Das Petersen-Statement (2)

1. Der SC Freiburg im Rampenlicht

Der SC Freiburg ist in sportlicher Hinsicht eine der spannenden Mannschaften der Bundesliga. Trotz vergleichsweise geringer Kaderqualität versucht man meist mit spielerischen Ansätzen zum Erfolg zu kommen. In der Bundesliga ist das selten geworden. Gerade dadurch, dass sich einige Spieler mit diesem Anspruch am Rande der Überforderung befinden, kann der Beobachter sehr deutlich Entwicklungsschritte einzelner Spieler, aber auch der ganzen Mannschaft verfolgen.
Diese interessanten Besonderheiten werden von weiten Teilen der Bundesliga-Fans distanziert gewürdigt, doch für eine tiefere Beschäftigung mit dem Sportclub, reicht es meistens trotzdem nicht.

Der SC steht meistens nur dann im Rampenlicht, wenn Christian Streich fußballpolitische oder gesellschaftliche Aussagen tätigt. In den letzten Jahren hat sich allerdings noch eine weitere Figur des Vereins herauskristallisiert, die hin und wieder für Aufmerksamkeit sorgt. Nils Petersen scheint in unterschiedlichsten Formen das Interesse der Medien und Fans geweckt zu haben. Sein Wechsel zum SC Freiburg war dabei der Auftakt. Seine Jokerqualitäten sind ebenfalls bekannt. Hinzu kamen der verschossene Elfmeter im Olympiafinale und am Anfang dieser Saison noch die feel-good-story des Duells zwischen Vater und Sohn im DFB-Pokal.

Im Dezember 2017 trat Petersen auch zum ersten Mal durch die Freiburger Tugend in Erscheinung, Aussagen über Fußball und Gesellschaft zu treffen, die es vom Breisgau in die bundesweite Presse schaffen. Er scheint angekommen zu sein.

2. Das Petersen-Statement

Petersen im Focus:
„Die Fußball-Branche ist oberflächlich und wir Fußballer sind nicht so belesen. Salopp gesprochen, verblöde ich seit zehn Jahren, halte mich aber über Wasser, weil ich ganz gut kicken kann. Ich habe nichts gelernt, keine Ausbildung gemacht, die anderen Leute können wahrscheinlich viel mehr als ich. Manchmal schäme ich mich, weil ich so wenig Wissen von der Welt besitze.“
Focus zitiert Petersen weiter teilweise indirekt:
„Die Zuschauer auf den Stadiontribünen im Freiburger Stadion seien ‚insgesamt wohl intellektueller und schlauer als ich’. Petersen bedauert, dass die Leute mit ihm immer nur über Fußball reden wollen, sobald sie ihn erkennen.“

Man könnte sich nun einige Ungenauigkeiten des Statements herauspicken und darauf herumhacken. Die Aussage, er hielte sich mit dem Kicken ganz gut über Wasser, ist natürlich angreifbar. Bliebe man bei der Metapher, in der das finanzielle Auskommen damit beschrieben wird nicht unterzugehen, säße Petersen wahrscheinlich mindestens auf einem mittelgroßen Boot, während sich einige um ihn herum an Treibholz festhalten würden. Es handelt sich also um eine Untertreibung.
Die andere Aussage, Fußballer seinen unbelesen, ist hingegen eine Pauschalisierung. Ebenso, wie die Vermutung, die Freiburger Zuschauer wären schlauer als er.

Hiermit sei also widerwillig die häufige Problematik erwähnt, dass man bei der Einordnung solcher zwar meistens gegengelesenen, aber doch spontanen Reaktionen auf Interviewfragen, nicht darum herumkommt einerseits manchmal etwas zu viel hineinzulesen und andererseits manche Ungenauigkeiten und Pauschalisierungen als unwichtiges Beiwerk zu übersehen. Wie genau Petersen was gemeint hat, kann er wahrscheinlich nur selbst beantworten.

In diesem Text soll es auch nicht darum gehen Petersen aufgrund ungenauer Aussagen Vorwürfe zu machen, sondern, die Diskussion darum zu ordnen und zu interpretieren. Ich möchte auch nicht so tun, als ob ich in Petersens Sinne argumentiere, da er mir bei folgenden Verschärfungen seiner Kritik wahrscheinlich widersprechen würde. Petersens Aussagen sind hier nur der Ausgangspunkt weiterer Überlegungen.

3. Die Reaktionen

Nach der Verbreitung der Aussagen im Spiegel, der Welt, der Sportschau, usw. gab es gemischte Reaktionen. Grob könnte man diese in zwei Richtungen einordnen.

Diejenigen, die sich positiv auf die Zitate bezogen, sahen die Aussagen vor allem als Ausdruck von hoher Intelligenz und eines außerordentlichen Reflexionsvermögens des Freiburger Stürmers.
Ganz im Sinne der viel zu häufig zitierten Weisheit, nach der derjenige, der sich bewusst ist, wie viel er nicht weiß, schon dadurch mehr weiß, als der arrogante Unsympath, der sich anmaßt, auch nur in einem einzigen Wissensgebiet überhaupt etwas zu wissen. Eine Weisheit, die in den letzten 2500 Jahren ihre philosophische Sprengkraft durch die veränderten Umstände stark eingebüßt hat. Da es heute eher üblich ist, selbst geschichtliche Fakten zu bloßen Narrativen und Meinungen herabzustufen, als tatsächlich zufällige und subjektive Überzeugungen für ewige Wahrheiten zu erklären, wird es notwendig darauf zu beharren, ein paar grundlegende Sachen als Wissen festzuhalten.

Trotzdem ist Petersens Sehnsucht nach mehr Wissen, also der Aufhebung des Zustands der Unwissenheit in manchen Gebieten, natürlich verständlich. Man kann auch davon ausgehen, dass er nicht unbedingt vorhatte, mit Intelligenz zu prahlen. Es ist vielmehr erstaunlich offen, zuzugeben, dass man sich manchmal für seine Unwissenheit schämt.

In den negativen Reaktionen wurde darauf beharrt, dass jeder selbst dafür verantwortlich sei, sich fortzubilden. Das impliziert natürlich auch, dass wenn ein Fußballer tatsächlich verblöden würde, niemand anderes als er selbst schuld daran hätte.

Was beide Lager eint, ist der Fokus auf die persönliche Note, die in den Aussagen steckt. Für die einen ist Petersen einer der wenigen reflektierten Fußballer der Bundesliga und für die anderen ein fauler Typ, der die Schuld für seine Unwissenheit nicht bei sich selbst, sondern bei anderen sucht.
Eine gesellschaftskritische Wendung, also der Versuch eine nicht zufriedenstellende objektive Situation zumindest zu beschreiben, wurde von beiden Lagern übergangen.

4. Arbeit und Freizeit

Am Petersen-Statement wäre aber vor allem positiv hervorzuheben, dass er seine Energie nicht nur auf ein schlechtes Gewissen verwendet, sondern Kritik an einer Situation übt. Er beschreibt das Gefühl, das der Beruf und die damit einhergehenden Verpflichtungen nicht nur Erfüllung ist, sondern einen von Dingen abhält, die man manchmal lieber machen würde. Zum Beispiel lesen, beziehungsweise sich systematisch mit einem Thema auseinanderzusetzen, das sich außerhalb des Arbeitskosmos befindet.

Der Vorwurf, man könne sich trotz Arbeit in der Freizeit ausleben, geht an der Aussage vorbei. Vor allem, da Freizeit nicht mit wirklicher frei verfügbaren Zeit gleichzusetzen ist, sondern sich immer in Beziehung zur Arbeit befindet. Es ist die Zeit, die man zur Verfügung hat, sich in den Zustand zu bringen, um zu Arbeitsbeginn wieder einsatzbereit zu sein. So, wie man am Feierabend nicht die ganze Zeit feiern kann, damit man am nächsten Morgen wieder fähig ist, zu arbeiten.

Die Verquickung von Arbeit und Freizeit wird an einer anderen Person des SC Freiburg ganz gut deutlich. Diejenigen, die Pressekonferenzen und Interviews des Trainers Christian Streich verfolgen, kennen dessen beiläufige Aussagen zu seiner Freizeit wahrscheinlich recht gut. Er geht Fahrradfahren. Man kann sich zwar vorstellen, dass ihm diese Tätigkeit prinzipiell Spaß macht, aber er betont dabei immer wieder, wie gut sie wäre, um den Kopf frei zu bekommen. Es ist eine aktive Methode der psychischen Erholung, die in seinem Job notwendig ist, um durchzuhalten. Im Interview auf Eurosport gibt er beim Thema „Bücherfreund des Jahres“ ähnliches über sein Leseverhalten preis. Er liest Bücher, da sie ihn seine Alltagswelt vergessen lassen.

Kurzer Einschub: Die Trennung der Begriffe Arbeit und Freizeit ist nicht wirklich aufrechtzuerhalten. Das bedeutet auch, dass die heutige Tendenz der vollständigen Verschmelzung dieser Bereiche, schon im Kern angelegt ist. Trotzdem ist es notwendig diese Tendenz, mit der Hoffnung auf einen kleinen Teil Restfreiheit, zu bekämpfen.

Nun könnte man entgegenhalten, dass man trotz Arbeit, An- und Abfahrt, Schlaf, möglicher Kindererziehung, aktiver Erholung, gelegentlichen persönlichen Problemen, sozialer Kontakte, Krankheiten, Nahrungsaufnahme, Nahrungsmittelzubereitung, usw. doch noch Zeit haben wird, abends ein Buch zu lesen, das „Wissen über die Welt“ beinhaltet. Man so etwas auch zum Teil der aktiven Erholung machen könnte. Einerseits klingt dies nach einem Vorhaben, dass enormes Zeitmanagement erfordert und dadurch wieder den Charakter der Arbeit erhält, andererseits macht Nils Petersen genau dies. Im späteren Interview mit dem Kicker konnte man erfahren, dass er neben seiner Tätigkeit als Fußballer ein BWL-Studium absolviert. Doch anscheinend reicht ihm das immer noch nicht. Dabei hat man es wahrscheinlich weniger mit einer Maßlosigkeit und einem unstillbaren Drang nach Wissen zu tun, sondern vielmehr mit dem Bewusstsein, dass man für Erkenntnisse Zeit und Ruhe braucht, da man sich auf einen Gegenstand einlassen muss. Natürlich ist es auch für Arbeitende möglich, sich im begrenzten Rahmen auf Sachen einzulassen und dies vielleicht sogar teilweise in Übereinstimmung zu bringen. Es ändert aber nichts daran, dass der Job so etwas ziemlich erschwert.

Die Verallgemeinerung von Petersens Aussage ist eigentlich eine Banalität: Arbeit hält einen meistens von Dingen ab, die man gerne tun würde. Es ist Zwang.
Der Gedanke, dass man in seinem Beruf genau das macht, was man gerne möchte, trifft in den seltensten Fällen zu. Und wenn er zutrifft, würde man diese Tätigkeit wahrscheinlich lieber unter weniger externem Zeitdruck, ohne die Angst diese Arbeit zu verlieren, ohne diese oder jene Nebentätigkeit, nicht täglich acht Stunden und den Möglichkeiten problemloser Aus- und Wiedereinstiege ausüben. Arbeit macht häufig dumm, in akademischen Kreisen zum Fachidioten, der sich in der Geldakquise aufreibt und was die meisten Sportler angeht, ist Arbeit Gesundheitsschädigend.

5. Widersprüche der Arbeitswelt

Die Kritik am Petersen-Statement wäre, dass es die Verallgemeinerung seiner Kritik nicht zulässt. In typischer Freiburger Demut, wird angedeutet, dass andere Leute durch ihren Beruf etwas lernen würden. Dadurch wird die eigentlich starke Aussage, man verblöde durch seine Arbeit, wieder einkassiert und zum Sonderfall einer Branche gemacht. Dabei ist Fußballprofi sicherlich nicht der einzige Beruf, bei dem man salopp gesagt verblödet, wenn man den allergrößten Teil seines Lebens danach ausrichten muss.

Die Selbstverständlichkeit, dass Arbeit insgesamt nicht nur Erfüllung, sondern auch Zwang ist, wird nur selten uneingeschränkt stehen gelassen, sondern produziert meist Einschränkungen und Gegenreden. Häufig auch von ein und derselben Person.

Eine Möglichkeit dieses Phänomen zu erklären wäre, dass man sich eben mit den objektiven Gegebenheiten abfinden muss und sich so manches, was man nicht selber verändern kann, etwas schöner redet, als es ist. Wahrscheinlicher ist es, dass der Widerspruch „der Job ist aus verschiedensten Gründen blöd, aber eigentlich auch ganz okay“, deshalb so leicht von den Lippen geht, da er Ausdruck eines Widerspruchs der heutigen Arbeitswelt ist.

Einerseits ist man gezwungen zu arbeiten, andererseits kann man sich meist glücklich schätzen eine Arbeit gefunden zu haben, die einem nicht vollkommen zuwider ist. Schon während der Schule/ Ausbildung/ des Studiums richtet man sein ganzes Leben darauf aus, in einem bestimmten Gebiet tätig zu sein. Die begehrten Plätze sind rar gesät und ist sich bewusst, dass es einen hätte schlimmer treffen können.
Hinzu kommt die leise Ahnung, den Platz den man ergattern konnte, nicht wirklich verdient zu haben. Manche waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort, bei anderen hat der Vorgesetzte mal im passenden Moment ein Auge zugedrückt. Vielleicht ist im richtigen Moment ein Kollege krank geworden. Diese kleineren Zufälle werden noch um ein Vielfaches vom Zufall der Geburt und damit des Elternhauses und der Region, in der man lebt, übertroffen.

Der Widerspruch aus Arbeitszwang und dem Glück eine Arbeit zu haben, wird zum Beklagen über und dankbar sein für die Arbeit. Interessant ist, dass man sich aber meistens nicht aufgrund des Arbeitszwangs beklagt und dankbar ist eine verträgliche Arbeit zu haben, sondern umgekehrt: Man beklagt sich, um mit dem Wissen klar zu kommen, dass andere den gleichen Anspruch auf den Platz hätten und man kassiert diese Klage wieder ein, um sich den Arbeitszwang etwas schöner zu reden.

6. Der Privilegierte will noch mehr

Betrachtet man die Form der Aussage Petersen, ist sie also relativ normal. Das Besondere daran ist, dass sie von jemanden kommt, der zweifellos zu den privilegiertesten Personen zählt. Es steckt die Erkenntnis darin, dass einen auch die besten Plätze der Gesellschaft nicht von Selbstdisziplin, Fokussierung und Leistungsdruck befreien, es einem auch hier nicht möglich ist, in gewissem Sinne frei irgendwelchen Tätigkeiten nachzugehen.

Gleichzeitig ist Petersens gesellschaftliche Stellung wahrscheinlich auch die Erklärung dafür, dass er sagt, die Freiburger Fans seien schlauer als er. Die Ahnung, dass es nicht besonders gut ankommt, wenn ein gut verdienender Bundesligaspieler beklagt, in seinem Beruf nicht intellektuell gefordert zu werden und immer nur über Fußball reden zu müssen, macht einen wahrscheinlich vorsichtig.

Doch trotz der vorsichtigen Formulierung musste der Querulant auch in diesem Fall zurechtgewiesen werden. Der Hinweis, dass gerade Fußballer genug Zeit und Geld hätten sich fortzubilden, ließ nicht lange auf sich warten. Ein unnötiger Seitenhieb, dass es niemandem verboten sei, sich Bücher zu kaufen, durfte natürlich nicht fehlen. Der Zuspruch und die Geschenke (Bücher und Eintrittskarten für das Museum), die der Freiburger Stürmer erhielt, rundeten die Absage an das leicht kritische Petersen-Statement ab: Lob und Belohnung für sogenannte konstruktive Kritik, das Ausblenden des tatsächlich kritischen Potenzials der Aussage und die häufige Betonung, wie viele Möglichkeiten die herrschenden Verhältnisse dem Einzelnen bieten.

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