Bundesliga-Start trotz Pandemie – Versuch einer kurzen Zusammenfassung

Vorneweg: Bevor das Treiben in der Bundesliga wieder losgeht, sollen mit diesem Text ein paar Punkte der ungeplanten spielfreien Zeit festgehalten werden. Die beziehen sich allerdings nur auf Deutschland. Der internationale Blick wäre sehr wichtig, aber ich traue ihn mir nicht zu.

1. Bewusstseinsbildung durch Corona?

Eine kurze Zeit schien es so, als ob die durch das Coronavirus ausgelöste Krise die Normalität infrage stellen könnte. Der Profifußball rückte wie selbstverständlich in den Hintergrund und in der breiten Bevölkerung wurden ungewohnte Themen problematisiert: Der Zusammenhang von Arbeit und Gesundheit, die Sinnhaftigkeit der Verteilung von Arbeitskraft und Gebrauchsgütern, die Krisenfestigkeit von Lieferketten, der Wert des menschlichen Lebens (Triage), die Fragen nach Tod und Trauer, die Profitorientierung im Gesundheitswesen, Probleme der häuslichen Isolation, wie (meist von Männern ausgehende) Gewalt oder psychische Auswirkungen der Vereinzelung und die Fragen rund um bezahlte und unbezahlte Care-Arbeit. Der Begriff der „Systemrelevanz“ betraf zunächst Pflegeberufe und die Verteilung von lebensnotwendigen Gebrauchsgütern in Supermärkten. Zumindest verbal wurden internationale und lokale Solidarität ausgerufen, wovon aber nur bedingt etwas zu sehen war.

Diese Diskussionen scheinen langsam abzuflachen. Die Idealisierung der „Heldinnen-Berufe“ führte nicht zu besseren Zuständen oder besserer Bezahlung. Die Diskussion der Systemrelevanz erweiterte sich auch nicht auf andere, weniger sichtbare Berufe, wie die Produktion und den Transport von wichtigen Gebrauchsgütern. Der Aspekt, welche Produktion auch unabhängig von ihrer Profitabilität wichtig ist und welche nicht, tritt ebenfalls wieder in den Hintergrund. Im Gegenteil scheint nun schon über den Umweg des Stichpunktes „nationale Arbeitsplätze“ diskutiert zu werden, wie man die Produktion von Autos möglichst schnell in Gang setzen kann. Auch wenn es höchstwahrscheinlich ohnehin nicht möglich war, das Wertgesetz kurzfristig und auf bestimmte Sphären beschränkt, außer Kraft zu setzen, ist nun auch die Vorstellung davon und die Diskussion darüber in der breiten Öffentlichkeit passé. Die Möglichkeit das Ganze als ganz anderes wenigstens zu denken ist wieder überlagert. Der Faktor Geld tritt z. B. bei der Praxis der Tests wieder deutlich hervor und wird als Alternativlosigkeit vorgestellt. Auch Krankenhäuser sollen einerseits Betten für die Pandemie freihalten, andererseits droht ihnen durch die verschobenen Operationen die Pleite.

Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass einigen Arbeitgebern der Schutz ihrer Arbeiter herzlich egal ist und wohl auch zu Beginn der Pandemie schon war. Die skandalösen Zustände rund um die Spargelfelder, die Fleischfabriken, die Altenheime, die Callcenter usw. lösen leider keine größere Empörung in Deutschland aus. Auch die Kluft zwischen Einschränkungen in der Privatsphäre oder dem Versammlungsrecht (die sicherlich teilweise notwendig sind) und den tatsächlichen Verhältnissen bei der Arbeit und dem Weg dorthin, wird nur noch selten thematisiert. In den schlimmen Fällen werden diese berechtigten Fragen zur Abwägung von Grundrechten und Gesundheit von Verschwörungstheorien abgelöst. Die Infragestellung der Staatsreaktionen, die die Normalität über diese Krise hinweg aufrechterhalten will, wird also wieder von wahnhaften Bildern okkupiert, die wiederum einige Aufmerksamkeit auch von denjenigen fordern, die sie nicht in die Welt setzen oder verbreiten. Man muss sich ja mit ihnen auseinandersetzen und sich ihnen entgegenstellen, sobald sie gesellschaftlich relevant werden.
Ohne dass die angesprochene Normalität in den Alltag der Menschen zurückgekehrt ist, scheint zumindest vorübergehend die öffentliche Diskussion in Deutschland wieder in gewohnten Bahnen zu verlaufen.

2. Corona-Krise in der Bundesliga

Im Bereich Profifußball wurde in dieser Zwangspause schon deutlich weniger infrage gestellt. Die Verbindungen zwischen kapitalistischem und sportlichem Wettbewerb scheinen hier zu eng verwoben zu sein. Ganz ohne Irritation lief sie allerdings dennoch nicht ab. Lizenzauflagen wurden gelockert, die Großverdiener in der Struktur verzichteten auf Teile der Gehälter, Trainings fielen aus und ein kleiner Solidaritätsfonds von finanzstarken Klubs wurde eingebracht.
Es wurde deutlich, dass trotz der enorm hohen Summen, mit denen in diesem Bereich gehandelt wird, der Ausfall des Spielbetriebs für ein paar Wochen doch einen erheblichen Einfluss haben kann. Ebenso konnte man als distanzierter Beobachter lernen, dass das Verhältnis der Abhängigkeit von Fernsehgeldern zu Zuschauereinnahmen proportional zur höheren Ligazugehörigkeit steigt.
Der kapitalistische Charakter, der durch die emotionale Seite dieses Unterhaltungsbetriebs normalerweise überdeckt werden soll, wurde in diesem Augenblick vollumfänglich ausgesprochen: „Es geht natürlich am Ende des Tages auch im Profifußball um Finanzen.“ (Rummenigge zur Sportschau) Seifert äußerte sich ähnlich. Diese Aussagen sind wohl das, was am ehesten aus dieser Zeit bleibt, auch wenn sie nicht besonders neu sind.

3. Nimmt sich der Fußball zu wichtig?

Wenn Rangnick davon spricht, dass der Bundesligastart wichtig für die ganze Menschheit wäre, kann man sich durchaus die Frage stellen, ob sich der Profifußball in seiner Wirkung richtig einordnet. Allerdings ist Rangnick nicht „der Profifußball“ und die Frage scheint ein ziemlich äußerliches Verhältnis von Profisport und Gesellschaft zu unterstellen. Man fragt sich nur selten, ob sich die Autoindustrie, die Restaurants oder die Kleinkunstszene zu wichtig nimmt.
Aufgehangen wurde die Frage aber nicht nur an komischen Aussagen, sondern auch an der geplanten und nun durchgeführten Praxis der Tests im Spiel- und Trainingsbetrieb. Wie kann der DFL sich herausnehmen, Spieler und den engsten Mitarbeiterstab zweimal wöchentlich zu testen, während Altenpfleger, Krankenhauspersonal, Lehrer, Kassierer, Nahrungsmittelproduzenten usw. eben nicht flächendeckend getestet werden? Die Diskussion in den sozialen Medien brachte recht schnell eine Antwort: Tests werden gar nicht nach irgendeiner begründeten Entscheidung verteilt, sondern denjenigen zur Verfügung gestellt, die dafür bezahlen. Es geht also nicht um die Frage, ob der Profifußball zu wichtig genommen wird, sondern darum, dass Tests nur denjenigen zur Verfügung gestellt werden, die das nötige Kleingeld dafür haben. Der Unterschied zwischen der deutschen Fleischindustrie und des Profifußballs liegt also darin, dass die DFL Tests für seine wertvollsten Arbeiter organisiert und finanziert, worauf z. B. „Westfleisch“ eben verzichtet. Der Grund dafür findet sich wahrscheinlich auch nicht in der größeren Menschlichkeit der DFL im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen, sondern darin, dass der Profifußballer eine besonders wertvolle und im Einzelfall nicht so leicht ersetzbare Arbeitskraft darstellt. Zumindest kurzfristige körperliche Schäden sollen ihm nicht zugefügt werden. Langzeitschäden durch bspw. Kopfverletzungen werden allerdings deutlich weniger in den Blick genommen.

4. Konfliktlinien

Die DFL und die Klubs haben sich in letzter Zeit aber nicht nur durch einen Plan zur vorsichtigen Fortführung der Bundesliga hervorgetan, der von der Politik genehmigt wurde. Sie scheinen insbesondere darum zu kämpfen, dass Spieler, die sich trotz aller Vorsichtsmaßnahmen skeptisch äußern, wieder „eingefangen“ und die Maßnahmen nicht öffentlich diskutiert werden. Die Fälle Thiago, Verstraete und Kalou, die alle auf ihre Weise aufzeigten, dass es durchaus ein Unbehagen mit dem aktuellen Umgang des „Corona-Plans“ gibt, wurden ziemlich schnell glattgebügelt. Zusätzlich konnte man im Video von Kalou exemplarisch sehen, dass auch der Gehaltsverzicht nicht ganz so konfliktfrei abläuft, wie das von Vereinen kommuniziert wurde. Trotz des vielen Geldes, das den Spielern gezahlt wird, die von diesem Betrieb abhängig sind, deuten sich also einige Konfliktlinien an. Der DFL versucht diese möglichst unter Verschluss zu halten.

Eine andere Baustelle gibt es mit der aktiven Fanszene, die ziemlich deutlich gemacht hat, dass sie nicht viel von Geisterspielen hält. Insgesamt sind Umfragen zur Zufriedenheit mit dem Bundesligastart ziemlich uneindeutig. Bei der Fortsetzung des Spielbetriebs kann sich die Bundesliga also nicht auf die Fans berufen.

5. Unklare Aussichten

Wenn sich die Bundesliga nicht so richtig auf die Fans berufen kann, wird ziemlich klar, wofür gespielt wird. Der Rest der Saison muss irgendwie durchgezogen werden, damit die Millionen reinkommen, Klubs nicht insolvent gehen und man sich einen Vorteil gegenüber der internationalen Konkurrenz erwirtschaften kann. Dafür wird in Vorsichtsmaßnahmen investiert und gleichzeitig ein Restrisiko der Infektion der Spieler mit potenziellen, langfristigen Folgen eingekauft. Wie Fernsehzuschauer und Spieler auf diese Situation reagieren werden, ist nicht absehbar. Auch eine Reaktion gegenüber potenziell „rebellierenden“ Spielern von Seite der Öffentlichkeit ist nicht wirklich vorherzusagen. Wird es dafür Verständnis geben oder doch die Frage gestellt, warum viele vor Ort arbeiten müssen, die Spieler dies aber nicht wollen?
Es bleibt also eine ziemlich unsichere Situation, die schnell kippen kann.

 

 

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