FC Schalke 04 - SC Freiburg 2 : 0

1. Aufstellung

Wie in der Vorschau beschrieben (http://schalke-news.de/2018/gegneranalyse-sc-freiburg/), wählte Streich erwartungsgemäß eine 5-2-3-Formation. Beim Personal gab es allerdings kleinere Überraschungen. Koch rückte in die Innenverteidigung und Sierro begann neben Höfler im zentralen Mittelfeld. Stenzel rückte für Kübler in die Startelf und Kath für Terrazzino.

Kath------Petersen----Haberer
-------Höfler------Sierro--------
Günter-------------------Stenzel
--Söyüncü----Gulde----Koch--
---------------Schwolow---------

2. Spielverlauf

Es war das gewohnte Bild in der Rückrunde. Gegen den Ball hatte der Sportclub eine vorbildliche Ordnung. Die drei Angreifer liefen nicht nur die Schalker Dreierkette an, sondern schlossen gleichzeitig die Passwege zu Bentaleb. So konnten sich Sierro und Höfler an Goretzka und Di Santo orientieren. Schalke kam selten aus dem eigenen Spielaufbau zu Torchancen und war somit auf Balleroberungen, Umschaltaktionen, zweite Bälle und Standards angewiesen. Einzig ein langer Ball von Naldo auf Caligiuri kam in der ersten Halbzeit durch. Der Ex-Freiburger wurde allerdings gut von Günter unter Druck gesetzt und schoss den Ball somit nicht ganz so präzise auf das Freiburger Tor. Dies stellte Schwolow vor keine größeren Probleme.

Beim eigenen Spielaufbau konnte man zu Beginn des Spiels wieder die Sonderrolle des zentralen Freiburger Innenverteidigers beobachten. Gulde rückte bei eigenem Spielaufbau aus der Dreierkette auf die Sechserposition. In der Theorie hat dieser taktische Kniff folgenden Vorteil: auch Schalke lief mit drei Angreifern die drei Innenverteidiger an. Steht der zentrale Innenverteidiger zwischen den anderen beiden, befindet er sich recht nah am eigenen Torwart. Dadurch ist auch der Weg des gegnerischen Angreifers zum Torhüter recht kurz und es ist ein größeres Risiko ihn anzuspielen. Wenn Gulde aufrückt, bindet er auch seinen Gegenspieler im Mittelfeld. Nimmt man Schwolow mit in die eigene Ballzirkulation auf, entsteht eine breite Raute und es wird schwieriger diese unter Druck zu setzen:

---------------Gulde-------------
Söyüncü------------------Koch
------------Schwolow----------

In der Praxis entstanden dadurch aber eher Probleme, als dass es sie minimierte. Dies lag vor allem an den sehr guten Anlaufbewegungen von Burgstaller und Embolo. Di Santo nahm Gulde aus dem Spiel, während die anderen auch mit der zwei-gegen-drei-Unterzahl sehr viel Druck aufbauen konnten. So entstand auch die zweite Schalker Chance – ein Distanzschuss von Di Santo – durch den Ballgewinn von Embolo gegen Söyüncü.

Allgemein schien der Sportclub zwischen der 10. und 15. Minute etwas fahrig zu sein und lies noch zwei weitere Chancen nach Schalker Ballgewinnen zu.
Daraufhin rückte Gulde wieder ein und es entstand eine konventionelle, etwas höher stehende Dreierkette. Trotzdem verblieb Freiburg bei dem Ansatz eines sehr ambitionierten Spielaufbaus, um nicht zu viele lange Bälle zu spielen. Das ergab auch durchaus Sinn, da hohe Bälle in Richtung Naldo nicht unbedingt die effektivste Methode ist, eigene Angriffe zu starten. Musste der Sportclub auf dieses Mittel zurückgreifen, weil der Schalker Druck zu hoch wurde, versuchten Koch und Söyüncü eher die äußeren Angreifer Kath und vor allem Haberer gegen Nastasic und Stambouli anzuspielen.

Mit der Zeit stabilisierte sich das Spiel. Nach einem Standard kam Naldo zum gefährlichsten Abschluss der ersten Halbzeit, aber insgesamt gab es wenig Chancen auf beiden Seiten. Das schien eine positive Wirkung auf die Freiburger Einzelspieler zu haben. Die Innenverteidiger wurden immer sicherer im Aufbau und brachten den Ball auf verschiedenste Wege gut ins Mittelfeld. Die Stürmer Kath und Petersen hingegen glänzten durch saubere Abwehraktionen in komplizierten Situationen im eigenen Strafraum.

Und dennoch blieben die offensiven Probleme des Freiburger Spiels (letzte Texte im Blog), im letzten Drittel Torchancen zu kreieren. Dies wurde dadurch verschärft, dass Günter sich mehr um die defensive Absicherung gegen Caligiuri kümmern musste, als um das Offensivspiel. Dadurch war Kath auf der linken Seite häufig auf sich alleine gestellt. Es ging mehr über Stenzel und Haberer.

Es entwickelte sich also das erwartete Spiel, in dem zwei stabile Fünferketten aufeinandertrafen und kaum klare Torchancen erspielt wurden. Man kann nur immer wiederholen, dass dies für die momentane Situation des Sportclubs, mit Verletzungen (Frantz, Niederlechner, Ravet und Terrazzino) und Formschwächen (Kapustka und Kleindienst) ein erstaunliches Ergebnis ist.

Ab der 60. Minute kam dann etwas mehr Leben ins Spiel. Nach einer klasse Balleroberung von Petersen und Kath im Angriffsdrittel konnte Sierro im Sechszehner freigespielt werden. Dieser traf bei seinem Abschluss leider nur den Pfosten.

Nur kurze Zeit später dribbelte sich Embolo (der ein beeindruckendes Spiel machte und über eine tolle Physis verfügt) in den Strafraum durch und wurde von Gulde zu Fall gebracht. Der anschließende Strafstoß wurde von Caligiuri verwandelt. Kurz darauf flog Petersen vom Platz und Streich wurde des Innenraums verwiesen.

Der Co-Trainer Voßler reagierte vorerst nicht durch einen Wechsel oder eine größere Systemumstellung. Es ging im 5-2-2 weiter. Vielleicht steckte die Idee dahinter den knappen Rückstand zu halten, um erst in der Schlussphase auf den Ausgleich zu gehen. Dieser vermeintliche Plan wurde allerdings vom zweiten Tor (Burgstaller) durchkreuzt.
Die folgenden Wechsel (Kleindienst und Kübler) brachten keine neue Durchschlagskraft, die schon fast im ganzen Spiel fehlte.

3. Stieler, Petersen und Streich

Die Situation rund um den Strafstoß war eher unglücklich, sah es doch so aus, als ob Gulde den Schuss blocken wollte, dadurch aber das Standbein in Embolos Laufweg stellte. Es war allerdings zu eindeutig, als dass man mit diesem Argument überzeugend gegen einen Strafstoß plädieren konnte. Caligiuri schoss den Elfmeter präzise an den Innenpfosten, sodass Schwolow keine Chance blieb, obwohl er die Ecke geahnt hatte.

Die darauffolgenden Ereignisse ordnet man am besten durch drei verschiedene Perspektiven ein, womit ich nichts relativieren möchte.

a) Allgemeine Voraussetzung der Diskussion:

Bisher weiß man nicht, was genau auf und neben dem Spielfeld gesagt wurde. Ob Petersens Aussprüche für zwei gelbe Karten reichten oder man auch schon direkt einen Platzverweis hätte aussprechen können, kann kein Bestandteil der Diskussion sein. Fetzen von Streichs Wutausbruch wurden durch Lippenlesen rekonstruiert: „Was machst Du mit uns?“ und in der Pressekonferenz sagte er, er habe ein Schimpfwort benutzt.

An dieser Stelle auch ein Dankeschön an „Collinas Erben“, die sich auf Twitter (@CollinasErben) bemühen solche Situationen aufzudröseln und zu erklären. Die Vorwürfe in dieser Diskussion, sie könnten Fehler von Schiedsrichtern nicht akzeptieren oder seien ignorant, sind entschieden zurückzuweisen. Erstaunlich, dass man trotz solcher Anmaßungen immer noch Spaß daran hat, sein Wissen zu teilen. Ihre Tweets vom 31.03 waren sehr hilfreich.

b) Stieler:

Nach dem Strafstoßpfiff sammelte sich eine Traube von Freiburger Spielern um Stieler und fingt an zu diskutieren. Der Schiedsrichter verzichtet auf eine Verwarnung. Nach dem Tor schien die Aufregung aber nicht vorbei. Wahrscheinlich richtete Petersen noch weitere Worte an den Unparteiischen, wodurch dieser sich entschied den Freiburger Spielführer zu verwarnen. Petersen stand am Anstoßpunkt und mied den Blickkontakt. Im Fernsehen sah man, dass Stieler mit hoch erhobener gelben Karte zu Petersen ging und ihn auch am Rücken berührte. kicker.de zitiert den Schiedsrichter folgendermaßen:
„Ich habe ihm die Gelbe Karte gezeigt, dabei auf den Rücken getippt und gesagt: 'Gelb, Nummer 18.' Es war also klar kommuniziert.“

Dass Stieler nicht um Petersen herumläuft und ihm bei dieser aufgeheizten Stimmung mit der Karte vor der Nase herumfuchtelte oder dem Spieler befahl, er müsse sich sofort umdrehen, um die Karte überdeutlich zur Kenntnis zu nehmen, war wahrscheinlich die richtige Entscheidung. Vielleicht hätte sich der Schiedsrichter seitlicher nähern können, damit die Verwarnung sichtbarer wird. Dennoch war die Situation recht alltäglich. Dass Spieler den Schiedsrichter nicht anschauen, weil sie aufgewühlt sind, die Verwarnung aber dennoch registrieren, kennt man aus vielen vergangenen Spielen. Zudem standen einige Mitspieler dabei und hatten die Karte sicher wahrgenommen, hätten also die Möglichkeit gehabt, Petersen zu warnen.

Kurze Zeit später konnte man Petersen dabei beobachten, wie er weiterhin sehr aufgebracht Dinge in Richtung Stieler sagte. Daraufhin schickte ihn der Schiedsrichter mit Gelb-Rot vom Platz.

Der Artikel auf kicker.de: http://www.kicker.de/news/fussball/bundesliga/startseite/720632/artikel_...

 

c) Petersen:

Zunächst kann man festhalten, dass auch schon das erste meckern nicht unbedingt notwendig war. Der Strafstoß war relativ unstrittig, auch wenn Embolo etwas theatralisch fiel. Zudem hatte Petersen bereits drei gelbe Karten in der Saison gesammelt und musste sich nicht unbedingt die vierte abholen. Die Intensität von Gestik und Mimik überraschte bei einem Spieler wie Petersen, ist er sonst doch ein recht gefasster Fußballer, mit beruhigender Wirkung auf Mitspieler wie Günter, Höfler und Haberer.

Zu entscheiden, ob Petersen die erste Verwarnung wirklich registriert hatte oder nicht, fällt schwer. Es steht Aussage gegen Aussage und man möchte niemanden der Lüge bezichtigen. Man könnte sich mit der Hilfskonstruktion aus der Affäre ziehen und behaupten, Stieler hätte nicht „Gelb, Nummer 18“ sondern „Ich verwarne Sie, Nummer 18“ gesagt, was Petersen als ein „Ich ermahne Sie, Nummer 18“ missverstanden hätte. Allerdings muss ich zugeben, dass dies nicht sehr wahrscheinlich klingt.
Petersen wirkte tatsächlich etwas überrascht, als nach der gelben auch die rote Karte aus der Gesäßtasche kam. Dies spricht dafür, dass er die erste Verwarnung wirklich nicht mitbekommen hatte.

Falls dem so ist, muss man sich aber Fragen, ob Petersen nicht eine Mitschuld daran hat. Er war nicht gezwungen, sich nicht vom Schiedsrichter abwenden. Petersen übersah die Karte nicht, weil er gerade etwas unaufmerksam war, sondern sehr angestrengt von Stieler wegschaute.
Dass der Schiedsrichter nicht der einzige war, der dachte, Petersen bekäme das alles mit, liegt auf der Hand. Falls einer der Mitspieler oder des Trainerteams geahnt hätte, Petersen wüsste nicht, dass er verwarnt wurde, hätten sie ihm bestimmt etwas gesagt.

d) Streich:

Vorneweg: Ich möchte den Job von Streich nicht machen. Die Anspannung vor dem Fernseher reicht mir schon vollkommen aus. Die Vorstellung, man müsste öffentlich in einem lauten Stadion die Fassung wahren, ist durchaus bedrückend. Und trotzdem ist genau das Teil der Aufgabenstellung eines Trainers.

Nach dem Platzverweis von Petersen griff Streich Stieler verbal an. Er war dabei so aufgebracht, dass er von mehreren Teammitgliedern zurückgehalten werden musste, während der Schiedsrichter stehen blieb und den Wortschwall über sich ergehen ließ. Über den Innenraumverweis muss man nicht diskutieren.

Doch auch auf der Pressekonferenz nach dem Spiel schien sich Streich keines Fehlers bewusst zu sein. Er beharrte darauf, dass es keine Chance gab, die gelbe Karte zu erkennen und blendete dabei aus, dass Petersen von Stieler berührt wurde und andere Spieler Petersen hätten warnen können. Abgesehen von Stielers Aussage, er habe die Verwarnung auch verbal kommuniziert.

Auf die Nachfrage – die Verständnis für Emotionalität auf dem Platz mit einschloss –, ob Streich damit hadere, überreagiert zu haben, stritt er ab, dass es sich um eine zu heftige Reaktion handelte: „Ich habe nicht überreagiert, ich habe ein Schimpfwort benutzt.“ Nimmt man diese spontane Antwort, die wahrscheinlich nicht vorbereitet war, ernst, bedeutet dies, dass die Beleidigung eines Schiedsrichters eine der Situation angemessene Verhaltensweise war.

Streich thematisierte auch das Spiel gegen Stuttgart in der Hinrunde. Damals hatte Stieler Söyüncü unberechtigter Weise vom Platz gestellt. Ein Tag nach diesem Spiel gab der Schiedsrichter übrigens seinen Fehler zu und sagte, dass er mit etwas mehr Ruhe und Zeit anders entschieden hätte.
Der Freiburger Trainer versuchte sich auf der Pressekonferenz zurückzuhalten („Ich sage nichts, darf nichts sagen“), machte aber dennoch einige Andeutungen (unzusammenhängende Zitate): 
„Heute wurde das dann fortgesetzt, was in Stuttgart passiert ist.“
„Es hat jeder gesehen, was heute passiert ist im Stadion.“
„Es ist unglaublich.“

https://www.youtube.com/watch?v=4R7D_wboAw4 (PK nach dem Spiel)

Auch nach diesen Aussagen könnte man sich auf die Emotionalität des Sports berufen oder auf eine falsche Wahrnehmung oder den Druck im Abstiegskampf oder darauf, dass Antworten auf Interviewfragen meist spontan und nicht ganz durchdacht sind. Möchte man damit aber alles relativieren, blendet man aus, dass es auch jemanden gibt, an den sich solche Vorwürfe richten.

Man kennt Streich als einen Trainer, der großen Wert auf Empathie legt. Wenn Medien oder Fans die jungen Freiburger Spieler übermäßig kritisieren, versucht er darauf hinzuweisen, dass das nicht spurlos an ihnen vorbeigeht. Es ist schwierig für einen Koch, einen Söyüncü, einen Höler oder einen Sierro in der Bundesliga mitzuhalten. Der Druck ist immens hoch und die Spieler sind an der Leistungsgrenze. Die Voraussetzungen dafür, dass so etwas klappt, ist Selbstvertrauen und der Mut den Pass auch dann zu spielen, wenn man vorher einen Fehlpass gespielt hat. Pfiffe und Kritik in der Zeitung sind dabei kontraproduktiv. Damit hat Streich recht.

Nun muss Streich auch nicht unbedingt das für Schiedsrichter einfordern, was er für seine Spieler einfordert, könnte sich aber dennoch an solche Worte erinnern. Schiedsrichter sind mindestens demselben Druck ausgesetzt wie Spieler und Medien nehmen deutlich weniger Rücksicht auf sie. Selbst wenn man eine Hauptschuld bei Stieler sehen möchte, so lag der Fehler darin, eine Verwarnung nicht deutlich genug gemacht zu haben, was durch Petersens Unbeherrschtheit und unglückliche Umstände zu einem Platzverweis führte. Dann war es eine Ungenauigkeit in einer Drucksituation und die falsche Wahrnehmung, der Spieler hätte die Situation erkannt, nachdem man ihn berührt hatte. So etwas kann passieren. Die Vorstellungen, Stieler wolle immer im Mittelpunkt stehen oder der DFB möchte mit allen Mitteln kleine Klubs aus der Liga schmeißen (dies kursiert im Internet), kann man in die Schublade mit Verschwörungstheorien stecken.

Mit der Emotionalität im Fußball kann man einiges erklären. Es gibt allerdings gewisse Grenzen, die eingehalten werden sollten. Streich wollte es direkt nach dem Spiel nicht wahrhaben, dass er überreagiert hatte. Die Verteidigung Streichs, seine Reaktion war der Emotionalität auf dem Platz oder kurz nach dem Spiel geschuldet, ergäbe allerdings erst Sinn, wenn er sich entschuldigen würde. Auch ohne die große Moralkeule herauszuholen und sich über Streich zu stellen, sollte man zugeben, dass diese Entschuldigung durchaus angebracht wäre.

Kommentare

nokraut (nicht überprüft)

Wie üblich danke für den Text. Ich bin momentan etwas ratlos, wie man in den nächsten 4 Spielen selbst zu größeren Torgelegenheiten kommen möchte - vor allem ohne Nils Petersen gegen Wolfsburg. Frantz ist ein sehr guter Spieler für Freiburg, man kann von ihm aber sicher auch keine enorme Belebung und Kreativität erwarten - wenn dann eher, weil seine Rückkehr deutlich mehr Flexibilität für die Einsatzbereiche anderer Spiele erlauben würde. Aktuell macht mir vor allem Mut, dass die nächsten Gegner sehr wenig defensive Klasse zeigen.

Um mal ein bisschen zum zweiten Teil dagegenzuhalten:

Was viele Leute so enorm auf die Palme gebracht haben dürfte, war doch nicht nur die mindestens unglückliche, eher unprofessionelle Art und Weise, wie Stieler Petersen das erste Mal verwarnt hat, während er sich zum Anstoß aufstellt. Die ganze Szene selbst ist doch einigermaßen absurd. Dass bei einem umstrittenen Strafstoß gemeckert wird, ist ja nun gang und gäbe. Dass Herr Stieler es als besonders unverschämt empfand, dass Petersen meckert, obwohl doch der VAR auf den Elfmeter geguckt habe, ist unsinnig - schließlich muss es keine offensichtliche Fehlentscheidung sein, um den Elfmeter auch anders entscheiden zu können. Dass jede einzelne Zusammenfassung den Elfmeter als "mindestens fragwürdig" bewertet hat (ich hätte ihn übrigens gegeben), zeigt ja schon, dass es eine Szene ist, in der Aufregung ganz normal ist. Dass der VAR also überhaupt in die Entscheidung zur gelben Karte eingeflossen ist, ist schon mal einigermaßen unverständlich. Gelb für Meckern selbst kann man natürlich geben, allzu beleidigt dürfte man als Schiedsrichter in einer bis dahin absolut fairen Partie aber nicht sein.

Dass das Spiel dann weitergeht, Petersen noch mal ein paar Worte im weggehen in Richtung Stieler schimpft, und Herr Stieler dann das laufende Spiel (!) unterbricht, um das Spiel mit der gelb-roten Karte endgültig zu entscheiden - das ist doch der Moment, weswegen man sich nicht nur in Freiburg, sondern bei den meisten Fans sehr über den Schiedsrichter ärgert. Wenn es etwas derart unentschuldbares war, dass man tatsächlich den Kapitän wegen Meckern vom Platz stellen muss und für Herr Stieler kein Handungsspielraum bleibt - dann müsste er Rot zeigen. Und genau da kommt dann eben der (sicher oft in Verschwörungstheorie und Opferkomplex gipfelnde) Vorwurf der Ungleichbehandlung vor. Nein, natürlich sucht sich Herr Stieler nicht den SC aus, um dem mal richtig eins reinzudrücken. Aber wenn man ernsthaft glaubt, die identische Szene hätte sich bei München oder Dortmund genau so abgespielt.. gut, dann kommen wir da nicht auf einen Nenner. Nur weil Herr Stieler in der Szene natürlich das Recht hat, Petersen vom Platz zu stellen, heißt ja nicht, dass Stieler die Situation nicht falsch und natürlich auch spielentscheidend gelöst hat - auch wenn meine Hoffnung, in Schalke noch zum Ausgleich zu kommen, eher gering wären.

Und das als allgemeiner Nachtrag zur Debatte: Die von dir und anderswo (am prominentesten von Collinas Erben) eingeforderte Sachlichkeit ist gegenüber Verbalausfällen und Verschwörungstheorien sicher vorzuziehen. Es ist aber gleichzeitig ein rhetorischer Kniff, die eigene Position als die "sachliche" zu bezeichnen, wenn man ganz offensichtlich ebenfalls aus Emotion heraus schreibt (was beim Fußball ja nun auch nicht per se fehl am Platz ist, wie du ja in deinem Longread bei 120 schön festgestellt hast). Zum Beispiel hier: https://twitter.com/CollinasErben/status/980239728179064833 . Unterstützt wird doch hier in anderen Worten so etwas wie "Endlich mal ein Exempel statuieren", was man am Social Media-Stammtisch gegenüber melodramatischen Fußballern ja auch oft genug liest. Wenn man sich für so ein Exampel dann aber in einem Spiel ohne vorherige gelbe Karte (!) einen Nils Petersen für eine gelb-rote Karte aussucht, während Woche für Woche bei fast jedem Spiel die Schiedsrichter ganz offensichtlich weit wilder angefangen werden, dann ist das eine ärgerliche Ungleichbehandlung. Das mit dem Argument zu verteidigen, es wäre ja richtig wenn immer so gehandelt würde, halte ich für Populismus. So lange es eben nicht immer so gehandhabt wird, es also eine gelebte Regelpraxis gibt, muss man die Gleichbehandlung auch daran messen.

Autor

Zunächst möchte ich mich herzlich für diesen Kommentar bedanken. Als ich meinen ersten Text für diesen Blog schrieb, hatte ich mir eigentlich deutlich mehr Diskussion erhofft, als es momentan hier gibt. Ich bin ja nur Fan und Beobachter und Ergänzungen wären sicher auch für die Leser interessant. Gleichzeitig bevorzuge ich aber natürlich wenige gute Kommentare gegenüber vielen Trolls (und die gibt es im Internet leider zu genüge).

Stieler:

Ich habe überhaupt nichts gegen eine Diskussion zur Leistung Stielers. Sie ist nur in diesem Fall schwer zu bewerten. Man weiß nicht, was Petersen gesagt hat und ob die Reaktion des Schiedsrichters gerechtfertigt war oder nicht.

Die Fernsehbilder zeigen nur einen kleinen Ausschnitt. In Youtube-Amateur-Videos (z.B.: https://www.youtube.com/watch?v=97k_74216OI ) kann man erkennen, dass Petersen ziemlich aufgebracht ist und sich genau dann wegdreht, als ihm die Karte gezeigt wird. Ich finde, man kann Stieler nichts dabei vorwerfen, wenn er angenommen hat, Petersen hätte das mitbekommen.

Man kann sicher darüber sprechen, ob Stieler nicht noch eine Ermahnung zwischen den Karten hätte aussprechen können. Dagegen könnte man wieder einwenden, dass es die Eskalationsstufe 1. Ermahnung 2. Verwarnung 3. Platzverweis gibt.

Dass nun nach dem Spiel auch noch Aussage gegen Aussage steht, macht die ganze Sache nicht einfacher. Es gibt zu viele offene Fragen:

Was hat Petersen beim ersten und zweiten Mal gesagt? War Stielers Reaktion angemessen? War die erste Karte dunkelgelb oder ging es darum, alle Freiburger darauf hinzuweisen, dass sie nicht meckern sollen? Hat Petersen die Karte mitbekommen? Hätte er sie mitbekommen können? Hat er sie absichtlich nicht mitbekommen? Wie laut hat Stieler Petersen auf die Verwarnung hingewiesen? usw.

Ohne diese Anhaltspunkte ist es schwierig Stieler einen klaren Vorwurf zu machen. Es geht dann ja auch nicht um die Frage, ob Stieler Petersen hätte drauf lassen können, sondern ob man es rechtfertigen kann, ihn vom Platz zu schicken. Wenn Du sagst, diese Situation ist fragwürdig, dann gehe ich da auf jeden Fall mit. Auch wenn es bei Dir ein mindestens fragwürdig und bei mir ein vielleicht fragwürdig ist, würde ich das als eine Einigung gelten lassen.

Petersen:

Die ungeklärten fragen, habe ich ja schon genannt. Was man vielleicht festhalten kann: Petersen hat gemeckert und das ist prinzipiell unnötig. Als Handballtorwart bin ich anderes gewöhnt. Einmal bekam ich eine Zeitstrafe, weil ich nach einer missglückten Parade gegen den Pfosten schlug und ein Schimpfwort Richtung Tor rief. Ich hoffe oft, dass mangelnde Selbstbeherrschung im Fußball stärker bestraft wird, bin mir aber unsicher, wie ich meinen Hang zur Autorität dabei bewerten soll. Und eigentlich ist das auch eine andere Diskussion.

Das Meckern gehört leider zum Fußball dazu und deswegen möchte ich bei Petersen die Sache auch nicht größer machen, als sie ist.

Ungleichbehandlung:

Ich bin mir immer unsicher, ob die Größe des Vereins vielleicht einen psychologischen Effekt hat, der stärker ist als die Professionalität der Schiedsrichter. Ich möchte das eigenltich nicht unbedingt beantworten. Bei Ribery fragt man sich natürlich schon, warum er nicht häufiger fliegt und verschiedene Schiedsrichter ihren Ermessensspielraum ausnutzten, um nicht Rot zu zeigen. Ich hätte das gerne gesehen, vor allem wenn er mit der Hand ins Gesicht geht.

Andererseits erinnere ich mich auch noch gut an die Situation mit Klopp, der fordert, dass Subotic für einen Eckball (nach Behandlung) wieder aufs Feld darf. Nach dem Tor kommt Klopp dem Schiedsrichter verdammt nahe und wird sofort auf die Tribüne geschickt.

Roger Schmidt vs. Zwayer, wenn man Leverkusen als großen Verein ansieht, wäre ein weiteres Beispiel.

Im Hinspiel gegen Dortmund in Freiburg gab es in der Nachspielzeit einen Ellenbogecheck von Stenzel gegen Pisczek im Strafraum. Der Dortmunder blieb blutend am Boden liegen. Trotz VAR, kein Strafstoß. Auch hier hätte man dafür argumentieren können den spielentscheidenden Pfiff abzugeben (für den größeren Verein).

Und gerade aus Dortmund kamen nach strittigen Entscheidungen genug Verschwörungstheorien zum Schiedsrichter.

Vielleicht liegen bei unterlegenen Mannschaften die nerven Blanker? Ribery wird meistens von mehreren Mitspielern zurückgehalten, was bei Petersen nicht der Fall war.

Ich gebe aber zu, dass diese Argumente die prinzipielle Unparteilichkeit und Professionalität der Schiedsrichter nicht objektiv belegen können. Ich gehe bei Fehlentscheidungen oder Ähnlichem trotzdem nicht von einer parteiischen Entscheidung aus.

Dass Collinas erben schreiben, es gäbe Spieler, die Ärger wären als Petersen, bezieht sich ja nicht auf diese Situation, sondern darauf, dass manche Spieler deutlich häufiger meckern. Was genau dabei immer gesagt wird und die einzelnen Spieler dabei im Spiel sagen, können weder wir, noch Collinas Erben beurteilen. Ich sehe das nicht als ein Exempel statuieren, sondern als Aussage: wer meckert riskiert Gelb, wer weiter meckert, riskiert Gelb-Rot. Das ist kein Populismus.

Wo ich mir nicht ganz sicher bin, ob ich die Meinung von Collinas Erben teile, ist die Gewissheit, dass Petersen die Karte registriert hat. Er wirkte ja schon etwas überrascht. Vielleicht war er zu aufgewühlt. Ich weiß es aber nicht.

Zu Streich:

Da hast Du nichts geschrieben. Ich gehe mal davon aus, dass wir da dann ungefähr einer Meinung sind. Der Ausraster war selbst dann übertrieben, wenn man Stieler einen klaren Fehler unterstellen möchte. Dass Bruns, Voßler und Gikiewicz versucht haben Streich zu berhuigen, möchte ich nochmal positiv hervorheben. Auch wollte ich nachtragen, dass es möglich ist, einzelne Handlungen zu kritisieren, ohne den ganzen Menschen zu verurteilen. Das ist sicher nicht meine Absicht. (nicht an Dich gerichtet) 

 

Zur Sachlichkeit:

Der Begriff ist mir recht wichtig. Ebenso, wie die Einstufung von richtig und falsch, Wahrheit und Lüge oder Ideologie. Deshalb versuche ich sparsam mit diesen Begriffen umzugehen, um zu verhindern, dass sie verwässern. (Ob mir das immer gelingt, ist eine andere Frage.) 

Die Forderung richtet sich ja nicht an jeden, der anderer Meinung ist, sondern an diejenigen, die das Feld der Argumente, die in der Sache begründet sind, vollkommen verlassen. Dass dies leider bei vielen Antworten auf die Tweets von Collinas Erben der Fall ist, ist wahrscheinlich allgemein bekannt. Der Vorwurf, sie würden alle Schiedsrichterentscheidungen rechtfertigen, ist unbegründet aber häufig. Es ist ja gar nicht lange her, als sie Streich teilweise Recht gaben, dass es sich beim 1:0 von Stuttgart tatsächlich um Abseits gehandelt haben könnte.

Es stimmt sicher, dass man bei der Forderung nach mehr Sachlichkeit, diese auch für seine eigene Position in Anspruch nimmt. Aber es geht nicht darum, alle anderen Positionen als unsachlich zu verunglimpfen. Es geht auch nicht darum seine eigene Position, als vollkommen objektiv darzustellen. Emotionen sind wahrscheinlich immer ein Ausgangspunkt für Äußerungen aller Art. Dieser erste Impuls ist allerdings nicht dafür da, unbearbeitet  in die Öffentlichkeit hinausposaunt zu werden. Meine erste Reaktion nach dem Platzverweis, war übrigens auch nicht besonders freundlich bezüglich Stieler und meine Emotionslage nach dem Spiel allgemein ziemlich durchmischt.

Kommentare, wie Deinen als unsachlich zu beschreiben, nur weil sie eine andere Position vertreten, wäre tatsächlich ein rhetorischer Kniff. Es ist auch nicht schlimm, wenn etwas mal polemisch, emotional oder zu pauschal formuliert ist. Das hilft sogar teilweise, die Sache auf den Punkt zu bringen. Aber es gibt Grenzen, an denen keine Diskussion mehr möglich ist und da kommt dann der berechtigte Vorwurf der Unsachlichkeit.

Wie Collinas Erben damit umgehen sollen, ist sicher ein besonderes Thema. Wird man jeden Spieltag mit Verschwörungstheorien konfrontiert, ist es sicher deutlich schwieriger, sparsam mit der Forderung nach Sachlichkeit umzugehen. Darüber möchte ich nicht urteilen.

 

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