Drei Punkte gegen Leipzig

1. Unterschiedliche Entwicklungen

Vor zwei Saisons noch bewegte sich der SC Freiburg auf Augenhöhe mit dem Gegner dieses 19. Spieltags. Auch wenn Leipzig damals schon deutlich überdurchschnittliche Transferausgaben hatte und sich in der 2. Liga die Stürmer Poulsen und Selke leistete, wurde dies damals noch mit einem glücklichen Händchen von Hartenbach/ Saier ausgeglichen. Grifo, Philipp, Petersen und Niederlechner waren auf ähnlichem Niveau wie der Leipziger Sturm. Doch während die beiden Freiburger Top-Spieler Grifo und Philipp den Verein verlassen haben, konnten die Rasenballisten all ihre Leistungsträger halten und den Kader noch durch Spieler wie Werner, Keita, Upamecano, Bruma oder Kampl verstärken. Nicht zu vergessen, dass auch der Trainerposten erst in der 1. Bundesliga mit Hasenhüttl besetzt wurde.

Aus Freiburger Sicht gehört RB Leipzig nun zu jenen drei Mannschaften, gegen die man mehr auf das Tore verhindern, als auf das Tore schießen achten muss. Der Qualitätsunterschied zu Dortmund, Bayern und Leipzig ist so viel größer, dass es selbst bei eigenem Ballbesitz eher darum geht, das Spielgerät nicht in gefährlichen Räumen zu verlieren, um nicht vollständig unter die Räder zu geraten.

2. Freiburg gegen Top-Mannschaften

Deutlich wird diese Besonderheit beim Vergleich mit Spielen gegen den HSV. Das Stichwort ist Gegenpressing. Ähnlich wie in Leipzig ist Hamburgs Spiel darauf ausgerichtet, den Ball nach eigenem Ballverlust möglichst schnell in der gegnerischen Hälfte wiederzugewinnen. Während der Gegner gerade von Defensive auf Offensive umschaltet und die geschlossene Formation öffnet, versucht man den Ball direkt wieder zu erobern. Dieser doppelte Umschalteffekt nach wiedergewonnenem Ball in gefährlichen Räumen führt häufig zu guten Möglichkeiten. Jürgen Klopp, der diese Art des Spiels in die Bundesliga einführte, sagte: „Gegenpressing ist der beste Spielmacher.“ Spielmacher deswegen, da es darum geht sich aktiv in die gefährlichen Räume zu bringen. Dies schaffen entweder Spieler wie Kroos, Pirlo oder Gündogan durch öffnende Pässe, oder eben das Gegenpressing.

Die große Frage für den SC Freiburg ist natürlich, wie man auf Mannschaften reagiert, die darauf aus sind nach Ballverlust, sofort den Ball zurückzuerobern. Und bei dieser Frage gibt es einen Unterschied, ob der Gegner RB Leipzig oder der HSV ist. Denn, auch wenn Gisdols Hamburg einiges an Druck ausüben konnte, wollte Streich im letzten Spiel nicht, dass man nach Ballgewinn das Leder immer nur weit rausschlägt. Mit Höfler, Haberer und Stenzel versuchte man sich häufig spielerisch aus dem Druck zu befreien. Dies stellte zwar ein gewisses Risiko dar, in die Hamburger Falle zu laufen, eröffnete aber auch Räume, wenn man das Hamburger Gegenpressing umspielen konnte. Die Herangehensweise gegen Hamburg war mutig, entspricht aber der Streichschen Spielidee, die Spielkontrolle nie ganz abzugeben und vollkommen in die Passivität zu abzugleiten.

Diese Spielidee wird auch in dieser Saison relativ konsequent verfolgt. Teilweise kommen dabei überzeugende Auftritte, wie gegen Gladbach, Hannover oder Hoffenheim heraus und manchmal wird man dadurch ziemlich auseinandergenommen, wie gegen Leverkusen oder Wolfsburg. Diese Ausschläge nach unten kann man aber ganz gut hinnehmen, da der Freiburger Mut eben auch hin und wieder belohnt wird.

Mut ist allerdings nicht das Gleiche wie Tollkühnheit. Das gute Hamburger Gegenpressing flach zu umspielen ist das Eine, dem Dortmunder oder Leipziger Gegenpressing eine spielerische Idee entgegenzuhalten etwas völlig anderes. Gegen Bayern München hat es Streich teilweise mit flachem Umschaltspiel über Kent und Haberer nach Ballgewinn am eigenen Strafraum probiert und ist damit gescheitert. Erfahrungen, in denen man von Dortmund oder Leipzig zerlegt wurde, hat der Freiburger Trainer auch zu genüge gesammelt. Dies sollte sich nicht wiederholen.

3. Der Plan

Verletzt fehlten für das Heimspiel gegen Leipzig die Spieler Lienhart, Höfler, Frantz, Kapustka, Ravet, Kath und Niederlechner. Haberer und Kleindienst waren unter der Woche noch angeschlagen. Es spricht für den Freiburger Kader, dass man trotzdem immer noch einen kleinen Spielraum bei der Aufstellung hatte. Beim 5-2-3 entschied sich Streich für drei „echte“ Innenverteidiger, drei Stürmer und die kämpferische Doppelsechs Abrashi/ Koch. Schuster und Terrazzino blieben auf der Bank.

---------------------Petersen-------------------
----Haberer-----------------------Höler-------
-----------Abrashi---------Koch---------------
Günter---------------------------------Stenzel
----Kempf--------Gulde--------Söyüncü----

Defensiv agierte man in unterschiedlichen Phasen. Die erste Pressingstufe gegen die Leipziger Verteidiger war ein 5-2-3 mit vorgezogenem Petersen. Konnte Leipzig den Ball trotzdem gut zwischen den Verteidigern zirkulieren lassen und die Freiburger etwas nach hinten drängen, rückte Haberer eine Linie nach hinten: 5-3-2. Kam Leipzig ins letzte Drittel, rückte auch Höler ein: 5-4-1. Das flache 5-4-1 klingt aber etwas passiver, als es war. Immer wieder löste sich ein Freiburger aus dieser Formation heraus, um die Leipziger zurückzudrängen und wieder ins 5-3-2 zu kommen.

Nach Ballgewinn agierte man aus den genannten Gründen eher vorsichtig. War Leipzig zu weit entfernt, um richtig ins Gegenpressing zu gehen, versuchte man flach umzuschalten, meist wurde aber zurück zu den Innenverteidigern oder zu Schwolow gepasst. Hatte Leipzig viele Spieler in Ballnähe, war man sich auch nicht zu Schade dafür, den Ball einfach weit in die gegnerische Hälfte zu schlagen.

4. Die erste Halbzeit

Der Spielverlauf bestätigte den SC Freiburg in seiner Spielausrichtung. Obwohl die Leipziger im Mittelfeld die meisten Bälle erobern konnten, schaffte es Freiburg, sie gerade am Anfang vom eigenen Strafraum fernzuhalten und kam selbst zu einer kleinen Chance. Stenzel spielte einen schönen Pass auf den eingelaufenen Abrashi, dessen Schuss im Strafraum allerdings geblockt wurde.

Die Leipziger brauchten 27 Minuten, um in den Freiburger Strafraum zu kommen. Söyüncü wurde stark unter Druck gesetzt und musste den Ball unkontrolliert ins Mittelfeld schlagen. Kampl eroberte den Ball und spielte direkt auf den frei stehenden Augustin. Bruma verwandelte den Abpraller. Sein Tor zählte aber nicht, da Augustin schon beim ersten Abschluss im Abseits stand. In dieser Szene kam es auch zum Zusammenprall mit Schwolow, der daraufhin das Feld verlassen musste.

Die Auswechslung des Freiburger Stammtorhüters beeinflusste das Spiel durchaus. Hatte man vorher noch eine funktionierende Ballzirkulation zwischen den drei Innenverteidigern und Schwolow, die die Leipziger etwas herauslockte, war man mit Gikiewicz dazu gezwungen den Ball noch früher weit nach vorne zu schlagen. Der Verlust an spielerischem Niveau auf der Torwartposition wurde mit etwas mehr Offensive ausgeglichen. Man versuchte den Ball vom eigenen Tor wegzuhalten. Die Innenverteidiger rückten etwas weiter auf und man versuchte mehr Präsenz im Mittelfeld zu zeigen. Dies führte auch prompt zur besten Freiburger Phase und der ersten richtigen Chance in der ersten Halbzeit. Es war Lucas Höler, der nach einer Flanke von Günter fast durch eine eingesprungene Volleyabnahme zu seinem ersten Bundesliga-Tor gekommen wäre.

Wenig später konnte sich der Sportclub über rechts durchsetzen, von wo aus eine Flanke von Stenzel bis zu Günter durchrutschte, der aber mit seinem schwächeren rechten Fuß keine wirkliche Gefahr erzeugen konnte.

Leipzig hingegen kam in der Nachspielzeit der 1. Halbzeit zu der einzigen Chance, die sie aus ihrer Formation ohne einen Umschaltmoment herausspielen konnten. Augustin legte sich den Ball allerdings etwas zu weit vor und Gikiewicz war rechtzeitig zur Stelle. Mit einem verdienten 0: 0 ging es in die Pause. Der SC Freiburg hatte es bis dahin geschafft sich, gegen eine individuell deutlich besser besetzte Mannschaft, sogar ein leichtes Chancenplus in einem insgesamt chancenarmen Spiel zu erarbeiten.

5. Die zweite Halbzeit

Die gute Freiburger Leistung hatte allerdings auch viel mit dem Gegner zu tun. Versuchte Leipzig seit der letzten Rückrunde mehr und mehr Ballbesitzfußball einzustudieren, hatte Hasenhüttl vor kurzer Zeit angekündigt, wieder größeren Wert auf das typische Leipziger Spiel zu legen. Letztendlich bedeutet dies den Fokus wieder auf Pressing, Gegenpressing und Umschaltspiel zu legen. Auch wenn Leipzig dadurch wirklich gefährlich ist, geben sie damit einiges an Spielkontrolle ab. Das zeigte sich auch am Anfang der 2. Halbzeit. Freiburg zog sich etwas zurück. Leipzig wurde dominanter, aber ohne sich große Tormöglichkeiten herauszuspielen. Sie waren auf Ballverluste des Gegners angewiesen, die Freiburg in diesem Spiel bis zur 66. Minute weitestgehend zu verhindern wusste.

Dann war es aber passiert. Ballverlust im Mittelfeld, Pass in die tiefe und ein guter Schuss von Werner: 0: 1. Es war sicherlich deprimierend für die Mannschaft und Streich, dass man diese Momente so lange verhindern konnte, die Qualität des Gegners aber doch kurz aufblitzte und man das Gegentor fing.

Umso überraschender war es, dass der Sportclub daraufhin wieder zurückkommen konnte. Ohne den ganz großen Druck aufzubauen, kam der Sportclub noch zu zwei weiteren Ecken, die von Haberer und Koch verwandelt wurden. Wie schon gegen Frankfurt brachte Günter diese Ecken sehr gut in die gefährliche Zone. Der Freiburger Außenverteidiger scheint in der Winterpause an seinen Standards gearbeitet zu haben.

Es ist hervorzuheben, dass der Sportclub auch in den letzten 15 Minuten keine richtige Torchance der Leipziger mehr zuließ. Auch die große Freiburger Anfälligkeit, wenn der Gegner die Brechstange auspackt und weite Bälle nach vorne schlägt, schien verschwunden zu sein.

6. Fazit

Der SC Freiburg gewann dieses Spiel durch eine disziplinierte Defensivleistung. Mit ein paar gewonnen Zweikämpfen im Mittelfeld nach langen Bällen und gelegentlichen Durchbrüchen auf Außen, kam man auch selbst zu ein paar Standardsituationen und Chancen.

Leipzig muss sich vorwerfen lassen, zu sehr auf den Umschaltmoment fixiert gewesen zu sein. Da Freiburg in dieser Hinsicht dem Gegner keine großen Angebote machte, kamen sie nur zu drei Schüssen aufs Tor, einem Abseitstreffer und einem Treffer nach Handspiel von Kampl. Auch wenn die beiden Spielmacher Forsberg und Keita nicht zur Verfügung standen, war das etwas zu wenig. In einzelnen Momenten konnte man sehen, was Bruma mit den Ersatzgeschwächten Freiburgern anstellen könnte, wenn er in Position gebracht wird. Der fehlende Plan aus eigenem Ballbesitz Chancen zu erarbeiten, ermöglichte es Freiburg aus einem Spiel mit dem normalen Chancenverhältnis 20 zu 80, durch eine gute defensive Ordnung und weiten Bällen nach vorne ein 40 zu 60 Spiel zu machen. An einem guten Tag wie diesem, sogar ein ausgeglichenes Spiel, dass die Mannschaft mit den besseren Standards für sich entscheiden konnte.

Schüsse:     9 (SCF): 12 (RBL)
Schüsse aufs Tor:     4 : 3
Expected Goals:    0,54 : 0,75
Ecken:     6 : 6
gefährliche Ecken:    2 : 0
Ballbesitz:    41% : 59%
Laufleistung:    120,30 Km : 117,39 Km

7. Ausblick

Der Blick auf die Verletztenliste treibt dem Freiburgfan wohl einige Sorgenfalten auf die Stirn. Fast das ganze kreative offensive Personal ist nicht Einsatzfähig. Wenn man aus dieser Situation aber etwas Positives herausziehen möchte, kann man sagen, dass es für diese Phase der Saison sehr passende Verletzungen sind. Gegen Leipzig, Dortmund und Leverkusen liegt der Fokus auf der defensiven Stabilität und den Standardsituationen. Da ist die Rückkehr von Gulde wichtiger, als ein fitter Ravet oder Kapustka. Die Doppelsechs Abrashi/ Koch ist spielerisch sicherlich unter dem Duo Haberer/ Höfler anzusiedeln, gleicht dies aber durch ihre Zweikampfstärke wieder aus. Und selbst der Zwang Höler gleich ins kalte Wasser zu werfen, hat sich im Nachhinein als passende Besetzung der ersten Pressinglinie herausgestellt. Mit seiner zweikampforientierten Spielweise scheint er der perfekte Ersatz für Niederlechner zu sein.

Die spielerische Verantwortung liegt momentan auf den Schultern von Stenzel und Günter. Wahrscheinlich würden sich beide freuen mit Höfler und einem zurückfallenden Kleindienst etwas mehr Unterstützung im Spiel nach vorne zu erhalten, schlagen sich aber auch so ganz gut.

Zwei Wochen haben die Verletzten noch Zeit sich zu erholen und ihren defensiv stärkeren Mitspielern beim Verschieben gegen Dortmund und Leverkusen zuzuschauen. Dann sollten sie allerdings langsam zurückkommen, damit der Sportclub auch wieder mehr Lösungen mit dem Ball anbieten kann.

Kommentare

RBL-Fan (nicht überprüft)

Erfrischeind objektiver Blick auf Euren verdienten Sieg. Freue mich schon auf das nächste Spiel, dann hätte ich die drei Punkte gern wieder in Leipzig.

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