Streich vs. Nagelsmann

1. Christian Streich: Weder reiner Taktikfuchs, noch Taktikgegner

Spätestens in der letzten Rückrunde hatte Streich sein coming-out als jemand, der zu taktischen Spielereien fähig ist. Im Rückspiel gegen die TSG Hoffenheim lieferte er sich in der ersten Halbzeit ein wahres Umstellungsduell mit dem neuen Stern am Trainerhimmel: Julian Nagelsmann. Wird Streich auf dieses Spiel angesprochen, macht er allerdings sehr schnell deutlich, dass ihm diese Taktikdebatte, in der Form in der sie häufig geführt wird, nicht besonders gefällt. Streich will kein Trainer sein, dessen Merkmal es ist drei Umstellungen in einer Halbzeit vorzunehmen. Was in seinen Äußerungen zu diesem Thema besonders auffällt, ist sein undogmatischer Zugang. Denn er stellt sich auch nicht auf den Standpunkt, dass Formationen – also die oberflächlichste und sichtbarste Form der Taktik – im Fußball keine Rolle spielen würden.

Er sagte, dass er am liebsten mit einer Formation durchspielen würde. Falls ein Gegner allerdings deutlich überlegen ist, muss das Trainerteam sich auf diesen einstellen und vor dem Spiel die Taktik im gesamten, also vielleicht auch die Formation, anpassen. Wenn sich ein Gegner an die Freiburger Formation anpasst und sich dadurch einen klaren Vorteil durch Überzahl in bestimmten Räumen verschafft, muss der SC Freiburg reagieren und selbst innerhalb eines Spiels seine Taktik ändern, um diesen Vorteil auszugleichen. Die Bundesliga ist flexibler geworden. Streich erkennt das, nimmt es in sein eigenes Spiel auf, ohne diese Entwicklung zu überhöhen. Seine Aussagen zur Taktik lassen darauf schließen, dass taktische Flexibilität und penible Gegneranalyse immer nur Mittel dazu sind, das eigene System unter Berücksichtigung des Gegners möglichst gut zur Entfaltung zu bringen.

Übrigens ist Nagelsmann ebenso wenig auf diese oberflächliche Form der Taktik zu reduzieren. Hoffenheim fällt zwar schon auch dadurch auf, dass sich Spieler sehr gut positionieren und Umstellungen sauber ausführen, aber fast noch mehr durch grundsätzliche Fähigkeiten, wie zum Beispiel flache präzise Pässe in den Fuß des Mitspielers oder Reaktionsschnelligkeit in chaotischen Situationen.

2. Streichs Plan A

Nagelsmann konnte Streich auch dieses Mal überraschen. Als die Mannschaftsaufstellungen rauskamen, konnte man mit einer Hoffenheimer Dreierkette rechnen. Als das Spiel angepfiffen wurde, stellte sich dies allerdings als Fehleinschätzung heraus. Kevin Vogt wurde nicht als zentraler Innenverteidiger aufgestellt, sondern als Mittelfeldspieler vor der Abwehr.

Das Freiburger Pressing im 5-2-3 war eigentlich darauf ausgelegt drei Innenverteidiger mit drei Angreifern anzulaufen. Die beiden gegnerischen Mittelfeldspieler sollten von Höfler und Frantz mannorientiert gedeckt werden. Ebenso sollten sich Stenzel und Günter sehr offensiv an den beiden Außen Hoffenheims orientieren. Diese vielen Eins gegen Eins Duelle, gegen einen individuell überlegenen Gegner, der sich gut aus engen Räumen befreien kann, scheint auf den ersten Blick sehr riskant. Doch Hoffenheim hat in den letzten Wochen einiges an Substanz verloren. Es gibt immer noch einige Verletzte und angeschlagene Spieler. Diejenigen, die halbwegs fit waren, hatten noch am Donnerstag im Osten Bulgariens gespielt und verloren. In dieser besonderen Situation ergab es durchaus Sinn, den Gegner in viele aufreibende Duelle zu zwingen und sich die Hoffenheimer Dreifachbelastung zunutze zu machen.

3. Streich entscheidet sich gegen die Umstellung

Das Freiburger 5-2-3:

-------Terrazzino-----Haberer-----Niederlechner---
-------------------Höfler----------Frantz------------------
Günter--------------------------------------------Stenzel
-----Söyüncü--------Schuster----------Lienhart------
-------------------------Schwolow-------------------------

Auf der Pressekonferenz nach dem Spiel gestand Streich, mit dem Gedanken gespielt zu haben, auf die leicht veränderte Rolle Vogts mit einer Umstellung zu reagieren. Wahrscheinlich um die Unterzahl (3 gegen 2) im Mittelfeld auszugleichen. Es hätte einerseits die Möglichkeit gegeben Schuster aus der Dreierkette nach vorne zu ziehen (4-4-2), andererseits Terrazzino im Pressing eine Linie zurückzuversetzen (5-3-2). Das Spiel hatte also durchaus Potenzial für eine Neuauflage des Umstellungsduells Nagelsmann gegen Streich. Vielleicht war es auch der Plan von Nagelsmann Streich ständig zur Reaktion zu zwingen, damit Freiburg nicht in das eigene Spiel kommt. Streich entschied sich aber dafür diese Dynamik zu unterbrechen und nicht umzustellen.

Stattdessen sollte Vogt durch die Zusammenarbeit des vorderen Fünferblocks (2-3) aus dem Spiel genommen werden. Die Angreifer Terrazzino, Haberer und Niederlechner sollten die Aufbauspieler so anlaufen, dass Vogt möglichst dauerhaft in ihrem Deckungsschatten steht. Höfler und Frantz hatten die Aufgabe sich teilweise von ihren Gegenspielern Geiger und Rupp zu lösen, falls sich Vogt aus diesem Deckungsschatten befreien konnte. Dass die Freiburger Mannschaft diese komplexe Aufgabe fast immer lösen konnte und die TSG zu langen Bällen zwang, zeigt wie hoch das taktische Niveau dieser Mannschaft ist.

Aus der überraschenden Rolle Vogts ergab sich allerdings noch ein zweites Problem. Wie schon erwähnt, scheint es der Plan gewesen zu sein, dass Günter und Stenzel sich vergleichsweise eng an den beiden Außenspielern Hoffenheims orientieren sollten, wenn diese in Ballnähe sind. Sie standen aber durch das Aufrücken Vogts, deutlich tiefer in der eigenen Hälfte, um die beiden Innenverteidiger beim Aufbau zu unterstützen. Doch auch hier entschied sich Streich dafür, einfach am ursprünglichen Plan festzuhalten. Somit rückten Stenzel und Günter sehr häufig, auch bei Hoffenheimer Ballbesitz, weit in die gegnerische Hälfte auf und unterstützten das Angriffspressing.
Denn wie schon im alten 4-4-2 ist das Freiburger Angriffspressing darauf ausgelegt, den Ball auf die Außenverteidiger zu lenken, um diese dann zu isolieren und den Ball zu erobern. Dafür braucht man den eigenen Außenverteidiger um den Weg nach vorne zu versperren. Bei dieser Aktion geht der Sportclub allgemein ein sehr hohes Risiko ein und lässt einige ballferne Gegenspieler frei, um mit möglichst vielen Spielern Druck aufzubauen und die Anspieloptionen zu blockieren. Die Ballgewinne, die daraus resultieren sind allerdings meist sehr vielversprechend.

Die letzte große Auffälligkeit war das Freiburger Gegenpressing. Bei eigenem Ballbesitz rückte die ganze Mannschaft weit auf und hatte gerade auf der linken Seite immer genug Spieler, um sich bei eigenem Ballverlust nicht zurückzuziehen zu müssen, sondern gleich wieder den Ball erobern zu können. Dieses intensive Gegenpressing wurde nur von der Dreierkette und selten auch von Höfler und Stenzel abgesichert, die sich aber meist selber daran beteiligten. Auch dieser Ansatz war mutig und risikoreich, wurde an diesem Tag aber so gut ausgeführt, dass die Vorteile die Nachteile klar überwogen.

4. Kurze Anpassungsschwierigkeiten in den ersten Minuten

Schon in der ersten Minute hätte diese mutige Freiburger Spielanlage zum Gegentor führen können. Nordtveit hatte den Ball. Haberer orientiere sich an Vogt. Stenzel und Günter waren schon leicht aufgerückt. Dann ließ sich Wagner ins Mittelfeld fallen und wurde von Schuster verfolgt. Lienhart musste leicht einrücken, um kein zu großes Loch zwischen den Innenverteidiger entstehen zu lassen. In diesem Moment startete Hack in die Lücke zwischen dem eingerückten Lienhart und dem aufgerückten Stenzel und wurde von Nordtveit mit einem langen Ball hinter die Abwehr angespielt.
Lienhart schaffte es gerade noch Hack den Ball vom Fuß zu spitzeln.

Den Freiburgern gelang es aber mit der Zeit die Innenverteidiger so unter druck zu setzten, dass sie nicht mehr zu präzisen langen Pässen fähig waren. Meist wurde sogar der Torwart Baumann zu weiten Bällen Richtung Wagner gezwungen, die erstaunlich gut von Lienhart geklärt werden konnten.

In der 13. Minute passierte es dann aber doch. Nach einem Abschlag von Schwolow verlor Niederlechner das Kopfballduell. Wagner hatte sich wieder etwas zurückfallen lassen, wurde aber nicht von Schuster verfolgt. So hatte er einen kurzen Augenblick um Hack, der schon wieder in die Schnittstelle zwischen Stenzel und Lienhart gestartet war, in den Lauf zu spielen. Dieses Mal konnte Lienhart Hacks Vorsprung nicht mehr einholen: 1:0. Dabei sah leider auch Schwolow, der ansonsten ein hervorragendes Spiel machte, nicht gut aus, da er den Laufweg Hacks nicht weit genug mitgegeangen war. So wurde das kurze Eck immer größer und der Hoffenheimer Teenager musste nur hart und gar nicht so platziert ins kurze Eck abschließen, um die TSG in Führung zu bringen.

5. Der schnelle Gegenschlag

Mit dem ersten Angriff nach dem Gegentor konnte Freiburg zum Glück ausgleichen. Höfler dribbelte sich ansehnlich durch die Mitte, spielte einen mittelmäßigen Ball auf Haberer, der den gerade noch auf Frantz weiterleiten konnte. Daraufhin lief Frantz in Richtung Eckfahne und spielte den Ball zurück auf den sehr frei stehenden Günter. Halbfeldflanken von Außenverteidigern sind eigentlich nicht so gerne gesehen. Aber wenn Günter so viel Platz hat und man den Strafraum mit zwei Spielern, bei nur drei Gegenspielern, besetzt hat, kann man das schon mal machen. Haberer verlängerte und Niederlechner glich, mit einer sehr schönen Bewegung und einem Schuss in die kurze Ecke, aus.

Wie die Freiburger, beim Hoffenheimer Führungstor schon hätten gewarnt sein müssen, so hätte auch den Hoffenheimern beim Freiburger Führungstor ein etwas besseres Kurzzeitgedächtnis geholfen. Schon am Anfang der Partie schlug Schuster eine Ecke an den kurzen Pfosten, die von Höfler verlängert wurde. Niederlechner verpasste nur knapp. Beim 2:1 war es wieder eine Ecke, Kopfballverlängerung Höfler, Tor Söyüncü. Übrigens konnte man diese Variante auch schon bei Petersens Tor gegen Hannover sehen.

Trotz der Führung veränderte Freiburg erst einmal nichts an der Formation, die bis dahin so gut funktioniert hatte, obwohl man auf eine andere Hoffenheimer Formation eingestellt gewesen war. Nur Haberer kümmerte sich etwas aufmerksamer um Vogt. So kam die TSG eher selten mit ihren flachen Pässen durch die Mitte und der Sportclub konnte ihr Spiel meist unterbinden. Eine bemerkenswerte Leistung, gegen so ein starkes Team.
Obwohl man dazu sagen muss, dass der direkte Ausgleich enorm wichtig war. Falls der SC mit der Zeit noch offensiver hätte agieren müssen, wären die Lücken zu groß geworden. Unwahrscheinlich, dass Hoffenheim das nicht genutzt hätte.

6. Nagelsmann passt sich an

Ab der 30. Minute stellte Nagelsmann leicht um. Vogt rückte im Aufbau zwischen die Innenverteidiger und die Außenverteidiger rückten weiter auf. Also genau so, wie es Streich von Anfang an erwartet hatte. Für Freiburg gab es keinen Anlass darauf zu reagieren. Nur Haberers Genick wurde ein wenig entlastet, da er Vogt nun vor sich, statt immer nur in seinem Rücken, hatte.

In der zweiten Halbzeit entwickelte sich das Spiel so, wie man es vorhersehen konnte. Der SC Freiburg blieb in seiner Formation, zog sich aber etwas weiter zurück. Gerade Höfler und Frantz gingen seltener nach vorne. Mit den drei Angreifern, hatte der Sportclub aber immer noch genug Offensivpotenzial auf dem Platz, damit die TSG nicht komplett auf das Absichern verzichten konnte. Man war defensiver, aber ohne sich bloß hinten rein zu stellen. Mit der Zeit schwanden auf beiden Seiten die Kräfte. Ravet und Petersen wurden für Frantz und Terrazzino eingewechselt. Haberer rückte ins Mittelfeld neben Höfler.

Der neue Angriff (Niederlechner(später Kath), Petersen und Ravet) war etwas frischer und konnte somit auch beide Aufgaben übernehmen: Bei Ballgewinn den Konter ausspielen und zu dritt nach vorne rücken. Aber auch wieder zurücklaufen, um den Hoffenheimer Angriff zu stören. Trotzdem blieb das Spiel relativ lange offen. Schwolow konnte sich öfters auszeichnen. Erst in der 87. Minute fiel das 3:1 durch Stenzel, der sich noch ein letztes Mal aufgemacht hatte, um die drei Angreifer zu unterstützen.

Das Eigentor durch den taktisch so guten, aber manchmal auch so ungelenken Schuster, brachte dann den verdienten 3:2 Endstand. Man könnte hier über Abseits oder den Videoassistenten reden, muss es aber auch nicht. Es war knapp. Beim ersten Sieg für den SC Freiburg in der Saison 2017/18, bleibt das eine Nebensächlichkeit.

Streich konnte das Duell für sich entscheiden, indem er auf die Pressingfähigkeit seiner Spieler vertraute und nicht auf die Umstellungsspielchen von Nagelsmann einging. Man sieht, dass der Sportclub immer besser eingespielt ist und Streich ein flexibles gutes System etablieren konnte. In der Länderspielpause ist es nun seine Aufgabe auch Ravet, Kent, Kath und vielleicht auch Kapustka besser zu integrieren, damit das flexible System nicht mehr so starr in seiner Besetzung ist. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten scheint Streich mit seinem Team seit dem Spiel gegen Hannover auf einem sehr guten Weg zu sein.

7. Sandro Wagner ist ein... abgezockter Typ

Noch ein kurzer Abschluss zum emotionalen Teil des Spiels. Auch aufgrund des unvorteilhaften Spielplans befand sich der SC Freiburg in einer schwierigen Situation. Bis zum siebten Spieltag hatte man es nun schon mit drei Mannschaften der besten Vier in der Bundesliga zu tun gehabt. Und nach der Länderspielpause geht es nach München. Acht Spiele ohne Sieg hätten eine Negativdynamik erschaffen, die wahrscheinlich auch Einfluss auf das leichtere Programm zu Ende der Rückrunde gehabt hätte. Mit den drei Punkten kann man nun etwas entspannter in die Pause gehen.

Die Diskussion, wann ein Spiel zu einem Derby wird, ist ziemlich langweilig. Man kann aber nicht bestreiten, dass aufgrund der Spieler, die zwischen den Vereinen wechselten, eine gewisse Verbindung zwischen dem Sportclub und der TSG besteht, was die Spiele etwas emotionaler macht. Zusätzlich ist, wie auch Klopp im ZDF sagte, Hoffenheim eine sehr abgezockte Mannschaft, die auch das sogenannte „dreckige Spiel“ beherrscht. Allen voran Sandro Wagner.

Sicherlich hatte dieser, schon bevor er sich übergeben musste bemerkt, dass er durch seine Erkältung körperlich nicht in der Lage ist, dem Spiel seinen Stempel aufzudrücken. Daraufhin hat er sich wohl dafür entschieden mit einigen kleinen Provokationen die Freiburger Mannschaft und Zuschauer aufzuregen. Der Schubser gegen Stenzel war sehr kalkuliert. Reagiert Stenzel nicht, bemerkt der Schiedsrichter wahrscheinlich Wagners vergehen gar nicht. Geht Stenzel auf die Provokation ein, gibt es für beide Spieler eine Verwarnung. Die ist für den Verteidiger natürlich ein weitaus größeres Handikap, als für den Stürmer. Man kann froh sein, dass Wagner nicht häufiger mit dem manchmal etwas dünnhäutigen und aufbrausenden Söyüncü in Kontakt gekommen ist. Allgemein kann der SC Freiburg leider nicht besonders gut mit einer feindlich gesonnenen Atmosphäre oder Provokationen umgehen.

Wagners Verhalten befindet sich zwar im Rahmen der Regeln, bleibt aber höchst unsympathisch. Trotzdem ist das keine Rechtfertigung dafür, jemanden anzuspucken, was immer noch eine Straftat darstellt. Und auch das singende Beleidigen aus einem Kollektiv heraus, was auch bei Werner oder noch früher dem BVB schon geschmacklos war, sollte man zwar nicht überdramatisieren, aber auch nicht verteidigen. Pfiffe oder Ähnliches, müssten für Wagner und Co eigentlich vollkommen ausreichen.

 

Bei Spielverlagerung.de wurde übrigens mal wieder ein hervorragender Artikel zum SC Freiburg geschrieben: http://spielverlagerung.de/2017/09/30/christian-streich-kann-auch-5-1-4/

Auch ein kleiner Abschnitt zu diesem Spiel: http://spielverlagerung.de/2017/10/02/tes-bundesliga-check-erwartbares-v...

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