Erinnerung an die Abstiegssaison

1. Streich überrascht teilweise

Vor dem Spiel gegen Schalke 04 gab es einige offene Fragen zur Aufstellung. Die erste Freiburger Baustelle gab es in der Innenverteidigung. Verletzt waren Gulde, Kempf, Niedermeier und Lienhart. Hinzu kam die Sperre von Söyüncü, nach dem umstrittenen Platzverweis gegen den VfB Stuttgart. Streich konnte also mit Robin Koch nur auf einen gelernten Innenverteidiger zurückgreifen.
Das zweite Problem stellte sich in der Offensive, nachdem sich Niederlechner am Donnerstag die rechte Kniescheibe brach und wohl für den Rest der Saison ausfallen wird.

Trotz dieser Ausfälle hielt Streich an seiner Dreierkette fest. Er ersetzte Söyüncü durch Stanko, Niederlechner durch Petersen und brachte zusätzlich noch den Neuzugang Kapustka für Terrazzino.

---Haberer--------Petersen-------Kapustka---
------------Höfler-----------Frantz--------------
Günter------------------------------------Stenzel
--------Stanko--------Schuster-------Koch----

2. Schalkes Spielweise kommt den Neuen entgegen

Wie für Heimspiele üblich, konnte man recht schnell erkennen, dass Streich viele richtige Entscheidungen getroffen hatte. Da Schalke 04 erwartungsgemäß über die Dreierkette das Spiel ruhig und ohne viele Überraschungsmomente aufbaute, waren die Aufgaben der vordersten Pressinglinie nicht übermäßig kompliziert. Ein dankbares Spiel für Kapustka und Petersen. Die drei Offensiven liefen die drei Schalker Innenverteidiger an, Stenzel und Günter kümmerten sich um Caligiuri und Oczipka und die beiden Sechser Höfler und Frantz hatten Meyer und McKennie als Gegenspieler. Viele lose Mannorientierungen, gegen die Schalke kein durchschlagendes Mittel finden konnte.
Gerade in den ersten knapp dreißig Minuten stand der SC relativ hoch. Das war ein gewisses Risiko, aber zu dem Zeitpunkt gewann man auch die meisten Duelle im Mittelfeld. Nach der Chance von Konoplyanka verschob sich die vorderste Linie allerdings um knapp 15 Meter nach hinten, Höhe Mittellinie.

Gerade in der ersten Halbzeit wurden auch die Freiburger Innenverteidiger im Spielaufbau nicht ganz so stark unter Druck gesetzt, da sie nur von zwei Stürmern angelaufen wurden. Ebenfalls dankbar für die unerfahrenen Koch und Stanko, aber auch für Schuster.
Natürlich fiel auf, dass Stanko im Spielaufbau keinen Söyüncü ersetzen kann, aber gerade mit der häufigeren Einbindung der Außen, gelang es über Stenzel und Günter den Ball wieder ins Mittelfeld spielen und eigene Angriffe zu starten. Offensiv tauschten Kapustka, Haberer und Petersen häufig die Plätze, Günter und Stenzel unterstützen wie üblich leicht asymmetrisch den Angriff. Höfler und Frantz wie gewohnt mit dosierten Aufrückbewegungen aus dem Mittelfeld.

3. Der SC Freiburg mit leichten Vorteilen

So entwickelte sich ein relativ stabiles Spiel, nicht ganz ohne, aber mit wenigen Torchancen. In Halbzeit Eins hatte Schalke einmal einem Pfostenschuss durch Konoplyanka und Freiburg zwei Lattentreffer durch Petersen und Kapustka.

Nach der Halbzeit passte Tedesco seine Mannschaft leicht an und ließ nun ebenfalls mit drei, satt nur mit zwei Angreifern anlaufen. Das stellte Freiburg vor leichtere Probleme. Zwar konnte man häufige Ballverluste am eigenen Strafraum verhindern, musste aber vermehrt mit langen Bällen arbeiten. Dass Petersen gegen Naldo nicht so viele Kopfballduelle gewinnen konnte, liegt in der Natur der Körper und ist ihm nicht vorzuwerfen.

So kam der SC Freiburg in der zweiten Halbzeit auch nur noch zu einer Großchance, bei der Petersen an Fährmann scheiterte.
Das Gegentor durch Caligiuri viel allerdings auch recht unglücklich. Zwar wurde der Ex-Freiburger durch eine schöne Seitenverlagerung freigespielt, sein Schuss mit dem rechten Fuß vom rechten Strafraumeck, konnte allerdings nur durch das Abfälschen von Günter gefährlich werden.

4. Hätte, hätte,...

Spielereien mit dem Konjunktiv werden meistens sehr schnell von Diskussionspartnern abgebrochen, da sie ins Reich der Spekulation fallen. Meiner Meinung nach eine schlechte Gewohnheit, die sich im fußballtypischen Diskurs eingebürgert hat. Sie hat zwar den Vorteil, dass dadurch Sätze wie „wäre der Freistoß vor dem Gegentor nicht gegeben worden, wäre das Spiel anders ausgegangen“ mit dem allseits akzeptierten Einwand von Lothar Matthäus „wäre, wäre, Fahrradkette“ abgeschmettert werden können. Es verhindert aber auch gewinnbringende Diskussionen zur eigenen Mannschaft und zum Gegner.

Die Frage, was passiert wäre, wenn Freiburg einer seiner Torchancen genutzt hätte, ist nämlich durchaus interessant, da man berechtigte Zweifel daran haben kann, dass dies zu einem Sieg gereicht hätte. Schalke macht den Eindruck sehr ergebnisorientiert zu spielen. Es war klar erkennbar, dass sie einen Plan für eine mögliche Führung hatten. Zwar hatte Schalke schon zur Halbzeit das Pressing verändert, es aber nach dem Treffer noch einmal intensiviert. Dabei ging es nicht um frühe Balleroberungen, sondern darum den SC Freiburg zu noch mehr langen Bällen zu zwingen. Das Freiburger Spiel wurde so komplett lahmgelegt und Schalke konnte die Führung souverän verwalten. Eine Qualität, die Schalke vor Tedesco jahrelang fehlte.

Gesteht man sich ein, dass Schalke einen guten Plan dafür hatte, was passiert, wenn man in Führung geht, kann man auch davon ausgehen, dass sie einen Plan für einen Rückstand gehabt hätten. Ihr Spiel gegen Stuttgart wäre ein guter Beleg dafür.

Diese Spielerei mit Konjunktiven zeigt eben den Unterschied zwischen Schalke und Freiburg in dieser Saison auf, da Freiburg eben jene Pläne fehlen. Vor allem, wenn Petersen in der Startformation steht, gibt es wenige Impulse von der Bank, die das Spiel noch einmal in eine andere Richtung drehen können.

Das ist kein Vorwurf an Streich, der es geschafft hat, innerhalb von kürzester Zeit ein System zu basteln, das halbwegs flexibel und trotzdem so stabil ist, dass man gegen Schalke sogar ein leichtes Chancenplus vorweisen konnte. Die Verletzungen und die Schwierigkeit Neuzugänge schnell zu integrieren, nachdem sie erst so spät verpflichtet wurden, stellen momentan ein zu großes Handicap dar. Daraus erklärt sich dann die gewisse Unfähigkeit während eines Spiels auf Formschwächen, Führungen, Rückständen, usw. positiv entgegenzuwirken. Die Qualität der Bank entscheidet knappe Spiele. Vielleicht ist das auch eine Erklärung, warum Freiburg momentan im Zweifel unentschieden spielt und nicht gewinnt, knapp verliert und nicht den Ausgleich schafft.

5. Streich vor größeren Problemen

Zum Zwischenfazit dieser Saison gehören ein paar Spiele, in denen Freiburg klar schlechter war. Leipzig, Bayern und das Desaster in Leverkusen. Stuttgart kann man ausklammern. Dortmund und Hoffenheim gehören zu den wirklich guten Spielen mit gutem Resultat. Das große Problem sind die restlichen Spiele: Bremen, Frankfurt, Hannover, Berlin, Schalke. In diesen fünf Spielen, in denen man sich mit dem Gegner prinzipiell auf Augenhöhe befand, konnte man nur vier Punkte sammeln.

In sieben von elf Spielen wurde deutlich, dass der SC Freiburg trotz der Abgänge von Grifo und Philipp eine konkurrenzfähige Bundesligamannschaft aufgebaut hat. 
Torverhältnis: 5: 5.
Expected Goals: 7,78: 8,07.
Das System stimmt, die Spieler haben keine großen Formkrisen. Die Balance zwischen stabiler Verteidigung und eigenen Torchancen kann einigermaßen gehalten werden. All das ist bei der Qualität des Kaders, Gehaltstabelle, usw. keine Selbstverständlichkeit. Streich muss sich etwas besonderes ausdenken, um überhaupt ausgeglichene Spiele herzustellen. Deswegen ist es auch so schwierig in der laufenden Saison an den großen Stellschrauben zu drehen. Gerade wenn man merkt, dass eigentlich alles halbwegs gut funktioniert.

Bei Betrachtung der Spiele könnte man sagen, dass die Leistung eigentlich stimmt und wenn man so weiter macht, die Punkte auch irgendwann gesammelt werden können. Gäbe es da nicht die Erfahrung der Abstiegssaison 2014/15. Damals war die Situation ähnlich. In fast allen Spielen war der SC gleichwertig, aber am Ende des Spiels hat man selten gewonnen. Streich hielt an seinem Ballbesitz orientierten Fußball fest und verzichtete auf lange Bälle. Zu dieser Zeit war das verständlich, stellte sich im Nachhinein aber als Fehler heraus. Die Erweiterung der Spielanlage, manchmal auch lange Bälle einzustreuen, die nach der Winterpause in der zweiten Liga eingeführt wurde, sicherte Freiburg ein Jahr später den Aufstieg. (Mehr dazu im Eröffnungstext des Blogs: http://zerstreuung-fussball.de/content/der-sc-freiburg-unter-christian-s...)

Allerdings ist Streich heute weiter, als er es damals war. Das Freiburger Spiel ist facettenreicher, flexibler und undogmatischer als in der Abstiegssaison. Es gibt leider keine auf der Hand liegende Lösung, da es auch an konkreten Problemen fehlt. In der Abstiegssaison konnte man viele knappe Niederlagen an individuellen Fehlern einer, mit dem dauerhaften Spielaufbau überforderten, Innenverteidigung festmachen. In dieser Saison fehlt diese durchgängige Auffälligkeit, die man bearbeiten könnte.
Dem SC Freiburg bleibt wohl nichts anderes übrig, als weiter an dem noch recht neuen System zu feilen, die Neuzugänge weiter zu integrieren, auf die Rückkehr der Verletzten zu warten und auf ein bisschen Spielglück zu hoffen. Trotz dieser gefährlichen, altbekannten Dynamik, dass es immer nur fast reicht, gibt es genug Positives, auf das man aufbauen kann.

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