FC Augsburg - SC Freiburg 4 : 1

1. Aufstellung

Im Vorfeld dieses Spiels konnte man viel darüber spekulieren, welche Startformation Christian Streich wählen würde, um die verletzten Spieler zu kompensieren. Es fehlten Ravet (Aufbau in der 2. Mannschaft), Haberer, Petersen, Stenzel und Kübler. Besonders die beiden letztgenannten Ausfälle stellten das Trainerteam vor eine schwierige Aufgabe, da ohne sie kein nomineller Rechtsverteidiger zur Verfügung stand. Nach den letzten beiden guten Auftritten entschied man sich schlussendlich dafür, möglichst wenig zu verändern. Es blieb das 4-4-2, Lienhart spielte Rechtsverteidiger, Frantz ging auf den rechten Flügel und Terrazzino rückte neben Niederlechner in den Sturm:

------Niederlechner-----Terrazzino------
Sallai-----------------------------------Frantz
-------------Höfler-------Koch----------------
Günter------------------------------Lienhart
-----------Heintz--------------Gulde---------
-------------------Schwolow------------------

Der Gegner war eigentlich identisch aufgestellt: gegen den Ball mit einer 4-4-2-Formation, mit dem Ball ein 4-2-3-1. Alleine durch die Formationen hatte also keine der Mannschaften eine Überzahl in bestimmten Räumen.

2. Die erste Halbzeit

In den ersten 45 Minuten war der Sportclub in allen Belangen unterlegen. Der FC Augsburg kam zu einigen sehr klaren Chancen, von denen Schwolow sogar noch ein paar herausragend parierte. Freiburg hingegen konnte überhaupt keine Gefahr in der gegnerischen Hälfte ausstrahlen und schoss nur einmal in Person von Günter auf Luthes Kasten. Wie so häufig, wenn es zu so eindeutigen Konstellationen kommt, hatte es auch dieses Mal mit beiden Mannschaften zu tun. Es war nicht nur eine bescheidene Leistung des SC Freiburg, sondern auch eine sehr gute des Gegners.
Dabei spielte der FC Augsburg in dieser Partie ähnlich, wie es bei Freiburg der Idee nach angelegt ist. Die tiefe Ballzirkulation soll die gegnerische Formation auf eine Seite ziehen, damit man schnell auf die andere Seite verlagern und dann über die Außenverteidiger (hier: meistens über Max) in die gegnerische Hälfte durchbrechen kann. In der letzten Saison schlug Augsburg von dort aus direkt Flanken in den Strafraum, der frühzeitig von den kopfballstarken Offensivspielern besetzt wurde. In diesem Spiel orientierten sich Richter und Gregoritsch aber eher ballnah an der Strafraumkante, um dort angespielt zu werden und sich dann in den Sechzehner zu kombinieren. Das beste Beispiel für diese Herangehensweise war die Chance von Richter, die von Schwolow noch mit dem Fuß vereitelt wurde.
Ohne, dass man bei Freiburg einen oder zwei Schuldige eindeutig dafür herauspicken könnte, bekam man die Flügel in diesem Spiel einfach nicht dicht. Gefühlt konnten die Augsburger einfach an der Freiburger Pressingformation vorbeilaufen und dann von außen flach in die gefährlichen Räume spielen. Ganz im Gegensatz zum SC Freiburg: Lienhart, der defensiv ein vergleichsweise gutes Spiel machte, konnte seine Freiräume nur selten nutzen und Günter und Sallai wurden von Schmid und Richter sehr effektiv neutralisiert. Diese Beschreibung kann man auch auf die restlichen Bereiche (zentrales Mittelfeld, Sturm gegen Augsburger Innenverteidiger) übertragen.
Exemplarisch für den Spielverlauf der ersten Halbzeit war das 2:0, das über die linke Freiburger Seite fiel. Gouweleeuw lief auf Höfler zu, der den Durchbruch zwar verhindern, aber den Ball nicht klar erobern konnte. Günter verlor anschließend den Zweikampf gegen Schmid, welcher eine schöne Kombination über Gregoritsch einleitete. Dabei standen fünf Freiburger sogar ganz gut gegen drei Augsburger, die aber mit schnellen und präzisen Pässen auf die Grundlinie kamen. Bei der scharfen, flachen Hereingabe war wiederum Gulde eigentlich eng an Finnbogason dran und hätte einen normalen Abschluss wahrscheinlich auch blockiert, doch der Augsburger Stürmer bemerkte das frühzeitig und vollendete den schönen Angriff technisch hochwertig mit der Hacke. Diese Mischung aus teilweise fehlendem Zugriff trotz Überzahl und häufig nicht gewonnenen entscheidenden Duellen, wenn man mal im Zweikampf war, bestimmte die erste Hälfte des Sportclubs, die von gut aufgelegten Augsburgern ansehnlich ausgenutzt wurde.

Einschub zu Lienhart: Ein kleines Lob an die ganze Mannschaft, die Lienhart im Aufbauspiel vollständig integrierte. Erinnert man sich an das WM-Debüt von Plattenhart gegen Mexiko oder die erste Hälfte von Bayerns Sanches gegen Lissabon, so ist es nicht unbedingt selbstverständlich, dass Neulinge auf einer bestimmten Position sofort eingebunden werden. Dies war hier aber der Fall. Bei Lienharts Rechtsverteidiger-Debüt erfüllte er selbst ebenfalls die Erwartungen. Offensiv und im Aufbau konnte er nicht glänzen, fiel im Vergleich zu seinen Mitspielern aber auch nicht stark ab. Defensiv war es hingegen in entscheidenden Situationen eine sehr gute Leistung. Gleich zu Beginn konnte er die erste Flanke von Max unterbinden. In der 14. Minute klärte er einen Steckpass in Richtung Grundlinie, der sehr stark an die Situation gegen Hoffenheim erinnerte, in der Höler und Stenzel Abstimmungsprobleme hatten. Abschließend konnte Lienhart auch bei der großen Chance von Richter den Augsburger durch eine riskante, aber gekonnte Grätsche leicht verunsichern und Schwolow die Zeit zum Herauslaufen verschaffen. Seine Auswechslung zur Halbzeit hatte also eher taktische Gründe.

3. Umstellung zur zweiten Halbzeit

Streich setzte nach der Pause auf ein bewährtes Mittel, das schon gegen Cottbus und Stuttgart bei Rückstand erfolgreich war: die Umstellung auf eine offensiv interpretierte Dreierkette (3-4-3). Im Zuge dieser Umstellung wechselte er auch Gondorf und Waldschmidt für Lienhart und Terrazzino ein.

---Sallai----Niederlechner----Waldschmidt---
Günter--------Höfler-------Gondorf--------Frantz
----------Heintz---------Gulde---------Koch--------
------------------------Schwolow----------------------

Die Schwäche dieses Systems wurde schon in der 46. Minute, also mit der ersten Augsburger Chance, offenbar: Hinter den Außen und neben der eng stehenden Dreierkette gibt es viel Platz für den Gegner. Bedenkt man die Qualität der Augsburger Außenspieler, wird deutlich, dass Streich mit dieser Umstellung ein hohes Risiko einging.
Andererseits kamen die offensiven Stärken der Umstellung gleichfalls schnell zur Entfaltung. Auf der Pressekonferenz verriet Baum, dass Augsburg zunächst ziemlich orientierungslos bei den Freiburger Angriffen war, was das Eigentor gut veranschaulichte. Frantz und Günter bearbeiteten die Flügel, wodurch Waldschmidt und Sallai etwas nach innen rückten und im Halbraum angespielt werden konnten. Mit der Zeit konnte sich Augsburg aber etwas besser darauf einstellen, indem Khedira zwischen die Innenverteidiger rückte. Trotzdem hatte Freiburg weiterhin Chancen.
Das logische Resultat war ein recht offener Schlagabtausch der beiden Mannschaften mit einigen Abschlüssen auf beiden Seiten. Der Verlauf solcher Phasen hängt dann oft von Kleinigkeiten ab. Hätte Schwolow die erste Chance von Gregoritsch nicht mit einer Hand vereitelt, wäre es gar nicht erst noch einmal spannend geworden. So konnte der Sportclub allerdings den Anschlusstreffer erzielen und hatte sogar noch Situationen, die zum Ausgleich hätten führen können. Aber auch Augsburg kam immer wieder gefährlich vor das Freiburger Tor, wobei es dann zwei heikle Zweikämpfe im Strafraum gab. Ein kleiner Kontakt an Finnbogasons Fuß wurde geahndet, der leichte Schubser gegen Koo – wenige Minuten später – als zu wenig für einen Strafstoß befunden. Die Bewertungen des Schiedsrichters kann man diskutieren, waren aber keine klaren Fehlentscheidungen. Mit dem 3:1 und einer weiteren vergebenen Freiburger Chance nach einer Ecke, war das Spiel dann gelaufen. Passend zum Spiel machte Finnbogason noch sein drittes Tor zum 4:1 Endstand.

4. Fazit

Freiburg spielte die schlechteste Halbzeit der Saison und musste sich fast glücklich schätzen, dass man dabei nur zwei Gegentore kassierte. Zur Pause ging Streich ins Risiko und stellte auf eine offensive Dreierkette um. Dieses Mittel ist eine sehr elegante Antwort auf die Frage: wie soll man auf einen Rückstand reagieren? Die Standardlösung ist es, einen zusätzlichen Stürmer zu bringen, damit für Strafraumpräsenz zu sorgen und unzählige Halbfeldflanken zu schlagen. Der Ansatz mit der Dreierkette betont hingegen den spielerischen Ansatz und schafft Präsenz im offensiven Mittelfeld. Gerade Waldschmidt bewegte sich gut hinter Niederlechner und Sallai und konnte somit die Verbindung zwischen ihnen und dem Mittelfeld schaffen. In der zweiten Halbzeit konnte Freiburg zumindest offensiv das aufholen, was man in den ersten 45 Minuten versäumt hatte. Schaut man auf die Abschlussstatistiken nach 90 Minuten, fällt es fast nicht auf, dass Freiburg eine Halbzeit lang praktisch keinen Abschluss hatte. Defensiv schaffte man es aber über die gesamten 90 Minuten nicht, den guten Augsburger Angriffen viel entgegenzusetzen. Dass offensive Anlaufen war fast wirkungslos, das zentrale Mittelfeld wurde von Khedira und Baier dominiert und im letzten Drittel kam der Gegner viel zu häufig zu sehr guten Abschlüssen. Der Augsburger Sieg ist wahrscheinlich auch in der Höhe durchaus verdient.
Zum Abschluss noch eine Bemerkung, die ich nur ungern mache, da es in dieser Richtung schon viel zu viel und zu scharfe Kritik gibt: Nicolas Höfler hat (beim Spiel mit dem Ball) bisher keinen guten Start in die Saison. Momentan scheint er nicht besonders gut damit klar zu kommen, wenn er vom Gegner unter Druck gesetzt wird. Gegen Augsburg versuchte er dann häufig den Fuß zwischen Ball und Gegner zu stellen und sich schnell fallen zu lassen, wenn er leicht geschoben wurde. Das Ergebnis dieser Aktionen war nur selten ein Freiburger Freistoß, sondern meistens ein gefährlicher Ballverlust. Diese kleinere Formkrise ist gerade deshalb ein Problem, da Höfler so eine tragende Rolle im Freiburger Spiel einnimmt, wichtig ist im Spiel gegen den Ball und sehr effektiv im Spiel mit dem Ball, wenn er gut drauf ist. Es besteht Anlass zur Hoffnung, dass sich dieses Problem mit der Rückkehr von Haberer lösen wird, der Höfler als Nebenmann etwas mehr spielerische Verantwortung abnehmen kann als Koch.
Ohnehin könnte sich die Situation etwas verbessern, indem ein paar der verletzten Spieler bis zum nächsten Sonntag wieder fit werden und für neue Impulse sorgen. Haberer, für etwas mehr spielerische Klasse im Mittelfeld, Petersen, für ein besseres Anlaufen in erster Linie, Kübler/ Stenzel, als echte Rechtsverteidiger und vielleicht sogar Ravet, damit Frantz eine kleine Pause bekommt. Allerdings gab es noch zu keinem der Spieler eine offizielle Aussage, dass sie wieder Einsatzbereit wären. Man muss also abwarten, wie sich das bis zum Spiel gegen Leverkusen entwickelt.

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