Ein Auswärtspunkt gegen Bremen

1. Das gefundene System

Nach dem sechsten Spieltag hat die Tabelle zwar noch nicht die größte Aussagekraft, aber dafür kann man wenigstens schon einige Aussagen zur Spielanlage und den Spielsystemen der Bundesligisten machen. So auch beim SC Freiburg.

Das Spiel gegen Bremen eignet sich gut um die Grundlagen des Sportclubs in der Saison 2017/18 herauszuarbeiten. Die Fünferkette, die gegen Bremen gespielt wurde, scheint das neue Freiburger System zu sein. Eigentlich hatte man schon letzte Saison mit dieser Umstellung gerechnet, da es in der Vorbereitung eingeübt wurde. Doch zuerst verhinderten die Verletzungen von Kempf und Torrejon diese Umstellung auf die Dreierkette und dann die viel zu guten Leistungen im alten 4-4-2-System. In dieser Saison war man mit der alten Formation gegen Leverkusen allerdings nicht so erfolgreich. Und wie es gegen Dortmund funktioniert hätte, kann man durch die frühe rote Karte für Ravet nicht mehr wirklich feststellen.

Es leuchtet ein, dass der Sportclub sein Spiel verändert, nachdem man im Sommer zwei sehr spezielle Spieler abgeben musste. Mit Grifo hat man einen der besten drei Standardschützen der Bundesliga verloren und zu was Philipp in der Lage ist, hat er nicht nur letztes Jahr beim SC gezeigt, sondern nun auch in Dortmund. Mit den beiden Spielern ist einiges an offensiver Durchschlagskraft verloren gegangen. Ohne sie kann man es sich nicht mehr leisten in Rückstand zu geraten, da man deutlich weniger Tore erzielen wird. Die etwas defensivere 
Grundausrichtung ergibt also durchaus Sinn.

2. Freiburgs flexible Fünfer-/Dreierkette gegen den Ball

Die Freiburger Fünferkette muss man sich als ein System mit drei Variablen denken. Drei Innenverteidiger, die beiden Außenspieler und der Fünferblock davor. Die Innenverteidiger bilden dabei die konstanteste Variable. Sie können zwar etwas höher oder niedriger stehen oder etwas mehr oder weniger auf die Seite verschieben, um die Außenspieler zu unterstützen, bilden aber prinzipiell eine kompakte letzte Linie.
Ähnlich verhält es sich mit den Außenverteidigern. Höher oder tiefer. Allerdings kommt es auch vor, dass sie sich mit am Pressing beteiligen und direkt am gegnerischen Außenspieler orientieren, um Druck auf diesen auszuüben. Es gibt also eine absichernde Variante und eine aktive und risikoreiche Variante.

Die größte Stellschraube im System ist die Anordnung der fünf vordersten Spieler. Man hat hier schon verschiedenste Varianten von Streich gesehen. Im Angriffspressing: (5-)2-2-1, (5-)2-3, (5-)3-2
und wenn dieses überspielt wird oder man zeitweise darauf verzichtet im Abwehrpressing: (5-)5-0, (5-)4-1, (5-)3-2.
All diese Formationen können natürlich höher oder tiefer gespielt werden. Ebenso kann die vorderste Reihe die Innenverteidiger aggressiv anlaufen oder nur den Passweg zu den Mittelfeldspielern zustellen. Auch die beiden eigenen Mittelfeldspieler (Höfler und Frantz) haben manchmal eher raumabsichernde Aufgaben oder orientieren sich an den einzelnen Gegenspielern.

Zur Veranschaulichung ein paar Beispiele Streichs Möglichkeiten in dieser 5-5 Grundformation:

a) Eine Variante im 5-2-3:
Drei Spieler laufen in der vordersten Reihe schon früh die Dreierkette im Aufbau des Gegners an. Beide Mittelfeldspieler orientieren sich an den gegnerischen Sechsern. Die Außenspieler schieben hoch, damit die offensiven Außen nicht angespielt werden können. Die Dreierkette steht nur knapp hinter der Mittellinie, damit im Mittelfeld keine zu große Lücken entstehen. Diese Variante ist natürlich sehr riskant, da einige Lücken im Mittelfeld entstehen.

b) Eine Variante im 5-3-2:
Die beiden vordersten Angreifer haben die Hauptaufgabe den Passweg ins Zentrum zu verstellen und das Spiel auf die Außen zu lenken. Die drei Mittelfeldspieler decken den Raum ab. Die Außenverteidiger lauern etwas tiefer. Wird der Ball vom Gegner nicht weit geschlagen, sondern auf die Außen gespielt, versuchen ein Freiburger Angreifer, ein Mittelfeldspieler und ein Außenverteidiger den Ballführenden unter Druck zu setzen und den Ball zu erobern.

c) Eine Variante im 5-2-2-1:
Das Freiburger 5-2-2-1 ist meistens eine Mischform des 5-2-3 und 5-3-2. Prinzipiell laufen auch drei Spieler die Innenverteidiger an. Hat allerdings der linke Innenverteidiger (vom SCF aus gesehen rechte Innenverteidiger) den Ball, läuft der rechte hängende Angreifer mit dem Stürmer an und der linke Angreifer lässt sich fallen. Wird der Ball auf die andere Seite gespielt, rückt letzterer in die vorderste Reihe und der rechte Angreifer lässt sich ins Mittelfeld fallen. Die vorletzte Reihe im 5-2-2-1 verschiebt also immer leicht nach links und rechts, während sie von einem Angreifer immer auf der offenen Seite aufgefüllt wird. Dies verlangt zwar eine gute Abstimmung, spart aber einiges an Laufarbeit. Außerdem ist es situativ immer möglich doch mit allen drei Angreifern anzulaufen.

Schon bei diesen wenigen Beispielen wird deutlich, wie vielfältig die Fünferkette alleine schon gegen den Ball interpretiert werden kann. Streich hat also eine große Auswahl an Möglichkeiten, das eigene Team auf den jeweiligen Gegner einzustellen.

3. Dreierkette bei eigenem Ballbesitz

Mit dem Ball ist die Formation nicht weniger vielfältig. Das liegt vor allem an der leichten Asymmetrie in der Ausführung des Grundsystems. Diese kommt durch die verschiedenen Aufgaben der beiden Außenverteidiger (Günter und Stenzel) zustande. Während Stenzel eher defensiv für den vorstoßenden Frantz absichert, den Spielaufbau unterstützt und teilweise zentral einrückt, spielt Günter sehr offensiv. Dadurch wird die linke offensive Position besetzt. Terrazzino kann sich somit etwas zentraler aufhalten, ohne dass das Freiburger Spiel an Breite verliert.

Mit dem halblinken Terrazzino, dem nach halbrechts aufrückenden Frantz und Niederlechner als Spitze, fällt Haberer die kreative Rolle zu, seine Mitspieler in Szene zu setzten. Die Kombinationen im letzten Drittel laufen meist durch das Zentrum. Dies hat auch den Grund, dass man ohne Petersen bei Flanken keine große Gefahr ausstrahlen kann.

Zusätzlich gibt es immer die Option, dass Stenzel eben doch weiter aufrückt und auch Höfler sich situativ in das Offensivspiel mit einbringt.

4. Stabil gegen Bremen

Im Spiel gegen Bremen sah man nicht ganz so mutige Freiburger, wie gegen Hannover 96. Man verzichtete auf die offensivere Sonderrolle von Schuster (siehe: http://zerstreuung-fussball.de/content/streich-lernt-vom-gegnerischen-tr...) und Stenzel und Höfler kümmerten sich mehr um die eigene Absicherung als um die Offensive. Im Pressing agierte der SC Freiburg flexibel. Am Anfang versuchte man es etwas druckvoller und lief mit drei Spielern in der ersten Reihe an. Als klar wurde, dass Bremen viele lange Bällen hinter die Abwehr spielt und das Pressing somit buchstäblich ins Leere lief, zog man sich etwas weiter zurück, hatte nur zwei Spieler in der vordersten Reihe und wurde etwas passiver. Man konzentrierte sich darauf, die zweiten Bälle zu gewinnen und schnell umzuschalten.
Die einzige Auffälligkeit bei eigenem Ballbesitz, waren Positionswechsel von Haberer und Niederlechner. Bei Standards konnte man eine leichte Verbesserung erkennen.

Es entwickelte sich ein Spiel ohne wirklich große Torchancen. Bremen hatte ein paar gefährlich Angriffe, begünstigt durch die leider eher schwache Defensivleistung Stenzels und Freiburg hatte einige Umschaltaktionen durch ein teilweise doch recht löchriges Mittelfeld der Bremer.
In der zweiten Hälfte wurde Bremen aktiver und Schwolow konnte einige Male gut parieren. Im Gegenzug brachte Streich Kent. Ein guter Zug, da Freiburg sich häufiger in statischen Situationen befand, als in der ersten Halbzeit. Kent ist momentan der einzige Spieler im Kader, der durch seine Antrittsschnelligkeit, Dynamik und Technik wirkliche Gefahr aus dem Stand erzeugen kann. Haberer und Co sind meist auf die Dynamik eines schnellen Passes oder einer Umschaltaktion angewiesen, die sie dann gut mitnehmen können.

Beide Mannschaften, Bremen durch Angriffe, der SC mehr durch Konter, erhöhten gegen Ende den offensiven Druck, ohne dass man ganz auf das Verteidigen verzichtete. Streich bemerkte auf der Pressekonferenz sehr richtig, dass Freiburg in der ersten Halbzeit besser war, Bremen aber in der zweiten deutlich mehr Chancen hatte. Der Trainer sieht ein etwas glückliches, aber eigentlich korrektes Unentschieden. Dies schlägt sich auch in der expected Goals Statistik nieder: 1,41:0,70 für Bremen.

5. Das nächste Spiel

Aus Freiburger Sicht kann man mit einem Auswärtspunkt und einer akzeptablen Leistung durchaus zufrieden sein, auch wenn ein Sieg so langsam mal nötig wäre. Dem war man gegen Hannover aber deutlich näher als gegen Bremen.

Das nächste Spiel gegen Hoffenheim ist noch schwierig einzuschätzen. Die TSG spielt diese, wie letzte Saison einen hervorragenden Fußball unter Julian Nagelsmann. Wie groß dessen Leistung ist, sieht man vielleicht auch erst jetzt, da sie selbst ohne Süle und Rudy in der Lage sind mit dem Ball etwas anzufangen. Sicherlich gibt es auch einen Plan gegen den SC Freiburg.
Andererseits spielt man zu Hause und die TSG hat am Donnerstag noch ein Spiel im Osten Bulgariens. Ravet kommt von seiner Sperre zurück und Kent trainert wieder eine Woche mehr mit der Mannschaft. Streich wird sich sicherlich etwas ausdenken. Man kann also optimistisch sein, muss es aber nicht.
 

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