Der SC Freiburg als Gegner des FC Bayern

1. Freiburg etwas zu mutig

Ein Auswärtsspiel gegen München, nach einer Länderspielpause, ist wohl nicht die beste Voraussetzung für einen Punktgewinn. Trotzdem hatte wohl so mancher Freiburg-Fan die Hoffnung, dass die Bayern, trotz der neuen Heynckes-Euphorie, ihren sehr negativen Trend fortsetzen würden. Dem war leider nicht so.

Streich selbst schien aber auch nicht mit ganz so starken Bayern zu rechnen und stellte seine Spieler nach dem eigenen Erfolgserlebnis in Hoffenheim mutig ein. Die Aufstellung blieb weitestgehend unverändert. Einzig Kent kam neu hinzu und ersetzte den soliden Terrazzino. Es war aber nicht nur ein Wechsel der personellen Art, da die Liverpooler Leihgabe auch eine spezielle Rolle übernahm, die etwas untypisch für das kollektive Freiburger Pressing war.

Wie in den letzten Texten ausgeführt, wechselt Freiburg in dieser Saison meist zwischen einem 5-3-2 und 5-2-3-System gegen den Ball. Gegen die Bayern, die häufig nur mit den zwei Innenverteidigern das Spiel aufbauen, der Sechser sich nur situativ fallen lässt, entschied sich Streich dafür, meist nur zwei Stürmer anlaufen zu lassen. Diese abgesägte Tannenbaumformation (5-3-2) ist eigentlich auch der optimale Weg das Zentrum dicht zu machen. Dabei sucht die vorderste Pressinglinie die Balance zwischen druckvollem anlaufen und dem Versperren der Passwege ins Zentrum. Die Balleroberung wird normalerweise erst dann versucht, wenn der Gegner einen langen Ball spielt oder man das Spiel erfolgreich auf die Außen lenken konnte.

Aber Streich wollte in diesem Spiel damit wohl noch etwas mehr, als nur verteidigen. Kent spielte seine Rolle in der vordersten Pressinglinie nicht so taktisch und abwartend, wie Haberer, Niederlechner und Terrazzino gegen Hoffenheim, sondern zockte teilweise sogar auf seltene Fehler im Münchner Aufbauspiel. Ein zweischneidiges Schwert.
Einerseits kam der SC Freiburg so, gerade in der Anfangsphase, zu sehr vielversprechenden Balleroberungen und andererseits konnte die erste Freiburger Pressinglinie meistens sehr leicht überspielt werden. Daraufhin wurde man häufig von den Bayern an den eigenen Strafraum gedrückt. Gerade Martinez hatte ein leichtes Spiel, konnte sich zwischen den Linien anbieten und den Ball nach vorne leiten. Manchmal wurde er zwar von Höfler verfolgt, konnte aber auch ihn recht leicht abschütteln, da der Freiburger Sechser sich auch nicht immer zu weit aus dem Mittelfeld hinausziehen lassen wollte. Boateng hat seine langen präzisen Pässe ja noch nicht vollkommen verlernt.

Eine eindeutig positive oder negative Bewertung dieses Plans ist schwierig, da dieser eben teilweise aufging und teilweise nicht. Das dadurch entstehende Risiko wurde ganz gut einkalkuliert. Die restliche Freiburger Mannschaft zog sich diszipliniert ins eigene Drittel zurück, nachdem ihre erste Pressinglinie überspielt wurde.

In der ersten Halbzeit gab es also entweder Freiburger Angriffspressing oder Verteidigen am eigenen Strafraum und nur selten ein organisiertes Mittelfeldpressing. Dieses ständige vor und zurück forderte von den Freiburgern auch eine der größten Laufleistungen der Saison: 121 Kilometer.

2. Teilweise gepackt vom Übermut

Während man sich noch über dieses zockerhafte Pressingverhalten streiten könnte, gibt es beim nächsten Punkt wohl keine zwei Meinungen. Das Umschaltverhalten nach Balleroberung am eigenen Strafraum war deutlich zu riskant. Wie schon beim ersten Gegentor, gab es häufiger die Situation, dass der Sportclub den Ball am eigenen Strafraumeck gewann und durch die Mitte umschalten wollte. Es brauchte dann gar kein allzu intensives Gegenpressing der Bayern, um in aussichtsreicher Position wieder in Ballbesitz zu kommen und dadurch Torgefahr zu erzeugen. Einen Mitspieler anzuspielen, während fünf Gegenspieler in dessen Nähe sind, ist gegen Bayern München einfach nicht drin. Dieses Verhalten musste früher oder später zu Gegentoren führen. Etwas mehr Demut vor einem immer noch individuell klar überlegenen Gegner wäre hier angebracht gewesen.

3. Günter und Stenzel

Nach dem Spiel wäre noch eine kleine Lobeshymne auf die beiden Freiburger Außenverteidiger anzustimmen. In der Defensive hatte Stenzel in den letzten Spielen einige Schwierigkeiten und man konnte ein mulmiges Gefühl bekommen, wenn man sich Duelle mit Coman vorstellte. Allerdings übertraf der Rechtsverteidiger die Erwartungen. Im eins gegen eins hatte Coman kein so einfaches Spiel und benötigte meist die Unterstützung von Alaba, um durchbrechen zu können. In diesen Situationen müsste man sich allerdings Fragen, ob Stenzel nicht etwas mehr Unterstützung von Frantz hätte bekommen sollen. Über Günter könnte man ähnliches schreiben. Defensive relativ allein gelassen und trotzdem eine akzeptable Leistung.

Zusätzlich hatten beide ein sehr gutes Gespür dafür, wann sie rausrücken sollten, um aktiv am Pressing mitzuarbeiten und wann sie etwas absichernder agieren mussten. Im Zweikampfverhalten wie auch im taktischen Verständnis haben sich beide sehr verbessert.

Die wirkliche Stärke lag aber in ihren offensiven Aktionen. Günter, der schon während den letzten Spielen immer mehr Betrieb auf der linken Seite machte, hatte einige gute Aktionen im letzten Drittel. Und Stenzel findet sich auch immer besser damit zurecht, von der rechten Seite aus eine spielgestaltende Rolle im Mittelfeld einzunehmen. Es ist eine wichtige Entwicklung, da die Rolle der Außenverteidiger in der Freiburger Fünferkette deutlich mehr Verantwortung in der Offensive trägt als beim alten 4-4-2

4. Zwei Gegentore zu viel

Zusammengefasst war die Niederlage aus Freiburger Sicht verdient. Man war in manchen Bereichen auf eine gute Art und Weise mutig und in anderen Bereichen etwas naiv. Wenn Kent bei der ersten Freiburger Balleroberung das 1:0 macht oder Frantz die Flanke von Günter verwandelt, wäre es vielleicht ein anderes Spiel geworden. Auch das Eigentor Schusters war nicht unbedingt nötig. Dadurch, dass der Sportclub seine Chancen nicht nutzte, dafür aber die Bayern ihre, ging man mit einem unglücklichen, dennoch nicht unverdienten Zwei-Tore-Rückstand in die Pause.

Insgesamt war es ein komisches Spiel, da die Bayern weit davon entfernt waren den Sportclub absolut zu dominieren und Torchancen am Fließband zu kreieren, aber trotzdem am Ende fünf Tore schießen konnten. Das 1:0 war ein dummer Fehler von Schuster. Beim 2:0 springt der Ball blöd zu Coman. Das 3:0 ist einfach ein toller Schuss von Thiago, nachdem Schuster vielleicht nicht perfekt, aber akzeptabel den Ball aus dem Strafraum schlug. Das 4:0 ein klarer Fehler von Söyüncü, der zu verspielt agierte. Und das letzte Tor passiert eben.
Man hat aber das Gefühl, dass es sich hier um einzelne Szenen handelte und nicht ein toller Masterplan des großen FC Bayern umgesetzt wurde oder der kleine SC Freiburg total versagt hätte. Ein 3:1 wäre akzeptabel gewesen. Eine Niederlage mit fünf Toren Abstand ist deutlich zu hoch.

Es bleibt die Frage, was für Erkenntnisse man aus dem Spiel ziehen kann. Die Bayern-Fans werden sich nicht von dem hohen Endergebnis blenden lassen können und sich eingestehen müssen, dass man noch weit von der Qualität und Dominanz der letzten fünf Jahre entfernt ist. Streich hingegen wird erkennen, dass seine Mannschaft ebenfalls noch nicht auf dem Niveau des letzten Jahres ist. Ob dies nun an der gestörten Vorbereitungszeit vor der Saison liegt, dem späten Zeitpunkt der Transfers oder an den beiden Abgängen, die man natürlich nicht eins zu eins ersetzen konnte. Für den Sportclub geht es allerdings, im Gegensatz zum FC Bayern, der sich vielleicht schon überlegen muss grundsätzliches umzustellen, um Detailfragen. Das passende System und die Spielanlage wurde in Freiburg gefunden und es gilt an Abständen, Passgenauigkeit und klaren Abläufen im Umschaltmoment zu arbeiten. Auch darum Kent und Ravet noch besser einzubinden. Aber man ist auf einem guten Weg.

5. Bestandsaufnahme

Beim SC Freiburg geht es dieser Saison nur um den Klassenerhalt. Man hat nach dem achten Spieltag erst sieben Punkte sammeln können. Allerdings hat man vier der acht Spiele gegen die besten Teams der Bundesliga bestritten: Bayern, Dortmund, Leipzig und Hoffenheim. Gegen diese Teams gab es 4:11 Tore und 4 Punkte. Eigentlich eine sehr gute Ausbeute. Trotzdem hat man nicht das Gefühl gut in die Saison gestartet zu sein, da man einiges an Anlaufzeit benötigte und einen katastrophale Niederlage in Leverkusen hinnehmen musste. Die erste wirklich überzeugende Leistung gab es im Spiel gegen Hannover 96, das man leider nicht gewinnen konnte.

Nun sind allerdings die ganz großen Gegner abgehakt und man bekommt es mit mal besserem und mal schlechterem Bundesligadurchschnitt zu tun. Die nächsten drei Spiele gegen Berlin, Schalke und Stuttgart, werden dann etwas mehr Relevanz für die Freiburger Situation haben, als ein Spiel gegen den FC Bayern. Man ist einfach noch nicht so weit, sich in der Allianzarena behaupten zu können.

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