100. Artikel auf dem Blog: FSV Mainz 05 – SC Freiburg 1 : 0


1. Aufstellung und Formation

Als Freiburgfan ist man bei seinen Sehgewohnheiten im Bereich der Formationen seit ein paar Jahren etwas flexibler geworden. Vorbei sind die Zeiten des unveränderten 4-4-2. Aber unabhängig davon mit wie vielen Stürmern, ob mit Dreierkette oder Viererkette gespielt wird, sieht man unter Streich fast immer eine Doppelsechs. Veröffentlicht der SC Freiburg die Spielerliste eine Stunde vor dem Spiel und es steht wie vor der Partie gegen Mainz nur ein nomineller Sechser darauf, macht sich also leichte Verwirrung breit. Und tatsächlich war das alles etwas schwerer zu sortieren.
Streich sagte auf der Pressekonferenz, dass man mit dem Ball in einer Raute im Mittelfeld gespielt hätte. Von einer Mittelfeldraute spricht man, wenn ein zentraler Sechser, zwei seitliche Achter davor und ein zentraler Zehner davor im Zentrum spielen. Das sieht dass auf dem Papier in etwa so aus:

    Sallai    
    Jeong    
Günter Grifo   Höler Schmid
    Höfler    
  Heintz Schlotterbeck Lienhart  
    Müller    


Allerdings sortierte sich das gegen den Ball etwas anders. Es ist aber nur schwer auf das Papier zu bringen, da Grifo zwischen Mittelfeld und Angriff wechselte (besonders wenn das „Papier“ eine Tabelle ist). Also entweder man sagt, es war ein 5-3-2 und Grifo rückte häufig nach vorne auf (wenn ihr wollt, könnt ihr die Außenverteidiger gedanklich eine Reihe nach vorne schieben):

    Sallai Jeong  
  Grifo Höfler Höler  
Günter Heintz Schlotterbeck Lienhart Schmid
    Müller    


oder ein asymmetrisches 5-2-3:

  Grifo Sallai Jeong  
    Höfler Höler  
Günter Heintz Schlotterbeck Lienhart Schmid
    Müller    


Das alles ist auf dem Feld wahrscheinlich gar nicht so kompliziert auszuführen. Es ist nur schriftlich etwas schwerer zu erklären, da es keine Formation war, die das Auge des Freiburgfans gewöhnt ist.

2. Die Herangehensweise

In den letzten Partien spielte der Sportclub größtenteils gegen Teams aus dem oberen Tabellendrittel. Häufig konzentrierte man sich dabei auf die Arbeit gegen den Ball und wählte dafür eine sehr kompakte 4-4-2-Formation. In näherer Zukunft häufen sich allerdings Spiele gegen die „Kellerkinder“ der Bundesliga. Das Rautensystem mit Dreierkette war ziemlich deutlich der Versuch, etwas mehr spielerische Elemente in das Spiel zu integrieren. Und auch das Personal passte dazu. Schmid ist offensiv stärker als Kübler. Schlotterbeck, Heintz und Lienhart ist die technisch stärkste Dreierkette. Mit Sallai und Jeong hatte man ein kombinationsstarkes, bewegliches und schnelles Stürmerduo.
Alleine die Nominierung von Höler für die Hybridposition zwischen seitlicher Achter, der nach vorne nachrückt und offensiver Sechser erklärte sich nicht automatisch durch die Herangehensweise. Hier wären Santamaria und Haberer ähnlich passend gewesen. Vielleicht sogar noch etwas passender, da Höler bei der Ballannahme eine gewisse Streuung mit sich bringt. Manchmal stoppt er den Ball und stellt mit der ersten Bewegung optimal den Körper zum Gegner, manchmal springt der Ball allerdings auch zu weit ab. Je tiefer er spielt, desto problematischer ist diese Streuung.

3. Die erste Halbzeit

Abgesehen von der Personalie Höler war der Plan schon sehr deutlich. Die Dreierkette mit Schlotterbeck sollte größtmögliche Flexibilität im Aufbau bringen. Mal rückte Schlotterbeck vor, mal kippte Höfler ab, Grifo und Höler bewegten sich unterschiedlich, Schmid kam manchmal entgegen, ging manchmal tief usw. Man suchte Lösungen mit dem Ball am Boden und agierte sao flexibel wie möglich, damit sich Mainz nicht so gut auf den SC einstellen konnte.
Nur leider funktionierte das in den ersten 30 Minuten fast überhaupt nicht. Schon in der dritten Minute gab es einen schlechten Pass von Lienhart auf Höler, der abgefangen wurde und zur ersten großen Chance für Mainz führte. Das war ein denkbar schlechter Beginn in einem Spiel, in dem man eigentlich selbstbewusst mit dem Ball am Fuß auftreten wollte. Zwar fing man sich in den kommenden 10 Minuten wieder und fabrizierte keine so leichten Ballverluste mehr, aber die ersten 30 Minuten gingen doch klar an das Heimteam. Mainz setzte den Sportclub früh unter Druck und kam gerade auf ihrer linken Seite zu sehr hohen Ballgewinnen, die sie auch für Torchancen nutzten.
Mit dem Ball spielte Mainz lange Bälle auf Szalai, der diese dann ablegte. Dieses Stilmittel bringt automatisch Dynamik in den Angriff, weil viele Spieler nachrücken können und somit in der Vorwärtsbewegung sind. Schlotterbeck konnte diese Ablagen nicht unterbinden, verhinderte aber, dass sich sein Gegenspieler drehen konnte. Mainz‘ Mittel waren einfach, aber sehr effektiv und nur schwer ganz zu unterbinden.

In dieser Phase hätte sich der Sportclub über einen Rückstand nicht beschweren können. Selbst kam man nur selten ins letzte Drittel und dann eben kaum zu Abschlüssen, während Mainz mit ihrer aggressiven und dynamischen Art häufiger in den Strafraum eindrang.

Danach änderte sich das Spiel aber und Freiburg kam in den letzten 10 Minuten der ersten Halbzeit noch zu drei sehr guten Angriffen:

37. Minute:
Nach tiefer Ballzirkulation hatte Heintz Platz, ging nach vorne und spielte eine Verlagerung auf Schmid. Der rechte Flügelverteidiger hatte viel Platz für die Flanke, aber die Hereingabe konnte noch von einem Abwehrspieler verlängert werden. Günter stand ballfern im Strafraum und schoss volley über das Tor.
40. Minute:
Höfler ließ sich fallen und probierte den nun schon häufiger gesehenen „Viereraufbau“ (Das erste Mal gegen Hoffenheim in der letzten Saison). Der Freiburger Sechser nutzte eine Lücke und dribbelte durch das Zentrum. Sein Pass auf Jeong wurde direkt in Sallais Lauf hinter die Kette verlängert. St. Juste sprintete hinterher und konnte den Ball mit einer Grätsche tatsächlich noch an den Pfosten lenken.
46. Minute: Freiburg passte sich auf dem linken Flügel nach vorne. Dort spielte Sallai einen wunderschönen Chipball von der Sechzehnerkante auf den einstartenden Jeong. Die Flanke landete dann leider genau zwischen zwei Freiburger Angreifern auf dem Kopf eines Mainzer Abwehrspielers.

4. Die zweite Halbzeit

Wenn ich es richtig beobachtet habe, wurde zur zweiten Halbzeit auf das 3-4-3 umgestellt (Vorher war es ja diese Mischung aus 5-Raute-1, 5-3-2 und 5-2-3). Höler rückte tatsächlich neben Höfler und Grifo ging endgültig in den Sturm. Jeongs Radius vergrößerte sich dadurch und insgesamt kam der Sportclub viel regelmäßiger ins letzte Drittel als in der ersten Halbzeit. Mainz musste immer häufiger foulen und die Standards von Grifo (und einmal Sallai) kamen richtig gut an diesem Tag. Eine Umschaltaktion über Burkhardt auf Glatzel ausgenommen, schien das Spiel doch deutlich zugunsten Freiburgs „zu kippen“.

Dann begann die Wechselphase. Zwischen der 72. und 82. Minute kamen jeweils vier neue Spieler auf das Feld. Beim Sportclub waren es Demirovic, Petersen, Kwon und Santamaria für Höler, Sallai, Jeong und Grifo. Die vielen Wechsel nahmen aus Freiburger Perspektive aber eher den Rhythmus aus der Partie, als neue Energie zu bringen. In dieser Phase kam Freiburg nur noch nach Balleroberungen zu offensiven Aktionen (Ein 3-gegen-3, das Grifo vertändelte und ein einsamer Sprint von Günter über das ganz Feld).

Auf der anderen Seite kam Mainz nun auch mal durch flaches Aufbauspiel ins letzte Drittel. Hack spielte auf Quaison, der ließ klatschen und setzte sich in den Strafraum ab. Mainz brachte den Ball nach Außen und spielte eine Halbfeldflanke in den Strafraum. Lienhart rückte auf Boetius raus, so standen Schlotterbeck und Heintz gegen Quaison und Glatzel. Die Stürmer bewegten sich in diesem Fall besser. Glatzel scheiterte noch aus kürzester Distanz an Müller, aber Quaison drückte den Abpraller über die Linie.

Es kann auch Zufall sein, aber gegen Union Berlin sah es schon einmal recht ähnlich aus. Auch dort kam Freiburg immer besser ins Spiel, brachte dann drei neue Offensivspieler und kassierte nur kurze Zeit später ein Gegentor. Dass bei beiden Gegentoren die Einwechselspieler nicht unmittelbar in die Aktionen involviert waren, spricht eher für einen Zufall als für einen direkten Zusammenhang, aber man kann es mal weiter beobachten.

5. Bewertung des Spiels

Man muss das Spiel nicht schöner reden als es ist, um den vielen Beiträgen in Foren oder auf Social Media, die tatsächlich vollkommen drüber sind, etwas entgegenzusetzen. Die Niederlage war schon enttäuschend. Alleine, wenn man den Spielverlauf betrachtet. Freiburg kam schlecht rein, fing sich aber nach einer halben Stunde, ließ immer weniger Chancen zu und erspielte sich immer mehr eigene Abschlüsse. Mit der Zeit hoffte man vor dem Fernseher eher auf die Führung und arrangierte sich vielleicht gerade mit dem einen Punkt und genau in diesem Moment kam so eine schlecht verteidigte Halbfeldflanke, die per Nachschuss zum Gegentor führte. Es war dann so eine Mischung aus Ärger über den Spielverlauf und Enttäuschung von dem misslungenen Spielbeginn. Also war die Enttäuschung über die Leistung nicht besonders groß (aber da) und über das Ergebnis groß. Das ist schwerer in Worte zu fassen als die typischen Fangefühle: Das Team hatte Pech/ Glück, war gut/ schlecht, das Ergebnis passt perfekt/ überhaupt nicht zu den Leistungen, der Schiedsrichter ist eine Gurke, der Gegner eine Tretertruppe.

Auch weiß man zwar, dass sich Mainz 05 unter Svensson gefangen hat, Spiele gegen Union, Leipzig und Gladbach gewinnen konnte, aber die letzten beiden Spiele gegen Schalke und Augsburg waren eben gerade offensiv doch ziemlich „mau“. Sie haben keinen richtigen Knipser und geben viele Schüsse aus unklaren Positionen oder bei hohem Tempo ab. Mainz hat immer noch nur 21 Punkte und liegt auf dem 17 Platz in der Tabelle. Zusammen mit dem Hinspiel konnte Mainz zwei der fünf Siege in 25 Spielen 6 von 21 Punkten (28% aller Punkte) gegen Freiburg holen. Bei Freiburg hingegen befindet man sich mit Hoffenheim, Union, Stuttgart und Gladbach in einer Konkurrenzsituation um den siebten Platz. Da müsste ohnehin schon einiges zusammenkommen, damit das funktioniert. Es sah allerdings nicht danach aus, dass es so einen großen Unterschied zwischen den Teams gab.

Auf der anderen Seite ist es nicht ungewöhnlich, dass Freiburg es konstruktiv und flach versucht und sich dann aber nicht das große Übergewicht erspielen kann. Gerade gegen Mainz ist das auch gerne so richtig nach hinten losgegangen (Hinspiel und das 5:0 vor drei Saisons). Das war dieses Mal nicht so. Mit der Chancenverteilung waren ein bis drei Punkte möglich.
Die meisten Partien von Freiburg sind aber eben sehr knapp und können in beide Richtungen ausgehen. Ein 5:0 gegen Köln sollte nicht die Messlatte sein. Und wer sich an die Spiele gegen Schalke und Bielefeld erinnert, weiß auch, dass es in der Hinrunde gegen die „Kellerkinder“ zähe Spiele waren, man am Ende aber dennoch sehr zufrieden mit den Punkten nach 17 Spieltagen sein konnte.

Die ersten 30 Minuten waren etwas erschreckend, da Freiburg eigentlich eher Probleme im letzten und nicht im ersten Drittel hat. Danach sah es aber schon ganz gut aus. Die gebrauchten Verbesserungen liegen dann doch eher im Detail. Das hat man auch innerhalb des Spiels gesehen.
Bleiben drei Fragen für die nächsten Spiele:

1. Kommt Santamaria wieder in die Startelf?
2. Versucht man es mit neuen Systemen und dem Personal, das mehr Kombinationsfußball im letzten Drittel verspricht? (Mehr Spieler zentral)
3. Bleibt man beim Dreierwechsel oder ist dieser doch zu destabilisierend?

 

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