Erschreckende Niederlage in Leverkusen

1. Ein schlechtes Spiel

Die vergangene Partie Leverkusen gegen Freiburg ist mal wieder ein gutes Beispiel dafür, dass Statistiken nicht unbedingt das Geschehen auf dem Platz widerspiegeln. Zwar konnte man nach dem Spiel erwarten, dass Leverkusen deutlich mehr Torschüsse (22:4) und mehr Ballbesitz (65:35) hatte. Allerdings überraschte es sehr, dass der SC Freiburg die Hälfte der Zweikämpfe (49%) gewann. Packing versucht die Qualität von Pässen zu messen. Bei Zweikämpfen ist man davon noch weit entfernt. Auch fehlt noch die Statistik, die beschreiben könnte, dass eine Mannschaft überhaupt kein Zugriff auf das Spiel hat. Das ist immer ein Mix aus Zweikämpfen, eigener Ballsicherung, das Unterbinden von Umschaltaktionen durch Gegenpressing, Kontrolle der wichtigen Räume und die Fähigkeit den Gegner die gefährlichen Passoptionen zu nehmen. All dies war beim Sportclub in der ersten Halbzeit überhaupt nicht gegeben, woraus einige gegnerische Torchancen und dadurch dieses mal auch Tore entstanden. Das ist bei der Leverkusener Chancenverwertung zwar nicht zwangsläufig so, aber darauf kann man sich eben nicht verlassen.

Ebenso erschreckend wie die Defensivleistung in Halbzeit eins, war das Ausbleiben eigener Angriffe. Obwohl Leverkusen kein besonders intensives Gegenpressing spielte, konnten die Freiburger fast keine Umschaltsituation ausspielen, obwohl mit Haberer, Terrazzino und Niederlechner genug Potenzial auf dem Platz war.

Auch die zweite Halbzeit war nicht gerade berauschend. Trotzdem hat man das Spiel ganz klar in der Phase zwischen der 10. und 45. Minute verloren, in der überhaupt nichts funktionierte. Diese Phase erinnerte einen sehr stark an die zweite Halbzeit des Spiels gegen Leipzig, in dem die Freiburger mit dem Tempo des Gegners total überfordert waren.

2. Kompakt bedeutet nicht automatisch gut

Häufig wird eine kompakte Defensive automatisch mit einer guten Defensive gleichgesetzt. In diesem Spiel wurde deutlich, dass dies auch ein Trugschluss sein kann. Kompaktheit bedeutet normalerweise, dass die Abstände zwischen den Spielern – horizontal, wie vertikal – möglichst gering sind. Die Mannschaft bildet einen Block in der Nähe des Balles.
Das Problem, das dadurch entstehen kann, liegt darin, dass man viele Spieler auf engem Raum hat und die anderen Räume nicht besetzt werden können. Deswegen muss eine horizontal kompakte Mannschaft auch immer viel verschieben, was mit einem hohen läuferischen Aufwand verbunden ist. Nun ist es aber wichtig zu erwähnen, dass das kompakte Verschieben nur die Voraussetzung dafür ist, dem Gegner die Passoptionen nach Vorne, beziehungsweise ins Zentrum zu verstellen und die gegnerischen Spieler in diesen Räumen in Zweikämpfe zu verwickeln. Selbst wenn diese Voraussetzung durch Kompaktheit und gutes Verschieben gegeben ist, müssen die Einzelspieler trotzdem noch schnell genug in die Zweikämpfe gehen und diese auch gewinnen. Ohne die Umsetzung steht man einfach nur passiv sehr eng beisammen.

Die Freiburger Probleme gegen Leverkusen sind im obigen Abschnitt schon versammelt. Man stand tatsächlich zu kompakt. Dadurch öffneten der Sportclub die Flügel. Bei Leverkusener Spielverlagerungen waren die Wege zu der ursprünglich ballfernen Seite deutlich zu lang. Man kann sich bildlich vorstellen, dass Günter und Kübler große Probleme bekommen, wenn der technisch starke Brandt oder der schnelle Bellarabi sogar noch einen Vorsprung haben.
Die Flügel offen zu lassen ist ein mutiges und instabiles taktisches Mittel. Normalerweise wird es als kleineres Übel gewählt, wenn man zu großen Respekt vor den Angriffen des Gegners durch das Zentrum hat. Dann könnte man versuchen, den Gegner auf die Außen spielen zu lassen, im Zentrum aber alle Spieler zu decken, sodass der Gegner nicht durch gezielte Pässe, sondern nur durch Flanken in die gefährlichen Räume kommen kann. Das hat am Sonntag aber leider auch überhaupt nicht funktioniert. Obwohl Freiburg im zentralen Mittelfeld häufig in Überzahl war, schaffte es Leverkusen immer wieder mit flachen Pässen durch das Zentrum hindurch zu spielen. Wenn der SC Freiburg so kompakt steht und trotz Überzahl keine Bälle gewinnt, kann man sich leider nur noch mit Floskeln helfen: Sie waren nicht wach genug und kamen immer eine Sekunde zu spät.

Gerade das erste Gegentor zeigt, wie schlecht der taktische Plan umgesetzt wurde. Wie im aktuellen Rasenfunk bereits angemerkt wurde, standen Niederlechner und Kleindienst recht tief, um den Passweg von den Innenverteidigern auf den Sechser zu verstellen. Der Pass kam trotzdem durch. Daraufhin spielte Aranguiz den nächsten Pass durch das Zentrum, durch drei Freiburger hindurch. Diese drei Mittelfeldspieler liefen Volland hinterher, während beide Innenverteidiger und ein Außenverteidiger ihm entgegenkamen. Sechs Freiburger schafften es nicht ansatzweise einen Spieler, mit nur einer schlechten Passoption (auf Brandt), so unter Druck zu setzen, dass dieser nicht abschließen kann. Dass der Ball beim Schuss perfekt getroffen wurde, spielt dabei keine Rolle mehr. Der Leverkusener Angriff ging genau durch die Räume, die man schließen wollte und in denen man deswegen auch deutliche Überzahl hatte. Bringt leider wenig, wenn sechs Leute zwar in der Nähe sind, aber nicht in den Zweikampf kommen.

Ein weiterer Beleg für die Freiburger Schläfrigkeit war das 4:0. Es handelte sich dabei um den langsamsten schnell ausgeführten Freistoß der Saison. Volland startete nach links und zieht somit Lienhart mit sich. Keiner der Freiburger reagiert und schließt diese riesige Lücke. Ein einfacher flacher Pass auf den allein gelassenen Brandt und dieser steht alleine vor Schwolow. Diese kollektive Unaufmerksamkeit stand exemplarisch für die Defensivleistung der Mannschaft an diesem Sonntag.

Das Einzige, was einen vielleicht etwas milde stimmen könnte, wäre dass Leverkusen tatsächlich sehr gut und schnell kombiniert hat. Auch Hoffenheim und selbst die Bayern hatten Probleme mit diesem Angriff zurechtzukommen, der bis zu diesem Spiel einfach seine Chancen nicht verwertet hatte. Allerdings lässt einen das Gefühl nicht los, dass die Niederlage nicht nur an einer guten Leistung des Gegners lag. Gegen Leipzig war man in der zweiten Hälfte auch Chancenlos, aber der Plan mit Fünferkette und langen Bällen auf Haberer, ging zumindest einige Zeit auf.

3. Die Offensive

Ich hatte schon angesprochen, dass Freiburg in der ersten Halbzeit, trotz gar nicht so intensivem Pressing der Leverkusener, nicht in die Umschaltaktionen kam. Alle Versuche scheiterten bereits im Ansatz. Das verbesserte sich etwas in der zweiten Halbzeit.

Durch die Auswechslung von Kleindienst waren die technisch stärksten Spieler des Sportclubs auf dem Platz. Haberer, Terrazzino, Niederlechner und Kent. Ravet wird nach seiner Sperre noch dazustoßen. Nach dieser Einwechslung konnte man eine kleine Verbesserung wahrnehmen. Wie viel das mit eigener Stärke, oder aber mit einem Nachlassen der Leverkusener Konzentration zu tun hatte, lässt sich bei einem drei-Tore-Rückstand leider nicht mehr feststellen. Doch gerade Kent zeigte ein paar sehr gute Aktionen und ist gegen Hannover, wenn er fit genug ist, wahrscheinlich eine Option für die Startaufstellung. Die Kombination aus Technik und Schnelligkeit lässt erahnen, warum der SC Freiburg keine Kaufoption für diesen Fußballer bekommen konnte.

Aber auch wenn die zweite Halbzeit offensiv etwas besser war als die erste, kann man sich auch diese Leistung nicht wirklich schön reden. Trotz einem nachlassenden Gegner konnte man nur eine klare Torchance herausspielen, die Terrazzino dazu noch kläglich vergab.

4. Zu Hause gegen Hannover

Hoffnung gibt es allein durch die Erfahrung der letzten Saison. Die Freiburger Stärke lag besonders darin, Rückschläge schnell wieder wegzustecken. Licht und Schatten wechselten häufig nicht innerhalb, sondern zwischen den Spielen. Hannover hat sich als stabiler Aufsteiger erwiesen, der einige eigene Ballbesitzmomente aus der zweiten Liga mit in die erste nehmen konnte. So schafften sie es selbst mit dem chaotischen Pressing des HSV ganz gut umgehen. Allerdings fehlt es ihnen, im Gegensatz zu Dortmund, Leipzig und Leverkusen an herausragenden Spielern, mit denen sich der SC immer besonders schwer tut. Man kann von einem spannenden Spiel ausgehen und ein kleines bisschen Hoffnung auf den ersten Sieg der Saison haben. Dafür bräuchte es aber eine andere Leistung als an diesem Wochenende.

5. Exkurs: Einwürfe

Ein kleiner Exkurs zu den Freiburger Einwürfen. Seit der letzten Weltmeisterschaft ist der lange Einwurf in Tornähe wieder zu einem Mittel geworden. Jeder erinnert sich an die Isländer, die nach Einwürfen fast gefährlicher waren, als nach Ecken. Aber auch Freiburg musste letzte Saison erleben, wie Modeste Söyüncü nach einem Einwurf überraschte, den der Freiburger in seinem bisher schlechtesten Spiel nicht erwartet hatte.

Interessanterweise spricht Streich auf Pressekonferenzen immer wieder von Einwürfen, wenn er nach den Stärken des kommenden Gegners gefragt wird. Bei Standards denkt Streich also nicht nur an Strafstöße, Freistöße und Ecken, sondern seit mindestens zwei Jahren, auch an Einwürfe. Gerade deshalb ist es so irritierend, wie unsicher die Breisgauer bei diesen agieren. Defensiv kommt es häufig vor, dass sie zu stark auf eine Seite schieben und nach einem Querpass aus einer statischen Situation eine sehr dynamische entsteht, da der gegnerische Außenspieler zu viel Platz hat.
Zusätzlich ist Freiburg auch nicht besonders gut darin, den Ball nach eigenen Einwürfen zu halten. Die Spieler bewegen sich dabei deutlich zu wenig und Stenzel, Kübler oder Günter verpassen häufig den richtigen Moment, den Einwurf auszuführen. Die Ausführenden wirken dabei nervös und hektisch und treffen oft falsche Entscheidungen.

Man fragt sich ein wenig, wie es zusammenpasst, dass ein Trainer Einwürfe ausdrücklich als besondere Spielaktion anspricht, diese anscheinend auch bei kommenden Gegnern beobachtet werden und trotzdem der Einwurf entweder nicht gesondert trainiert wird oder dieses Training nicht gut anschlägt.

Diese Frage stellt sich insbesondere bei einem Trainerteam, das eigentlich dafür bekannt ist, für alle Phasen und Aktionen des Spiels einen Plan zu haben. Wie Streich richtig erkannt hat, ist der Einwurf der häufigste Standard im Spiel. Auch wenn man nicht, wie die Isländer daraus direkte Torgefahr erzeugen kann, geht es dabei immer auch um Ballbesitz in einem Moment, in dem viele Spieler auf einer Seite stehen und man die Möglichkeit hat mit einer Verlagerung viel Raum zu gewinnen. Man kann gespannt sein, ob und wie sich die Freiburger bei diesem Standard entwickelt.

Tags: 

Neuen Kommentar schreiben

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.