Der SC Freiburg unter Christian Streich - „Mir wolle de Ball habbe“, sehen aber ein, dass das nicht immer möglich ist

1. Der Bioladen der Liga

Die Erkenntnis, dass der Profifußball als Teil der kapitalistischen Produktionsweise Ware ist, bildet die Grundlage einer jeden vernünftigen Diskussion über den Gegenstand, unabhängig davon wie man dazu stehen mag.
Dadurch dass er, wie die gesamte Kulturindustrie, dauerhaft Werbung in eigener Sache betreibt, erzeugt er einen ideologischen Überbau mit zugehörigem Geflecht aus Vokabeln, Sehgewohnheiten, Tabus und scheinbarer Frontstellungen. Anders als die profitierenden Medien müssen die einzelnen Vereine, ebenfalls als Träger dieser Denkformen, den Spagat, Werbung für sich selbst und für das Ganze zu machen, ausführen. So ergeben sich die verschiedenen Ausformungen der Selbstinszenierung der einzelnen Vereine, deren tatsächlich graduellen Unterschiede zu scheinbar qualitativen werden. Um sich grundlegend mit einem Verein, hier dem SC Freiburg, auseinanderzusetzen, ist es also nötig zu Beginn die gängigen Mythen und allgemeinen Meinungen zu kritisieren, um nicht am oberflächlichen Schein hängen zu bleiben.1

„Der Sportclub aus Freiburg macht das Beste aus seinen Möglichkeiten!“ Dieser Satz ist wohl schon länger zum common sense des Bundesligaumfelds geworden. Nicht zuletzt, weil er auch dauerhaft von Vereinsoffiziellen beschwört und von den Fans wie ein Mantra nachgebetet wird. Und obwohl dieses dauerhafte Eigenlob ziemlich auf die Nerven geht, muss man zugeben, dass die Aussage nicht ganz falsch ist. Der SC Freiburg ist sich seiner objektiven Nachteile gegenüber der Konkurrenz bewusst und versteht, dass er in vielen Bereichen nicht in einen offenen Schlagabtausch mit Dortmund, Köln oder Wolfsburg gehen kann. Als Bundesliganeuling einer relativ kleinen Stadt, der erst Anfang der Neunziger zur deutschen Fußballelite dazugestoßen ist, verfügt er noch nicht über das Prestige, die Historie oder die Strukturen der Alteingesessenen, was sich negativ auf die im Profisport so wichtige Sponsorensuche auswirkt. Ebenso fehlt ein Investor, wie er in Leipzig, Wolfsburg und Hoffenheim vorhanden ist.

Doch wie man ja aus BWL-Lehrbüchern weiß, ist es möglich jeden Nachteil in einen Vorteil umzuwandeln, indem man sich seine Nische sucht. Das Vorbild dafür findet der SC Freiburg im wirtschaftlichen Erfolgsmodell des Bioladens. Um sich im Konkurrenzkampf gegen die großen Supermarktketten behaupten zu können, verkauft dieser nicht nur seine teuren Produkte, sondern vor allem ein gutes Gewissen. Dabei darf sich der Kunde aussuchen, ob das „der faire Handel“, „die Gesundheit“, „die Natürlichkeit“ oder die „Stärkung der regionalen Struktur“ ist. Irgendwie ist ja alles im Begriff der Nachhaltigkeit vereint. Grundlage für dieses Erfolgsrezept bildet die Masse an zahlungskräftige Kunden, die eine prinzipielle Ablehnung gegen den Supermarkt haben und gleichzeitig glauben, dass der Bioladen eine tatsächliche Alternative darstellt. Somit ist man auf eine bestimmte, in Deutschland recht verbreitete Weltsicht angewiesen. Natürlich weiß jeder, dass Milkaschokolade nicht ungesünder ist, als die von Vivani, sich kleinere Fairtrade-Bauern mit den Zertifizierungskosten in den Ruin treiben, dass für Soja Regenwald gefällt wird, die regionale Lagerung von deutschen Äpfeln mehr CO2 verbraucht, als der Winterimport aus Neuseeland und nicht zu vergessen, dass die Mitarbeiter im Bioladen in der Regel genauso schlecht bezahlt werden, wie die Kassierer im Supermarkt. Trotzdem verbreitet sich der Irrglaube von einem menschen- und naturfreundlichen Kapitalismus, den jeder unterstützen kann, der über genug Geld verfügt. Der Bioladen lebt von der Einstellung, dass ihre Kunden irgendwie gegen den Kapitalismus sind, dessen Grundlagen aber nicht abschaffen wollen und sich deshalb auf Konsumkritik beschränken.

Eine ganz ähnliche Vorstellung produziert der SC Freiburg. Diese Identitätssuche neben dem Platz tritt umso mehr in den Vordergrund, je schwerer es in der Bundesliga wird, mit begrenzten Mitteln einen außergewöhnlichen Spielstil auf dem Platz zu entwickeln. Es muss die Marke SC Freiburg aufgebaut werden um durch Sponsoren, Mitgliedschaften, Merchandising oder vielleicht auch irgendwann einen akzeptablen Investor aus der prekären Lage herauszukommen. Man muss auch deswegen vom Bioladen zum Alnatura-Großhandel aufsteigen, da man sonst durch den Konkurrenzdruck untergeht.
Diese Marke, die sich im besten Fall auch auf die Attraktivität des Vereins im Bezug auf neue Spieler auswirken soll, hängt eng mit dem Slogan zusammen, Freiburg sei der „sympathischste Verein Deutschlands“. Man könnte sagen, der SC „regionale Identität“ Freiburg möchte das gallische Dorf, umgeben von den Übermächtigen „Red Bull“ Leipzig, FC „Qatar Airways“ München und VfB „Mercedes“ Stuttgart, sein, wären die Gallier nicht so gewalttätig.

Die zugehörigen Besonderheiten des Slogans: Ruhe, familiäres Umfeld, Durchlässigkeit, Regionalität und Jugendarbeit ergeben sich allerdings, falls sie tatsächlich existieren, meist aus der finanziell nachteiligen Situation gegenüber der Konkurrenz. Bedingt durch die recht geringe Strahlkraft des Vereins im Vergleich zu anderen Bundesligisten, reicht es nicht für den normalen Großsponsor Adidas, Volkswagen oder Gasprom. Die regionale Orientierung bei Testspielen und anderen Aktionen macht einen allerdings zum optimalen Partner von sogenannten mittelständigen Unternehmen aus der Region, wie dem momentanen Hauptsponsor: Schwarzwaldmilch GmbH (Jahresumsatz 2015: ca. 160 Mio. Euro).
Mit der Jugendarbeit hat der SC Freiburg bei Lichte betrachtet kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Fast alle Proficlubs in der Bundesliga (Hoffenheim, Leipzig, Bremen, Schalke, Dortmund, usw.) rühmen sich mit der Ausbildung eigener Talente und können entsprechende Beispiele vorweisen. Das Argument, mit dem Freiburg doch einige Jugendspieler halten und auch neue Spieler verpflichten kann, ist am ehesten die Durchlässigkeit in den Profikader. Hierbei handelt es sich aber wieder nur um einen graduellen Unterschied zu anderen Bundesligisten. Wie durchlässig ein Fußballverein ist, ergibt sich alleine aus der Konkurrenzsituation innerhalb des Kaders. Das einfache Interesse der Spieler ist es, auf möglichst hohem Niveau mit regelmäßigen Einsatzzeiten bei einem Verein zu spielen, der seine Stärken zur Geltung bringt und ihn möglichst hoch entlohnt.
Die Eigenbeschreibung des SC Freiburg als ruhiger und familiärer Verein wäre ebenfalls noch einmal genauer zu überprüfen. Die Zeiten, in denen Achim Stocker neu verpflichtete Spieler über Wochen bei sich zu Hause wohnen ließ, da die versprochenen Apartments nicht bezugsfertig waren, sind – zum Glück für die Spieler – längst vorbei. Als kleine Besonderheit des bundesweit nicht besonders relevanten SC Freiburg könnte man vielleicht noch die Badische Zeitung nennen, die ein ähnliches Jubelblatt ist, wie die LVZ für RB Leipzig.
Der SC Freiburg ist also ein recht normaler Verein, der seine kleinen Unterschiede zu anderen Vereinen absolut überspitzt. Aber gerade das macht ihn wiederum zu einem normalen Bundesligisten, da alle anderen auch mit solchen Übertreibungen arbeiten. Obwohl sich jeder Verein darüber im Klaren ist, dass er mehr oder weniger ähnlich funktioniert wie die anderen, versucht man irgendein Alleinstellungsmerkmal gegenüber Fans und potentiellen Sponsoren herauszustellen.

Dem SC Freiburg sei also sogar eine gewisse Rechtfertigung seiner Bioladenrethorik zugestanden. Trotzdem bleibt es eine höchst unsympathische Art, dass den Sportclubanhängern das gute Gewissen des Unterstützers einer besseren Welt, einer echten Alternative eingeredet wird. Dass das einige Fans selber mittragen, macht es nicht besser.

2. Exkurs: Der gute Bundesligafan applaudiert Christian Streich

Das nächste heikle Thema ist der Trainer Streich, dessen außergewöhnliche sportliche Arbeit leider viel zu wenig thematisiert und gelobt wird. Ganz im Gegensatz zu seinen teilweise äußerst fraglichen politischen Äußerungen, die seit diesem Jahr von den Jubelgesängen der öffentlichen und vor allem veröffentlichten Meinung herausgekitzelt werden, da es sich nur zu gut in den deutschen Mainstream einfügt. Man hat sich schon daran gewöhnt, dass jemand, der sich für die Vielfalt der Kulturen, Toleranz, Regionalität, usw. und gegen die AfD, Trump, Krieg, Rassismus, Kommerz, etc. ausspricht, nicht hinterfragt wird, sondern Applaus von allen Seiten bekommt. Weiterhin scheint es zum common sense geworden zu sein, dass man nach einem islamistisch motivierten Terroranschlag nicht über die Opfer2 oder die islamistische Ideologie spricht, sondern wie Streich über die westlichen Nationen, die Krieg im Nahen Osten führen. Der Freiburger Geschichtslehrer sagt, es verwundere ihn nicht, wenn der Terror nach Europa kommt. Doch es ist tatsächlich erschreckend, dass Streich selbst dann nicht widersprochen wird, wenn er die Vergewaltigung und den Mord an der Medizinstudentin Maria L. nahe des Schwarzwaldstadions mit den Worten beschreibt, dass da ein „Bub“ aus Afghanistan „etwas ganz Schlimmes gemacht“ hätte, um dann den größten Teil seiner Antwort zu nutzen um über die eigentliche Gefahr, nämlich den Ausländerhass, zu sprechen. Den Höhepunkt seiner – um es neutral zu formulieren – Einordnung der Tat erreicht er dann beim geschichtsrelativierenden Vergleich des heutigen Ausländerhasses mit dem Antisemitismus der Nationalsozialisten, die er beide unterschiedslos unter den Begriff der Generalverurteilung subsumiert. Die Reaktion der Medien: „Streichs Brandrede gegen Rassismus, Hass und AFD“ (Die Welt), „Fall Maria L. – Christian Streich warnt vor Generalverurteilung“ (Focus), „Aufrüttelnde Rede nach Mord an Maria L. – Freiburg-Trainer Streich: 'Ich habe Angst'“ (Bild), „Nach Mord an Medizinstudentin – Streich hält Plädoyer gegen Fremdenhass und AFD“ (n-tv), „Christian Streichs beeindruckendes Statement gegen die AfD und für Toleranz – 'Fremdenfeindliche Entwicklung macht mir Angst'“ (11 Freunde). Die Liste ließe sich problemlos verlängern.

Selbst die wenigen Gegenstimmen, die es gab, hatten inhaltlich nichts an Streichs Aussagen auszusetzen, sondern forderten lediglich eine klare Trennung von Fußball und Politik. Dass keine Kritik und somit auch keine Diskussion aufkam, ist gerade für jemanden, der den Fußballlehrer Christian Streich sehr zu schätzten weiß, äußerst zu bedauern, da ihm auch die Chance auf einen Reflexionsprozess genommen wird. Auch die früheren, beinahe verschwörungstheoretischen Vorwürfe von Christian Streich gegen die Schiedsrichter, legten sich nach einiger Gegenrede von Fußballmedien und Trainerkollegen. In dieser Saison ist Streich gar als jemand aufgefallen, der die Unparteiischen in Schutz nimmt, sich auch bei unglücklichen Schiedsrichterleistungen in deren Situation hineinversetzt und rationale Erklärungen dafür sucht, warum eine Entscheidung für oder gegen den SC Freiburg gefallen ist.

Natürlich sollte Selbstreflexion auch von einem selbst ausgehen, doch gibt es ein gewisses Restverständnis dafür, dass sich der überzeugte Fahrradfahrer Streich nicht bei vollem Rückenwind aller großen Medien umdreht und anfängt dagegen anzustrampeln. Streichs Aussagen verwundern weniger als der laute Applaus, in dem die mögliche Diskussion über Inhalte untergeht.

3. Die Sensation: Der Aufsteiger auf Platz sieben

Doch genug der Entidealisierung des SC Freiburg. Angesichts der phänomenalen Saison wird auch der kritische Sportclubanhänger zum Schwarzwaldmilchbubi. Der Zwiespalt, den jeder nachdenkende Fußballfan aushalten muss. Um sich dann nach kurzem Zögern dem Geschehen auf dem Platz zu widmen.
Denn trotz dieser Euphorie bleibt die Nachbetrachtung der Saison uneindeutig. Die 48 Punkte stehen da. Man hatte keine längere Schwächephase und gewann sehr konstant seine Spiele. Die mittellangen Ausfälle von Leistungsträgern wie Kempf, Stenzel, Philipp oder Grifo konnten immer kompensiert werden. Andererseits hat die Konkurrenz durchaus geschwächelt, man konnte nie eine große Siegesserie starten und man hatte vergleichsweise wenig Verletzungspech. Es wird deutlich, dass die Stärken und Schwächen Freiburgs, bis auf die immense Anzahl der Gegentore (Torverhältnis 42:60) nicht direkt an der Oberfläche liegen. Es bedarf einer genaueren Betrachtung.

3.1 Allgemeines zum SC Freiburg unter Streich

Der SC Freiburg unter Streich ist ein sehr dankbarer Gegenstand für eine Analyse. Er hat ein konstantes, fast durchgehend unverändertes Fundament, das es einem leichter macht die Entwicklungen zu verfolgen, ist aber dennoch dynamisch genug, dass es nicht langweilig wird. Nachdem Christian Streich im Dezember 2011 das Traineramt von Marcus Sorg übernommen hatte, implementierte er ein für damalige Zeiten revolutionäres Angriffspressing.3 Der SC Freiburg war der einzige kleinere Verein, der die gegnerischen Innenverteidiger mit zwei Stürmern sehr hoch anlief. Zurückfallende Sechser wurden vom Mittelfeld verfolgt und versuchte der Gegner über die Außenverteidiger aufzubauen, schnappte die Falle zu. Der Gegenspieler wurde isoliert und in einen Zweikampf im eigenen Verteidigungsdrittel gezwungen. Grundlage für dieses Defensivsystem ist die damit verbundene Freiburger Rekordlaufleistung. Mit dem typischen 4-4-2 und einem starken horizontalen Verschieben entsteht eine Absicherung in Ballnähe und man verwickelt den Gegner trotzdem in viele Zweikämpfe. Es sieht manchmal gar so aus, als ob Freiburg mit einer Mannorientierung im Mittelfeld spielen würde. So entstehen fast immer sehr enge und umkämpfte Spiele, in denen auch qualitativ besser besetzte Gegner ihre individuelle Überlegenheit nicht ausspielen können.

Bis vor Kurzem gehörte zu diesem defensiven Fundament auch noch eine bestimmte Ausrichtung im Spielaufbau. Traditionell steht der Sportclub für ein spielerisches Konzept. Es wurde meist versucht die Angriffe über die Innenverteidiger und einen mitspielenden Torhüter flach aufzubauen. Dabei hatte Streich mit Balanceproblemen zu kämpfen. Durch den Aufbau mit Kurzpässen orientieren sich beide Sechser meist an den Innenverteidigern, während sich die Angreifer in den offensiven Halbräumen bewegen. Dadurch entstehen größere Verbindungslücken. Bis 2015 kam Streichs Freiburg zwar mit flachen Pässen von der Abwehr in den Angriff, dort fehlte es aber an Präsenz im offensiven Mittelfeld. Das Resultat waren lange Ballzirkulationen in der Abwehr und überhastete, abschlussorientierte Angriffe. Man konnte keine Spielkontrolle im Angriffsdrittel ausüben. Doch solange der Gegner durch das Pressingsystem selten in Tornähe kam und man selbst Ballgewinne in der gegnerischen Hälfte provozierte, konnte das kompensiert werden.

3.2 Die Abstiegssaison

Nach einer beeindruckenden ersten Rückrunde Christian Streichs, dem in der nächsten Saison folgenden fünften Tabellenplatz und schließlich dem Klassenerhalt trotz Doppelbelastung und Verkauf der Hälfte aller Stammspieler zu Spottpreisen hatte man großes Vertrauen zum Trainer. Ein Blick auf den Kader und die Spielidee verstärkte diesen Eindruck noch. Zwar musste man Baumann und Ginter abgeben, doch es gelang Mehmedi fest zu verpflichten und die Leistungsträger Schmid und Darida zu halten. Zusätzlich kam es zur Rückkehr von Sascha Riether und den Neuverpflichtungen Mitrovic (IV), Torrejon (IV), Kempf (IV), Mike Frantz (Allrounder) und Bürki (TW). Man dachte, dass das intensive Freiburger Pressing ohne die Doppelbelastung noch besser greifen und das angedeutete Ballbesitzspiel durch den recht eingespielten Kader wieder zur Geltung kommen würde. In gewisser Hinsicht traten diese Prognosen auch ein. Man war in fast allen Spielen mit dem Gegner auf Augenhöhe.

Das Problem war gerade in der Hinrunde, dass man sich diese guten Leistungen meist durch individuelle Fehler selbst zunichte machte. Die größte Auffälligkeit der Abstiegssaison bestand darin, dass man in der Hinrunde 11 Punkte durch Gegentreffer innerhalb der letzten drei Spielminuten abgegeben hatte. Hinzu kamen verschossene Elfmeter in drei Spielen, die unentschieden endeten. Als Tabellenletzter ging der SC Freiburg recht fassungslos in die Winterpause. Es stellte sich die Frage, wie man auf diese Situation reagieren sollte. Vielleicht tiefer stehen und mehr auf Konter setzen? Die Doppelspitze auflösen und dafür die Abwehr verstärken? Oder vielleicht doch den Fokus weg von den Ergebnissen und dafür auf die sehr akzeptable Leistung legen, an kleinen Stellschrauben drehen und wie Streich sagt "üben, üben, üben"? Man entschied sich für Letzteres und verpflichtete Nils Petersen, um neben Mehmedi für etwas mehr Stürmerqualität zu sorgen. Doch trotz der verbesserten Rückrunde sollte es nicht mehr für den Klassenerhalt reichen. Nach der Niederlage gegen Hannover am letzten Spieltag durch ein Eigentor von Pavel Krmas in seinem letzten Spiel, beendete der SC Freiburg die Saison auf Platz 17.

Obwohl festzuhalten bleibt, dass der Abstieg sehr unglücklich war, muss man sich doch im Nachhinein eingestehen, dass man eine gewisse Tendenz im deutschen Fußball unterschätzt hatte. Durch das prominente Vorbild Borussia Dortmund entwickelten sich die Bundesligavereine zu Pressingexperten. Neben den anderen typischen Pressingmannschaften Leverkusen unter Schmidt und eben Klopps Dortmund bekam dies der SC Freiburg besonders zu spüren. Die Verteidiger stellten sich auf das hohe Anlaufen ein und schafften es nun häufiger, die freigelassenen aber schwer anzuspielenden Räume zu nutzen. Die Gegner mit weniger pressingresistenten Spielern behalfen sich mit weiten Pässen auf einen Wandspieler. Das noch größere Problem entstand für den SC Freiburg aber dadurch, dass ihre eigenen Innenverteidiger nun auch früh angelaufen wurden. Das Risiko des flachen Aufbaus, schon am eigenen Strafraum den Ball zu verlieren, erhöhte sich immens. Die Folge dieser Entwicklung waren die schon angesprochenen individuellen Fehler im eigenen Spielaufbau. Freiburg wurde in der Abstiegssaison Opfer einer Entwicklung, die sie selbst mit unterstützt hatten.

Nun muss man allerdings erwähnen, dass sich Streich dessen durchaus bewusst war. Sein Argument, trotzdem am anspruchsvolleren konstruktiven Aufbauspiel festzuhalten, war kein Ästhetisches, sondern pragmatisch. Ohne die Transferpolitik anzugreifen verwies er darauf, dass ihm die Spieler für die langen Bälle fehlten. Ohne den großen Stürmer als Wandspieler sei es nicht möglich einen unpräzisen langen Ball im Angriff zu behaupten. So entschied er richtigerweise, dass die Gegentore durch Fehlpässe der Innenverteidiger das kleinere Übel gegenüber der absoluten Passivität ohne eigenen Spielaufbau sei.

3.3 Freiburg in der 2. Bundesliga

Es ist Zeit zuzugeben, dass bei der anfänglichen Kritik an der Marke SC Freiburg der positivste Effekt dieses Überbaus, der natürlich auch auf das tatsächliche Geschehen zurückwirkt, verschwiegen wurde. Durch die geringe, also realistische Erwartungshaltung als kleiner Verein das Ziel zu haben, sich unter den Top 25 in Deutschland zu etablieren, ermöglicht man eine große Kontinuität bei Trainerstab und Vereinsführung, die somit die Zeit haben das Projekt und auch sich selbst langfristig zu entwickeln. Klassenerhalt, Europa, Abstieg, Aufstieg und wieder Europa mit demselben Trainer durchzustehen, ist tatsächlich eine Besonderheit im Profifußball.

Kontinuität auf der Trainerbank verspricht aber keine Kontinuität im Kader. Durch den Abstieg verließen mit Mehmedi, Darida, Schmid, Sorg, Mitrovic und Klaus sechs Stammspieler den SC Freiburg. Die frühen Zugänge Abrashi, Mees, Hufnagel, Grifo, Kübler, Kleindienst zeigten zwar, dass man sich auf die 2. Liga vorbereitet hatte, doch waren dies allesamt sogenannte Wundertüten. Nur die feste Verpflichtung von Nils Petersen war ein kleines Signal, dass man tatsächlich den direkten Wiederaufstieg anpeilte.

Die Situation war schwer einzuschätzen. Mit RB Leipzig stand schon vor der Saison ein Aufsteiger fest und man fürchtete sich vor Mannschaft X. Nürnberg, Bochum, St. Pauli, 1860 München oder Lieberknechts Braunschweig hatten alle durchaus das Potential, dem SC Freiburg den zweiten direkten Aufstiegsplatz wegzuschnappen. Doch der Start in die Saison verlief gut. Die Spielweise, die schon in der ersten Liga angelegt war, konnte endlich auf den Rasen gebracht werden. Torwart und Innenverteidiger bauten geduldig auf. Plötzlich war man in der Situation Ball und Gegner laufen zu lassen, um dann Spiele auch mal in der Endphase bei den ersten Ermüdungserscheinung der ständig verschiebenden Gegner zuschlagen zu können. Hinzu kam, dass man mit Grifo und Philipp sehr dribbel- und kombinationsstarke Spieler hatte, die das ein oder andere Spiel gemeinsam mit dem Topstürmer Petersen für den SC entschieden. Als letzte Komponente sind die Freiburger Standards zu nennen. Dabei rückt vor allem der Co-Trainer Lars Voßler in den Mittelpunkt, der sich in diesem Bereich durchaus einen Namen gemacht hat. 2014 kam es gar zur Zusammenarbeit mit Hansi Flick um die Standards der Nationalmannschaft zu verbessern. Mit dem hervorragenden Freistoß- und Eckballspezialisten Grifo hatte Voßler perfekte Voraussetzungen, Freiburg in dieser Saison zum besten Team nach ruhenden Bällen zu machen.

Die Favoritenrolle lag dem SC Freiburg. Und so ging man nach dem 19. Spieltag als Tabellenzweiter mit nur drei Niederlagen und fünf Punkten Abstand auf den Relegationsplatz in die Winterpause. Das Projekt direkter Wiederaufstieg verlief ganz nach Plan. Man schaffte es sogar die beiden Stürmer Nielsen und Niederlechner und den jungen Allrounder Stenzel hinzuzuholen um den Kader noch dynamischer zu gestalten. Trotzdem muss es genau in diesem Zeitraum die entscheidenden Gedankenspiele für die größte strategische Änderung unter Christian Streich gegeben haben.
Der SC Freiburg verlor die ersten beiden Spiele in der Rückrunde. Es begann die spannendste Phase der Saison, da sich die Gegner besser auf den Sportclub einstellten. Organisiertes passives Mittelfeldpressing, Passwege der Innenverteidiger nach vorne schließen, auf Fehler hoffen und Freiburger Standards in Tornähe verhindern. Die Freiburger Reaktion war überraschend pragmatisch. Das fast dogmatisch angelegte flache Aufbauspiel wurde reduziert und der lange Ball als strategisches Mittel in den Streichfußball eingeführt. Beim flachen Aufbauspiel ist das Ziel eigentlich immer Spielkontrolle. Der flache Pass ist dabei die Spielaktion, die jeder Bundesligaspieler so gut beherrscht, dass er sie selbst unter Druck ausüben kann. Man geht also davon aus in Ballbesitz zu bleiben. Kommt es doch zum Ballverlust, auf den sich der Gegner schon eingestellt hat, sind die Spieler weder psychologisch, noch durch ihre Positionierung in dem Modus den Gegenangriff zu unterbinden. Schlägt man einen langen Ball, plant man gewissermaßen schon das Chaos, also den möglichen Ballverlust. Genau dies konnte man nun bei den Freiburgern beobachten. Die Innenverteidiger stellten sich enger auf, die Sechser kippten seltener nach hinten ab. Der lange Ball sollte dorthin geschlagen werden, wo Mittelfeld und Angriff eine Überzahl bildeten.

Nachdem die Journalisten die taktische Veränderung bemerkt hatten, fragten sie auf den Pressekonferenzen etwas verwundert, warum man als spielerisch überlegene Mannschaft auf solche Mittel setzte. Leider hatten sie vergessen, dass Streich selbst ein Jahr zuvor erklärte, dass man keine langen Bälle spielen würde, da einem die Wandspieler fehlten, was sich weder durch Niederlechner noch durch Petersen geändert hatte. Streichs Argument war zu diesem Zeitpunkt so einleuchtend, wie sein Argument ein Jahr zuvor. Er erklärte, dass die jungen Innenverteidiger zu viele komplexe Aufgaben hätten: die Endverteidigung, das richtige Verschieben beim Angriffspressing und die Spielauslösung. Der lange Pass rückt den Fokus weg von der Flachpasskunst der Innenverteidiger, die eine dauerhafte Konzentration abverlangt, zu den Zweikämpfen der Offensive. Der fehlende Wandspieler wird dabei durch Überladungen des Raumes ersetzt. Statt des großen Stürmers soll eine Gruppe von Spielern den Ball gewinnen. Dadurch ergibt sich auch eine neue gruppentaktische Dynamik. Erkämpft man den langen Ball mit mehreren Mitspielern, kann man sich mit ihnen im engen Raum durch Kurzpässe zum Torabschluss kombinieren. Das perfekte Spiel für Philipp, Grifo und Niederlechner.

Die Entwicklung ist gerade deswegen so positiv zu bewerten, da es die Freiburger Stärken beibehält und zusätzlich das taktische Repertoire erweitert. Christian Streich stand immer für Intensität und sauber ausgeführte Mannschaftstaktik. Er etablierte sein Pressing- und Aufbausystem so fest, dass es sogar recht unabhängig von der genauen Personalbesetzung funktionierte. Darunter litten vor allem gruppentaktische Aspekte in der Offensive. Streich scheint nun explizit daran zu arbeiten und die Kurzpasskombinationen im vorderen Drittel wirken heute deutlich einstudierter als früher. Streich hat unter Beweis gestellt, dass er kein Sturkopf ist und selbst im Erfolgsfall die gesamte Strategie, also Spielanlage ändern kann. Belohnt wurde dieser Schritt mit der Zweitligameisterschaft, die eigentlich für den Konkurrenten RB Leipzig reserviert war.

3.4 Wieder Bundesliga

Trotz der guten Zweitligasaison waren die Erwartungen in der 1. Liga nicht sehr hoch. Zwar gab es mal wieder sehr frühe Neuverpflichtungen, doch bei Bulut, Gulde, Meffert, Söyüncü, Haberer, usw. stellte sich eine ähnliche Frage, wie beim restlichen Kader. Sind das wirklich Spieler, die in der ersten Liga bestehen können? Wie soll sich ein Philipp durch Naldo und Knoche hindurchdribbeln, Abrashi und Höfler gegen Baumgartlinger und Bender das Mittelfeld kontrollieren und wie sieht der junge Kempf gegen Modeste und Torrejon gegen Max Meyer aus? Schon in der 2. Liga hatte man nicht die beste Defensive. Ähnliches musste sich Streich auch gedacht haben, denn die Testspiele in der Vorbereitung wurden ausschließlich im 5-3-2 bestritten. Somit hatte Streich auch sein defensives Konzept verändert. Das Ziel dieses 5-3-2 ist tatsächlich eher das Verhindern von Gegentoren, indem man den Gegner durch das keilförmige 3-2 zwingt, um die Formation herum auf die Außen zu spielen. Erst in der eigenen Hälfte können Mittelfeldspieler, gemeinsam mit den Außen- und Innenverteidigern, den Gegner isolieren. Ballgewinne in der gegnerischern Hälfte sind nicht mehr im System angelegt. Wie schon beschrieben ließ der SC im alten 4-4-2, gepaart mit dem starken Verschieben, viel zu häufig große Lücken auf der ballfernen Außenbahn, die immer häufiger von pressingresistenteren Gegnern genutzt werden konnten. Mit der Fünferkette war es nun möglich auf den Angreifer herauszurücken und dennoch die Spielfeldbreite abzudecken.

Allerdings wurden diese Pläne dann am Anfang der Saison durch die Verletzungen von Kempf und Torrejon durchkreuzt. Am ersten Spieltag versuchte man es mit Söyüncü, Höfler und Gulde in der Dreierkette, schwenkte aber schon am zweiten Spieltag gegen Gladbach zurück auf das bewährte 4-4-2. Dies funktionierte gegen Gladbach so gut, dass man wieder hauptsächlich auf dieses System setzte. Trotzdem wurde mit der Fünferkette Streichs taktische Trickkiste um ein Bestandteil erweitert. Dies war auch die Voraussetzung für das erste erkennbare in-game-coaching-Duell Streichs gegen Hoffenheims Nagelsmann mit Systemumstellungen und Anpassungen innerhalb der ersten 25 Minuten. In der Pressekonferenz erklärte Streich, dass ihm diese Veränderungen innerhalb einer Halbzeit nicht sehr gefielen, aber auch dies zu den taktischen Entwicklungen der Bundesliga gehöre, auf die man sich einstellen müsse.

3.5 Fazit

Christian Streichs große Stärke war es schon immer, gerade beim Spiel ohne Ball, eine saubere und intensive mannschaftstaktische Leistung aus seinen Spielern herauszuholen. Dies bleibt bis heute die Grundlage des Freiburger Spiels. Mit der Entscheidung den Spielaufbau flexibler zu gestalten reduziert Freiburg vor allem die Fehlpässe seiner Innenverteidiger. Man wählt nun ganz pragmatisch unter verschiedenen Aufbaumethoden aus. Falls der Gegner tief steht wird immer noch flach und kurz aus der Abwehr über die Doppelsechs aufgebaut. Steht der Gegner sehr breit, schieben Außenverteidiger hoch, die offensive Außen bieten sich etwas zentraler und tiefer an und es kann ein langer flacher Ball gespielt werden. Fehlen diese Optionen und wird hoher Druck auf die Verteidiger aufgebaut, kommt der lange Ball und mehrere Offensive orientieren sich zweikampfbereit am Zielpunkt. Gerade die letzte Option verstärkt noch die ohnehin schon kämpferische Art des SC Freiburg. Allerdings tauchen diese vernachlässigten spielerischen Aspekte an anderer Stelle wieder auf. Während es Einsparung an den mannschaftstaktischen Anforderungen im Spielaufbau gibt, kann man inzwischen klare gruppentaktische Spielzüge im letzten Drittel erkennen, die teilweise wie am Faden ausgeführt werden. Die mangelhaften gruppentaktischen Dynamiken waren also kein grundsätzliches Problem Streichs, sondern auf Grund anderer Aspekte einfach nur zu wenig bearbeitet.

Der Vergleich dieser Saison mit der Abstiegssaison macht die Entwicklung des Sportclubs gut deutlich. Beide Male schaffte es der kleine SC Freiburg, sich durch sein intensives Defensivsystem äußerst enge Spiele zu erarbeiten und verhinderte, dass individuell besser besetzte Gegner ihr Spiel entfalten konnten. 2014/15 gingen diese knappen Spiele allerdings meist verloren. Letzte Saison hingegen konnten viele enge Vorsprünge bis zum Schlusspfiff gehalten werden. Sicherlich spielte der Faktor Zufall eine Rolle. Der Unterschied der Saisons lag aber vor allem im Spiel mit dem Ball. Der dogmatisch konstruktive Spielaufbau hat immer etwas Passives und Unkörperliches an sich. Es scheint einzuleuchten, dass diese Ausrichtung nicht so gut zu einer alles-oder-nichts Phase in den letzten Minuten eines Spiels passt, in der es um gewonnene Kopfballduelle, das Unterbinden von Dribblings der Einzelkönner und Sprintduelle geht. Diese Phasen durch Positionierung und sauberes Passspiel zu kontrollieren, ist in der Bundesliga dann doch einzig und allein dem FC Bayern vorbehalten. Häufig schaffte es Freiburg nicht in den entscheidenden Phasen von unkörperlichem Passspiel auf körperlichen Zweikampf umzuschalten. Die angepasste Ausrichtung Freiburgs, auch in Ballbesitz auf den Zweikampf vorbereitet zu sein, drückt sich meist nicht in klaren Veränderungen aus, sondern in so schwammigen Kategorien wie Präsenz, Körpersprache, gewonnene 50-50 Duelle und Selbstbewusstsein.4 Trotzdem kann man den Unterschied der beiden Saisons sehen und bei genauerer Betrachtung auch erklären. Die Verbesserung geht klar auf das Konto Streichs. Man merkt, dass er immer noch an seiner Überzeugung, dem konstruktiven Spiel, festhält, aber auch offener für verschiedene Umsetzungen dieser Idee wird. Sein Satz auf der Pressekonferenz vor dem Pokalhalbfinale gegen Stuttgart im Jahre 2013: „Mir wolle de Ball habbe" bleibt also auch heute noch bestehen, wird aber durch die Einsicht ergänzt, dass das nicht in jedem Spiel möglich ist.
 

1:Dass man dabei wie ein unsympathischer Ökonom klingen mag, liegt nicht am Kritiker, sondern am Gegenstand der Kritik.

2:Es ist tatsächlich eine unangenehme deutsche Besonderheit, dass von Opfern eines Terroranschlags weder Namen noch Gesichter, sondern allein die Staatsangehörigkeit veröffentlicht wird.

3:Zum besonderen Pressing vom SC Freiburg unter Streich gibt es schon einen Text, dem praktisch nichts hinzuzufügen ist: http://spielverlagerung.de/2012/12/18/der-sc-freiburg-unter-streich/

4:Es ist ein weitverbreitetes Märchen, dass diese Kategorien im Gegensatz zur Taktik und Strategie stünden. Wenn sich Spieler falsch positionieren und damit zu weit weg vom Gegner sind, um ihn unter Druck zu setzten, hat das natürlich Auswirkung auf die Präsenz und das Selbstbewusstsein. Oberflächlich wird es bloß, wenn einer Mannschaft vorgeworfen wird nicht zu kämpfen, ohne zu erklären, welche Gründe es gibt, dass das so aussieht.

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