Platz vier gesprungen wäre und holte dabei einen Punkt.

5. Blick auf kommende Spiele

Ausgehend vom Ergebnis hat das Trainerteam personell die richtigen Entscheidungen getroffen. Stenzel, Frantz und Kleindienst konnten Spielminuten in der zweiten Mannschaft sammeln, Ravet wurde weiter geschont und Petersen hatte einen Einsatz über 45 Minuten. Für das nächste Spiel könnten Streich also wieder etwas mehr Optionen zur Verfügung stehen. Am Freitag kommt nun Borussia Mönchengladbach in den Breisgau, gegen die man in den letzten Jahren nicht nur gute Ergebnisse erzielen konnte, sondern auch häufig die besten Saisonleistungen ablieferte. Momentan sind die Fohlen allerdings wirklich sehr gut in Form. Jonas Hofmann hat im Mittelfeld endlich seine Position gefunden und Plea scheint das fehlende Puzzlestück für Heckings Spielweise zu sein. Nach 7:0 Toren gegen Bayern und Mainz (letztere hatten zuvor in sieben Spielen insgesamt nur vier Tore kassiert) kommt ein Gegner mit viel Rückenwind aus den letzten Spielen. Trotzdem bleibt Gladbach eine Mannschaft, die Freiburg liegt, da sie vieles spielerisch lösen will und dabei eher weniger auf Zweikampfhärte setzt. Dies ermöglicht ein halbwegs geordnetes Spiel mit wenigen Chaos-Momenten, in denen sich die Freiburger Spieler nur selten wohl fühlen. Ähnlich wie gegen Leverkusen, wird der Plan wahrscheinlich zunächst darauf ausgerichtet sein, die Gladbacher nicht ins Spiel kommen zu lassen, um dann mit der Zeit mehr und mehr Kontrolle zu erlangen. Das kann funktionieren, muss es aber nicht. Auch Mainz hatte gegen Gladbach eigentlich recht gut begonnen, erarbeitete sich hohe Ballgewinne, bekam Spielanteile und konnte einige Male aus der Distanz abschließen. Nachdem Gladbach allerdings das erste Tor gemacht hatte, konnten sich diese auf ihre Konterstärke verlassen und spielten die bis dahin beste Abwehr der Liga auseinander. Dennoch hat man immer ein recht gutes Gefühl, wenn Gladbach nach Freiburg kommt.

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