Arminia Bielefeld – SC Freiburg 0 : 0

1. Der Gegner: Ein Team mit Ortega kann kein schlechtes sein

Die erste Aufgabe für den SC Freiburg in der Bundesligasaison 2021/22 war eine durchaus komplizierte. Die DSC Arminia Bielefeld gehört zwar zu den vier am schlechtesten besetzten Teams der Liga (mit Köln, Bochum und Fürth), hat aber ein paar Besonderheiten.
Unter Frank Kramer hat sich das Team in der letzten Saison defensiv enorm stabilisiert. In den letzten 11 Saisonspielen sammelte der Torhüter Ortega 6 „weiße Westen“, in 4 weiteren kassierte er nur ein Tor. Das Spiel gegen Gladbach war ein großer Ausreißer. Die Arminia verlore es mit 0:5. Vielleicht erinnern sich manche auch noch an das Spiel gegen Freiburg. Das etwas glückliche 1:0 war ein typisches Ergebnis dieser Saisonphase.

Probleme hatte Bielefeld eher in der Offensive. Und zusätzlich verließ diesen Sommer der beste Offensivspieler den Kader: Ritsu Doan. Kramer kompensierte dies durch eine noch stärker Einbindung des vielleicht besten Fußballers im Kader: Stefan Ortega. Bielefeld spielte ein 4-4-2 mit Raute. Im Aufbau fächerten die beiden Innenverteidiger auf und Ortega stand auf einer Höhe zwischen ihnen, sodass eine Dreierkette mit Torhüter entstand. Die sogenannte Torwartkette hat man teilweise unter Guardiola bei den Bayern gesehen und besonders extrem bei Titz in Hamburg. Das Besondere der Bielefelder Torwartkette war, dass Ortega nicht nur den sicheren Ballverteiler nach links und rechts gab, sondern selber die öffnenden Bälle spielte. Meistens lange Bälle auf Klos, die dann abgelegt wurden. Bis auf eine Chance von Okugawa entstanden alle nennenswerten Offensivaktionen aus diesen langen Bällen.
Ortega spielte 70 Pässe (die meisten Pässe von allen Spielern), 47 lange Pässe inbegriffen von denen wiederum 22 direkt ankamen. Aufgrund dieser offensichtlichen Spielmacherqualitäten stellte Ezil (@gruendaumen) auf Twitter die Frage, warum Ortega nicht die 10 als Rückennummer trage.

2. Streichs Antwort auf die Torwartkette

Bei der PK nach dem Spiel machte Streich klar, dass Ortega ein Thema in der Spielvorbereitung war – und deutete an, dass es keine systematische Antwort gibt, die dieses Problem komplett lösen könnte. Das ist auch nachvollziehbar. Man kann durch ein hohes Pressing Druck auf den Aufbau ausüben. Dann entstehen Lücken hinter der ersten Kette, die angespielt werden können. Darauf muss das Mittelfeld reagieren und aufrücken. Dann wiederum ist Platz für Ortegas genauen lange Bälle und möglicherweise kann Bielefeld sogar eine Gleichzahl auf einer Seite im letzten Drittel herstellen. Man kann aber auch auf ein hohes Pressing verzichten und sich auf die langen Bälle konzentrieren. So gibt man dem Gegner allerdings die Möglichkeit einen mit einer tiefen, risikofreien Ballzirkulation zu nerven und zu locken. Und zusätzlich ist Ortega auch nicht schlecht darin, kurz aufzubauen. So oder so gibt es Probleme.
Man entschied sich schlussendlich für einen Kompromiss. Je nach Spielphase und Spielsituation lief man mal höher an, mal zog man sich etwas zurück. Das funktionierte halbwegs gut, wenn man die 90 Minuten betrachtet. Und auch wenn Ortega nicht so oft in Bedrängnis kam, hätte Höler ihm doch in der 78. Minute fast den Ball abgenommen, als ein Rückpass des Abwehrspielers etwas zu kurz geriet.

Das zweite Problem war Bielefelds System. Das 4-4-2-Raute hat vier zentrale Mittelfeldspieler (Ein Sechser, zwei Achter, ein Zehner). Freiburg spielte wieder im 3-4-3 (unverändertes Personal), hatte also nur Keitel und Höfler im Zentrum: Also eine 2 gegen 4 Unterzahl. Das löste man durch ein beherztes Rausrücken von Lienhart auf Okugawa in der eigenen Spielhälfte und eine anspruchsvolle Aufgabe gegen den Ball für Höler in der anderen Spielhälfte. Höler versuchte Prietl in den Deckungsschatten zu nehmen. Wenn dies gut funktionierte, konnte er auch Ortega anlaufen. Das Risiko, selbst überspielt zu werden, war aber immer präsent. Doch auch die anderen mussten in diesen Situationen aufpassen. Mit einem Pass von Ortega auf einen der Achter, konnte der zurück auf den freien Sechser klatschen lassen. (Das ist auch passiert, aber ich habe es nicht in den Notizen und kann somit keine Minute nenne.) Wie so häufig spielte der Deckungsschatten also eine große Rolle bei Streich. Merkten die Stürmer, dass sie nicht optimal standen, mussten sie zurück rücken, um ihre Gegenspieler zu decken.

Insgesamt war das gegen den Ball systematisch kompliziert – gerade für ein Pressingteam wie Freiburg. Die Entscheidungsfindung war überwiegend gut. Die Zweikämpfe gegen Klos hätten vielleicht noch etwas besser geführt werden können. Gegen Würzburg war man da etwas „giftiger“. Und Lienhart hatte in der zweiten Halbzeit kurzzeitig Probleme mit Okugawa. Bei 10 zugelassenen Schüssen, 3 davon auf das Tor und 0, 58 expected Goals für die Arminia kann man aber getrost von einer guten defensiven Leistung sprechen.

3. Das Spiel mit dem Ball

Auch gegen den Ball ist Bielefeld keine schlechte Mannschaft. Frank Kramer kommt aus dem „RB-Kosmos“ und steht somit für ein intensives Pressing. Das 4-4-2-Raute-System wurde gegen den Ball oft ein 4-3-3, indem Okugawa (der 10er) in die erste Pressinglinie aufrückte. Der SC hatte also nur wenig Ruhe im Aufbau. Dennoch schaffte man es, sich meistens spielerisch aus dem Pressing zu lösen. 56% Ballbesitz und eine Passquote von 75% sprechen für den spielerischen Ansatz.
Man versuchte die Raute vertikal über Außen „zu knacken“, denn das System hat einen Fokus auf das Zentrum, aber wenig Personal auf dem Flügel. Der Ansatz ergibt also durchaus Sinn. Gerade in der ersten Halbzeit funktionierte das recht gut auf der linken Seite. Andererseits machte die Intensität des Bielefelder Pressings Probleme. Entstandene Lücken wurden schnell zugelaufen. (Bielefeld lief 4 Kilometer mehr als Freiburg)
Was etwas verwundert, ist, dass es nicht so häufig Spielverlagerungen gab. Vielleicht hatte man nicht genug Ruhe dafür. Vielleicht gab es aber auch den Fokus auf das vertikale Spiel über Außen, mit dem man den Gegner etwas besser locken kann. So ganz erklärt es sich mir aber nicht, dass man die Diagonalbälle, die gegen Würzburg so wichtig waren, so selten gegen die Arminia sah.

Das Spiel im letzten Drittel hatte Licht und Schatten. Es gab leider keine Dribblings oder flache Kombinationen in den Strafraum (Ausnahme: Nico Schlotterbeck). Dafür stand der Gegner aber meistens auch zu tief. Viele Flanken kamen nicht an. Andererseits gab es eine gezielte Flanke von Grifo auf den Kopf von Höler, die normalerweise „verwertet“ wird. Ortega kam allerdings schnell auf die andere Seite und Höler köpfte den Torhüter an.
Hinzu kamen wirklich gute Standards. Höfler kam am kurzen Pfosten zum Kopfball, den Ortega hervorragend parierte und N. Schlotterbeck stand nach einem Standard aus dem Halbfeld sehr frei am zweiten Pfosten. Hier hätte er vielleicht sogar noch einmal ablegen können.
Und auch in der zweiten Halbzeit gab es gute Standards. Da war der klassische Freiburger Einwurf parallel zur Strafraumkante, den Höler gegen Würzburg noch ins Seitenaus „ballerte“. An diesem Tag zwang er Ortega mit seinem schön eingedrehten Schuss zu einer Flugeinlage und holte somit eine Ecke heraus. Sein Kopfball in der 85. Minute – wieder nach Standard aus dem Halbfeld – hätte aber auch auf das Tor kommen müssen. Da war er schon sehr frei.

Aus der ersten und zweiten Halbzeit gab es drei Schüsse von Keitel, die unterschiedliche Qualität hatten. Sie zeigten aber, dass er sich recht gut zentral am Strafraum positioniert, um abprallende oder geklärte Bälle zu verwerten.

Bevor ich aber alle Abschlüsse des Spiels aufzähle, halte ich einfach fest, dass es genug Chancen für ein Tor gab. 12 Schüsse innerhalb des Strafraums und 1,58 expected Goals sind bei einer gleichzeitig defensiv guten Leistung vollkommen im Rahmen. Ob man nun nicht ganz unberechtigt mit der Chancenverwertung hadern möchte oder sich mit Bewunderung über Ortega aufregt, bleibt dann den individuellen Vorlieben überlassen.

4. Einzelspieler

Ich habe noch nichts zu Gulde gelesen, aber er sah nicht gut aus bei der Einwechslung. Das wäre Schade, da er insbesondere in den Zweikämpfen aktuell beeindruckend „gut drauf“ ist.

Jeong war bei Kombinationen und Dribblings nicht ganz so gut wie gegen Würzburg. Aber er war etwas umtriebiger, was dem Spiel teilweise sehr guttat.

Im Gegensatz zum Pokal bekam Flekken ein paar Schüsse auf das Tor. Bei denen sah er sehr souverän aus.

Die Standards von Günter und Grifo kamen wirklich sehr gut an diesem Tag.

Nico Schlotterbeck legt die Messlatte bei seinen Offensivaktionen schon früh in der Saison sehr hoch. Wenn er Platz hat, geht er nach vorne und strahlt dort durchaus Gefahr aus. Mit seinen beiden Schüssen am Fünfmetereck könnte man ihn sogar fast schon in die Diskussion um die Chancenverwertung hineinnehmen.

Lienhart sah zweimal nicht so gut gegen Okugawa aus, ist aber trotzdem die beste Alternative für die zentrale Innenverteidigung ohne Keven Schlotterbeck. Nachdem dieser aber 90 Minuten gegen den BVB II in der 3. Liga durchgespielt hat, könnte man nächste Woche vielleicht die Dreierkette Lienhart – Schlotterbeck – Schlotterbeck sehen. Ich denke, als rechter Innenverteidiger ist Lienhart noch ein bisschen sicherer.

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