FSV Mainz 05 - SC Freiburg 5 : 0

1. Spielerische Wende in der Saison

Um das Spiel in einen etwas größeren Kontext zu setzen, sei auf einen Artikel (kicker.de) vom 18.03.2019 verwiesen. Mike Frantz offenbart darin, dass es eine interne Mannschaftssitzung gab, in der sich Spieler und Trainer darauf verständigten, wieder mehr auf Kurzpassspiel zu setzen. Diese Sitzung soll vor dem Spiel gegen Wolfsburg gewesen sein, in dem man nach Frantz schon erste Ansätze der Entwicklung sehen konnte. Allerdings scheint es hier eher um mittel- und langfristige Prozesse zu gehen. An den Passquoten lässt sich diese Entwicklung unter Berücksichtigung der Gegner schon halbwegs ablesen:

Durchschnitt in der Saison SC Freiburg: 77%
Durchschnitt der Bundesliga: 79%

Hoffenheim: 73%
Stuttgart: 68%
Sitzung
Wolfsburg: 76%
Schalke: 83% (45 Minuten Überzahl)
Augsburg: 74% (Führung nach 9 Minuten)
Leverkusen: 73%
Berlin: 71% (Führung nach 27 Minuten)
Gladbach: 87%
Bayern: 77%
Mainz: 88%

In drei der letzten vier Auswärtsspiele (S04, BMG und M05) hatte der Sportclub eine Passquote von über 80%. Nach dieser Sitzung und vor dem vorgestrigen Spiel gab es eine sehr erfolgreiche Phase, in der man nur eines von sieben Spielen verlor. Das Auswärtsspiel in Mainz kann wohl als der bisherige Höhepunkt dieser spielerischen Entwicklung angesehen werden, auch wenn es leider nicht den gewünschten Erfolg brachte.

2. Absurder Spielverlauf

Nach 90 Minuten steht eine verdiente Niederlage des SC Freiburg. Das Ergebnis spiegelt allerdings nicht unbedingt die Kräfteverhältnisse auf dem Platz wider. Selbst beim Blick auf die Statistiken zeigt sich ein anderes Bild:

Tore: 5 : 0
Torschüsse: 9 : 17
Schüsse aufs Tor: 5 : 5
Schüsse im Strafraum: 5 : 7
Expected Goals: 2,31 : 1;55
Ecken: 2 : 7
Ballbesitz: 30% : 70%
Passquote: 78% : 88%

Freiburg begann stark. Schon in der 2. Minute kam Stenzel aus circa 18 Metern zum Abschluss. Gerade die Entstehung der Chance war schön anzuschauen. Freiburg konnte sich spielerisch aus dem Mainzer Pressing am eigenen Strafraum befreien und kam durch das Zentrum nach vorne. Nur zwei Minuten später wurde Grifo im Sechszehner freigespielt, aber der Mainzer Torhüter Müller war zur Stelle. Nach 8 Minuten kam wieder Stenzel recht frei zum Schuss, der aber ebenfalls von Müller an die Latte gelenkt werden konnte. Freiburg dominierte die Anfangsphase, war häufig in gefährlichen Räumen, konnte sich zumindest ein paar Chancen herausspielen und verhinderte jeglichen Mainzer Abschluss bis zur 20. Minute. Dann kam es aber zu einem Fehlpass von Schwolow und Boetius traf das leere Tor.
Der Sportclub hielt an der Spielanlage fest, wurde bis zum Halbzeitpfiff noch dreimal ausgekontert, was zu weiteren zwei Toren führte.

Auch in der zweiten Halbzeit kam Freiburg gut in die Partie, hatte Chancen durch Waldschmidt und Stenzel, die aber beide von Müller pariert wurden. In der 72. Minute kam Mainz dann zum 4:0. Danach konnte man schon sehen, dass der SC nicht mehr so richtig mit Zug nach vorne spielte. In der 77. Minute musste man sogar noch einen weiteren Treffer zum 5:0-Endstand hinnehmen.

Das Spiel sah so ein bisschen nach einem Duell zwischen einer Ballbesitz- gegen eine Pressing- und Kontermannschaft aus. Mainz überstand den starken Freiburger Auftakt, nutzte den ersten Fehler und setzte dann noch weitere Konter. In der zweiten Halbzeit hielt Müller zunächst den hohen Vorsprung fest. Mainz wartete geduldig auf ihre Chancen und nutzte sie, als sie sich ergaben.
Aus Freiburger Sicht ist das Spiel schwer zu greifen, da es viele gute Ansätze gab, man sich aber in einzelnen Situationen nicht gut verhielt.

3. Taktik: Aufstellung und Umstellungen

Nach dem Unentschieden gegen den FC Bayern München blieb das Personal unverändert. Allerdings stellte Streich von einem 4-4-2 auf ein 3-4-3/5-2-3 um.

---------------------Höler--------------------
Grifo--------------------------------Haberer
--------------Höfler----Abrashi-------------
Günter------------------------------Stenzel
----Heintz----Frantz---Schlotterbeck---
------------------Schwolow-----------------

Die Umstellung erklärt sich wahrscheinlich auch durch das Hinspiel gegen Mainz. Damals hatte der Sportclub große Probleme gegen die Mainzer Mittelfeldraute. Die Unterzahl im Mittelfeld wurde dieses Mal gegen den Ball durch das Einrücken des ballfernen Außenbahnspielers (Grifo oder Haberer) in das Zentrum kompensiert. Allerdings gab es gar nicht so viele Situationen, in denen Mainz das Spiel aufbaute und Freiburg ein kontrolliertes Pressing spielen konnte. Vom Mainzer Anstoß weg lief man allerdings tief in der gegnerischen Hälfte mit den drei offensiven Spielern die Aufbauspieler an. Mainz reagierte mit langen Bällen auf Mateta.

Mit dem Ball zeigte man sich sehr flexibel. Schlotterbeck spielte gute Pässe durch die Ketten ins Zentrum oder auf den zurückfallenden Haberer. Heintz ging häufiger mit dem Ball nach vorne und spielte dort (teils mithilfe von Günter) ins Zentrum auf Abrashi oder Höfler. Von dort aus kam der Sportclub ganz gut auf die Flügel. Grifo war der Offensivspieler mit den meisten Ballkontakten. Die Flanken kamen meistens nicht direkt an, aber im Rückraum lauerten der ballferne Außenverteidiger und die zentralen Mittelfeldspieler, die teilweise auch direkt angespielt wurden.

Nach der Pause wechselte Streich doppelt und stellte auf ein 4-4-2 um. Die Spielanlage änderte sich aber nicht grundlegend. Waldschmidt spielte wie gewohnt sehr weiträumig und holte sich die Bälle tief ab.

Sandro Schwarz reagierte auch mehrfach. Stellte in der 1. Halbzeit von der 4-4-2-Raute auf ein 4-2-3-1 um, was den Mainzern ein My mehr Zugriff verschaffte. Innerhalb der zweiten Halbzeit gab es dann wieder die Rolle rückwärts zur Raute.
Die Systeme spielten in dieser Partie aber keine größere Rolle.

4. Die Gegentore

Ich würde weiterhin sagen, dass Freiburg zwar verdient verloren, aber eigentlich ein ganz gutes Spiel abgeliefert hat. Um aber der Gefahr, zu positiv zu schreiben, zu entgehen, folgt noch eine kleine „Fehleranalyse“ der Gegentore.

1:0, 20. Minute
Heintz rutscht ein Rückpass unter dem Schuh durch. Mainz rückt kollektiv auf, während er sich umdrehen muss. Heintz passt zurück zu Schwolow, der ihm entgegenkommt und einen flachen Pass auf den sich anbietenden Höfler spielen möchte. Der Ball landet aber bei Boetius, der direkt in das leere Tor schießen kann. Bewegungsablauf und Positionierungen waren in dieser Szene okay. Der Pass war eben nicht gut.

2:0, 26. Minute
Freiburg ist aufgerückt und hat denn Ball auf der linken Seite. Grifo entscheidet sich gegen den Abschluss und spielt quer auf Abrashi. Boetius geht dazwischen, erobert den Ball in zentraler Position und sprintet los. Die drei Innenverteidiger und Höfler verteidgen gegen Boetius und Mateta. Boetius überläuft Höfler, erkennt, dass Schlotterbeck beim Umdrehen Geschwindigkeit verliert und spielt den Pass in die Tiefe an ihm vorbei auf Mateta. Der umkurvt Schwolow, schließt ab und Frantz, der auf der Linie retten möchte, ist zu schnell und rutscht am Tor vorbei. Ein schöner Konter in Unterzahl.

3:0, 33. Minute
Ein langer Schlag aus dem Mainzer Aufbau kann von Stenzel abgefangen werden. Er versucht den Ball direkt mit der Brust auf Abrashi zu spielen. Latza geht dazwischen und spielt den Ball weiter auf links. Aaron vorderläuft Boetius, bekommt den Ball in den Lauf, kann ihn von der Grundlinie am Fünfmeterraum zurücklegen und findet dort einen recht frei stehenden Mateta. Die drei Innenverteidiger hatten sich in Richtung Aaron bewegt, das Mittelfeld den Rückraum hinter Mateta abgedeckt. Da stimmte die Aufteilung nicht wirklich.

4:0, 73. Minute
Ausgangspunkt ist ein langer Abschlag von Müller. Stenzel verliert ein Kopfballduell gegen Onisiwo. Boetius bekommt den Ball und läuft damit bis kurz vor den Strafraum. Mateta setzt sich ab und zieht Heintz mit sich. In diese Lücke stößt Onisiwo, bekommt den Ball, lässt seinen Verfolger Abrashi mit einem Hacken aussteigen und schießt ins lange Eck.

5:0, 77. Minute
Mainz spielt sich auf der rechten Freiburger Seite durch, Onisiwo flankt, Mateta wird nicht richtig gedeckt und köpft zum 5:0-Endstand.

5. Fazit

Betrachtet man die Gegentore, fällt auf, dass die groben Positionierungen prinzipiell stimmten. Höfler war beim Fehlpass von Schwolow anspielbar. Einen 2-gegen-4-Konter kann man verteidigen. Mit 6 Spielern im eigenen Strafraum, muss man Mateta nicht so frei stehen lassen usw. Das macht es allerdings noch schwerer zu erklären, wie man in diesem Spiel so viele Gegentore bekommen konnte. Die Frage ist auch, ob das mit der Spielweise zusammenhängt oder nicht. Als Streich in der zweiten Liga das Spiel anpasste und mehr auf lange Bälle setzte, erklärte er das auch mit der Konzentration der Innenverteidiger. Wenn man sich hauptsächlich darauf ausrichtet, konstruktiv flach nach vorne zu spielen, entsteht ein gewisses „Mindset“, das nicht unbedingt förderlich für eine konsequente Zweikampfführung ist. Es geht um einen grundsätzlichen Fokus, die Balance und dann die Frage, ob es Freiburg hinbekommt gleichzeitig ein konstruktives Passspiel aufzuziehen und defensiv sicher zu stehen.

Es wäre schade, würde der SC Freiburg durch dieses negative Erlebnis den Prozess abbrechen, den sie seit der internen Mannschaftssitzung begonnen haben, denn ein Fortschritt im Spiel mit dem Ball ist durchaus erkennbar. Dabei muss man nicht einmal bis zur letzten Rückrunde zurückgehen, in der man selbst durch Umschaltsituationen kaum zu Abschlüssen aus dem Spiel heraus kam. Auch in dieser Hinrunde gab es ein eher enttäuschendes Spiel gegen Fortuna Düsseldorf. Es war eine der wenigen Partien, in der Freiburg von Beginn an mehr Ballbesitz hatte. Es dauerte aber fast bis zur Nachspielzeit, bis man sich Torchancen aus dem eigenen Aufbau herausspielen konnte. Und auch noch beim Rückspiel gegen Schalke gab es in Überzahl vergleichsweise wenig gefährliche Szenen. Gegen Gladbach hatte man schon eine ganz gute Balance zwischen konstruktivem Aufbauspiel und defensiver Stabilität. Gegen Mainz konnte man nun die Erfahrung machen, dass so ein konstruktives Aufbauspiel nicht ohne Risiko ist und man auch nach einem guten Start noch richtig untergehen kann. Dennoch liegt der Grund für die Niederlage eher in Detailfragen, an denen man arbeiten kann.
Dem Beobachter zeigte dieses Spiel, dass es eben nicht so einfach ist, ein Ballbesitz- und Positionsspiel aufzuziehen. Dafür braucht es Selbstvertrauen, eine gewisse Qualität der Spieler und Konstanz. Ein einziger Fehler kann das Spiel schon zum Kippen bringen.

 

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