Gewohnt gute Leistung zu Hause

1. Schuster, Höfler und Frantz

In den letzten fünf Spielen gab es nur einen Wechsel in der Startaufstellung von Christian Streich. Kent für Terrazzino im Zusatzspiel gegen die Bayern. Das Freiburger Stammpersonal stellt eine gute Mischung verschiedener Spielertypen dar, deren Stärken innerhalb des Systems ziemlich gut zur Geltung kommen. Es ist auch eine Weiterentwicklung Streichs, der in seinem jahrelang praktizierten 4-4-2 eher die Stärken des Systems, als die der Spieler im Blick hatte. Auch, wenn es sich im Spannungsfeld System-Spieler immer nur um Tendenzen handelt und nicht um eindeutige Entscheidungen für eines der beiden.

Die beiden jungen Innenverteidiger Lienhart (der nun leider länger ausfallen wird) und Söyüncü haben in der Dreierkette mit Schuster einen erfahrenen Spieler zwischen sich, an dem sie sich im Spielaufbau und gegen den Ball orientieren können. Umgekehrt ist die Position des zentralen Innenverteidigers Schusters letzte Chance dauerhaft zu spielen. Sein nachlassendes Tempo und seine manchmal ungelenken Bewegungen in stressigen Situationen, können von den beiden agilen äußeren Innenverteidigern ausgeglichen werden. Das erinnert einen ein wenig an Naldo, dem der Taktiktrend Dreierkette ebenfalls sehr entgegenkommt.

Auch Frantz und Höfler profitieren vom System, das taktisch etwas anspruchsvoller ist, als das alte 4-4-2. Es erfordert etwas mehr taktisches Gefühl, da nicht alle Räume automatisch abgedeckt sind. Höfler und Frantz schieben vor allem Lücken zu oder sichern ab, falls ein Mitspieler zu weit aufrückt. Umgekehrt rückt aber gerade auch Frantz häufiger mal selber auf, falls zum Beispiel Stenzel etwas zurückhaltender agiert. Die Rolle von Frantz, zwischen der Sechs und der unterbesetzten rechten Außenbahn, wäre eigentlich auch eine genauere Betrachtung wert.

Ich habe es schon einmal geschrieben. Das System scheint vielversprechend und Schuster, Höfler, Frantz sind drei sympathische Spieler und Spielertypen. Aber allen dreien fehlt es oft an Handlungsschnelligkeit, wenn ein Gegner wirklich Druck aufbaut, ein gutes Pressing und Gegenpressing hat. So fällt Freiburg auch regelmäßig auseinander, wenn es gegen Ende eines Spiels bei einem knappen Spielstand hektischer wird. Es wäre wichtig, dass auch die defensiven und zentraleren Bankspieler so weit integriert werden, dass sie tatsächlich mal eine Alternative darstellen um die drei Säulen zu entlasten. Dazu später mehr.

2. Haberers Rolle

Je länger man das Freiburger System beobachtet, desto mehr kann man entdecken. Man könnte fast zu jeder einzelnen Position und deren Umsetzung durch den Spieler einen eigenen kleinen Text schreiben. Im Spiel gegen Hannover war Schusters Rolle als „aufkippender Innenverteidiger“ am deutlichsten. Dieses Mittel wurde von ihm in den letzten Spielen nicht mehr dauerhaft verwendet, ist aber auch nicht ganz verschwunden. Vor allem in Heimspielen rückt Schuster immer wieder situativ auf.

Eine weitere etwas unorthodoxe Rolle fällt Janik Haberer zu, der trotz seines geringen Alters, einer der komplettesten Spieler im Freiburger Kader ist.
Streich stellt ihn in letzter Zeit – auch in diesem Spiel – nominell als Mittelstürmer auf. Schaut man nach den Spielen seine durchschnittliche Positionierung nach, erkennt man aber, dass diese tiefer ist als die von Niederlechner oder Terrazzino. Diese kleine Besonderheit entsteht durch die Aufgabenstellung, die Streich ihm mit auf den Weg gibt. Haberer soll nicht in erster Linie die gegnerischen Innenverteidiger anlaufen, sondern den gegnerischen Sechser in seinem Rücken in den Deckungsschatten stellen. Je nachdem, wie gut der Gegner das Spiel aufbaut und wie geschickt Haberers Stürmerkollegen anlaufen, muss er sich etwas enger an seinem Gegenspieler orientieren oder kann ebenfalls etwas weiter im Angriffspressing aufrücken. Dieses Pendeln zwischen gegnerischem Sechser und gegnerischem Innenverteidiger, ergibt die noch recht offensive, aber etwas tiefere Durchschnittpositionierung von Haberer, gerade im Gegensatz zu Niederlechner oder Terrazzino.

Der Vorteil dieser anspruchsvollen Rolle liegt darin, dass man auch, wenn der gegnerische Sechser sich gut bewegt, den Passweg zu ihm versperrt. Wenn der Sechser sich allerdings nicht so gut anbietet, beziehungsweise schon von Niederlechner oder Terrazzino in den Deckungsschatten gestellt wird, kann sich Haberer als dritter Angreifer mit am aktiven Angriffspressing beteiligen.

Würde man Haberer ganz ins Mittelfeld ziehen, ginge einiges an Druck in der ersten Reihe verloren. Wenn er hingegen als klassischer Stürmer dauerhaft vorne anlaufen würde, müssten Höfler und Frantz sich zu zweit um meist drei Mittelfeldspieler kümmern.

Haberers Rolle erfordert auch, dass er nicht immer vorne drauf rennt, sondern sich manchmal eher zurückhält. Für so einen jungen Spieler eine recht anspruchsvolle Aufgabe, die er bisher allerdings hervorragend bewältigt.

3. Hertha zu lange passiv

Es gibt zwei Mittel, um den SC Freiburg vor größere Probleme zu stellen. Erstens, intensives Anlaufen der Innenverteidiger und zweitens, Spielverlagerungen.

Dass die Berliner bis zum Gegentreffer auf ein aggressives Pressing verzichteten, verhalf Freiburg zu sehr guten 70 Minuten, da der Sportclub durchaus etwas mit dem Ball anfangen kann, wenn man ihn lässt.

Gerade mit flachen Pässen von Lienhart oder Stenzel durch das Mittelfeld auf Terrazzino, kam der SCF häufig in das letzte Drittel. Von dort aus konnten die Breisgauer ihre schnellen Kombinationen mit Haberer, Terrazzino und Niederlechner ausspielen, oder Günter, der sehr offensiv spielte, in gute Positionen für Flanken bringen. Falls das nicht sofort klappte, boten sich Höfler, Fantz und Stenzel etwas tiefer an, um das Spiel neu aufzubauen.

Diese konstruktive Spielweise brachte am Ende ein deutliches Chancenplus und 20:11 Torschüsse für Freiburg. Große Teile des Spiels wurden vom Sportclub dominiert. Das zeigt auch die recht aussagekräftige expected-Goals-Statistik: 2,86:1,83. Der hohe Wert der Berliner kommt durch die beiden Strafstöße (insgesamt 1,52) zustande, die sonst nur wenige gute Abschlüsse erspielen konnten. Zusammenfassend eine wirklich gute Leistung des SC, die zeigt, dass man auf dem richtigen Weg ist. Die letzten drei Heimspiele waren, gerade was die Offensive angeht, sehr gut. Sportjournalisten würden an dieser Stelle wohl fordern, dass man solche Leistungen auch mal Auswärts auf den Platz bringen müsste. Wahrscheinlich haben sie Recht.

4. Anfang und Ende des Spiels

Mangelnde Chancenverwertung, die ersten fünf und die letzten 20 Minuten des Spiels, können aber vielleicht trotzdem erklären, warum Freiburg nicht als klarer Sieger vom Platz gegangen ist.

Zu Beginn des Spiels sah es eigentlich gar nicht danach aus, dass der Sportclub so eine gute Partie abliefern würde, da Berlin die erste Schwäche Freiburgs (Spielverlagerungen und lange, präzise Bälle) gut für sich nutzen konnte. An diese Spielweise konnte Hertha aber nicht anknüpfen, da Freiburgs erste Pressinglinie immer besser funktionierte und somit die präzisen Verlagerungen größtenteils unterbinden konnte.

Daraufhin entstand das oben beschriebene Spiel, da Berlin den Fehler machte Freiburg ruhig aufbauen zu lassen. Dies hatte sicher auch damit zu tun, dass sie am Donnerstag noch in Lwiw spielen mussten.

In der Schlussviertelstunde war diese abwartende Haltung für zurückliegende Herthaner natürlich keine Option mehr und sie intensivierten den Druck nach vorne. Auch wenn dieser immer noch nicht unmenschlich hoch war, reichte es dafür zwei Strafstöße zu provozieren. In der ersten Situation stellte sich Schuster beim Abschirmen des Balles leider sehr ungeschickt an. In der zweiten Situation, war es der sonst so sichere Lienhart, der den Ball verlor und dann Höfler mit viel Dynamik statt den Ball, nur den Fuß von Selke traf. Man muss schon sagen, dass man sehr leichtfertig das Spiel aus der Hand gegeben hat. Bisher ist dies noch einer der Unterschiede zur letzten Saison.

5. Ambivalente Sicht auf Schuster

Es ist erst der neunte Spieltag und man bekommt schon das Gefühl, sich zum siebten Mal zu wiederholen. Schuster, wie auch Höfler haben eigentlich ein sehr gutes Spiel gemacht und waren wesentlich mit dafür verantwortlich, dass Freiburg so starke und dominante 65-70 Minuten hatte, die für zwei bis drei Tore hätten reichen müssen. Schuster und Höfler auch mit einer positiven Zweikampfquote, beide über 90% angekommener Pässe und beide mit einer sehr beruhigenden Wirkung auf das Spiel insgesamt. Sie machen also sehr konstant gute Spiele, so lange man sie in Ruhe lässt. Mit größerem Druck und hektischen Situationen kommt Schuster praktisch nie und Höfler nur selten zurecht. (Ich weiß, ich wiederhole mich.) Bei letzterem gibt es noch das Potenzial zur Verbesserung, aber Schuster braucht auch eine konstant gute aushelfende Leistung von den anderen beiden Innenverteidigern, damit seine Schwächen ausgeglichen werden können.

Trotzdem ist die Entscheidung ihn aufzustellen wahrscheinlich richtig. Ein Spieler der nur Stärken und keine Schwächen hat, spielt nicht lange beim Sportclub. Auf jeden Fall nicht so lange, wie Schuster. Zudem ist er gerade auch der beste Standardschütze in Freiburg. Wenn Jarstein nicht so ein guter Torhüter wäre, wäre Schuster wohl der Mann des Spiels geworden.

Die typische Freiburger Eckballvariante wurde allerdings von Dardai durchschaut. Auch wenn Schuster diese Standards, wie so häufig, punktgenau vor den kurzen Pfosten flankte, wurde Höfler so konsequent weg geblockt, dass er den Ball nicht verlängern konnte. Nach dem zweiten Mal hatte Freiburg das verstanden und führte die nächste Ecke kurz aus, was ebenfalls ganz gut funktionierte. Voßler scheint sich wieder einiges an Varianten ausgedacht zu haben. Das kann in dieser Saison noch wichtig werden, war aber gegen Berlin, bis auf Günters Abschluss nach kurz ausgeführter Ecke, leider kein entscheidender Faktor.

6. Teile der Fans gegen Streichfußball

Kleine, aber bemerkbare Teile des Freiburger Publikums haben übrigens mal wieder unter Beweis gestellt, dass sie mit Streichs präferierter Spielweise nichts anfangen können. Die Pfiffe, die schon nach kurzer Ballzirkulation zwischen den Innenverteidigern zur Vorbereitung einer Spielauslösung aufkamen, bringen Streich deshalb so auf die Palme, da sie sich direkt gegen seine Idee von Fußball richten: geduldiger Spielaufbau, Pass in die Mitte, schnelle und saubere Kombination der flexiblen Offensivspieler und dann zielstrebig Richtung Torabschluss.

Vielleicht sollten sich manche Freiburger Fans eingestehen, dass sie eigentlich gegen den Streichfußball sind und lieber einen Fußball á la Klopp, Slomka oder Roger Schmidt sehen möchten.
Diese Einstellung, wie auch die Pfiffe sind übrigens, auch wenn nicht meine Meinung, völlig in Ordnung. Über Fußballgeschmack lässt sich Abseits des Erfolges natürlich streiten. Es fällt nur eine gewisse Diskrepanz auf, zwischen einer oberflächlichen Verherrlichung Streichs und dem Unbehagen einiger Anhänger des SCF, wenn er mal den Fußball spielen lassen kann, den er spielen lassen möchte.

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