Vorbericht und Gegneranalyse: FC Schalke 04 - SC Freiburg

Zur Vorbereitung des kommenden Spiels Schalke 04 - SC Freiburg habe ich mich mit Oliver Hommel (@OliverPJHommel) zusammengetan. Folgender Artikel zum FC Schalke 04 stammt von ihm, während mein Text aus Freiburger Sicht demnächst auf http://schalke-news.de/ erscheint.

 

Am Samstagmittag reist der SC Freiburg nach Gelsenkirchen, um sich mit dem FC Schalke 04 zu messen. Oder, wie viele behaupten, mit dem „schlechtesten Zweiten aller Zeiten“. Warum steht Schalke mit diesem „unattraktiven“ Fußball auf Rang 2? Statt die Lage der Bundesliga zu analysieren möchte ich euch ein paar Spieler und Spielzüge an die Hand geben, die zum einen leicht zu beobachten sind und zum anderen stellvertretend für den Schalker Erfolg stehen.

1. Die Grundausrichtung

Entgegen vieler Behauptungen in populären Medien baut Domenico Tedesco seine Taktik immer auf der gleichen Grundformation auf. Die Fünferkette spielt, wenn fit, in jedem Spiel mit dem gleichen Personal. Auf der Sechs steht Max Meyer, über dessen Positionswandel ausreichend diskutiert wurde. Die Ambivalenz des Schalker Spiels kommt fast ausschließlich von den verbleibenden 4 Positionen: ein bis zwei Spieler im zentralen Mittelfeld, ein bis drei Mittelstürmer, falsche Neuner, Zehner, oder wie man sie auch nennen will. Die Staffelung in der gegnerischen Hälfte wird mit zunehmender Eingespieltheit immer flexibler und wechselt innerhalb eines Spiels mehrfach. Der Vollständigkeit halber: in Ausnahmefällen kann auch auf Doppelsechs zurückgegriffen werden.
Das Herzstück der Tedesco-Taktik ist nicht die Aufstellung, sondern das Pressingverhalten. Schalkes größte Stärke sind die zweiten Bälle, die durch intelligentes Pressen und Verschieben errungen werden. Die fünf Siege in Folge mit einem Torverhältnis von 7-1 zeigen, wie ernst man das auf Schalke nehmen kann, wenn man will. Der Erfolg hat das Team geprägt und so ist sich niemand mehr zu schade, 95 Minuten nur zu zerstören und auf einen der folgenden Spielzüge zu warten.

2. Franco Di Santo – das Pressingmonster

Franco Di Santo hat keinen leichten Stand bei den Schalker Fans. Dabei ist der Argentinier einer der wichtigsten Spieler im Pressing von Tedesco. Und er hat genau eine Aufgabe: intelligent zerstören. War es anfangs noch so, dass der ballnahe Spieler entschied, ob gepresst wird oder nicht, so kommt diese Rolle nun vorwiegend Di Santo zu. In gegnerischem Ballbesitz ist sehr schön zu beobachten, wie Di Santo zum Pressing ansetzt und die nächsten zwei bis drei Spieler ca. eine Sekunde später folgen. Setzt jemand anderes zum Pressing an, so lässt sich das gegenteilige Phänomen beobachten: keiner macht mit. Nach vorne wählt Di Santo meist den direkten Weg auf den ballführenden Spieler, ein Mitspieler läuft zunächst Richtung nächstem Gegenspieler und dann im Bogen zum gleichen Spieler, um den Passweg abzuschneiden. Fast immer führt dies im ersten oder zweiten Versuch zum langen Ball des Gegners. 
Befindet sich Di Santo vor dem Ball, so ist er derjenige, der im Bogen anläuft und den Passweg nach hinten zumacht. Da ein Stürmer nun an der Abseitslinie lauert, hilft ein Außenverteidiger aus, wodurch fast immer eine Überzahlsituation hergestellt werden kann. Dabei öffnen sich durch das Spiel mit ballfernem Sechser und Dreierkette weniger Räume, als man erwarten würde.

3. Daniel Caligiuri – der One-Trick-Man

Das hört sich natürlich erstmal falsch an. Ist es auch. Die offensiven Qualitäten des Ex-Freiburgers sind hier sicherlich jedem bekannt, auf Schalke hatte er es zunächst allerdings schwer. Als offensiver Außenverteidiger musste er viel im Spiel nach hinten lernen, sein Pressingverhalten ließ stark zu wünschen übrig und eröffnete dem Gegner viele Räume auf rechts (wen es interessiert, der kann sich die Anzahl gelber Karten für rechte Innenverteidiger auf Schalke anschauen, die meistens daraus resultierten). Doch Caligiuri passte sich an und entwickelte sich so zu einem der Dauerbrenner in Tedescos Team. Sein charakteristischer Spielzug wurde somit unvorhersehbarer und entwickelte eine verblüffend hohe Erfolgsquote (Tor/Vorlage/Freistoß). Und der funktioniert so:
Die notwendige Voraussetzung ist, dass ein Schalker Stürmer den gegnerischen Außenverteidiger dazu zwingt, den geraden Passweg nach vorne zu schließen. Gegnerische Sechser müssen im Raum oder am Mann gebunden sein, ein bis zwei Schalker stehen an der Abseitslinie. Selten passt das alles, aber Caligiuri erkennt diese Situationen inzwischen fast immer. Mit einer Körpertäuschung und dem Ball nah am Fuß zieht er am gegnerischen Außenverteidiger vorbei in die Mitte. Passiert das, so ist die Sache schon fast gelaufen. Der linke Innenverteidiger des Gegners muss nun die Seite schließen, die der Außenverteidiger nicht mehr abdecken kann. Der (ballnahe) Sechser steht nun fast auf einer Höhe mit Caligiuri und kann ihn eigentlich nur mit einer Grätsche erreichen. Der zentrale (bzw. bei Viererkette rechte) Innenverteidiger deckt den verbleibenden Stürmer und muss sich für das Herauslaufen entscheiden, eröffnet damit aber den Pass in die Spitze. Dieses Dilemma kostet ihn ein bis zwei Sekunden, woraufhin Caligiuri ca. zehn Meter vor der Strafraumgrenze steht, wenn die Entscheidung des Verteidigers fällt. Nun bieten sich dem Ex-Freiburger eine unglaubliche Anzahl an Möglichkeiten: Dribbling, Distanzschuss, Pass auf den ballnahen oder ballfernen Stürmer, Pass auf den linken Außenverteidiger. Und bei jeder Möglichkeit ist der Erfolg vorprogrammiert. Ein bis zwei Passwege kann ein gut verteidigender Gegner vielleicht noch zustellen, aber niemals alle. Und mit Tempo in Richtung Gegenspieler zu laufen ist nun einmal die absolute Stärke eines Daniel Caligiuri. Das Resultat: 4 Tore, 6 Vorlagen, 29 Freistöße. Letztere nimmt er sicher auch gerne an, denn am Ende schießt er sie auch noch selbst. Ein perfektes Beispiel für einen komplett einstudierten Spielzug, der genau auf die vorhandenen Spieler zugeschnitten und somit von verblüffendem Erfolg ist.

4. Naldo – der Goalgetter

Ein 35-jähriger Innenverteidiger steht in der vereinsinternen Torjägerliste von Schalke auf Platz 2. Unglaublich eigentlich, aber wer sich ein paar Standards von Schalke anschaut, den wundert das nicht. Klar, ein Spieler mit 1,98m und dieser Sprungkraft ist schwer zu verteidigen. Das ist aber noch nicht alles.
Die Standards von Schalke und das Verhalten der Gegner über den Saisonverlauf zu beobachten macht wirklich Spaß. Alles fing damit an, dass Naldo am 3. Spieltag gegen Stuttgart ein Kopfballtor nach Freistoß erzielte. In der Folge fingen viele Gegner an, Naldo zu doppeln, und konnten ihn so bändigen. Beim legendären 4:4 im Revierderby ließ sich Tedesco etwas Neues einfallen: Nastasic stellte sich zwischen den Brasilianer und seinen einen Gegenspieler und zwang diesen dazu, ihm zu folgen. Naldo blieb kurz stehen und nutzte die Verwirrung im Strafraum zum Ausgleichstreffer. Köln reagierte darauf, dass man nun drei (!) Gegenspieler für Naldo abstellte. So bekam man ihn wieder in den Griff. Das Ganze schaukelte sich so hoch, dass Tedesco gegen Augsburg drei andere Spieler um Naldo herumstelle. Augsburg war es rein platztechnisch nicht möglich, mehr als fünf Spieler dort abzustellen, und wieder erzielte Naldo ein Tor. Die Geschichte geht bis zum heutigen Tage genau so weiter: der Gegner lässt sich etwas Neues einfallen, Tedesco reagiert ein paar Spiele später. Mancher Gegner ist damit so überfordert, dass er in totales Chaos verfällt. So stellte Stuttgart drei Spieler hinter (!) Naldo, der somit problemlos und völlig unbedrängt einköpfen konnte. Eine weitere beliebte Taktik ist, dass zwei Spieler den 35-jährigen direkt bedrängen wollen, der allerdings von ein bis zwei Mitspielern geschützt wird, und ein Spieler von hinten gegen seine eigenen Mitspieler drückt, um so Naldo zu blocken, welcher daraufhin seinerseits gegen seine Vordermänner schiebt. Eine Szene wie beim Gedränge im Rugby oder American Football und eines von vielen abstrusen Bildern, die sich bei Schalker Standards beobachten lassen. Und der Hauptgrund dafür, warum Schalke nach Standards noch gefährlicher ist als der SC Freiburg.

5. Fazit und Prognose

Fazit
Nach vier Spielen ohne Gegentor will man sich die Serie gegen Freiburg sicher nicht kaputtmachen lassen. Bei einer so defensiven Ausrichtung scheint ein Tor des SC Freiburgs am Wochenende ziemlich unwahrscheinlich, denn zu Standards sollte es auch kaum kommen. Schalke tut sich im Spiel gegen die Doppelsechs nach vorne sehr schwer, das überladene Zentrum ist eigentlich eine ihrer Waffen, die somit entschärft wird. Das Spektakel bleibt also ziemlich sicher aus. Wer sich bei solchen Spielen also oft langweilt, der achtet diesmal vielleicht auf die Kleinigkeiten, die in diesem Artikel exemplarisch dargestellt wurden.

Prognose
Ein 1:0 für Schalke mit dieser Aufstellung:

-------Di Santo--Burgstaller--------
-------Harit-----------Goretzka------
Oczipka---------------------Caligiuri
---------------Meyer-------------------
--Nastasic-—Naldo----Kehrer----
--------------Fährmann--------------
 

Kommentare

0zone (nicht überprüft)

Ein sehr gut geschriebener Artikel. Das Grundverhalten und exemplarische Spielzüge wurden sauber entschlüsselt. Wer weiß, vielleicht rettet dieser Artikel wirklich für Einige den Fußballabend, wenn man sich sonst nur 90min ein Mittelfeldgebolze anschaut ;).

Als Verbesserungspunkt würde ich noch anmerken, dass die einzelnen Spielsituationen noch schwierig zu lesen sind. Eine Zeichnung würde das Ganze deutlich verständlicher machen.

Trotzdem: sehr gute Arbeit und ich freu mich schon auf das (hoffentlich nicht langweilige) Spiel! :)

Oliver Hommel (nicht überprüft)

Hallo Ozone,
Vielen Dank für deinen Kommentar. Du hast sicher Recht, dass Zeichnungen helfen würden. In meinem Kopf habe ich die Szenen natürlich, aber der Leser ja nicht.
Ich gelobe Besserung :)

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