Hannover 96 - SC Freiburg 2 : 1

1. Identische Aufstellungen, ähnliches Pressing

Hannover 96, wie auch der SC Freiburg, begann in einer 5-2-3 Formation. Daraus ergab sich ein taktisches Patt. Beide Mannschaften konnten vorne mit drei Stürmern die drei Innenverteidiger anlaufen, die beiden Mittelfeldspieler, orientierten sich an den gegnerischen Mittelfeldspielern und die Außenverteidiger, an den gegnerischen Außenverteidigern. Die Unterschiede im Pressing waren marginal und wurden eher durch die Situation und Spielertypen bedingt, als durch das System.  Wie schon bei einem Hannoveraner Taktikblog beschrieben (http://www.niemalsallein.de/2018/02/96-sc-freiburg-21-2/), spielten die Sechser des Gegners etwas mannorientierter im Pressing, als der Sportclub selbst.

Das lag auch daran, dass Breitenreiter meistens darauf aus ist, die gegnerische Formation zu spiegeln, um möglichst viele Mannorientierungen herzustellen, während die Freiburger Fünferkette seinen Spielern prinzipiell etwas mehr Freiräume gibt. Dadurch, dass die drei Stürmer versuchen die Passwege auf die Sechser zu schließen, müssen Abrashi und Koch nicht dauerhaft an ihren Gegenspielern kleben bleiben. Diese defensive Spielweise ist etwas anspruchsvoller für die Stürmer, da sie nach vorne und nach hinten denken müssen. Sie sollen einerseits Druck auf die Innenverteidiger aufbauen und gleichzeitig den Pass auf die Sechser in ihrem Rücken verhindern. Dadurch, dass Abrashi und Koch somit nicht alle Läufe der gegnerischen Sechser verfolgen müssen, wird es etwas schwieriger, die Freiburger Formation auseinanderzuziehen. Doch so wirklich sichtbar wurden die Unterschiede in diesem Spiel nicht, da durch die identischen Aufstellungen ohnehin überall auf dem Feld ein Spieler einen einzelnen Gegenspieler hatte. Keine der Mannschaften konnte somit eine klare Überzahl in irgendwelchen Räumen schaffen und ein konstruktiver Spielaufbau wurde praktisch unmöglich.

So entwickelte sich ein Spiel, in dem beide Mannschaften Probleme hatten, wirkliche Torgefahr zu erzeugen. Da der flache Aufbau so gut von Hannover verhindert wurde und sich die Freiburger selten im 1 gegen 1 durchsetzen konnten, versuchte der Sportclub, wie schon gegen Leverkusen mit langen Bällen nach vorne zu kommen. Bei den langen Abschlägen von Schwolow ging es nicht darum, dass einer der drei Stürmer tatsächlich das Kopfballduell gegen den großen Sané gewinnen sollte, sondern den zweiten Ball zu erobern. Gegen Leverkusen funktionierte das noch etwas besser, da man in dem entsprechenden Raum durch die einrückenden Außenbahnspieler und einem aufrückenden Mittelfeld Überzahl schaffen konnte. Aber auch, weil Tah von den Freiburgern etwas besser unter Druck gesetzt wurde, als die Hannoveraner Innenverteidigung in diesem Spiel.

Vor diesem Hintergrund war es zwangsläufig, dass es in der ersten Halbzeit auf beiden Seiten nicht besonders viele Chancen gab. Die Schüsse von Füllkrug und Ostrzolek konnte Schwolow parieren und bei der Doppelchance von Kleindienst und Höler fehlte den Stürmern die Abgeklärtheit beim Abschluss.

Hannover hatte in der ersten Halbzeit etwas mehr Kontrolle über die zweiten Bälle und somit auch mehr Kontrolle über das Spiel, ohne klaren Zugriff darauf zu haben. Das Führungstor steht exemplarisch für die Art dieses leichten Übergewichts. Sorg schlug eine relativ ungefährliche Flanke aus dem Halbfeld in den Freiburger Strafraum. Koch konnte zwar das Kopfballduell gewinnen, den Ball aber nur an die Strafraumkante klären. Im Rückraum schaltete Anton etwas schneller als Petersen und erzielte mit einem Schuss aus 16 Meter das 1:0.

2. Umstellungen in der Halbzeit

Durch den Rückstand musste Streich reagieren. Er brachte Kath für Kempf und stellte auf ein 4-4-2 um. Das Freiburger Aufbauspiel wurde nun etwas variabler. Entweder blieben die Außenverteidiger weiter hinten und wurden mit ins Aufbauspiel integriert oder sie rückten auf, während Koch sich zwischen die Innenverteidiger fallen ließ. Der Sportclub bekam mit der Zeit etwas mehr Zugriff auf das Spiel, ohne sich zwingende Chancen zu erarbeiten.

Dass man defensiv dadurch nicht mehr ganz so stabil war, zeigte das 2:0. Nach einem Abschlag von Schwolow konnte Sané einen kontrollierten Kopfball zu Füllkrug bringen, der spielte auf Bebou, dieser bediente Klaus, Schwolow rutschte kurz aus und kassierte seinen zweiten Gegentreffer im Spiel.

Nach diesem Tor zog Hannover sich zurück, spielte noch einige passable Konter und überließ dem Sportclub das Spiel. Zu klaren Chancen kam Freiburg aber trotzdem nicht. Obwohl Hannover weiterhin defensiv gut stand, stellte Breitenreiter später auch auf ein 4-4-2 um. Wohl eher aus Prinzip. Kurz vor Schluss kam es nach einem Standard noch zum Anschlusstreffer durch Gulde, für den Ausgleich reichte es aber nicht mehr.

3. Schwierigkeiten in der Bewertung

Es war die erste Niederlage seit neun spielen und so ist man es als Freiburgfan gar nicht mehr gewöhnt, Niederlagen einordnen zu müssen. Möchte man das Spiel bewerten, muss man den Spielverlauf mit einbeziehen. Vor dem Hannoveraner Führungstreffer hatte man ein sehr ausgeglichenes Spiel, mit leichten Vorteilen bei der Heimmannschaft. Trotzdem stand der Sportclub defensiv gut und ließ wenige Chancen zu. Nach dem Rückstand änderte sich natürlich auch die Aufgabenstellung. Die Umstellung auf das 4-4-2 war richtig, aber dennoch riskant. Bei den guten Umschaltspielern Bebou, Klaus und Füllkrug, ist es kein Drama, wenn man ein weiteres Gegentor fängt. Allzu viele weitere Schüsse hatte Hannover auch nicht. Deswegen irritierte es ein wenig, dass der Kommentator auf Sky Michael Born, das Freiburger Spiel so schlecht redete, während Hannover häufig gelobt wurde. Es war ein Spiel ohne große Höhepunkte, in dem Hannover nur ein wenig besser spielte, aber vor allem effektiver im letzten Drittel war. Mit einem anderen Spielverlauf und etwas mehr Abschlussglück, hätte es vielleicht auch für einen Punkt gereicht.

Doch, auch wenn der Sportclub am Ende des Spiels einen etwas höheren Expected Goals Wert hatte (0,85 : 1,05), war die Niederlage nicht unverdient. Man schaffte es nach dem Rückstand nicht genügend Durchschlagskraft im letzten Drittel aufzubauen. Dies hatte vor allem mit kleineren Ungenauigkeiten im Passspiel zu tun.

Allerdings findet sich dafür eine sehr gute Erklärung. Im Vergleich zum Hinspiel, in dem man spielerisch bisher eine der besten Leistungen zeigen konnte, fällt auf, wie viele Spieler gerade ausfallen. Mit Höfler, Haberer, Ravet, Niederlechner, Frantz und einem angeschlagenen Stenzel, fehlt dem Sportclub einiges an spielerischer Klasse. Hinzu kommt noch eine kleine Formkrise von Terrazzino und ein Kapustka, der gerade in der zweiten Mannschaft Spielpraxis sammelt. Momentan kann man nicht viel mehr erwarten als eine gute defensive und höchstens solide offensive Leistung. Genau das wurde auch gezeigt. Wahrscheinlich kann man nächste Woche im Heimspiel gegen Bremen etwas mehr spielerische Qualität erwarten. Haberer und Höfler kommen nach ihrer Gelb-Sperre zurück und Stenzel könnte vielleicht wieder von Anfang an spielen.

4. Abrashi, Koch und Kath

Es könnte gut sein, dass man das letzte Mal in dieser Saison die Freiburger Doppelsechs Abrashi/ Koch bestaunen konnte. Auch wenn man sich auf die Rückkehr von Höfler freuen kann, wird man bei diesem Gedanken auch ein bisschen wehmütig, da dieses unerwartete Duo vier sehr erfolgreiche Spiele gegen Top-Mannschaften bestritten hat. Abrashi hat sich wieder in die Mannschaft zurückgespielt. Er hat gute Chancen den Platz neben Höfler einzunehmen, da Haberer in nächster Zeit in der Offensive benötigt wird und Frantz wohl noch etwas braucht, bis er wieder vollständig fit ist. Abrashis wildes Pressingverhalten gibt dem Freiburger Spiel eine gewisse Aggressivität. Besonders beeindruckend ist dabei, dass er trotz seiner geringen Körpergröße auch immer wieder versucht hohe Bälle zu erobern. Vor der großen Freiburger Doppelchance gewann er das Kopfballduell gegen den 15 cm größeren Anton.

Robin Koch hingegen wird wahrscheinlich entweder zurück in die Innenverteidigung oder auf die Bank gehen. Auch wenn er auf der Sechs für defensive Stabilität sorgt, ist Höfler ihm beim Spiel mit dem Ball noch um einiges voraus. Doch gerade in diesem Bereich konnte man eine beachtliche Entwicklung beobachten. Erinnert man sich an das Spiel gegen Bremen, in dem er eine Halbzeit lang das erste Mal diese Position einnahm, ist ein großer Unterschied zu erkennen. Koch hat mehr Ruhe in den eigenen Ballbesitz gebracht, dreht sich häufiger mit dem Ball und spielt einfache, aber effektive Pässe. Möchte Streich in ein paar Spielen den Fokus auf defensive Stabilität legen, wäre es auch immer eine Möglichkeit, Koch als den defensiveren Part hinter Höfler aufzustellen.

Zum Schluss noch ein Wort zu Florain Kath, der im Laufe dieser Saison immer mehr Einsatzzeiten erhält. Was Kath Kapustka voraus hat, ist ein gutes und dynamisches Defensivverhalten. Unter Christian Streich ist dies eine Grundvoraussetzung, um regelmäßig eingesetzt zu werden. Offensiv ist er ein klarer Außenspieler und somit eher etwas für die 4-4-2 Formation, als für das System mit Dreierkette. Im 4-4-2 könnten sich allerdings interessante Möglichkeiten im Zusammenspiel mit Günter ergeben. Kath ist in diesem Spiel vor allem durch horizontale Dribblings aufgefallen, während Günter meistens vertikal durch die gegnerische Abwehr hindurch sprintet. Das Pärchen Kath und Günter könnten dem Freiburger Spiel eine gewisse Dreidimensionalität geben, die schwer auszurechnen ist. Mit fünf erfolgreichen Dribblings hat der Nachwuchsspieler einen guten Eindruck hinterlassen und sein Potenzial angedeutet. Trotzdem wird man noch ein wenig abwarten müssen, ob er dies mit weiteren guten Leistungen nach Einwechslungen bestätigen kann.

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