Der letzte Test vor dem ersten Pflichtspiel

1. Die Ruhe der Testspiele

Es ist klar, dass die Erkenntnisse eines Testspiels andere sind, als die aus den ersten Pflichtspielen. Ein besonderes Problem für diejenigen, die nicht vor Ort sind, stellt die schlechte Perspektive dar. Die Kamera steht meist recht nah am Spielfeldrand und schwenkt von links nach rechts, dem Spielgeschehen hinterher. Noch schwieriger wird es, zu erkennen, wie sich die Mannschaft als Ganzes bewegt. Wenn die Innenverteidiger das Spiel aufbauen, sieht man teilweise nicht einmal den zweiten Außenverteidiger. Dafür erhält man allerdings auch Eindrücke, die einem bei Bundesligaspielen verwehrt bleiben. Durch die geringe Geräuschkulisse, kann auch der Zuschauer des Livestreams alle Ansagen des Trainerteams an die Spieler hören. Ein kleiner Einblick in die Arbeit von Christian Streich.
Da wären einmal die Anweisungen, die sich an die ganze Mannschaft richten. Nach Defensivstandards wird irgendwann „raus“ gebrüllt, damit sich die Spieler wieder in die defensive Ordnung begeben und nicht mehr am oder im eigenen Strafraum verweilen. Das Pendant bei Offensivstandards ist der Ruf „Ordnung“, damit sich die Spieler wieder in ihre Positionen begeben und das Spiel ruhig aufbauen.
Die nächste Einwirkung Streichs zielt darauf, wann die Angreifer aktiv ins Pressing gehen sollen. Hierbei reichen die drei Worte „Mittellinie“, „höher“ und „tiefer“ schon aus. Deutlich interessanter ist es, dass Streich auch in sehr situative Spielsituationen eingreift. Konnten drei oder vier Freiburger zwei bis drei Gegenspieler an der Seitenlinie halbwegs isolieren, gibt Streich mit einem „jetzt“ oder „Druck“ das Signal in die Zweikämpfe zu gehen. Und selbst innerhalb dieser Aktion unterstützte der Trainer im Spiel gegen Rotterdam: „Nicht drehen lassen, nicht drehen lassen!“ Diese meist sehr hektischen und lauten Situationen werden immer mit dem pädagogischen Lob „gut“ oder „sehr gut“ abgeschlossen.
Als letzte Auffälligkeit wären da noch Hilfestellungen an einzelne Spieler. Meist sucht sich Streich ein oder zwei Spieler aus, mit denen er besonders intensiven Kontakt aufnimmt. Seit Jahren hat Karim Guédé dabei eine Sonderrolle, der tatsächlich in jedem Testspiel eine Bremse braucht, damit er nicht zahllose unnötigen Läufe beim Pressing macht. Diesen Einsatz mag man als unklug oder besonders engagiert bewerten. Auf jeden Fall spricht es für Konstanz. Bei den anderen kann man durchaus mehr Entwicklung sehen, da sich Streich meist neue Spieler herauspickt. Über die letzten Jahre waren das vor allem Nielsen, Kleindienst, Petersen, Söyüncü, Daehli und Grifo. Bei den Anweisungen geht es meist um die Positionierung in den verschiedenen Spielphasen.
Beim Spiel gegen Konyaspor sprach er vor allem mit Caleb Stanko, der die Position des linken Innenverteidigers einnahm. Bei gegnerischem Ballbesitz hielt er sich also relativ zentral, auf der linken Seite auf. Bei eigenem Spielaufbau gab es die beiden Möglichkeiten, dass sich die Innenverteidiger entweder breit aufstellten, oder dass der Sechser Frantz links neben die Innenverteidiger abkippte. Dann sollte Stanko in die Zentrale rücken und der zweite Innenverteidiger orientierte sich nach rechts, damit die ganze Spielfeldbreite abgedeckt wird. In jeder Spielsituation leitete Streich Stanko an, wo er hinzugehen hatte, ob er den sicheren Pass spielen oder noch ein paar Schritte machen sollte.
Auffällig beim Spiel gegen Rotterdam war, dass Lienhart seine Rolle wohl schon recht gut verinnerlicht hat und nicht mehr vieler Korrekturen bedurfte. Eigentlich sind es meist Innenverteidiger oder Stürmer, die von Streich diese Sonderbehandlung erhalten. Auch Pascal Stenzel wurde nicht bearbeitet. Dieser ist zwar schon länger dabei, doch seine Rolle als Außenverteidiger hatte sich im Vergleich zur letzten Saison deutlich verändert.

2. Kleine Veränderungen im Freiburger Spiel

Aufstellung gegen Feyenoord Rotterdam:

--------------Petersen------Niederlechner-----------------
Frantz---------------------------------------------Kleindienst
--------------Abrashi-------------Höfler-----------------------
Günter------Söyüncü----------Lienhart--------Stenzel--

In einer der letzten Pressekonferenzen der Saison, wurde Streich gefragt, was er von Stenzel hält. Der Freiburger Trainer schwärmte von dessen Auffassungsgabe und Spielintelligenz. Außerdem ließ er bei einer Anmerkung darauf schließen, dass Stenzel eine Schlüsselrolle bei den Veränderungen im Freiburger Spielsystem, in der kommenden Saison übernehmen soll. Durch die Vielseitigkeit des Spielers gibt es bei dieser Aussage aber einigen Spielraum für Spekulationen. Er könnte auf die Doppelsechs neben Höfler rücken oder der zentralen Innenverteidiger einer Dreierkette sein. Auch die Mischung, dass er zwischen diesen Positionen wechselt und damit das System innerhalb eines Spiels verändert, wäre denkbar. Eine weitere Möglichkeit ist die Position des Flügelspielers, der sich dann aber häufiger im Zentrum aufhält, um die erste Anspielstation im Angriff zu sein.
Im Spiel gegen Rotterdam stellte Streich allerdings eine ganz andere Variante vor. Stenzel wurde, wie die Saison vorher auch, als Rechtsverteidiger aufgestellt. Von dort aus übernahm er aber eine ungewohnte Rolle. Wenn der SC Freiburg sich im Spielaufbau mit flachen Pässen versucht, kippt normalerweise einer der beiden Sechser (meist Höfler) zwischen die Innenverteidiger oder links neben die Innenverteidiger ab, während die Außenverteidiger sich, als höhere Anspielstation, im Mittelfeld anbieten. Die Vierer- wird beim Spielaufbau zur Dreierkette. In der ersten Halbzeit gegen Rotterdam war es aber Stenzel, der als rechter Verteidiger die aufbauende Dreierkette, mit dem dann zentralen Lienhart und Söyüncü auf links bildete. Schwolow hielt sich konsequent hinter dem Raum zwischen Lienhart und Söyüncü auf und wurde mit ins Aufbauspiel eingebunden. Der Linksverteidiger Günter schob hoch, Frantz rückte etwas ein, während sich Kleindienst, der vor Stenzel spielte, etwas zurückfallen lassen musste, um die Verbindung zur Abwehr aufrecht zu erhalten. Das Besondere dabei ist, dass mit diesem Spielaufbau zwei Sechser, statt nur einem, im Mittelfeld präsent sind und angespielt werden können.
Wurde die erste Pressinglinie Rotterdams überspielt, löste Stenzel die Freiburger Dreierkette auf und orientierte sich nach vorne. Aber auch im Angriff übernahm er nicht die Rolle des typisch überlaufenden Außenverteidigers, sondern rückte ins Zentrum ein. Ein taktisches Mittel, dass Guardiola mit Alaba und Lahm in die Bundesliga einführte. Allerdings rückte bei Freiburg nur Stenzel ein, während Günter den klassischen Außenverteidiger gab und eine Asymmetrie zustande kam. Die Linke Seite war somit ziemlich überladen, da sich auch die Sechser nach links tendierten während der rechte Mittelfeldspieler recht alleine an der Seitenlinie blieb, um dem Spiel Breite zu geben.
Die Spielsituation, die zum Freiburger Tor führte, zeigt die leicht veränderte Anpassung recht gut. Durch die vielen Freiburger Angreifer auf der linken Seite, ließen die Rotterdamer die rechte Seite ziemlich frei. Nach einem gewonnen Zweikampf von Abrashi an der Mittellinie, kam der Ball zum in den rechten Halbraum eingerückten Stenzel, der eine menge Wiese vor sich hatte. So konnte er mit einer leichten Körpertäuschung am Gegenspieler vorbei bis kurz vor den Strafraum laufen. Seine zu scharf geschossene Flanke wurde dann exzellent von Niederlechner zum 1:0 (Endstand) verarbeitet.
Ansonsten gab es nicht allzu viel neues zu beobachten. In der zweiten Halbzeit wurde die Spielanlage etwas vereinfacht. Durch den Rückstand wurde Rotterdam aktiver im Pressing und Söyüncü musste schon vor der Pause wegen einer Verletzung gegen Stanko ausgewechselt werden. Durch diese Entwicklung entschied man sich pragmatisch für den einfacheren langen Ball, womit die Sonderrolle Stenzels aufgehoben wurde. Die größte Schwachstelle in Freiburgs Defensive war das altbekannte Problem, dass man durch das starke Verschieben enorm offen auf der ballfernen Seite steht. Spielverlagerungen bleiben wohl auch nächste Saison das beste Mittel gegen den SC Freiburg, wenn dieser nicht auf die Fünferkette umstellt.
Als Fazit sollte nochmals betont werden, dass es sich nur um ein Testspiel handelte und es sicherlich noch deutlich mehr Optionen im Spielaufbau geben wird. Trotzdem war es sehr schön zu sehen, dass es nun eine weiter gibt, obwohl Kempf noch nicht im Kader war. Falls sich die Verteidiger nicht weiter verletzen, könnte es sein, dass Freiburg dieses Jahr einen großen Schritt in der Spieleröffnung machen könnte. An die individuelle Klasse von Kempf, Söyüncü und Stenzel, die sich im Aufbau enorm weiterentwickelt haben, und den Neuzugang Lienhart muss man sich als Freiburgfan erst noch gewöhnen. Die Spielauslösung könnte die neue Stärke des Sportclubs werden.

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