Arminia Bielefeld – SC Freiburg 1 : 0


1. Bewertung

Das Internet war nach der 1:0 Niederlage gegen Arminia Bielefeld wieder ein sehr anstrengender Ort. Die Enttäuschung über die Niederlage gegen einen Abstiegskandidaten ließ jegliche Diskussion über die tatsächlich gesehene Leistung und die Umstände in den Hintergrund rücken. Dabei gab es auch eine Ignoranz gegenüber dem Gegner und allem was er gemacht hat. Das kennt man eher von Bayern- oder Dortmundfans. Individuell ist die Arminia wahrscheinlich das schwächste Team der Bundesliga. Und dennoch ist der Vergleich von Klassenunterschied weit entfernt. Mit Pieper, Ortega, Maier und Doan hat jeder Mannschaftsteil sein Highlight. Und nach dem umstrittenen Trainerwechsel ist man tatsächlich deutlich stabiler geworden. In den letzten vier Spielen gegen gute Teams erreichte Kramer zwei Unentschieden gegen Union und das aktuell sehr gut aufspielende Mainz 05, ein Sieg gegen schwächelnde Leverkusener und eine knappe Niederlage gegen Leipzig. Ein sogenannter Selbstläufer war also nicht zu erwarten. Gerade wenn man weiß, dass es auf Freiburger Seite einige sehr wichtige Spieler nicht im Kader standen und es nicht gerade die größte Freiburger Stärke ist, gute Umschaltteams zu bespielen.

Besonders Schade ist dabei, dass man die tatsächlich recht interessanten (wenn auch nicht immer erfolgreichen) Umstellungen personeller und taktischer Art, in diesen Bewertungen nur selten gewürdigt sah.

Als letztes Ärgernis kommt noch diese Kurzfristigkeit hinzu, die Fans gerne dem Boulevard unterstellen, aber doch noch extremer bei social media zu finden ist. Dass man im Hinspiel gegen ein deutlich schlechter aufgelegtes Bielefeld sich 60 Minuten lang die Zähne ausgebissen hatte und dann erst per Strafstoß zur Führung kam, scheint vergessen. Und auch, dass man in der Rückrunde immer noch mehr Punkte sammeln konnte als zum selben Zeitpunkt in der Hinrunde. Diese enorme Abhängigkeit vom Ergebnis des aktuellen Spieltags ist sehr anstrengend.

2. Die Ausgangslage

Auch wenn man in der Hinrunde gegen fünf „Kellerkinder“ hintereinander gewinnen konnte, hat der Sportclub weiterhin Probleme, die Balance in Spielen mit viel eigenem Ballbesitz zu finden. Etwas vereinfacht gesagt: Entweder man ist hinten zu offen oder es fehlt einem vorne die Durchschlagskraft.
In den besagten fünf Spielen in der Hinrunde legte man besonderen Wert auf die Kontersicherung, nachdem man gegen Mainz mit einem zu offensiven Ansatz große Probleme gehabt hatte. Defensive Stabilität und recht simple Angriffe über Außen brachten häufig Führungen. Mit denen im Rücken konnte man sich dann auf das Umschaltspiel konzentrieren. Das funktionierte häufig auch durch die eigene individuelle Qualität beziehungsweise Formstärke. Demirovic, Sallai, Grifo und Günter machen nicht bei jedem Unterzahlangriff ein Tor, aber in 90 Minuten kommen die schon hin und wieder durch.
In dieser Partie fehlte mit Grifo aber die spielerisch beste Offensivkraft. Und mit Höler und Demirovic wurde die gut harmonierende Offensivreihe Höler, Demirovic und Sallai auseinandergerissen. Zusätzlich fiel dann auch noch Höfler kurzfristig aus. Streich musste sich also etwas Neues überlegen. Eine Aufstellung ohne vier klare Stammspieler, die Komponenten von offensiver Kreativität und Technik (Grifo, Demirovic) und Struktur im Übergangsspiel (Höfler) gebracht hätten. Das ist tatsächlich nicht die einfachste Aufgabe (außer man imaginiert sich eine Weltklasseform in Bankspieler, die gerade erst genesen oder noch ohne viele Einsätze sind).

3. Die Aufstellung

Streich entschied sich für ein System mit einer Raute im Mittelfeld.

    Sallai    
    Jeong    
Günter Haberer   Santamaria Schmid
    Keitel    
  Gulde Schlotterbeck Lienhart  
    Müller    


Das ergab auch durchaus Sinn. Das ungewohnt zusammengesetzte Mittelfeld wurde durch die Dreierkette defensiv abgesichert. Auch im Aufbau gab die Dreierkette Struktur und Sicherheit in der tiefen Ballzirkulation. Mit der Raute und einem beweglichen Jeong gab es viele Anspielstationen.

Man wollte das Spiel wohl mehr durch das Zentrum aufziehen als sonst. Und genau das ist auch das Interessante an dieser Dreierketten-Rauten-Formation. Das Zentrum ist bei Freiburg häufig personell etwas unterbesetzt.

Zusätzlich kann man davon ausgehen, dass Streich hier seine „beste offensive Elf“ auf das Feld bringen wollte. Petersen und Kwon scheinen sich von ihren Ausfällen noch nicht ganz erholt zu haben. Til, Tempelmann und Burkhart sind wohl insgesamt nicht so nah am Kader und wären ohne die Ausfälle wahrscheinlich gar nicht eingewechselt worden. Bleibt noch Kübler, der bei Gleich- und Rückstand aber keine Option für Schmid war.

4. Das Spiel

Die Partie begann wirklich ordentlich. Das Aufbauspiel funktionierte und man kam gut ins letzte Drittel. Dort brachte man die Kombination aber selten zu Ende. Für eine Anfangsphase in einem ungewohnten System war das dennoch nicht schlecht, da die Ansätze deutlich zu erkennen waren. Leider bestätigte sich dieser Trend nicht. Freiburg hatte immer weniger Spielkontrolle und kam eben nicht mehr so gut flach aus dem Aufbau durch das Zentrum auf Außen. (Es gab noch Szenen über Günter, aber die brachten auch keine Chancen.)

Mit zunehmendem defensiven Zugriff und dann auch mehr Ballbesitz der Arminia merkte das Heimteam, dass Freiburg gar nicht so viel Zugriff im Pressing hatte.

Der Sportclub agierte im 5-3-2 gegen den Ball. Teilweise rückten Haberer oder Santamaria mit heraus. Dennoch bekam man die Breite in der ersten Pressinglinie nicht zu. Bielefeld holte sich Sicherheit und mehr Ballbesitz. Sie konnten zunächst aber auch nur wenige Chancen herausspielen. Da waren ihre gelegentlichen Vorstöße in der Anfangsphase ohne größeren Spielanteile sogar gefährlicher (Vogelsammer!).


Nach der Pause hatte Freiburg noch einmal gute 10 Minuten – allerdings wieder ohne Abschlüsse. Danach kam die Arminia wieder besser ins Spiel. In der 65. Minute hatten sie eine sehr schöne Aufbauszene durch das (eigentlich) dichte Freiburger Zentrum, die dann zu einem Distanzschuss von Vogelsammer führte. Kurz danach fiel dann das Tor nach einer Ecke. Santamaria wollte klären, fälschte den Ball aber ins Tor ab. Petersen nannte es ein „Gammeltor“ und das nicht zu Unrecht.

Danach fand der SC nicht mehr ins Spiel. Streich brachte Til und Petersen für Jeong und Sallai. Sie konnten aber eben sowenig Druck machen, wie die später eingewechselten Tempelmann und Kwon.

Ein zweites Gegentor, bei dem Müller sehr passiv blieb, wurde durch vorheriges Abseits zurückgenommen. Aber auch ohne das 2:0 wurde es für Bielefeld nicht mehr wirklich gefährlich.

5. Das System (Fazit)

Es war nicht das erste Mal, dass man das 5-Raute-1-System unter Streich sehen konnte, aber dieses Mal schien es eher aus der Not geboren zu sein. Vielleicht hätte man nach dem Rückstand nicht unbedingt Sallai und Jeong herausnehmen müssen, sondern mit ihnen auf dem Feld und Petersen und/ oder Til auf ein 3-4-3 oder 4-4-2 umstellen sollen. Dann hätte man aber kaum noch kontrolliert gegen Bielefelds gut organisiertes Pressing mit drei Mittelfeldspielern aufbauen können. Und das war auch tatsächlich das Positive an diesem System.
Die ersten 25 Minuten gab es einige gute Aufbauszenen durch das Zentrum – und das ist selten beim Sportclub. Aber nachdem Bielefeld dann das Zentrum dicht bekommen hat und man auf lange Bälle ausweichen musste, waren Jeong und Sallai vorne in diesem System viel zu sehr auf sich allein gestellt. Das System ist etwas zu sehr auf den spielerischen Ansatz angelegt – zumindest mit diesem Personal.
Man darf aber auch nicht vergessen, dass das 3-4-3 auch nicht vom ersten Tag an klappte. Hier ging es auch zunächst um die grobe Orientierung im System und mit der Zeit kamen immer mehr Details hinzu. Ich würde die Raute noch nicht abschreiben. Es ist ein spielerischer Ansatz mit guter Absicherung.

6. Einzelspieler (Fazit)

Jeong hatte in den ersten 25 Minuten einige sehr schöne Szenen. Mit ihm sieht man Kombinationen, die man ohne ihn eben selten sieht.

Günters Durchbrüche über Außen waren mal wieder sehr dynamisch. Leider fehlte häufig die passende Anschlussaktion.

Schlotterbeck hatte sehr schöne Pässe im Aufbau. Lienhart und Gulde hatten allerdings keinen so auffälligen Tag insgesamt.

Keitel konnte seine hervorragende Leistung gegen Gladbach zwar nicht vollkommen bestätigen, zeigte aber wieder eine sehr ansehnliche Partie. Seine Position als tiefer Sechser vor zwei Achtern war ungewohnt und anspruchsvoll.


Mit den Ausfällen fehlte es an Qualität von der Bank. Hier merkte man, dass Freiburg in der letzten und dieser Saison selten viele Ausfälle hatte. Dieses Basteln an der Aufstellung und was damit zusammenhängt ist man so gar nicht mehr gewöhnt.

 

Nachtrag: Auf DAZN kann man Spiele im Relive sehen. Wer einmal den klassischen Freiburger Viereraufbau sehen möchte. Ab ca. 42:15 bis 42:45 schiebt Keitel nach hinten, die Dreierkette fächert auf, die Flügelverteidiger schieben hoch. Hier ist der Übergang sehr schön zu sehen.

 

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